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Von der Aussteiger-Truppe zur Zentrums-Kirche

Wozu soll man heute in der evangelischen Kirche noch eine neue Gemeinde gründen? Haben wir nicht genug Gemeinden, sollten wir nicht lieber die Kräfte bündeln? Als wir vor gut zehn Jahren in Erlangen eine neue Gemeinde begannen, hätte der Chor der Kritiker nicht größer sein können: Die einen witterten unfaire Konkurrenz; andere bezeichneten uns mangels passender Denkkategorien als Freikirche; die ratlose Kirchenleitung schließlich war bemüht, alles in eine ruhige Nische zu packen.

Da standen wir also mit rund 70 meist jungen Erwachsenen, am Beginn einer langen und steilen Lernkurve. Vor uns lag die Gelegenheit, Kirche noch einmal neu zu erfinden - frei von den Stützen, aber auch den Zwängen der Institution. Aufgrund der innerkirchlichen Berührungsängste fanden die Gottesdienste erst an wechselnden Orten, später dann in einer Schulaula statt.

Härter als die äußeren Spannungen trafen uns interne Differenzen: Jeder hatte dem neuen Anfang entgegen gefiebert, aber die Hoffnungen und Erwartungen unterschieden sich deutlicher, als es zunächst den Anschein hatte: Stilfragen und unterschiedliche Persönlichkeiten und Berufungen mussten unter einen Hut gebracht werden, die alte Gruppenkultur mit einem starken Bedürfnis nach Harmonie so verändert, dass Konflikte offen und zügig angegangen wurden. Vermutlich hätten wir dies ohne die Hilfe guter Berater von außen nie geschafft.

Heute hat sich die Zahl der Erwachsenen mehr als verdoppelt. In Kooperation mit anderen Christen und der Stadt entstand eine Tagesstätte für Obdachlose. Die EKD hat unser Gottesdienstprojekt "LebensART" im Jahr 2002 beim Innovationspreis "Fantasie des Glaubens" ausgezeichnet. Mit dem evangelischen Dekanatsbezirk besteht eine offizielle Vereinbarung und wir sind seit Sommer 2003 die Hauptnutzer des zentralen "Gemeindehaus am Bohlenplatz".

Der Tenor der Presseberichte hat sich gewandelt, der Oberbürgermeister kam anlässlich des zehnjährigen Bestehens zu Besuch und der Regionalbischof schrieb erfreut: "In vielem ist die ELIA-Gemeinschaft eine Bereicherung und Ergänzung, in manchem Vorreiter einer profilierten christlichen Präsenz in Erlangen." Trotz der heftigen Fluktuation unserer Uni- und Siemensstadt ist die Gemeinde so gewachsen, dass - ohne alle kirchliche Zuwendungen - vier Mitarbeiter angestellt werden konnten, von denen einer zur Gründung einer Gemeinde in der Türkei entsandt wurde.

Inzwischen haben hier ganz unterschiedliche Menschen eine Heimat und Freunde gefunden. Die großen Kirchen in Deutschland entdecken ganz allmählich, dass andere Gemeindeformen als die “Parochie“ (der geographisch definierte Gemeindebezirk um eine Kirche herum) sinnvoll sein könnten. Die Anglikaner sind uns hier mit ihrer Initiative Fresh Expressions weit voraus, aber es gibt Ansätze, ähnliche Dinge auch bei uns zu wagen.