Der Satz „Ich will mein Leben zurück“ hat es vor vier Wochen bis in die Schlagzeilen der Tagespolitik geschafft. Die subjektive Empfindung, die er transportiert, ist die, dass ich eigentlich etwas anderes, Besseres verdient hätte. Aber irgendwie werde ich um das Glück betrogen, das mir zusteht.

Für Außenstehende kann das mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sein. Vielleicht ist es da ganz hilfreich, sich selbst im Spiegel einer Geschichte zu betrachten. Eine Geschichte, in der sich alles um Identität, Rivalität, Manipulation und die Verwicklungen dreht, die daraus erwachsen. Eine Geschichte, in der Menschen aus der Bahn geworfen werden. Aber zugleich eine Geschichte, die eine überraschende und versöhnliche Wendung nimmt.

Diese Geschichte ist eine der berühmtesten Erzählungen der Literaturgeschichte. Sie handelt von den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau. Jonathan Sacks hat sie in „Not in God’s Name glänzend analysiert. Meine Zusammenfassung seiner Einsichten in Form einer Predigt gibt es hier zum Anhören.

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Das Blut ist noch nicht getrocknet,
die Toten sind noch nicht geborgen,
Blaulicht noch auf den Straßen,
Hubschrauber noch in der Luft.

Menschen gehen in Deckung
sorgen sich um ihre Lieben.
Bittere Nachrichtenfetzen
jagen durch Netz und Äther.

Prompt rollt die zweite Welle:
Hass, der nicht wartet,
Anschlag der giftigen Worte
auf Gutmerkellinkshelferverbrecher.

Salven aus bösen Tiraden
aus Tastaturen gefeuert,
ohne Respekt für die Opfer
– ohne Interesse am Frieden.

 Wäre da nur eure Angst,
darüber ließe sich reden.
Doch diese blinde Rachsucht
birgt nur denselben Blutdurst.

DAS
macht mir
die größten
Sorgen.

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Letzte Woche saßen wir im Gott-im-Berg-Team beisammen. Wir ließen den letzten Kreuzweg noch einmal Revue passieren und sammelten schon mal ein paar Ideen für das zehnte Mal im kommenden Jahr. Es ist ein bisschen merkwürdig, wenn man im Hochsommer, wo alles so hell ist, intensiv über Kreuz und Passion nachdenkt, fand ich.

Ein Tag später kam es zu dem schweren Anschlag in Nizza und am Freitag dann zum Putschversuch in der Türkei. Und wir waren wieder mittendrin in der Frage, wo Gott in solchen Zeiten zu finden ist, und wohin wir gehen können mit unserer Trauer, Angst und Wut.

Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Passionszeit, dass wir immer wieder Worte und Bilder sammeln für solche Zeiten. So wie die Maus Frederick aus meinem Lieblingskinderbuch Farben für den Winter sammelt. Damit wir, wenn es wieder einmal ganz plötzlich finster wird um uns herum, nicht bei Null anfangen, nehmen wir uns sieben Wochen jedes Jahr und stellen uns dem Leid.

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Bei Gott im Berg, das fiel mir jetzt beim Nachdenken auf, geht es uns nicht so sehr darum, Antworten zu geben. Es geht mehr darum, Fragen offen zu halten, vorschnelle Antworten zu verhindern und einen Raum zu schaffen, in dem all die Gefühle Platz haben, die uns oft problematisch und unerwünscht erscheinen. Jedes Jahr fragen wir vierzehn Mal, wo Gott in dieser kaputten Welt denn steckt.

Antworten – wenn es sie gibt – brauchen Zeit, und Menschen müssen sie selbst finden. Sie sind nicht in einem stets passenden Allzweckformat vorgegeben. Wir ziehen sie nicht fertig aus der Tasche. Im besten Fall erleiden wir die Dinge, bis sich etwas in uns löst. Die Passion in (sicher etwas willkürlich gewählten) 14 Stationen abzuschreiten ist eben auch eine Lektion darin, dass es ein innerer und oft auch äußerer Weg ist, bis wir unseren Schmerz, Zorn, Verzweiflung und Angst so weit bearbeitet haben, dass das nicht mehr übermächtig ist.

Abgehakt und abgeschüttelt – auch das lehrt das Evangelium – ist das Leiden aber auch dann nicht. Es bleibt in Erinnerung, und diese Erinnerung ist entscheidend wichtig, damit wir die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf den einen Seite und die Verletzlichkeit des Lebens und der Mitmenschen auf der anderen Seite nicht aus dem Blick verlieren. Darum müssen wir sie auch bewusst pflegen. Nur so nämlich wird auch der Sieg der Gerechtigkeit, für den wir beten und auf den wir hoffen, nicht zum Anlass einer gnadenlosen Abrechnung, wie sie jetzt in der Türkei droht, oder zur Jagd auf die üblichen Sündenböcke. Nicht zur Umkehr von Leid, sondern zur heilsamen Verwandlung desselben.

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Gestern las ich bei Terry Eagleton einen bedenkenswerten Kommentar zur aktuellen Debatte um Kultur, namentlich die immens problematische Idee einer „Leitkultur“:

Es ist wahrscheinlicher, dass Kultur gesellschaftliche Spaltungen vertieft, statt zu versöhnen. Fangen Streitigkeiten erst einmal an, das Konzept von Kultur selbst zu infiltrieren – sind Wert, Sprache, Symbol, Verwandtschaft, Erbe, Identität und Gemeinschaft erst einmal politisch aufgeladen – hört die Kultur auf, Teil der Lösung zu sein und wird zum Teil des Problems. Sie bietet sich nicht mehr als gemeinschaftliche Alternative zu einseitigen Interessen an. Stattdessen macht sie aus einer Scheintranszendenz einen militanten Partikularismus. (Culture and the Death of God, S. 122)

Wer Leitkultur amtlich definieren und andere darauf verpflichten möchte, der nimmt sich als Konfliktpartei wie als verantwortliches Wesen aus dem Spiel und bürdet einseitig den anderen die Last auf, den sozialen Frieden zu sichern. Oder, noch wahrscheinlicher, er schiebt die Schuld für den schon längst gestörten Frieden einfach anderen in die Schuhe.

Wir haben ein Grundgesetz, wir haben die Charta der Menschenrechte. In dem Moment, wo wir anfangen, eine "Leitkultur" zu definieren (und ohne präzise Definition wäre sie nichts wert), kommen fast zwangsläufig solche Fragen auf den Tisch wie die, ob Schweinebraten dazugehört oder welche Kopfbedeckungen und Badekleidung den Frieden im Land stören. Interessanterweise scheinen sich die Leute (und Parteien), die sich über solche Fragen ereifern, an Menschenrechten und Grundgesetz eigenartig desinteressiert.

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Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo über die Spannung zwischen Islam und westlicher Kultur (was auch immer man dann darunter versteht, liberales Weltbürgertum oder identitäre Isolation) gestritten wird. Und weil Kontrast besser in unserer zerschnipselten Kommunikation besser funktioniert und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als Komplexität und mühsame Perspektivwechsel, die einen anderen Blick erlauben würden.

Eine (alte) Geschichte, die gerade wieder hoch im Kurs steht, lautet: "Muslime waren schon immer unsere Feinde und das wird auch immer so bleiben. Man kann sie also nur bekämpfen oder bekehren. Ergo gehört der Islam auf keinen Fall zu Deutschland." Umgekehrt funktioniert das freilich auch, wenn Christen in Regionen, wo sie in der Minderheit sind, verdächtigt, verfolgt und vertrieben werden.

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Bild: Unsplash.com

Juden, Christen und Muslime berufen sich auf die Herkunft von Abraham. Jener Abraham wurde – darin sind sich alle einig – von Gott erwählt. Der immer wieder aufflammende Streit dreht sich um die Frage, wer seine legitimen Erben sind (und wer nicht). Er ist fast so alt wie Abraham selbst. Genauer: Er beginnt im Verständnis vieler mit Sara und Hagar, Isaak und Ismael, mit zankenden Müttern und getrennten Brüdern.

Doch just in dieser Geschichte findet Jonathan Sacks den Schlüssel für ein friedliches Verhältnis der abrahamitischen Religionen. Nicht, indem er einen alten, sperrigen Text einebnet und modernisierend umdeutet, sondern indem er ihn genau liest, gut hinhört und sich bei den jüdischen Auslegern in Altertum und Mittelalter umschaut. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Und deshalb habe ich das entsprechende Kapitel aus Not in God’s Name vor ein paar Wochen zur Grundlage einer Predigt gemacht, weil ich es so hilfreich und wichtig fand.

Vielleicht gilt das ja nicht nur für unsere Gemeinde: Wer mag und etwa 25 Minuten Zeit hat, kann sich hier in den Podcast klicken.

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Die schlichten und ausgrenzenden Antworten auf Fragen der Identität ist ein Markenzeichen der Rechtspopulisten. Michael Thumann schrieb am Tag nach dem Brexit in der Zeit:

Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: "Wer sind wir?" und "Was wird aus uns?" Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet. Sie beruht auf der Lüge, dass es eine idealenglische Gesellschaft gäbe, die von Europa und Zuwanderern bedroht wäre.

Als ich mich auf den Bodenseekirchentag am letzten Wochenende vorbereitete, fiel mir auf, dass wir dort ein Musterbeispiel für eine genuin christliche Antwort auf diese Debatten finden, und zwar in der Gestalt des Heiligen Patrick, Apostel der Iren.

Seine ethnisch-nationale Identität kann man nur als „gebrochen“ bezeichnen: Er wuchs auf als romanisierter Brite, im einer von Kelten besiedelten und von Römern militärisch und kulturell beherrschten Britannien. Dann wird er von Iren verschleppt, flieht und kehrt aufgrund eines Traumes wieder zurück, diesmal als Missionar (mit meiner Mischung aus ostkirchlicher und lateinischer Tradition im Gepäck). Am Ende ist er etwas von allem und nichts in Reinform.

Und just als solcher legt er den Grundstein für eine indigene Kirche, die ihrerseits in den nächsten drei Jahrhunderten überall in Europa Klöster und Gemeinden gründet und das, was wir heute „christliches Abendland“ nennen, überhaupt erst möglich gemacht hat. Leider haben das viele vergessen, die meinen, jenes christliche Abendland retten oder verteidigen zu müssen, weil sie daraus eine Identität gezimmert haben, die wieder nur in Abgrenzung funktioniert, in der alles Gute schon da ist und durch das, was von Außen kommt, nur noch Schaden nehmen kann. Eine Logik, die so sesshaft ist, dass sie sich am liebsten einmauern möchte.

Die Nachfolger des Patrick, die bis Bregenz und Bobbio, Würzburg und Wien zogen, verkörpern die wahre Geschichte der europäischen Kultur: Sie ist eine Kultur der Begegnung, die von der Freiheit lebt, sich zu bewegen, Grenzen abzubauen, immer neue Mischungen aus Vorhandenem und Neuem zu schaffen, eine Kultur der Gastfreundschaft und des Entdeckergeistes.

Natürlich müssen die Kirchen und die einzelnen Christen Identitäre und Rechte mit ihrer vergifteten Propaganda kritisieren und ihre falschen Versprechungen als Lügen entlarven. Noch wichtiger wäre es aber, sich ein Beispiel an den Pioniermissionaren unserer Länder zu nehmen und aus Unbeweglichkeit, Mut- und Erwartungslosigkeit aufzubrechen (es geht ja gerade nicht um "Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen“). Diese verwandten Denk- und Lebensmuster machen den Rattenfängern das Spiel viel zu leicht. Die Wahrheit ist, Kirche wird sich nicht nur ein bisschen verändern müssen, weil die Welt sich so dramatisch verändert. Wer den eigenen Leuten das nicht sagen will, traut entweder ihnen nichts zu, oder Gott, oder beiden.

Die Legende erzählt, Patrick habe die giftigen Schlangen aus Irland vertrieben. Ich denke nicht, dass das in erster Linie eine zoologische Aussage ist. Auf unserem Kontinent wäre eine Entgiftung derzeit jedenfalls hochwillkommen.

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[Predigt in St. Leonhard-Schweinau am 19. Juni 2016]

Die mit Abstand bekannteste Stiftung in Deutschland ist die Stiftung Warentest. Ihre Fachleute haben seit 1964 Kunden und Verbrauchern viele nützliche Hinweise geliefert, indem sie Händlern und Herstellern kritisch auf die Finger schauten und die Ergebnisse ihrer Tests öffentlich machten. Die Testberichte wurden zu einem neuen literarischen Genre. Andere Zeitschriften nahmen sie zum Vorbild und veröffentlichten ihrerseits Tests: Autos, Fernsehgeräte, Stromanbieter, Versicherungen und vieles mehr.

Seit einigen Jahren können nun Kunden im Internet Produkte bewerten. Viele schreiben im selben Jargon wie die professionellen und unabhängigen Warentester. Das klingt erst einmal seriös, ist aber noch lange keine Garantie dafür, dass man sich auf die Meinungen verlassen kann. Immer wieder stellte sich heraus, dass Angestellte einer Firma auf Anordnung von Oben die eigenen Produkte gut und die der Konkurrenz schlecht schreiben wollten. Andere Kundenbewertungen strotzen vor Rechtschreibfehlern. In den besseren Fällen wird nur „Rezension“ [Bewertung] mit „Rezession“ [Schrumpfen der Wirtschaftsleistung] verwechselt. Oft kann man schon beim ersten Lesen erkennen, dass hier Dilettanten am Werk sind. Und dann gibt es noch jene „Tester“, die ihrem allgemeinen Frust und Zorn bei solchen Gelegenheiten Luft machen, meist versteckt hinter einem Decknamen. Am Ende beschimpfen sich schlecht gelaunte Zeitgenossen gegenseitig und das bewertete Produkt gerät zur Nebensache. Dass man inzwischen die Bewertungen anderer auch bewerten kann, macht die Verwirrung komplett. Egal, was ich gerade kaufen möchte, irgendwer wird mich in den schrillsten Tönen davor warnen. Man muss schon Kommentarexperte sein, um aus dem Wirrwarr von Bewertungen noch irgendwie schlau zu werden. Um es mit den Worten des heutigen Evangeliums zu sagen: Blinde weisen Blinden den Weg. Die wenigsten sind qualifiziert, ein Urteil abzugeben. Aber die entsprechende Selbsterkenntnis fehlt vielfach.

Ein Glück, dass es in diesem Wahnsinn auch noch Spaßvögel gibt. Einer schrieb unter ein 85-Zoll-Fernsehgerät: „Twilight damit angeschaut. Immer noch grässlich.“

Längst sind wir zu einem Volk von Richtern und Bewertern geworden. Nicht nur bei der Fußball-EM, während der (tendenziell die männliche) Hälfte der Bevölkerung schlagartig zu Bundestrainern mutiert, die besser Bescheid wissen als Joachim Löw – freilich mit dem Unterschied, dass die Besserwisser in der Regel nach dem Spielende urteilen, während der Bundestrainer vor dem Spiel entscheidet. Überall werden Ranglisten (auf Neudeutsch: „Rankings“) aufgemacht, Auf- und Absteiger gefeiert oder gedemütigt, Menschen in die Kategorien „In“ und „Out“ eingeteilt – angesagt oder abgeschrieben, wertvoll oder unnütz. Inzwischen prägt das auch unseren Politikstil – das demokratische „Wir“ wird von widerstreitenden Gruppenegoismen aufgefressen. Der Berliner Philosoph Byung Chul Han zieht die ernüchternde Bilanz:

„Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft. Er […] reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen.“

Nörgeln und Sich-Beschweren, Kommunikation im Modus des Vorwurfs, das kann sich auch unter Christen in einer Gemeinde oder Kirche breit machen. Der Anlass, auf dem Paulus in Römer 14 antwortet, ist uns heute eher fremd: Es ging um den Verzehr von Fleisch, das bei der Schlachtung von Opfertieren für die heidnischen Götter übrig blieb. Für alle, die nicht zur wohlhabenden Oberschicht gehörten, waren die Feste der Staatsreligion eine seltene Gelegenheit, überhaupt einmal Fleisch zu essen, weil der Kaiser und die reichen Patrizierfamilien dafür aufkamen. Ein Teil der Christen tat das ohne schlechtes Gewissen. Für sie waren die Götter Roms substanzlose Fabelwesen, die dem Gott Jesu Christi nicht das Wasser reichen konnten. Die anderen hatten Skrupel: Sollte man nicht jede noch so weitläufige Verbindung zu falschen Göttern und deren abscheulicher Verehrung unbedingt meiden? Irgendetwas könnte vielleicht ja doch abfärben, hängen blieben, die Seele beschmutzen und die Gemeinde verderben? Vielleicht haben eher die Judenchristen so empfunden, vielleicht waren es aber auch Heidenchristen, denen die Erinnerung an früher unangenehm war oder die sich gar vor einem „Rückfall“ fürchteten.

Paulus teilt diese Sorgen nicht, aber er macht deutlich, dass nicht die unterschiedlichen Ansichten das Problem sind, sondern die Art und Weise, wie der Konflikt in der Gemeinde ausgetragen wird:

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. Römer 14,10-13)

Aus einer Sachfrage mit begrenzter Bedeutung wurde etwas Persönliches mit unbegrenzter Tragweite. Es ging nicht mehr um angemessenes oder unangemessenes Verhalten in einer bestimmten Situation, sondern um „richtige“ und „falsche“ Christen. Keine Debatte, in der man versucht, einander zu verstehen und die besten Argumente zu finden, sondern ein Tribunal, in dem sich einer über den anderen erhebt und zum Richter aufschwingt.

Mother Teresa If you judge people, you h by symphony of love, on Flickr
"Mother Teresa If you judge people, you h" (CC BY-SA 2.0) by  symphony of love 

Aber Paulus spricht den Römern die Qualifikation und das Recht ab, Urteile über einander zu fällen. Wer das versucht, mischt sich in Gottes Angelegenheiten ein. Er läuft Gefahr, selbstgerecht auf den vermeintlichen Fehlern der anderen herumzureiten. Und mit verächtlichen und polarisierenden Worten wird das Klima vergiftet. Welche Folgen so etwas haben kann, hat diese Woche der Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox gezeigt: Ohne die gehässige Begleitmusik der Brexit-Debatte wäre so eine Gewalttat kaum vorstellbar gewesen. Viel wichtiger ist es also, zu überlegen, wie Verständnis und Vertrauen gestärkt werden können. Dabei geht es manchmal um so schlichte Dinge wie Rücksicht und Taktgefühl. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

(1) Eine Lehrerin macht mit ihrer Schulklasse eine Fahrt nach Rom. Es ist Sommer, die Sonne brennt vom Himmel. Vor der Abfahrt weist sie die Schüler darauf hin, dass kurze Hosen, nackte Beine und Schultern in den Kirchen dort anstößig wirken. Hat Gott etwas gegen Mädchen in Shorts und Spaghetti-Tops? Muss man sich zum Beten umziehen, ja sogar „verkleiden“? Bestimmt nicht, aber konservative Katholiken sind diesen Stil nicht gewohnt. Höfliche Gäste nehmen darauf Rücksicht. Nicht aus Zwang, sondern aus Achtung vor dem Anderen. Ein paar Schüler stöhnen: Muss das sein? Ja, es muss sein; und es tut gut, das zu lernen.

(2) Immer mehr Menschen ernähren sich heute vegetarisch oder vegan. Sie verzichten auf Fleisch oder sogar alle tierischen Produkte wie Milch und Eier. Es wird immer komplizierter, Essen für mehrere Leute zu kochen. Das fängt in der Familie an und setzt sich in der Gastronomie fort. Also wird heftig diskutiert: Was ist gesünder? Was ist gerechter und verantwortungsbewusster? Und wie geht die Fleischindustrie mit Tieren um, die doch auch Geschöpfe Gottes sind? Solche Fragen zu stellen, kann unbequem sein. Eigene Vorlieben und Vorurteile überdenken zu müssen, ist lästig. Vielleicht kippt ja deshalb der Streit hin und wieder ins Grundsätzliche. Dann sind plötzlich die einen bessere Menschen und die anderen schlechtere. Oder ich unterstelle den anderen, sie halten sich für besser, und erkläre sie im Gegenzug für arrogant und fanatisch. So oder so bricht das Gespräch ab – und die Gemeinschaft auseinander.

Wie wollen wir als Christen leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen empören und beschweren wie nörgelnde Konsumenten? In der es oft nicht mehr darum geht, die eigene Position gut zu begründen, sondern den anderen möglichst schlecht zu machen und seinem Zorn freien Lauf zu lassen?

Immerhin sind wir ja allesamt Anhänger eines zu Unrecht Verurteilten. Das allein sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Und dann könnten wir noch beherzigen, was der französische Philosoph Giles Deleuze erkannte:

„Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. […] Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.“

Das also ist die Freiheit, die uns Paulus in der Nachfolge Jesu anbietet:

  • Nicht sofort und zu allem etwas sagen zu müssen,
  • kein Urteil zu fällen und uns auch nicht zu verteidigen.
  • Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten,
  • Andere zu würdigen und ihre Meinung stehen zu lassen
  • Gott nicht ins Handwerk zu pfuschen
  • mit seiner Hilfe das Verbindende zu erkennen und zu pflegen

Fröhlich und versöhnlich mit einander umgehen im Zeitalter der Nörgler – einen Versuch wäre das allemal wert.

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Ich komme ins Gespräch mit einem älteren Herrn. Er erzählt von seiner Kindheit im Krieg und vom Wirtschaftswunder. Die Nazis kamen nicht gut weg in seiner Erzählung, daher überrascht es mich, als er plötzlich sagt, Hitler habe ja auch manches richtig gemacht. Und dann geht es los: Früher habe es keine Arbeitslosen gegeben, die seien ja alle faul und gehörten in den Arbeitsdienst. Und dann würden sie auch noch kriminell. Überhaupt: Für Vergewaltiger und Terroristen müsse es die Todesstrafe geben. Aber unser Staat lasse diese Verbrecher ja nach ein paar Monaten alle wieder laufen. Ich werfe ein paar Argumente gegen die Todesstrafe und für unser Justizsystem ein und erkläre, dass ich Arbeitslose weder mehrheitlich noch grundsätzlich für faul halte. Keine Reaktion. Sachlich ist hier kein Land zu gewinnen.

Ich versuche, ihn zu verstehen. Ist es die Angst vor Alter, Gebrechlichkeit und Tod, die die Vergangenheit in einem rosigen Licht erscheinen lässt und den Blick auf die Gegenwart nun zunehmend düster einfärbt? Mag sein, dass das eine Rolle spielt. Vor allem aber frage ich mich: Woher stammt eigentlich dieses übermächtige Bedürfnis, andere zu bestrafen – Gruppen und Klassen von Menschen zu finden, die man als Abschaum abstempeln und an denen man seine Rachephantasien auslassen und den angestauten, aber nie richtig eingestandenen Frust abreagieren kann?

Rührt die schleichende Weltuntergangsstimmung, die ich wahrnehme, daher, dass seine Welt – die alte Bundesrepublik mit ihrer Stabilität, Berechen- und Überschaubarkeit, der intakte Sozialstaat – tatsächlich schon untergegangen ist? Aber es regiert eben nicht die Trauer, sondern der Zorn. Vielleicht hat er dies eine sogar gemein mit den Terroristen, die alle "erschossen gehören": Er fühlt sich in unserer Welt fremd und bedroht. Er kann sich nur gewaltsame Lösungen vorstellen. Und nachdem er nicht mehr viel Hoffnung für sich persönlich hat, ist es ihm eigentlich auch egal, wenn die Rückkehr zur alten Ordnung ein paar mehr Menschenleben kostet. Wenn man in diesen apokalyptischen Kategorien von Verfall und Überflutung denkt, dann ist man wohl nicht mehr so zimperlich. Wenn man selber gefühlt untergeht, warum sollten es andere dann besser haben?

Ja, und nun gibt es eine Partei, die seinen Zorn (und den vieler anderer) in Politik umsetzen möchte. Die nicht interessiert ist an komplexer und sauberer Ursachenforschung, sondern am schnellen Zuschlagen. Weil sich im Ausleben des Zorns wenigstens die Illusion von Macht erzeugen lässt. Für das unvermeidliche Scheitern und den daraus resultierenden Zusammenbruch wird man schon rechtzeitig einen neuen Sündenbock auftreiben.

Kyrie Eleison.

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"Ist das Universum fertig?", fragt Rob Bell in der zweiten Auflage seines „Everything is Spiritual“-Vortrags. Seit 13 Milliarden Jahren dehnt es sich aus, vertieft und entfaltet eine immer vielschichtigere Komplexität. Vom subatomaren Partikeln zur Galaxie, von der Materie zum Organismus, vom Einzelwesen zum Schwarm und vom Unbewussten zum Bewusstsein, das zur Sprache und Selbstreflexion fähig ist. Setzt sich diese Entwicklung fort - und wie würde das wohl aussehen? Mehr noch: was hätte das mit uns Menschen zu tun?

Warum beschäftigt uns die Zukunft überhaupt? Kann es Neues geben, ist die Zukunft offen, oder ist alles schon determiniert durch Vergangenheit und Gegenwart und die bekannten Kräfte und Mechanismen? Muss man also Neuschöpfung streng supranaturalistisch als völlige Diskontinuität zum Bestehenden denken, oder den Gedanken an eine echte Transformation der Welt als überholten Mythos verwerfen?

Ein paar Tage später begegnete mir das Thema in der Pfingstpredigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Und auch hier ging es um Zukunft und Hoffnung:

Die Spuren des Heiligen Geistes mit seiner Kraft zum Neuen, zum Überraschenden, sind bis in die Wissenschaften hinein zu finden. Ja, auch die moderne Wissenschaft kennt ein Phänomen, das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann. Die Wissenschaftler nennen es „Emergenz“. Emergenz kommt vom Lateinischen „emergere“ und heißt wörtlich übersetzt „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) Es bezeichnet „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ – so kann man es in Wikipedia finden. Das Spannende ist, dass sich diese neuen Eigenschaften nicht aus dem Prinzip Ursache-Wirkung erklären lassen. Wissenschaftler können normalerweise beschreiben, wie Dinge aus anderen Dingen entstehen. Es gibt aber eben auch Phänomene, bei denen diese Erklärung auch aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich unmöglich ist. Phänomene, die nachweisbar nicht aus irgendwelchen wissenschaftlich im Prinzip beschreibbaren Ursachen zu erklären sind.

Der Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ von einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft:

Sosehr mir die Vorstellung von Zeitaltern auch missfällt, so gut lässt sich meiner Ansicht nach vertreten, dass die Wissenschaft mittlerweile von einem Zeitalter des Reduktionismus in ein Zeitalter der Emergenz übergegangen ist, eine Ära, in der die Suche nach den letzten Ursachen der Dinge sich von Verhalten der Teile auf das Verhalten des Kollektivs verlagert.

Die Vorstellung des Reduktionismus war, man könne eine Weltformel finden, indem man die Welt in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt und deren Gesetzmäßigkeit ermittelt, und dass mittels dieser Formel exakte Vorhersagen und umfassende Kontrolle möglich würden. Laughlin betrachtet Emergenz – der Begriff stammt ja ursprünglich aus der Biologie – als ein Phänomen, mit dem es alle Wissenschaften zu tun haben:

Emergenz bedeutet Unvorhersagbarkeit in dem Sinn, dass kleine Ereignisse große und qualitative Veränderungen bei größeren Vorgängen verursachen. Emergenz steht für die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle. Emergenz ist ein Naturgesetz, dem die Menschen unterworfen sind.

Wenn Emergenz – und das bekräftigt Laughlin ohne Einschränkungen – auch für menschliches Verhalten und Bewusstsein gilt, dann ist sie auch Thema der Theologie (Michael Welker hat das auf die Pneumatologie bezogen, Berndt Hamm auf die Kirchengeschichte).

Und wenn wir es heute in der Kirche (angesichts emergenter Veränderungen unserer sozialen Strukturen und Ökosysteme) mit einem reaktionären, auf Kontrolle bedachten Traditionalismus zu tun haben, wenn in der Politik die nationale Rolle rückwärts als Schritt zur Wiedererlangung verlorener Herrschaft über komplexe, globale Umstände propagiert wird und monokausale Lösungsstrategien als Heilsbringer angepriesen werden, dann zeichnet sich auch darin ab, dass Emergenz ein Thema ist, das uns auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Und dass die Heilsversprechen der Traditionalisten mindestens Illusionen sind, oft aber Behauptungen wider besseres Wissen – Lügen also.

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Ich habe wieder angefangen, in Philipp Ruchs „Wenn wir wir, wer dann?“ zu lesen. Das Buch (mehr noch sein Autor) ist ja ziemlich vehement verrissen worden. Ok, wer eine systematische philosophische Analyse der Spätmoderne und ihrer Aporien und Probleme erwartet hat, der wird vermutlich auch verzweifeln.

Ruchs Text ist eher ein „rant“, eine Wutrede. Das auf 200 Seiten ausgedehnt ist anstrengend zu lesen. Dirk Pilz nennt es „Erweckungsliteratur“ und erkennt bei Ruch einem Hang zum Apokalyptischen. Ruch will erschüttern, nicht überreden. Seine Angriffe auf die Apathie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und wirken manchmal etwas unkoordiniert. Mit Pathos wird nicht gegeizt, dagegen ist jeglicher Humor, der andere Aktivisten wie Srdja Popovic auszeichnet, völlig abwesend (aber das könnte man den meisten Propheten des Ersten Testaments auch vorwerfen). Viele Schlüsselbegriffe wie Größe und Schönheit kommen schwammig daher, das Vokabular und die zitierten Denker von Aristoteles bis Nietzsche und Freud sind allesamt älteren Datums. Wer eine durchdachte und faire Kritik des Naturalismus (oder Szientismus) als quasi-nihilistischer Weltanschauung sucht, findet vermutlich Besseres.

Aber ich wollte hier eigentlich keine Rezension veröffentlichen, sondern einen Denkanstoß aufgreifen, den ich wirklich wertvoll fand. Er steht auf Seite 123:

In unserem ersten Jahr befragten wir ganz normale Menschen auf der Straße, was das Größte gewesen sei, das sie jemals hatten tun wollen. Die Ratlosigkeit in den Gesichtern hat mich wochenlang fertiggemacht. Ich habe es nicht glauben können. Man denkt, diese gesellschaftliche Aporie müsste gestellt sein. Nur ganz selten trafen wir einen Menschen, der Größeres erreichen wollte. Das Wollen der meisten Menschen zielte auf den privaten Bereich. Alle wollten sie eine Weltreise machen, Kinder bekommen und ihr „Glück“ finden. wenn wir nachhakten und wissen wollten, was sie damit meinten, ernteten wir noch größere Ratlosigkeit. […]

Damals wurde mir klar, dass die menschliche Selbstbezogenheit die größte Rebellion verdient.

Dass jemand an unserer Zeit verzweifeln kann, weil er der Auffassung ist, dass wir Menschen zu mehr berufen sind, als vorgestanzte Konsumträume und kleinbürgerliche Glücksphantasien auszuleben, das kann ich verstehen. Eigentlich müssten doch die Kirchen Träger dieser Rebellion sein. Das geistigen, sozialen und spirituellen Fähigkeiten dafür sind vorhanden. Was noch fehlt, ist vielleicht tatsächlich ein bisschen von der Wut, die man bei Ruch so deutlich spürt. Ein bisschen "heiliger Zorn“ - und vor allem: noch mehr brennende Hoffnung.

Heute morgen starb Rupert Neudeck: Ein Mann, der das, was Philipp Ruch so vehement fordert, zäh und unbeirrt vorgelebt hat. Mögen noch viele andere über sich hinauswachsen zu dieser Art von Größe. Dagegen kann eigentlich niemand ernsthafte Einwänder haben, oder?

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Einige haben heute darüber gepredigt, andere haben zugehört. Falls Ihr (und alle anderen) noch mögt, hier meine Predigt aus St. Leonhard heute morgen - vielleicht ist ein inspirierender Gedanke dabei.

Liebe – Liebe hat so gut wie immer Konjunktur. Zumindest wird pausenlos von ihr geredet. Ganz besonders gern tut es die Werbung:

  • „Wir lieben Bayern, wir lieben die Hits“, flötet die Radiomoderatorin eines Privatsenders.
  • „Wir lieben Lebensmittel“, beteuert eine Supermarktkette (noch lieber verkauft man sie aber)
  • „Echte Liebe“ tönt die Marketingabteilung eines börsennotierten Fußballvereins
  • Und unsere Stars „lieben“ natürlich ihre Fans, denen sie ihren Ruhm und Reichtum verdanken.

Wenn von Liebe die Rede ist, dann meistens deshalb, weil uns jemand etwas verkaufen will. Irgendwann hören wir uns dann selber Sätze sagen wie „Ich liebe Himbeereis“. Spätestens da stellt sich die Frage: „Ist die Liebe noch zu retten?“

Man müsste ein neues Wort erfinden können, um Liebe von diesen Missverständlichkeiten zu befreien: Als ob es da nur um ein unwiderstehliches Produkt ginge oder eine besonders attraktive Person, einen besonderen Reiz, der meinen Appetit weckt und mich dazu bringt, einen Gegenstand oder ein Erlebnis unbedingt haben zu wollen.

Genau das haben die ersten Christen getan: Sie fanden ein neues Wort für die Liebe. Liebe, die nicht darin besteht, im Anderen mein eigenes Spiegelbild zu erkennen und nicht darin, dass sinnliche Reize meinen Pulsschlag beschleunigen und den Hormonhaushalt in Schwung bringen. Diese „Ich brauch dich“-Liebe ist flüchtig, oberflächlich und passiv: Etwas triggert mich von außen und ich reagiere darauf aus einem inneren Mangel. Entfällt der Reiz, ist auch die „Liebe“ am Ende.

***

Johannes war der Meinung: Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh 4,16b-21)

Vierzehn Mal kommt das Wort Liebe/lieben in diesen neun Sätzen vor. Und alles gipfelt in der Feststellung: Gott ist die Liebe. Der Satz ist so einfach wie verblüffend. Denn die Götter der antiken Volksfrömmigkeit hatten ihre Günstlinge und ihre Affären, aber sie behandelten Menschen wie Spielfiguren. Der Gott der Philosophen hingegen war zwar ein faszinierendes Wesen, aber er selbst stand der Welt recht leidenschaftslos gegenüber.

Ganz anders der Gott der Christen: Er erschafft eine Welt und Menschen darin, die ihm von Anfang an Ärger machen. Aber Gott ist offenbar der Meinung „Ich bereue diese Liebe nicht“. Er sucht sich aus allen Völkern das unattraktivste aus – Israel. Er kommt in einer Krippe zu Welt, lebt im ärmeren Teil des Landes, teilt die Nöte und Sorgen einfacher Leute. Er lässt sich beschimpfen, schlagen und umbringen. Und statt die Menschen, die ihm all das antun, zu vernichten, vergibt er ihnen.

Martin Luther hat daraus den Schluss gezogen: Gottes Liebe findet das Liebenswerte nicht vor, sondern sie bringt es hervor ("Amor dei non invenit sed creat suum diligibile"). Auch wenn es oft eine schmerzhafte Geburt ist. Anders gesagt: Dass er mich liebt, liegt an ihm, nicht an mir. Und weil das so ist, wird es sich auch nicht ändern - egal, wie gut oder schlecht, dumm oder schlau, fair oder unfair ich mich verhalte. Paulus schreibt „sind wir untreu, so ist er doch treu, denn er kann sich nicht verleugnen“. In Jesus ist diese Liebe verbürgt, garantiert – mit Brief und Siegel. Wir haben keinen Anspruch darauf, haben sie uns nicht verdient, dafür können wir sie auch nicht verspielen.

Und genau deswegen müssen wir bei Gott anfangen, wenn wir die Liebe verstehen wollen: Gott ist unkaputtbare Liebe. Liebe ist nicht etwas, das Gott (wie manche Menschen) heute tut und morgen wieder lässt. Würde Gott aufhören zu lieben, dann würde er auch aufhören, Gott zu sein. Nach allem, was geschehen ist, als Gott in die Welt kam, ist ein liebloser Gott nicht mehr vorstellbar – das schreibt uns Johannes hinter die Ohren.

***

Wenn ich anfange, Gott so zu sehen, dann befreit mich das von meiner Furcht. Nicht unbedingt von der Furcht vor großen Höhen, vor Spinnen, vor Terror oder Katastrophen; aber von der Furcht, dass der eine, von dessen Wohlwollen mein Leben und Glück abhängt, mir gegenüber launisch oder gleichgültig sein könnte; dass er sich von mir abwendet, wenn ich ihn vor den Kopf stoße; dass er mich bestraft, wenn ich seinen Erwartungen nicht entspreche.

Der Dirigent Ben Zander vom Boston Philharmonic Orchestra sollte am Konservatorium unterrichten. Statt mit schlechten Noten zu drohen, verkündete er in der ersten Stunde, jeder Studierende werde eine Eins bekommen. Die einzige Bedingung dafür war, dass ihm jeder zu Kursbeginn schreiben sollte, was für ein Mensch er am Ende des Kurses sein möchte. Von da ab waren alle angstfrei bei der Sache und Zander stellte fest, dass er mit den Menschen arbeitete, die in den Briefen beschrieben waren. Er stellte keine Erwartung auf, der sie zu entsprechen hatten. Stattdessen gab er ihnen den Raum zu entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen steckten.

Die Liebe Gottes schafft ein Klima, in dem sich das Liebenswerte in uns Menschen hervorwagt und gedeihen kann. Ein Klima, in dem niemand fürchten muss, dass er bedroht, bloßgestellt oder beurteilt wird. Wir alle wissen, dass wir unter Angst und Druck mehr Fehler machen. Und dass wir, wenn Strafe droht, diese Fehler auch noch verleugnen und vertuschen, und damit immer noch mehr Unheil anrichten.

Freilich, Gott rettet uns nicht immer vor den Folgen unseres eigenen Tuns. Aber indem er auf Drohungen und Forderungen verzichtet, schenkt er uns genau diesen angstfreien Raum, in dem wir radikal ehrlich sein können vor uns selbst und anderen. Und mit dieser Ehrlichkeit vor mir selbst beginnt jede positive Veränderung. Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen. Wen sie erfasst, der verliert seine Furcht. Und mit der Furcht vor Gottes Strafe und Zorn schwinden allmählich auch die anderen Ängste: Angst vor der Ablehnung anderer Menschen, Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor den vielen Gefahren und Risiken, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind. Denn selbst wenn uns schlimme Dinge zustoßen – sie trennen uns nicht von der Liebe Gottes in Christus.

„Furcht ist nicht in der Liebe“ – Eine Braut war vor ihrer Hochzeit schrecklich nervös und unsicher. Ihre Freundinnen wollten sie mit diesem Bibelwort trösten. Doch statt (wie es richtig gewesen wäre) 1. Johannes 4,18 auf die Karte zu schreiben, schrieben Sie nur Johannes 4,18. Die Adressatin schlug ihre Bibel auf und las zu ihrer Verblüffung: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

***

Nicht vom Mann, aber vom „Bruder“ schreibt Johannes gegen Ende: Unsere Aufgabe ist es, „in der Liebe zu bleiben“. Sie ist uns geschenkt, aber dieses Geschenk muss man kultivieren. Behalten wir sie für uns, geht sie kaputt. Die Frage, ob ich noch in der Liebe bin oder nicht, lässt sich ganz einfach beantworten. Jesus hat im Gleichnis vom armen Lazarus dieselbe Schlussfolgerung gezogen: Das Verhältnis zu meinen Mitmenschen ist das entscheidende Kriterium dafür, wie es um mein Verhältnis zu Gott bestellt ist. Wer gegenüber dem Armen dicht macht, macht auch Gott gegenüber dicht. Er sperrt die Liebe selbst aus.

Brüder – Geschwister – kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Dafür bleiben sie – anders als manche Freunde – auch ein Leben lang Geschwister. Familien sind Schicksalsgemeinschaften. Die ersten Christen waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, aus allen möglichen Ecken des römischen Weltreichs, das ähnlich groß und vielfältig wie die heutige EU war. Auch die Kirche war eine Schicksalsgemeinschaft. Einheit und Harmonie mussten immer wieder ausgehandelt und erkämpft werden. Und in letzter Zeit hat Papst Franziskus wiederholt davon gesprochen, dass auch Muslime und Christen "Brüder" sind. Bruderliebe ist also keine "Nächstenliebe light", die nur für Gleichgesinnte gilt.

In der Liebe zu bleiben heißt, sie zu verschenken. So etwas geht nur, wenn ich lerne, mich freiwillig zurückzunehmen. Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb diese Haltung so:

Liebe bedeutet, sich so sehen zu lernen
wie man Dinge aus der Ferne sieht.
Denn du bist nur ein Ding unter anderen
und wer so sieht, heilt sein Herz
ohne es zu wissen, von allerlei Krankheiten.
Ein Vogel und ein Baum nennen ihn „Freund“

Ich bin geliebt, so wie ich bin. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle anderen Geschöpfe. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Diese heilsame Erkenntnis, dass Gottes Liebe genauso auch allen anderen gilt, verändert den Blick. Der reiche Mann hielt seinen Reichtum für eine Errungenschaft, die er verteidigen musste. Und sich selbst für etwas besseres. Heute würde er die Tür versperren, Elektrozäune bauen, Videokameras installieren und Sicherheitspersonal patrouillieren lassen, um Lazarus nicht zu Gesicht zu bekommen. Denn dass Gott diesen kranken Typen liebt – ihn wegen seines harten Lebens erst recht liebt – kam ihm gar nicht in den Sinn. Gott aber schenkt dem Unansehnlichen Ansehen, sagt Jesus.

Wenn Gott mir trotz meiner Unansehnlichkeit sein Ansehen schenkt, dann kann ich offen, frei und mutig aus der Wäsche schauen.

Gottes Liebe, die das Liebenswerte nicht schon vorfindet, sondern es hervorbringt, beteiligt mich an dieser Heilung und Verwandlung der Welt. Der unansehnliche Lazarus hat heute viele Gesichter: Arme, chronisch Kranke, Einsame, Verlierer, Chancenlose, Entwurzelte. Aus jedem von ihnen blickt mich Christus an und fragt: Siehst Du mich?

Und wenn ich diesem Blick nicht ausweiche, sehe ich in dem anderen auch mich selbst: Unsicher, bedürftig, verletzlich und zugleich voller Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind.

Die Liebe muss nicht gerettet werden. In solchen Begegnungen rettet sie uns.

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Der Rechtsruck in Europa beschäftigt die Kommentatoren. Und tatsächlich muss es jeden vernünftig denkenden und geschichtsbewussten Bürger unruhig werden lassen, wenn im Westen Farrage und Le Pen behaupten, alles Unheil komme aus Brüssel, wenn im Osten Orban und die PiS-Partei repressive Mittel gegen Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen und wenn jenseits der Grenzen der EU in Russland und der Türkei das politische System immer autoritärer wird. Ganz zu schweigen von der FPÖ, der AfD, Pegida und dem Hass derer, die bei uns (ähnlich wie Trump-Anhänger in den USA) den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Absturz fürchten und einen Prügelknaben brauchen – manchmal "nur“ verbal, immer öfter aber ganz handgreiflich. Fortschritt, Liberalisierung und Menschenrechte sind weder Automatismen, noch sind sie unumkehrbar.

Stop Hatin! by Francis Storr, on Flickr
"Stop Hatin!" (CC BY-SA 2.0) by Francis Storr

Die Ursache für diese rasante Eintrübung des gesellschaftlichen Klimas kann man bei den etablierten Parteien suchen, beim globalen Finanzkapitalismus, in vernachlässigten Bildungsystemen, der Empörungsdynamik sozialer Medien, der Entsolidarisierung des Konsumzeitalters. Und man wird vermutlich überall fündig. Ob die Entdeckungen – einzeln oder im Aggregat – das Phänomen hinreichend ausleuchten und Wege zur Bekämpfung der Problematik von Hetze und Angst liefern werden, ist noch die Frage. Historische Parallelen zu rassistischen Denkmustern und Weltbildern, zu Begriffen wie „Lügenpresse“, zur Dämonisierung ethnischer und religiöser Minderheiten und zur Psychologie der NS-Propaganda können vielleicht jene Teile der Gesellschaft sensibilisieren, die in größeren Zusammenhängen denken und Komplexität nicht als Zumutung oder Verschwörung begreifen.

Es waren die rechten Dikaturen in Lateinamerika und die Apartheid in Südafrika, in deren Kontext Walter Wink das Thema der Mächte und Gewalten aufgriff und daraus nicht nur eine Praxis des gewaltfreien Widerstands ableitete, sondern auch eine klare Verhältnisbestimmung von Kirche und politischer Macht (oder besser: Ohnmacht). Mit dem (wie Ludwig Greven in der Zeit schreibt) globalen "Trash-Faschismus“ und seiner "Lizenz zum Hassen“, mit dem rasanten Anstieg rechter Gewalt rücken vergleichbare Verhältnisse auch bei uns deutlich näher.

Winks Theologie der Mächte kann beim Kampf für Frieden, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eine wichtige Seh- und Lebenshilfe sein. Sie sensibilisiert uns für die spirituelle Dimension dieser Ereignisse. Konkret könnte das Folgendes bedeuten:

  • Nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch bei sozialen Systemen (Staat, Gesellschaft, Institutionen, Konzernen) besteht immer die Gefahr einer Regression in einen parasitären Modus der Existenz (das Eigene auf Kosten des Ganzen) und eine sich ins wahnhafte steigernde Identität, die mythische Verklärung der eigenen Wurzeln, ethnisch-kulturelle Überlegenheits- und Reinheitsphantasien, das Opfern von Sündenböcken – alles, was einen Götzenkult eben so ausmacht. Jedes soziale System kann auf dieses destruktive Verhaltensmuster umschalten (Wink: „The Powers have fallen.“). Diese Muster sind nicht systemfremd, sondern latent vorhanden.
  • Dieses Umschalten ist keine zwangsläufige Sache, es liegt ihm kein sturer Automatismus zugrunde, es kann sich aber sehr wohl so weit verfestigen, dass es kurz- und mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Das deutet sich in den biblischen Passagen an, wo von „Verstocktheit“ die Rede ist. Auf den anderen Seite gibt es aber auch keinen gesellschaftlichen Reifezustand, der endgültig immun wäre gegen die autoritäre Verführung.
  • In der Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen besteht nicht nur die Gefahr der Resignation und des Ausweichens vor der Konfrontation, sondern auch die spiegelbildliche Erwiderung von Hass, Aggression und Verachtung. Davon profitieren die Rechten in aller Regel, weil sie sich am liebsten als Opfer inszenieren, um dann den Mythos der erlösenden Gewalt zu beschwören, die groteskerweise als „Notwehr“ ausgegeben wird. Und Autokraten nutzen sie als Vorwand für Repressionen aller Art, indem sie die Terror-Karte spielen und das Recht aushebeln.
  • Ein Kampf ist sehr wohl nötig, aber anders zu führen. Es geht darum, das geistige Klima zu verändern. Für den einzelnen bedeutet das, immun zu werden gegen die Einschüchterungen und Versuchungen destruktiver Macht – paulinisch ausgedrückt hieße das, "den Mächten zu sterben“: Dem Hass, der Angst, den Vorurteilen, der Suche nach Sündenböcken, der Sehnsucht nach „starken“ Führern. Dieses „Sterben" schließt auch die Bereitschaft zum Leiden ein. Gewaltfreiheit erfordert mehr, nicht weniger Mut als der bewaffnete Kampf
  • Dazu brauchen wir Basisgemeinschaften, die einen Freiraum zur Entgiftung bieten, in denen Identität anders verstanden und gelebt werden kann, in denen Ohnmachtsgefühle nicht durch Härte kompensiert werden und Energie nicht aus Hass gewonnen wird, sondern aus der lebendigen Gegenwirklichkeit von Gottes herrschaftsfreier Ordnung.
  • Für Täter und Mitläufer stellen solche Gemeinschaften (und nichts anderes sollte die Kirche sein…) sowohl ein Angebot zur Versöhnung und der Hoffnung dar (denn man kann aus dem System aussteigen, ohne ins Bodenlose zu fallen), als auch eine Erinnerung an das Gericht, denn niemand wird dann noch sagen können, es habe keine Alternative gegeben. Eine ähnlich katalytische Wirkung hatte Paulus wohl im Sinn, als er den Korinthern schrieb: "Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt.
  • Schließlich gehört hier noch das prophetische Element hinein: Die Klage über das Leid der Opfer von Hass, Hetze und Gewalt, die Kritik an den skrupellosen Führern und ihren wehleidigen Mitläufern, die Ankündigung des Zerfalls einer auf Unmenschlichkeit gegründeten „Ordnung“ (beziehungsweise einer Gesellschaft im Selbstzerstörungmodus), und die Hoffnung auf eine Erneuerung lebensfreundlicher Verhältnisse für alle.

Wink blieb immer Realist, und wir tun gut daran, uns ihm anzuschließen:

Wir haben nicht den Auftrag, einen neue Gesellschaft zu schaffen; wir sind ja kaum kompetent dazu. Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

… Wir "bauen das Reich Gottes" nicht, wie eine frühere Generation so gern sagte. Uns fehlt schlicht die Kraft, den Mächten eine Veränderung aufzuzwingen. Wir tun treu, was wir können, ohne Illusionen über unsere Aussichten auf direkte Einwirkung. Wir bereiten nur den Boden und säen; die Saat wächst von selbst, Tag und Nacht, bis zur Ernte (Mk 4,26-29). Und Gott – das ist unsere tiefste Überzeugung – wird die Ernte bringen.

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Ich habe mich heute an einen Brief von D.H. Lawrence aus dem Jahr 1924 (!!) erinnert, den Walter Wink vor über 20 Jahren in seiner Powers-Trilogie zitierte. Beim Nachlesen fand ich ihn bemerkenswert prophetisch. Lawrence reiste (wie ich diese Woche) vom Elsass über den Rhein in den Schwarzwald und bemerkt eine ganz andere, bedrückende Atmosphäre im Land:

Deutschland, dieses Stück Deutschland, ist ganz anders als vor zweieinhalb Jahren, als ich hier war. Damals war es noch offen für Europa. Damals schaute es noch nach Westen, nach einer Einigung, einer Art Versöhnung. Das ist nun vorbei. Die unvermeidliche, mysteriöse Barriere ist wieder gefallen, und der germanische Geist neigt sich wieder nach Osten, nach Russland, […] Die Positivität unserer Zivilisation ist gebrochen.

… Aber nachts spürt man, wie sich seltsame Dinge regen in der Dunkelheit, seltsame Gefühle regen sich aus diesem immer noch nicht eroberten Schwarzwald. Du spannst den Rücken an und lauschst der Nacht. Man spürt die Gefahr. Es sind nicht die Leute. Sie wirken nicht gefährlich. Ein Gefühl der Gefahr liegt in der Luft, ein eigenartiges, scheuerndes Gefühl unheimlicher Gefahr. Etwas ist geschehen. Etwas ist geschehen, was noch nicht eingetreten ist. Der alte Zauber der alten Welt ist gebrochen und der alte, widerborstige, rohe Geist macht sich bemerkbar. […] Das, scheint mir, ist schon geschehen. Und es ist ein Geschehen mit einer weit tiefgreifenderen Wirkung als jedes konkrete Ereignis. Es ist der Vater der nächsten Phase von Ereignissen.
… Nicht, dass die Menschen tatsächlich etwas planen oder sich verschwören und auf etwas vorbereiten würden. Ich glaube das nicht eine Minute lang. Aber der menschlichen Seele ist etwas zugestoßen, gegen das es keine Hilfe gibt.
… Und es sieht aus, als würden sich die Jahre rasch zurückdrehen, nicht mehr weiter. Wie eine gebrochene Feder, die rasch zurückschnappt, so scheint sich die Zeit mit rätselhafter Geschwindigkeit auf eine Art Tod hin zu wirbeln.
… Es ist ein Schicksal; niemand vermag es mehr zu ändern. Es ist Schicksal. Selbst das Blut ändert sich. Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich die Zusammensetzung des Blutes in den Venen Europas geändert. […] Gleichzeitig haben wir es über uns selbst gebracht – durch die Ruhrbesetzung, durch eine englische Untätigkeit und einen falschen deutschen Willen. Wir haben es selbst verursacht. Aber offenbar ließ es sich nicht abwenden.

Vielleicht waren Lawrences Zeitgenossen ja der Meinung, er höre das Gras wachsen. Man kann sich sicher auch viele kritische Gedanken zu seinem Geschichtsbild und den Klischees und Stereotypen darin machen (die betreffenden Passagen habe ich hier zum größten Teil ausgelassen). Auf jeden Fall muss man fragen, ob alles so unabwendbar war, wie Lawrence das empfand. Andererseits wissen wir, dass es solche Punkte gibt, an denen Bewegungen ins Unkontrollierbare kippen.

So oder so – die Tatsache, die schon Thomas Mann bewundert hatte, bleibt: Neun Jahre vor Hitlers Machtergreifung (1924 saß der noch in Landsberg ein) spürt Lawrence das Zerbrechen Europas und die Entfesselung einer gigantischen „Barbarei“ und kann es – poetisch, gewiss – in verständliche Worte fassen.

Heute, über 90 Jahre später, regen sich ähnliche Dinge. Der größte Unterschied zu damals ist vielleicht der, dass derzeit die Rechten in Ungarn und Frankreich, England und Österreich, Polen und den Niederlanden mindestens so stark sind wie die AfD. Ein Trost ist das freilich ganz und gar nicht. Lawrence hat das als eine „Rückkehr“ beschrieben, und so erleben wir das momentan ja auch. In letzter Zeit war Brechts berühmtes „der Schoß ist fruchtbar noch“ immer wieder zu lesen. Nur ist der Backlash heute eben nicht mehr auf Deutschland begrenzt. Die neue Barbarei droht überall. Kein Fortschritt ist unumkehrbar.

Welche Hoffnung haben wir dem entgegenzusetzen? Sind unsere westeuropäischen Demokratien (anders vielleicht als die eine oder andere osteuropäische) gefestigt genug, um sich in dieser zunehmend vergifteten Atmosphäre zu behaupten? Sein Brief enthält keine Anleitung, was zu tun wäre. Aber eine wichtige Einsicht über die Kultur Europas: Sie entstand aus der Mischung und Vermengung („fusion“) von germanischer und romanischer Bevölkerung, und es ist gerade die Vielfalt, die den Reichtum und die Größe ausmacht. Heute müssten wir auch das weiter fassen und die orientalischen Kulturen einbeziehen. Der Umkehrschluss lautet: Wer sich von diesem Zusammenfluss abwendet, wer das Andersartige fürchtet, dämonisiert und verachtet, der gerät in den Sog des Strudels roher, destruktiver Macht.

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Sehr wahrscheinlich war ich nicht der einzige, der sich in den letzten Tagen Gedanken über das zweite Kapitel der Apostelgeschichte gemacht hat. Wie geht man mit einem solchen Text um? Mir sind vier mäßig gute Wege dazu eingefallen:

Das verklärte Andenken: So war das mal. Die gute alte Zeit. Hach…

Der hohe Anspruch: Die begeisterte Urgemeinde als Ideal, an dem wir uns messen lassen müssen.

Die technische Anleitung: Wenn wir es genauso machen wie die Jünger damals (z.B. täglich zusammen beten und ein Herz und eine Seele sind), bekommen wir dieselben Ergebnisse (exponentielles Gemeindewachstum wie in Korea, Nigeria, oder anderen Boomregionen des Glaubens).

Die Schrift als Beweisstück der Anklage: Die Leute damals hatten viel mehr von dem, was wir uns wünschen/haben sollten/brauchen. Was zur nächsten Frage führt, nämlich: Wer ist daran schuld, dass es bei uns so mau aussieht? Wir alle? Das Lager unserer theologischen Gegner? Die Gemeinde- oder Kirchenleitung? Die Kirchenmusik?

Ein (nicht sonderlich origineller) Spezialfall der letzten Variante ist die schroffe Antithese von Heiligem Geist und Zeitgeist. In der Regel reklamierten Konservative gern ersteren für sich und warfen all jenen, die sich auf die komplexen Fragen unserer Gesellschaft einlassen, vor, sie ließen sich vom Zeitgeist verführen. So weit, so langweilig.

Inzwischen allerdings kehrt sich diese Geschichte um: Der Zeitgeist hat längst ausgesprochen reaktionäre Züge angenommen. Er neigt zur Abschottung, zum Autoritarismus und zur Angstmacherei vor allem Fremden. Der Zeitgeist 2016 liebt starke Männer und einfache Antworten, er hegt Ressentiments gegen Intellektuelle und Journalisten ("Gutmenschen“ eben, oder alles, was als „links“ und „liberal" wahrgenommen wird). Er traut nur denen, die denselben Dialekt sprechen, und definiert Identität im Ausschlussverfahren.

Diese Bewegungen haben gerade weltweit mächtig Aufwind. Aber mit Gottes Geist hat das herzlich wenig zu tun, auch wenn das Brausen derzeit mächtig ist und es an vielen Stellen zu brennen beginnt. Wenn ich allerdings lese, was Papst Franziskus oder der Rat der EKD dazu schreiben, dann ist mir um die Kirche nicht bange. Es ist noch genug guter Geist da, um Widerstand zu üben.

In diesem Sinne - frohe Pfingsten!

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Vor gut zehn Jahren erschien der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Er erzählt die Geschichte zweier bedeutender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. Während Humboldt unter großen Strapazen den Urwald Südamerikas durchquert und dabei Pflanzen und Tiere katalogisiert, arbeitet der menschenscheue Mathematiker Gauß zeitlebens im Königreich Hannover, in einer Sternwarte und als Landvermesser. Alle seine Entdeckungen spielen sich im Kopf ab. Gegensätzlicher können Lebenseinstellungen und -entwürfe kaum ausfallen. Es gibt für Kehlmann keinen Gewinner: Am Ende ziehen beide eine recht ernüchternde Bilanz ihres Lebens.

I.

In Epheser 3,14-21 ist, so könnte man sagen, von der „Vermessung der Liebe“ die Rede. Von Länge und Breite, Höhe und Tiefe lesen wir, die es zu ermessen gilt. Es geht um eine gewaltige Ausdehnung – eine Weite, in der ganz viel Platz ist. Das Ergebnis dieser Vermessung wird auch gleich verraten: Unfassbar groß. Alle unsere Versuche, an die Grenzen und das Ende der Liebe Christi zu gelangen, sind zum Scheitern verurteilt.

Nun ist Liebe ja ohnehin kein Gegenstand im herkömmlichen Sinn, sondern ein Verhältnis zwischen Personen. Der zupackende Humboldt würde also entdecken: Liebe lässt sich nicht abmessen, kartographieren oder wiegen. Kleine Kinder spreizen manchmal die kurzen Arme, so weit sie können (wohl wissend, dass es nicht weit genug ist), und sagen dazu „ich hab dich soooo lieb.“ Als Erwachsene kommen wir über solche Gesten und Andeutungen kaum hinaus - es sei denn, wir werden zu Dichtern.

Obwohl menschliche Zuneigung ja oft bedrückend endlich sein kann, glauben selbst totale Beziehungschaoten noch an die „große Liebe“ und hören nicht auf, sie zu suchen. Denn irgendwie fühlt jeder, der sich verliebt, dass Liebe ihrem Wesen nach etwas Grenzenloses ist. Sie stellt keine Bedingungen und keine Forderungen, sie ist kein Tauschgeschäft, keine Dienstleistung, sie kennt kein Verfallsdatum. Sie fragt nicht nach Obergrenzen – „Wie viel muss ich geben?“, „wie oft muss ich verzeihen?“ – sondern sie verschenkt sich und bleibt gerade darin sie selbst.

„Die Liebe hört niemals auf“, schreibt Paulus an die Korinther. Sie lässt sich auch nicht berechnen, würde der grüblerische Gauß frustriert anmerken. Es gibt für sie keine Formel: Weder die jüdischen Schriftgelehrten noch die großen Denker der Griechen hatten vor 2.000 Jahren einen Gott auf dem Zettel, der die Welt mit sich versöhnt, indem er Mensch wird, sich brutal umbringen lässt und von den Toten aufersteht.

II.

Nun ist es eine Sache, den Versuch, die Liebe Gottes zu ermessen, von vornherein als sinnlos anzusehen – und sich deshalb weder Gedanken zu machen noch die riskanten und anstrengende Erkundung zu wagen –, und eine ganz andere, wenn man ihr mit wachem Verstand und offenem Herzen nachspürt. Da lässt sich die Begegnung mit Gott in der Stille nicht ausspielen gegen die Begegnung mit dem Nächsten. Gerade die Armen und die Fremden sind, wie Mutter Teresa oft sagte, Jesus, der sich verkleidet hat. Die Weite der Welt und der Trubel der Stadt sind ebenso heilige Orte wie das stille Kämmerlein oder dieser Kirchenraum.

Am Himmelfahrtstag standen Jesu Jünger noch etwas unschlüssig auf dem Ölberg herum, als ein Engel im weißen Gewand zu ihnen sprach: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Also gingen sie wieder zurück – in die Stadt, aber eben auch ins gemeinsame Gebet und das Warten auf die Kraft aus der Höhe. Vom Kommen der Kraft haben wir ja auch gelesen. Der Apostel betet:

„er [Gott] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.“

Damit deutet er schon Richtung Pfingsten – nicht nur das Kirchenfest einmal im Jahr, sondern als Zustand lebendigen Glaubens. Wie eine Quelle, die stetig sprudelt und aus der erfrischendes, klares Wasser an die Oberfläche kommt:

„So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“

Wo und wie aber findet diese Erfüllung statt? Gottes Liebe kann uns im Gottesdienst begegnen, zugleich aber ist sie so viel mehr als heilige Worte und sakrale Räume. Gott gibt dem Intellekt etwas zum Staunen und Nachsinnen, aber er ist so viel mehr als eine gelungene Theorie der Welt. Gott ist uns in den Gänsehautmomenten nahe: dem ersten Kuss, dem Gipfelerlebnis in der Natur, dem magischen Augenblick in einem Konzert, wenn gefühlt die Zeit stillsteht und ich mit tausend anderen den Atem anhalte. Aber er ist mehr als die besondere Erfahrung, die große Idee, das gelungene Projekt. Es bleibt immer ein Überschuss. Es gibt immer noch mehr zu entdecken. Und so wie der Ungebildete keine Ahnung hat, was er alles nicht weiß, so käme auch mir jedes Gespür für die Weite und Größe von Gottes Liebe abhanden, wenn ich gleichgültig oder resigniert darauf verzichtete, etwas zu erwarten, mich überraschen zu lassen, mich Gott zuzuwenden – „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“, wie es das erste Gebot sagt.

Das rückt auch die Momente in ein anderes Licht, wo wir Gott schmerzlich vermissen, wo uns seine Nähe fehlt, wir uns leer fühlen und ganz und gar nicht erfüllt: So wie Wissen uns zunehmend sensibel macht für unser Nichtwissen, so ist schon unsere unerfüllte Sehnsucht nach Gott ein Zeichen für unsere Verbundenheit und Vertrautheit mit ihm.

Dass wir mit dieser Erkundung niemals fertig werden, das gilt nicht nur für Gott, sondern auch für jeden geliebten Menschen. Nur der oberflächliche Blick auf den anderen ist blind für das das Geheimnis. Abraham Heschel schrieb dazu:

„Für den Philosophen ist Gott ein Objekt, für betende Menschen ist er das Subjekt. Ihr Ziel ist nicht, […] über ihn informiert zu sein, als wäre er eine Tatsache neben anderen. Sie sehnen sich danach, von ihm ganz in Besitz genommen zu werden, Gegenstand seines Erkennens zu sein, und das zu spüren. Die Aufgabe ist nicht, das Unbekannte zu kennen, sondern von ihm durchdrungen zu sein; nicht zu kennen, sondern von ihm erkannt zu werden“.

III.

Mit der Liebe und dem Erkennen setzt der Apostel hier auch ein: Er verbeugt sich im Gebet vor Gott als dem kosmischen „Vater“, von dem alle Menschen abstammen. „Jedes Geschlecht“ – das könnte auch eine Anspielung sein auf die Verheißung an Abraham im ersten Buch Mose, dass durch ihn alle Völker, Sippen und Geschlechter auf Erden den Segen Gottes erfahren sollen. Schon da deutet sich die unermessliche Weite der Liebe Gottes an. Er ist

„der Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird.“

Die Segensgeschichte, die mit einer einzelnen Familie beginnt, breitet sich aus in die ganze Welt. Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Messias, hat ein neues Kapitel dieser Story aufgeschlagen und uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, zu Mitwirkenden gemacht.

Diese Weite hat konkrete Folgen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war ein Problem unter den Christen in Kleinasien. Damals waren sich Juden- und Heidenchristen nicht grün – der Epheserbrief spricht sogar von einer „Mauer der Feindschaft“. Hier und heute wachsen Angst und Misstrauen zwischen Einheimischen und Einwanderern (und manchmal sind die Einwanderer von gestern die größten Kritiker der Einwanderer von heute). Stacheldrähte werden quer durch Europa ausgerollt. Von einer bedrohlichen „Flut“ ist die Rede. Religiöse, kulturelle und ethnische Vorurteile werden gehätschelt, Ängste und Ressentiments geschürt: „Alle Muslime sind Terroristen“ oder „alle Nordafrikaner sind potenzielle Vergewaltiger“ oder umgekehrt „alle Christen sind Agenten des Westens und der CIA.“ Irgendwann brennt eine Asylunterkunft, erhalten humanitäre Helfer Todesdrohungen, explodieren Sprengsätze.  Aber Gott ist Vater – und im Blick auf Gott ist das Muttersein in die Vaterschaft nicht etwa aus-, sondern eingeschlossen – aller Sippen und Geschlechter. Also auch der Türken und Araber, Sunniten und Aleviten, Ost- und Westeuropäer, Hell- und Dunkelhäutigen, Homo- und Heterosexuellen (und wem noch ein Reizwort fehlt in meiner Aufzählung, der kann es hier gedanklich einsetzen).

Der Apostel betet also zu diesem Gott, der allen Geschöpfen das Leben geschenkt hat, ihnen Raum gibt zum Wachsen, der sich zurücknimmt und kümmert, der mitfiebert, mitleidet, sich mitfreut. Er betet, dass der Strom dieser unermüdlichen und unerschöpflich nachwachsenden, alle Grenzen überwindenden Liebe uns erfasst – bis alle Angst, alles Misstrauen, alle Gleichgültigkeit und alle Feinschaft darin versinken. Wir sagen ja manchmal über andere, dass ihnen die Freude (oder der Ärger) „zu jedem Knopfloch herauskommen“. So können wir uns das auch mit der Liebe Gottes vorstellen: Die tiefsten Erfahrungen im Leben – Liebe, Verbundenheit, Zusammenhalt, Schönheit, Kreativität – beginnen mit dieser Bewegung des Geistes in unserem Inneren. Und dann trägt sie uns über unser kleines Selbst hinaus in die Weite.

Soooo weit.

Das wäre dann eine Entdeckung, die auch Gauß und Humboldt beeindruckt hätte.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt,
unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können,
er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus
in allen Generationen, für ewige Zeiten.

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