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Kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Juristen über die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Kirche und Staat/Gesellschaft. Er erinnerte an den Versuch der Gleichschaltung der Kirchen im Dritten Reich, mit dem der Staat die Kirchen instrumentalisierte. Heute ist dieser Kult um die Nation keine akute Gefahr in Deutschland, darin waren wir uns einig.

Beim Weiterdenken (ich erinnerte mich an diese Worte von Jürgen Moltmann) fiel mir auf: In Zeiten der "marktkonformen Demokratie", die nicht mehr durch äußeren Zwang herrscht, sondern einen inneren Anpassungsdruck erzeugt (um bloß nicht den Anschluss zu verlieren im gnadenlosen und unablässigen globalen Wettbewerb), liegt die größte Versuchung für dir Kirchen darin, vorauseilend die eigene Nützlichkeit und den „Mehrwert“ des Glaubens zu beteuern: Als leistungssteigernde Wellnessoase, als erfolgsrelevante Bildungseinrichtung, als eine Art legales Glücksdoping und metaphysicher Stimmungsaufheller im Zeitalter der allgemeinen Selbstausbeutung.

Ich habe das vor kurzem auf einer christlichen Website im Grunde genau so formuliert gefunden. Glaube fungiert dann als Lösung und Therapie für das Leben im neoliberalen System, als Schmierstoff fürs Räderwerk, aber eben nicht mehr als Störung, als Irritation, als subversiver Akt der Auflehnung gegen die anonymen und angeblich objektiv alternativlosen Zwänge.

Und all das ganz freiwillig - das ist das Verrückte. Aber irgendwie war die Fusion von Glaubenseifer und nationalem Pathos ja vor hundert Jahren auch freiwillig, wie selbstverständlich, ja sogar fröhlich bis euphorisch. Die oben erwähnte Website hat ihren Text inzwischen ausgebessert. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungszeichen?

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Bin ich Protestant? Oder im Herzen katholisch? Orthodox? Zum Wesen des Christentums – eben nie mit sich selbst identisch – gehören die Spaltungen und inneren Kämpfe. Sie beleben den »Leib Christi«, weil die Wahrheit des Christentums immer zugleich deren Widerruf ist. Die Kirche spricht im Horizont einer kommenden Verwandlung. Was sie in Sprache fasst, widerruft sie, weil sie’s nur in der Sprache der Menschen sagen kann, und da ist kein Halt, bis der Christus kommt und sagen wird: »Im Anfang war das Wort.«

gefunden bei: Christian Lehnert, Korinthische Brocken

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Auf dem Weg, der vom Sofa zum Kühlschrank führt, befand sich ein Teller. Jemand war mit Messer und Gabel über ihn hergefallen und hatte ihn dann, mit Essenszeiten verklebt, achtlos stehen lassen. Wilde Tiere begannen derweil, sich für ihn zu interessieren.

Da kam ein junger Mann vorbei, sah erst den Teller, dann die Whatsapp-Nachricht auf seinem Smartphone, machte einen Bogen um den Teller und und ging weiter. Ein anderer junger Mann kam auf demselben Weg, sah den Teller, und machte einen Bogen darum, um erst einmal in die Muckibude zu gehen.

Schließlich kam ein dritter, sah den Teller und erbarmte sich. Er trug den Teller in die Küche, entfernte vorsichtig die gröbsten Verschmutzungen und steckte ihn in den Geschirrspüler. Er gab aus seinem Vorrat eine Spültablette dazu, und erteilte dem Geschirrspüler den Auftrag, den Teller bis zu seiner Rückkehr zu säubern und zu wärmen, bis er trocken sei.

Frage: Wer war dieser unbekannte Dritte?

dirty salad

Bild: dirty salad by rei-san via flickr (Creative Commons 2.0)
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Im August haben meine Frau und ich gemeinsam mit Freunden an einer "Open Week“ der Iona Community teilgenommen. Die unter George MacLeod wiedererrichtete Abbey, 563 von St. Columba gegründet und seither wohl der heiligste Ort Schottlands (Macbeth soll hier unter anderem begraben sein), bietet Platz für ca. 50 Gäste, dazu kommen viele freiwillige Helfer_innen. Es geht sehr international zu, wir trafen eine große Gruppe aus den Niederlanden und eine Gemeindegruppe aus den Midlands, dazu eine ganze Reihe Einzelpersonen. Es ist bei voller Auslastung reichlich eng rund um den Kreuzgang, die Zimmer sind winzig und oft mit Stockbetten eingerichtet, das Haus ist hellhörig, die Fußböden knarzen mächtig und die Duschen muss man sich geduldig teilen. Wer abends Bier, Cider oder Wein trinken will, muss fünf Minuten laufen in die Bar an der Martyrs’ Bay.

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Wer nach Iona kommt, lebt eine Woche Gemeinschaft auf Zeit. Alle Gäste packen im Haushalt mit an, und ich vermute, das Fehlen einer Industriespülmaschine hat weniger finanzielle Ursachen. Das Arbeiten gehört, genauso wie die Morgen- und Abendgebete zum Konzept von Gemeinschaftsbildung dort. Das Morgengebet endet im Stehen und ohne „Amen“ oder Segen, um deutlich zu machen, dass die nun folgende Aktivität eine nahtlose Fortsetzung des Gottesdienstes mit anderen Mitteln ist.

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Rückzug ist also kaum möglich, zumal sich im Programm kurze Impulse der Verantwortlichen rasch mit interaktiven Elementen mischen, ständig kommt man mit jemand anderem ins Gespräch, mal eher spielerisch-locker, mal zu recht persönlichen Fragestellungen und Themen. Und so hat man nach sechs Tagen viele neue Bekannte, deren Namen es zu behalten gilt. So richtig tief geht es dagegen angesichts des kurz getakteten Ablaufs nur selten. Und man sollte wirklich passabel Englisch sprechen können, sonst wird es mühsam.

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Zum Seele baumeln lassen muss man sich in die Kirche (Farne wachsen innen an den Wänden) oder eine der Kapellen verdrücken oder gleich ganz hinaus gehen – hoch zum Dun I oder an den weißen Sandstrand im Norden der Insel, vorbei an Schafen und Hochlandrindern. Echte Stille gibt es nur sporadisch am Sonntagabend in der Kirche oder auf einer fünfminütigen Etappe des gemeinsamen Pilgerwegs, den die ganze Gruppe in vier oder sechs Stunden geht. Nach jeder Mahlzeit gibt es einen „moment of silence“, der ungefähr einen Atemzug lang dauert und mit einem emphatischen „Thank you, God“ beschlossen wird.

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Reich beschenkt wird man aus dem Schatz der Lieder von John Bell und anderen, aus der ungemein frischen und klaren liturgischen Sprache, die stets mehr wertvolle Denkanstöße enthält, als man in dem jeweiligen Augenblick behalten und zu Ende denken kann, durch die Ehrlichkeit, mit der die Mitglieder der Community erzählen, und die ökumenische Offenheit dort, wo sich Pilger aus aller Welt begegnen. Wem das noch nicht reicht, der findet eine gut ausgestattete Bibliothek im Haus vor und gegenüber einen Buchladen, in dem man schnell arm werden kann.

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Unter den Gästen wie auch den Freiwilligen finden sich viele Pfarrer_innen und Theologe_innen und noch mehr engagierte Laien. Auf eine spannende Art ist Iona für sie „kirchlich" genug, um sich zuhause zu fühlen, und zugleich anarchisch genug, um sich und die eigene Umgebung einmal kritisch zu betrachten, oder sich von anderen Querdenkern auf der eigenen Suche nach neuen Wegen anregen zu lassen.

Keiner aus unserer kleinen Delegation wusste einen vergleichbaren Ort in Deutschland, an dem Natur, Geschichte, gelebte und schöpferische Gemeinschaft, Begegnung über Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg so profiliert anzutreffen wären. Iona ist wieder zu einem pulsierenden Zentrum geworden, wie im Frühmittelalter, als es an der stark frequentierten Wasserstraße entlang der inneren Hebriden lag. Heute erscheint es uns abgelegen und wird gerade deshalb so gern aufgesucht. Man kann die Anreise an einem Tag schaffen, aber dann darf nichts schief gehen, wenn man die letzte Fähre in Fionnphort auf Mull kurz nach 18 Uhr noch erreichen will. Rückwärts ist es einfacher, aber nach so intensiven Tagen wird es den meisten gut tun, noch irgendwo in der reizvollen Umgebung ein paar Tage Rast zu machen und die Eindrücke nachklingen zu lassen.

Es war bestimmt nicht der letzte Besuch.

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Diese Woche sollen bis zu 300 Flüchtlinge aus dem überfüllten Zirndorf nach Erlangen verlegt werden, etwa 130 sind schon da. Die Stadt Erlangen hat auf dem Parkplatz des Freibad West große Zelte aufgestellt, derweil der Freistaat sich um wintertaugliche Unterkünfte bemüht. Trotzdem sind viele einfach nur froh, aus Zirndorf weg zu sein.

An dieser Stelle muss man der bayerischen Staatsregierung und unserem Herrn Ministerpräsidenten zugute halten: Mit solche einem Andrang von Flüchtlingen hat ja auch wirklich niemand rechnen können, der sich in den letzten 12 Monaten auf den bevorzugten Politikfeldern der CSU (epochale Projekte wie die PKW-Maut, Spielzeugautos, Windradverhinderung, Streichung von Lehrerstellen) bis zur völligen Erschöpfung abgerackert hat.

Die Bürger hingegen sind erfreulich hilfsbereit, schrieb die Tageszeitung gestern. Dennoch hat es nicht nur mich erstaunt, dass in einem Spendenaufruf ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer neben warmer Kleidung auch solche Dinge wie Zahnpasta, Zahnbürsten, und Duschgel vorkamen. Jetzt wissen wir also auch, wofür wir die Einnahmen aus der Maut unbedingt brauchen: Unser Staat ist offenbar nicht einmal mehr in der Lage, lausige 300 Tuben Zahnpasta selber zu besorgen.

Auf die Stadt kann man in aller Bescheidenheit ein bisschen stolz sein, für den Freistaat kann man sich eigentlich nur in Grund und Boden schämen.

Toothbrush with Toothpaste

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Bild am Sonntag hat vor ein paar Wochen schon mit islamophoben Thesen auflagenträchtig Staub aufgewirbelt und sie dann ebenso auflagenträchtig selbst kritisiert. Das Schwesterblatt "Die Welt“ versuchte schon vor geraumer Zeit, nicht nur Christian Wulff, sondern vor allem auch die Grünen als Islamfreunde an den Pranger zu stellen.

Eine Mitchristin, die anscheinend selten eine Gelegenheit auslässt, den Islam in das düsterste Licht zu rücken, postete nun neulich diesen schon angestaubten Welt-Artikel in einem sozialen Netzwerk und ihre christlichen Freunde kommentieren mit Sätzen, die recht robuste und rustikale Feindbilder transportieren. Da mischt sich eine bestimmte Gläubigkeit mit Islamfeindlichkeit und rechtem Gedankengut auf mehr als bedenkliche Weise. Ein paar kurze, anonymisierte Zitate:

  • Die grünen würden ja Deutschland abschaffen wenn sie könnten. Was hat Trittin mal gesagt? er schäme sich, Deutscher zu sein?
  • Grüne sind einfache Antichristen
  • na Pädophil sind sie ja schon passtja zu der Religion..und für Inzucht sind sie ja auch die grünen....nur gibts dann schwirigkeiten mit den Homosexuellen !!
  • Sie folgen halt Mohamed seime aisha war ja 9 jahre alt als er sie zur frau nahm
  • In islamischen Ländern brennen sie alles Christliche nieder, und hier wird noch von Steuergeldern ihre satanische Synagogen gebaut
  • Die spinnen, die Gruenen. Gleichstellung der Christen mit den Moslems? Wie stellen sie sich das nur vor?

Ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen, wenn Leute – Christen! – so reden und schreiben. Als ich in dem Thread anmerkte, dass ich mich wie auf einer NPD-Versammlung fühlte, wurde ich sogleich als „Grüner“ betitelt und bekam mitgeteilt, die NPD sei ja antisemitisch, mit der habe man nichts zu tun. Die NPD würde sich bei so viel inhaltlicher Zustimmung zum übrigen Parteiprogramm freilich trotzdem die Hände reiben. Vielleicht hätte ich alles auch längst vergessen, wenn nicht „Charismanews" in den USA jüngst ganz offiziell solch militant islamfeindliche Thesen veröffentlicht hätte. Das hat zwar viele Proteste ausgelöst, aber so lange an der Basis vieler Gemeinden unwidersprochen so geredet werden kann, ist das Problem nicht vom Tisch.

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Gut zwei Wochen habe ich in den eher entlegenen Ecken Schottlands verbracht, doch beim Umsteigen auf dem Rückweg haben wir in Düsseldorf mehr Kilts gesehen als in all den Tagen dort, denn die Fans der schottischen Nationalmannschaft waren auf der Heimreise. Richtig angekommen ist in Deutschland aber das Interesse am Referendum über Schottlands Unabhängigkeit. Seit ein „Ja“ nicht mehr unwahrscheinlich ist (und wegen der momentanen leichten Beruhigung anderer Krisenherde), macht die Entscheidung hier mächtig Schlagzeilen. Während ich mich wieder daran gewöhne, hier auf der rechten Straßenseite zu fahren, entscheiden die Schotten über die Richtung für die Zukunft.

Als bayerischer Freistaatsbürger ist man ja chauvinistische Flirts mit separatistischem Gedankengut gewöhnt, rund um den Länderfinanzausgleich etwa klingt das Motiv immer wieder zaghaft an, freilich ein leicht zu durchschauendes Manöver. Denn eigentlich ist es ein Anachronismus, wenn sich ein Teil eines europäischen Landes verselbständigen würde. Nach einem (möglicherweise ablehnenden) britischen Referendum zur Mitgliedschaft in der EU hätte ich das besser verstanden, dachte ich bis letzte Woche.

Tatsächlich gibt es aber schon jetzt eine Reihe wirklich guter Gründe für die Schotten, sich selbständig zu machen. Wer will schon in einem Staat leben, in dem so destruktive Kräfte wie die UKIP Wahlen gewinnen können, in dem das Mehrheitswahlrecht die Machtverhältnisse (in der Regel zugunsten der Konservativen) verzerrt, in dem der Finanzsektor weitgehend die Wirtschaft dominiert und die Politik beherrscht und in dem man in London nicht mit Pfundnoten bezahlen kann, die ein Geldautomat in Edinburgh ausgespuckt hat?

Wenn die Bravehearts also nächste Woche mehrheitlich mit Ja stimmen, dann sollten wir sie in Europa möglichst schnell und herzlich aufnehmen. Zur Einstimmung auf die nächsten Tage empfehle ich das Interview der SZ mit Bob Ross.

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Das Verstehen der Bibel hat uns hier immer wieder beschäftigt. In Uta Pohl-Patalongs Einführung in den Bibliolog habe ich dazu ein paar schöne, weil hilfreiche Gedanken gefunden:

… die Texte der Bibel handeln von existenziellen Themen und Fragen, die Menschen aller Zeiten in irgendeiner Weise beschäftigten. Sie tun dies in einer historisch bedingten Form, die heute manchmal durchaus irritiert, aber sie tun dies in einer symbolischen Weise, die Menschen noch immer ansprechen und anregen kann.

Nur selten finden sich in der Bibel definitive Antworten auf menschliche Fragen, häufig schildert sie Suchprozesse und zeigt, wie Menschen in ihrer Zeit und in ihrer Situation auf bestimmten Grundlagen zu Lösungen kommen und wie sie Gott dabei erleben.

Antique Holy Bible, printed in 1885, with metal clasps, and leather binding, Puerto Vallarta, Jalisco, Mexico

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Es fuhr ein Mann im silbernen Kompaktklasse-Kombi auf der Autobahn, der fürchtete sich nicht  im dichten Verkehr und wagte sich auf die linke Fahrspur. Es war aber ein dunkler Oberklasse-PKW hinter ihm auf derselben Autobahn, der war sehr ungehalten über die Existenz so vieler langsamerer Fahrzeuge und fuhr bis auf 5 Meter auf.

Der Kombifahrer wollte im ersten Moment nicht einsehen, warum er unbedingt Platz machen muss – schließlich waren da noch viele gleich schnelle Fahrzeuge vor ihm. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich auch keinen vernünftigen Grund sehe, Platz zu machen, will ich doch dem Drängen dieses Gehetzten, weil er mir so viel Mühe macht, nachgeben, damit er sich und uns alle nicht weiter gefährdet.

Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der Kombifahrer sagt. Sollte Gott zögern, denen den Weg frei zu machen, die ihn so pentetrant drängeln?

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enrage them with fear until they feel justified in their violence

Die Fleischhauer-Fraktion in meinem Facebook-Freundeskreis schießt sich (wieder mal?) auf Margot Käßmann und deren Pazifismus ein. Ich habe Käßmanns Vorstellungen nicht näher studiert, aber in der Kritik erscheint Pazifismus stets als Untätigkeit. Natürlich auch, um dann zu begründen, warum der Einsatz von Waffen und der Krieg alternativlos ist. Zumal es jetzt ja darum geht, verfolgten Christen zu helfen oder das Existenzrecht Israels zu verteidigen.

Vielleicht gibt es diesen theoretischen und feigen Pazifismus (weil er „andere für ich kämpfen lässt“) tatsächlich, doch freilich sitzen auch fast alle seine Kritiker am sicheren Schreibtisch, statt sich freiwillig mit der Waffe in Erbil einzufinden und gegen die IS-Kämpfer anzutreten. Denn wer jetzt noch den Einsatz von Gewalt ablehnt, kann ja nur ein Verräter sein - oder?

Walter Wink hat sich stets für einen biblisch begründeten dritten Weg zwischen Pazifismus und gerechtem Krieg eingesetzt, nämlich den des gewaltfreien Kampfes. Im sechsten Kapitel von Verwandlung der Mächte beschreibt er die wichtigsten Eckpunkte dieses Kampfes, der – da macht sich Wink nichts vor – mehr Mut und Leidensfähigkeit erfordert als der mit der Waffe, daher muss man wie Paulus sagen können, dass man für die Mächte dieser Welt gestorben ist.

Die Gewaltfreiheit Jesu richtet sich nicht an die bereits Vollkommenen, sondern an verängstigte, frustrierte und sogar gewalttätige Menschen, die dennoch offen sind für Veränderung. […]

Eines muss allerdings klar sein: Wenn unsere gewaltfreien Aktionen effektiv sein sollen, werden wir genauso bereit sein müssen, zu leiden und getötet zu werden wie Soldaten in der Schlacht. Die Gewaltfreiheit ist keine Methode, persönliche Opfer zu vermeiden. Sie verlangt im Gegenteil, dass wir eher Opfer bringen, als sie anderen aufzuerlegen. Sie verlangt ein Heldentum, das erstaunlich viele Leute bereit sind, auf sich zu nehmen.

Zum einen müssen die Mittel mit dem Zweck übereinstimmen: Wer eine demokratische Gesellschaft und stabilen Frieden will, wird das mit Gewalt nicht erreichen. Eine gewaltfreie Revolution ist auf eine Verwandlung der Beziehungen und einen friedlichen Machtwechsel aus, der die Tür für eine Heilung der Schäden offen hält. Zum anderen muss das Recht selbst da geachtet werden, wo man bewusst unfaire Gesetze und Vorschriften bricht oder sich über sie hinwegsetzt. Gott will die ungerechte politische Ordnung verändern, nicht aber zerstören. Manche Menschen müssen sich unter Umständen erst einmal mit Waffen oder Gewalt wehren, mindestens aber einmal dem eigenen Zorn und eventuell sogar Hass akzeptieren, um dann darauf verzichten zu können.

Gewaltfreiheit darf auch nicht als Konfliktvermeidungsstrategie missverstanden werden. Der „Frieden“ des Evangeliums bedeutet nie Konfliktfreiheit, sondern eine unaussprechliche, göttliche Stärkung im Zentrum des Konflikts: einen Frieden, der menschliches Begreifen übersteigt. Christen haben allzu oft nach „Gewaltfreiheit" gerufen, als es ihnen in Wirklichkeit um Ruhe ging. Gewaltfreiheit sucht aber tatsächlich den Konflikt, bringt ihn ans Licht, provoziert sogar den Konflikt, um ihn offenzulegen und seine eitrigen Geschwüre aufzustechen. Die Gewaltfreiheit ist dem Bösen gegenüber nicht idealistisch oder sentimental; sie … geht aktiv, mit dem gleichen Eifer wie der schlimmste Militarist gegen eine wahrgenommene Ungerechtigkeit vor.

Der Verzicht auf Gewalt setzt innere Stärke voraus - und Realismus im Blick auf eine wesentliche „Gesetz" menschlicher Erfahrung: Der Kampf gegen das Böse kann böse machen. Wink zitiert Nietzsche, der sagte: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er dabei nicht zum Ungeheuer wird.“ Ähnlich schrieb C.G. Jung: „Man wird immer zu dem, was man am stärksten bekämpft.“ Und Martin Luther King stellte fest: „Die größte Schwäche der Gewalt ist, dass sie in eine Abwärtsspirale führt, die genau das, was sie zerstören will, erzeugt.“

Von daher ist es auch nicht ganz so überraschend, wenn Wink davon berichtet, wie manche Friedensaktivisten den größten Hass und den schmerzlichsten Verrat aus den eigenen Reihen erlebt haben. Wenn man den eigenen „Schatten" nicht im Auge behält, projiziert man ihn irgendwann auf die, die es am wenigsten verdient haben. Also kann gewaltfreier Widerstand nicht auf eine spirituelle Komponente verzichten. Wink bedauert den Widerwillen mancher Aktivisten gegenüber dem Gebet und der Meditation, er erinnert sogar an die „Waffenrüstung“ aus dem Epheserbrief, die die eigene Seele vor der Infektion durch das Böse schützt. Aber für Wink sind es die äußeren Kämpfe, die uns in die spirituelle Auseinandersetzung führen. Er schließt das Kapitel mit der Bemerkung:

Selbstmörderisch erscheint denen die Gewaltfreiheit, die in der Falle des Mythos von der erlösenden Gewalt sitzen; denen allerdings, die unerschrocken die Bandbreite der Gewalt in unserer Alltagswelt wahrnehmen, wird die Gewaltfreiheit als einzig verbleibende Möglichkeit erscheinen. Und das gilt nicht nur für Christen, sondern für die ganze Welt.

Kleiner Nachtrag meinerseits:

Im Jahr 1095 rief Papst Urban II die Christenheit zum Kampf an der Seite der durch die Türken bedrohten orthodoxen Christen und für die Sicherheit der Pilgerwege ins Heilige Land auf. Viele, vor allem westfränkische Adlige folgten seinem Aufruf und hofften, die eigene Neigung zur Brutalität in diesem Kampf zu besiegen und für die eigenen, zuhause verübten Verbrechen Sühne zu leisten. Doch der Kampf für den "Gottesfrieden" wurde – je länger, je mehr – zum Debakel. Urbans Argumente jedoch sind nicht so weit entfernt von manchem, was ich in den letzten Wochen auf Facebook und in Kommentarspalten gelesen habe. Wer mag, kann seine Rede von Clermont hier auf Deutsch nachlesen.

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Die Verknüpfung von Religion und Gewalt beherrscht die Titelseiten. Im (ehemaligen?) Irak wütet die IS gegen Christen und andere Minderheiten, die Hamas beschießt Israel mit Raketen und nimmt schwerste Schäden für die eigene Bevölkerung billigend in Kauf, in Afrika gehen Boko Haram in Nigeria oder Joseph Konys "Lord’s Resistance Army" in Uganda mit größter Brutalität vor.

Egypt's Religious Violence / Burning Words

Bild: Surian Soosay, Egypt's Religious Violence / Burning Words via Flickr/creative commons 2.0

Passend dazu arbeite ich an der Übersetzung von Miroslav Volfs A Public Faith, das sich mit der Frage auseinandersetzt, ob eine Zunahme der Religiosität bedeutet, dass immer auch mehr religiöse Gewalt entsteht, ob man also Religionen bekämpfen oder wenigstens ins Private zurückdrängen müsse, um Gewalt zu verhindern – und ob manche (oder alle) Religionen per se potenziell gewalttätig sind.

In der FAZ schreibt aktuell der Religionsphilosoph Friedrich-Wilhelm Graf unter der Überschrift Mord als Gottesdienst facettenreich über den Zusammenhang von Glaube und Gewalt und mahnt zu mehr aufgeklärter Reflexion und Selbstkritik. Anders als bei Volf bleibt Religion an sich (das Christentum eingeschlossen) für Graf offenbar stets ambivalent.

Für das Christentum hat Walter Wink die Bedeutung und Konsequenz des Kreuzes in Verwandlung der Mächte: Eine Theologie der Gewaltfreiheit im Blick auf Galater 2,20 wunderbar zusammengefasst. Für Christen geht es darum, mit Christus zu sterben, um in Christus neu und anders, nämlich dezentriert zu leben:

Den Mächten gegenüber zu sterben ist am Ende nicht ein Weg, unsere Seelen zu retten, sondern uns einzufügen in das göttliche Bemühen, die widerspenstigen Mächte [d.h. politische, ökonomische, soziale und religiöse Systeme, die sich aufgrund ihres „gefallenen“ Zustandes destruktiv verhalten und Menschen zum Selbsterhalt und zu Steigerung ihrer Macht benutzen] zu zügeln. Als Jesus sagte: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“ (Lk 17,33), zog er einen Strich in den Sand und fragte, ob wir bereit seien, darüber zu treten: aus einer Welt, in der Gewalt immer die ultimative Lösung ist, in eine Welt, in der die Spirale der Gewalt endlich durchbrochen ist, durch diejenigen, die bereit sind, ihre Wucht am eigenen Leib aufzufangen. Diese neue Art zu leben ist die Gewaltfreiheit, der "dritte Weg" Jesu.

Für Wink (wie für Volf) ist das mehr als kritische Selbstbesinnung, sondern eine innere Verwandlung, die weiter reicht als eine Zivilisierung des Ichs durch das Ich, richtig verstandener und gelebter Glaube daher ein Aktivposten gegen die schrecklichen Auswüchse dieser Tage. Wenn es gegen Hass und Gewalt geht, ist jeder Christ ein Aktivist…

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Theologie zu treiben kommt mir in manchen Situationen vor wie dieses Spiel, bei dem man aus einer Reihe vorgegebener Worte einen beliebigen Satz bilden muss. Das Resultat ist oft unterhaltsam, aber selten sinnvoll, weil das Augenmerk auf der Vollständigkeit liegt, nicht auf der Stringenz. Ergo betont man dann auch kurzerhand, Stringenz werde überbewertet, wenn jemand deren Fehlen andeutet.

So ähnlich ging es mir in den letzten Tagen mit manchen Reaktionen auf meinen Post zu den Genozid-Passagen im Ersten Testament. Alle Sätze, die Gott in Beziehung zu Krieg und Gewalt setzen, scheinen manchen Auslegern gleich gültig zu sein, für die Verknüpfung zwischen den einzelnen Aussagen ist nur der Modus „Ergänzung“ zugelassen und nicht der des Widerspruchs. Grundsätzlich ist das ein äußerst sympathischer Ansatz, nicht gleich in Ausschlüssen zu denken, und ich würde mir wünschen, dass seine Advokaten dies auch jenseits der Bibelauslegung häufiger so hielten. Aber wenn man nur über dieses eine Werkzeug verfügt, hat man ein Problem.

Vielleicht wird an dem folgenden Beispiel deutlich, dass die sowohl-als-auch-Methode nicht funktioniert. In Ezechiel 18 diskutiert Gott mit dem Volk über Schuld und Strafe, Leben und Tod. Die Exilsgeneration klagt, ihr Elend sei unverschuldet und damit ungerecht, weil nun die Kinder die Suppe der Väter auslöffeln müssen:

Das Wort des Herrn erging an mich: Wie kommt ihr dazu, im Land Israel das Sprichwort zu gebrauchen: Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf? So wahr ich lebe — Spruch Gottes, des Herrn -, keiner von euch in Israel soll mehr dieses Sprichwort gebrauchen. Alle Menschenleben sind mein Eigentum, das Leben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur wer sündigt, soll sterben.

… Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, auf alle meine Gesetze achtet und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, dann wird er bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben. Keines der Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit wird er am Leben bleiben.

… Wenn jedoch ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Gräueltaten begeht, die auch der Böse verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben.

grapesFoto: Raul Lieberwirth, Grapes via Flickr/creative commons

Die Klage ertönt auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Vorstellung, Gott würde die Sünden der Väter an ihren Nachkommen heimsuchen, ja schon in den Zehn Geboten verankert ist, oder dass (wieder im Buch Josua…) Gott das ganze Volk für den relativ überschaubaren „Diebstahl“ des Achan hart bestraft. Umgekehrt konnte freilich auch der Segen eines Gerechten (im Falle Abrahams wenigstens in der Theorie, bei Mose auch praktisch) ganze menschliche Gemeinschaften vor dem verdienten Gericht retten.

Gott verweigert keineswegs die Diskussion, aber er stellt ausdrücklich um von Kollektiv- auf Individualschuld. Jeder wird für seine Taten belohnt oder bestraft, und zwar in diesem Leben. Von einem Jenseits ist nicht die Rede. Der Gerechte lebt also lang und glücklich, dem Ungerechten droht der Tod. So weit, so klar.

Was hier formuliert wird, ist exakt die Position, gegen die sich Hiob so vehement wehrt, dass sich nämlich Leid und Schuld strikt proportional zu einander verhalten. Seine Freunde dagegen werden nicht müde, genau diesen Zusammenhang zu „beweisen", etwa indem sie das Vorhandensein unbewusster Schuld (ziemlich dreist…) postulieren. Am Ende behält Hiob Recht: Leid trifft Menschen völlig willkürlich – Gerechte und Ungerechte. Der Unterschied liegt in der Reaktion – der eine klammert sich an Gott, der andere verflucht ihn. Dass die Rahmenerzählung mit den merkwürdig nachklappenden Alles-wieder-gut das komplett konterkariert, ist ein weiteres Zeichen dafür, wie uneinheitlich dieses Problem gelöst wurde und wie offen die Widersprüche stehen bleiben dürfen. Jesajas Gottesknecht leidet unverschuldet und wird dafür auch noch verachtet. Und die Psalmisten beklagen immer wieder das Glück der Gottlosen, das Elend der Frommen und das Schweigen Gottes.

Aber nicht nur bei Hiob, auch für Jesus verbietet sich der Rückschluss von individuellem Leid auf persönliche Schuld – vom Kollektiven und Generationsübergreifenden ganz zu schweigen. Freilich kennen wir diese Zusammenhänge auch, manches Elend ist durchaus hausgemacht, manches ist uns als Hypothek mitgegeben. Und wir alle hätten es wohl begrüßt, wenn Hitler (oder jeder andere unumstrittene Erzschurke) in dem Moment tot umgefallen wäre, als die Nazis den ersten Juden (oder jedes andere unumstritten unschuldige Opfer) töteten.

Für seine Gegner war das Leiden Jesu der Beweis, dass er ein Gottloser war. Dazu kommt: Er selbst hat den Tod unter den Gottlosen, durch die Hände der Gottlosen und als Gottloser (bzw. vom Gesetz verfluchter, wie Paulus später schreiben wird) gewählt. Banalen und brutalen Sünden setzt Gott exzessive Vergebung entgegen, und allen, die leiden, gilt die Verheißung, dass ihre Tränen in der kommenden Welt in Freude verwandelt werden. Was aus der Diskussion zwischen Ezechiel und seinen Leidensgenossen bleibt, ist diese Asymmetrie von Schuld und Barmherzigkeit, Leid und Heilung. Das Gericht ist aufgeschoben bis zum Ende der Geschichte und vieles deutet darauf hin, dass es gnädiger ausfallen könnte, als mancher (Selbst-)Gerechte sich das momentan wünscht, weil Gott schlicht kein Interesse am Tod des Sünders hat und den Tod lieber selbst erleidet – und damit auch überwindet. Alles Herumrechnen ist nun überflüssig.

Als neulich mein Freund Udo starb und Tage später Ezechiel 18 in der sonntäglichen Perikopenreihe erschien, war mir sofort klar, dass ich diesen Text nicht so predigen kann, als gelte heute alles eins zu eins so, wie es da steht. Ich kann es nur als geschichtlichen Zwischenstand predigen, als eine Stimme in der großen Runde der Bibel, vielleicht auch als Ende problematischer Vorstellungen von Kollektivbestrafung. Doch statt nun eine wasserdichte Universaltheorie zum Problem von Leiden und Unrecht hier zu präsentieren, kann ich alle nur einladen, wie die Juden damals heute selbst eine offene Diskussion mit Gott anzufangen, in der wir ihm seine Verheißungen vorhalten und die Missstände dieser Welt beklagen, aber auch dafür danken, dass uns und vielen anderen Vergebung und ein Neubeginn geschenkt wird. Vor allem müssen wir nicht in falsch verstandener Ehrfurcht alles schlucken, was uns an Erklärungen (selbst „biblische“) so vorgesetzt wird.

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Die Gedenkfeier im vergangenen Jahr hatte ich nicht mitbekommen, dafür erfuhr ich am Rande eines Familienfestes, dass eine direkte Vorfahrin, Susanna Daucher aus Augsburg, dort im April 1528 in Abwesenheit ihres Ehemannes Hans, aus der Stadt vertrieben wurde und ihre beiden Söhne zurücklassen musste. Ihr Verbrechen: Sie hatte in ihrem Haus eine Täuferversammlung abgehalten.

Auf der Website der Mennonitengemeinde heißt es dazu:

Susanna und ihre Schwester Maxentia Wissinger waren sich keiner Schuld bewußt. In den Versammlungen sei nur „das Wort Gotte» vorgelesen und gelehrt worden“, heißt es in den Verhörprotokollen. Laut ihrer Aussage wurde wie im November 1527 im Haus von Felicitas und Conrad Huber getauft. Wohl zum Schutz der Hausbesitzer sagt sie, das Ehepaar sei bei der Taufe abwesend gewesen. Auch an einem Treffen der Wiedertäufer in Radegundis bei Wellenburg habe sie teilgenommen. Sie habe nicht gewußt, daß Treffpunkte der Täufer in Augsburg mit einem Kreis markiert worden seien. Sie bleibe standhaft und weigere sich ihrem Glauben zu wiederrufen.

Die Lebenswege ihrer Kinder, die sie in Augsburg bei einem Vormund lassen musste, lassen sich nachverfolgen. Sie selbst könnte nach Stuttgart gegangen sein, wie andere Augsburger Täufer.

Ihr Ehemann war von den Ereignissen überrascht worden und durch den Verlust wirtschaftlich und wohl auch psychisch so schwer getroffen, dass er sich davon nicht wieder erholte, sein Geschäft aufgab und 1537 verarmt starb. Hier ein Foto der Gedenktafel, die letztes Jahr am Haus der Familie in der Augsburger Schleifergasse 10 angebracht wurde:

In den letzten Jahren haben die Großkirchen begonnen, dieses düstere Kapitel aufzuarbeiten. Mit einer echten Freigabe des Taufalters tun sie sich aber nach wie vor schwer - wenn kirchliche Angestellte Nachwuchs bekommen, drängt die Institution oft auf einen umgehenden Vollzug der Taufe. Dass ein bewusster evangelischer Glaube auch ohne Säuglingstaufe möglich ist, dass ein Aufschub der Taufe auf einen späteren Zeitpunkt kein Ausdruck von Sektierertum und pauschaler Kirchenkritik und damit kein Alarmsignal fehlender Loyalität sein muss, scheint sich zumindest noch nicht überall herumgesprochen zu haben.

Bislang dachte ich, meine Ahnengalerie bestünde weitgehend aus mehr oder weniger braven Lutheranern und dem einen oder anderen Reformierten. Nun weiß ich:  auch die traumarisierte Daucher-Sippe gehört zum "Erbe". Um so mehr freut es mich, dass es uns als Gemeinde (wie auch vielen anderen) gelungen ist, solche Konflikte zu entschärfen. Neulich hatten wir eine Säuglingstaufe und zwei Kindersegnungen im gleichen Gottesdienst. Ich habe dabei einen etwas hemdsärmeligen Vergleich riskiert: Früher konnte man Kinder im Reisepass der Eltern eintragen lassen (das wäre die Parallele zur Segnung), oder man kann ihnen einen Kinderpass ausstellen lassen (das ist die Parallele zur Taufe). Irgendwann bekommen sie einen „richtigen“ Pass – das wäre dann die Taufe bzw. die Konfirmation. Im Ziel eines Lebens in der Nachfolge Christi sind sich alle einig, und das ist entscheidend.

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Vor kurzem hörte ich einen Bericht über Christen in einem autoritären Staat. Sie sind dort leidlich anerkannt und werden genau beobachtet. Ärger gab es, als bei einer Veranstaltung Menschen von Traurigkeit über bestimmte Missstände im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben ergriffen wurden und weinten. „Positive“ Emotionen sind dagegen erlaubt oder gar erwünscht.

Ich fand das sehr spannend und musste sofort an Walter Brueggemanns Auslegung des Buches Jeremia denken. Er arbeitet heraus, wie der Prophet der unterdrückten Trauer im Land eine Stimme verleiht: Trauer über die Opfer von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt wie auch Trauer über das ausstehende Gericht, das im Zusammenbruch des Reiches und Reichtums besteht. Und er zieht eine Verbindung zu Jesus:

Jesus wusste, was wir Abgestumpften immer wieder lernen müssen: dass das Weinen wirklich sein muss, weil das Ende wirklich ist; und dass Weinen Neues zulässt. Sein Weinen lässt zu, dass das Reich kommt. Solches Weinen ist radikale Kritik, ein furchterregender Abriss, weil er das Ende jeglichen Machotums bedeutet; selten weinen Könige, ohne dass es sie den Thron kostet. Aber der Verlust des Throns ist genau das, worauf die prophetische Kritik aus ist.

a tear in her dark face

Foto: Milad Gheisari:a tear in her dark face via flickr/creative commons

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Seit ein paar Tagen geht mir ein Beitrag meines geschätzten Bekannten Krish Kandiah im Kopf herum, den er jüngst auf Christian Today veröffentlicht hat. Krish ist für die Evangelical Alliance tätig und hat die Aktion Home For Good ins Leben gerufen, er ist ein wacher Beobachter des Zeitgeschehens und ein feiner Kommunikator.

In dem Beitrag hat er sich der Frage von Genozid und Heiligem Krieg in der Bibel angenommen, ein Thema, das vorwiegend im Rahmen des deuteronomistischen Geschichtswerks erscheint und tagespolitisch kaum aktueller sein könnte. Wie geht man mit Bibelstellen um, in denen davon erzählt wird, Gott habe angeordnet, eine ganze Bevölkerung zu vernichten?

Sie eroberten die Stadt und bannten alles, was in der Stadt war, von Mann bis Weib, von Knabe bis Greis, bis Ochs und Lamm und Esel, mit der Schneide des Schwerts. (Josua 6,20f.)

Drei Lösungen des Problems lehnt Krish ab: Den Völkermord erstens als unhistorisches Sagenmotiv zu relativieren, ihn zweitens als Missverständnis und Irrtum der Israeliten zu bezeichnen, und drittens die Annahme, dass Gott seine Meinung in dieser Frage später geändert haben könnte.

Stattdessen versteht er – er nennt das die „kanonische Perspektive“ die Texte offenbar als Tatsachenberichte, die ein göttliches Gericht beschreiben, zu dem es keine gewaltfreie Alternative mehr gab. Israel vollzieht dieses Gericht in Gottes Namen an den Kanaanäern, so wie die Propheten später sagen werden, dass Gott sich auch der Feinde Israels bedient, um sein abtrünniges Volk zu strafen. Dabei bedient sich Gott – in Ausnahmefällen, nicht grundsätzlich – menschlicher Akteure und der Methoden damaliger Kriegsführung.

Clear legal basis needed to combat violence against women

Die „Moral“ dieser Geschichten ist dennoch die, dass Gott Krieg und Gewalt ablehnt, dass er deren Urheber zur Rechenschaft ziehen wird und dass sich kriegs- und Konfliktparteien nicht auf göttliche Legitimation herausreden dürfen.

Mit der Schlussfolgerung bin ich völlig einverstanden, aber die Herleitung überzeugt mich ganz und gar nicht. Der Versuch, alle historische und theologische Kritik an den entsprechenden Textpassagen zu umgehen (wie authentisch und zuverlässig sind die Berichte einzuschätzen, wie ist das Gottesbild zu bewerten, das ihnen zugrunde liegt?), führt dazu, dass gravierende Ambivalenzen ins Gottesbild verlagert werden. Die Bibel ist aus dem Schneider, aber Gott rückt ins Zwielicht.

Denn wenn Gott früher einmal einen Völkermord in Auftrag gegeben hat, warum nicht heute wieder? Wenn sich nicht grundsätzlich und kategorisch bestreiten lässt, dass Gott Gewalt verabscheut und verbietet, dann kann jeder, der solche Gräuel begeht, theoretisch im Recht sein. Die Kirchengeschichte ist voller Beispiele: Luther meinte 1525, die Fürsten vollstreckten das Gericht Gottes an den Bauern. Die Conquistadores bestraften die Azteken für deren Menschenopfer und Unterdrückung der Nachbarvölker, Karl der Große war Gottes Antwort an die sturen Sachsen. Nun werden manche einwenden, ein Missbrauch dieser Vorstellung hebe den rechten Gebrauch nicht auf (so wie Übergriffe der Polizei das staatliche Gewaltmonopol nicht grundsätzlich widerlegen), aber für mein Empfinden läuft es genau umgekehrt: Wer diese Tür offen lässt, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich alle möglichen Gestalten durchgehen.

Im Unterschied zum Josuabuch haben die Aussagen der Propheten über Gottes Gericht eine völlig andere Struktur: Gott bedient sich der Großmächte ohne deren Wissen und ohne ihnen einen expliziten Auftrag erteilt zu haben. Und die exzessive Grausamkeit wird zugleich beklagt und kritisiert. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Gerichtsworten Jesu gegen Jerusalem, in denen sich die Katastrophe des Jahres 70 schon abzeichnet. Blutvergießen erhält hier keinen heiligen, religiösen Anstrich. Es erscheint lediglich als die absehbare Folge der Verstrickung in rabiate Machtpolitik und Gewaltanwendung, gegen die die Propheten Sturm laufen.

Wenn wir uns also in dieser Frage der Denkfigur des Paradoxons bedienen wollen (Krish Kandiahs aktuelles Buch heißt „Paradoxology"), dann in dem Sinn, dass Gott einstweilen Kriege und Verbrechen zulässt, ohne sie zu billigen, und uns lediglich die Verheißung bleibt, dass er kommt, um den Schaden zu heilen); aber nicht in dem Sinn, dass Gott situativ einmal brutal für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt und dann wieder nicht.

Die naheliegendste Lösungsmöglichkeit kommt in diesem Artikel nämlich gar nicht vor: Nicht Gott hat sich verändert, wohl aber das Gottesbild Israels: Im Buch Jona finden wir einen Gott, der so vorhersagbar barmherzig ist mit Mensch und Tier, dass Jona (der offenbar noch mit dem kriegerischen Gott des Josuabuches liebäugelt) seinen Auftrag verweigert. Wenn man Gott nicht als bipolare Persönlichkeit missverstehen möchte, dann bleibt nur der Schluss, dass sich die Gottesvorstellungen verändert haben.

Denkt man von der Offenbarung Gottes im Kreuz Christi her, dann lässt sich dieser gewaltsame Aspekt der Eroberungskriege im Zuge der Landnahme (die, wie viele Historiker unter Verweis auf Richter 1 glauben, ohnehin eher ein allmähliches Einsickern als ein kohärenter Feldzug war) nicht mehr additiv integrieren als ein Charakterzug neben anderen, sondern nur noch radikal und konsequent korrigieren und kritisieren: Ein Massaker auf Gottes Geheiß wie das von Jericho ist nach christlichen Maßstäben ein schweres Kriegsverbrechen – und nichts anderes.

Wo dieser klärende Schritt ausbleibt, da wächst die Wahrscheinlichkeit (wieder), dass Christen Gewalt als Mittel der Konfliktlösung akzeptieren und zugleich blind werden für die prophetische Fundamentalkritik der Bibel an menschenverachtender Machtausübung und massiver Gewaltanwendung durch das Herrschaftssystem, wie Walter Wink diesen gemeinsamen Zug menschlicher Machtgebilde nannte.. Wenn die "kanonische Methode" diese Kritik nicht hergibt und die innerbiblischen Entwicklungs- und Diskussionsprozesse verschleiert, dann ist sie, fürchte ich, einfach ungenügend.

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