Im Laufe der Religionsgeschichte tauchen an verschiedenen Punkten Menschenopfer auf. In den abrahamitischen Religionen sind sie verboten, in anderen Kulturen kamen sie aber wohl tatsächlich vor.

Die SZ zitierte diese Woche eine Studie aus Neuseeland, die herausstellt, dass es dabei neben der religiösen Dimension (den drohenden Zorn der Götter abzuwenden) auch eine politische Dimension gab: Menschenopfer traten besonders häufig in hierarchischen Gesellschaften mit einem hohen sozialen Gefälle auf, etwa wenn sich aus einer einfachen Sippen- und Stammesordnung ein imperiales Großreich entwickelt.

Indem die Oberen ihre Macht über Leben und Tod öffentlich demonstrieren, untermauern sie damit auch die eigene Herrschaft. Insofern ist Opferkritik auch Sozialkritik. Ein Grund mehr übrigens, sich sehr genau zu überlegen, ob und inwiefern man vom Tod Jesu am Kreuz als einem „Opfer“ im kultisch-rituellen Sinn reden sollte.

Wollte man hier weiterdenken, so legt sich die Frage nahe, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen autoritär-hierarchischen Kirchenstrukturen und den verschiedenen Formen von Opfertheologie. Falls jemand eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben möchte… :)

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Gleich zweimal begegnete mir gestern die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft. Dann schrieb mir heute jemand zum Post vom Dienstag, religiöser Glaube sei mit wissenschaftlicher Unwissenheit gleichzusetzen. Ein Satz, den man nur mit viel kulturhistorischer Ignoranz so formulieren kann – und der Beweis dafür, dass man keineswegs religiös sein muss, um Sündenböcke zu brauchen.

Nun habe ich versucht, noch einmal in ein paar Sätzen zu formulieren, warum es zwar gelegentliche Spannungen, aber keinen grundsätzlichen Gegensatz beider Perspektiven gibt. Vielleicht hilft’s ja dem einen oder der anderen:

Glaube und Naturwissenschaft sind zwei verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselbe Wirklichkeit. Naturwissenschaft befasst sich mit Objekten, die man beobachten und messen (oder quantifizieren) kann und sie erforscht und beschreibt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge . Dabei hat sie viele nützliche Entdeckungen gemacht, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Diese Perspektive hat aber auch ihre Grenzen: Sie kann weder die Frage nach dem Sinn (also dem „wozu“ oder „wofür“) beantworten, noch die Frage nach dem, was gut oder schön ist (das versuchen zum Beispiel die Philosophie, oder die Religionen). Und nachdem Gott transzendent, also nicht einfach ein Gegenstand neben anderen in dieser Welt ist, kann die Naturwissenschaft auch keine Aussagen über ihn machen. Auch die lebenswichtige Frage, ob ich geliebt und gewollt bin, kann sie mir nicht schlüssig beantworten. Oder was Gerechtigkeit ist und wie man sie fördert.

Der Glaube hingegen befasst sich mit solchen Beziehungswahrheiten, und neben unserer eigenen Lebensgeschichte und den persönlichen Erfahrungen fragt er danach, ob und wie Gott sich in der Geschichte der Menschheit und der Welt offenbart hat. Statt in einem „Ich-Es“-Verhältnis wie die Naturwissenschaft gründet der Glaube in einem „Ich-Du“ Verhältnis. Ein lebendiges Gegenüber kennenzulernen, bedeutet eine Beziehung zu ihm einzugehen, und damit auch das Risiko, durch das Gegenüber in Frage gestellt oder durch die Beziehung zu ihm verändert zu werden. Egal wie gut ich eine andere Person kenne, sie bliebt doch immer auch ein Geheimnis. Und von genau solchen Erfahrungen und Begegnungen erzählt zum Beispiel die Bibel. Indem Menschen sich von diesen Erzählungen ansprechen lassen, machen sie ihre eigenen, oft lebensverändernden Erfahrungen und Entdeckungen.

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Das Töten im Namen Gottes ist weiterhin Tagesgespräch. Das zeigt der gleichnamige Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ, die ebenso pauschale wie polemische Religionskritik von Georg Diez (jeder Monotheist ist für Diez ein potenzieller Terrorist, Jesus eingeschlossen) oder der Hinweis von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, dass Terror Gotteslästerung ist.

Ich hatte letzte Woche schon auf den hilfreichen Beitrag von Jonathan Sacks zur Problematik von Religion und Gewalt hingewiesen. Religion, auch und gerade in ihrer monotheistischen Gestalt, ist keineswegs grundsätzlich gewalttätig, wie Diez unterstellt. Aber sie kann gruppenbezogene Gewalt unter bestimmten Umständen fördern. Neuzeitliche Ideologien (Nationalismus, Rassismus) tun das freilich auch zur Genüge.

Seither habe ich mit großem Gewinn weiter gelesen: Aus seinen vielen interessanten und wichtigen Beobachtungen sind mir aufgrund der politischen Großwetterlage – dem Erstarken des Rechtspopulismus und Autoritarismus in der westlichen Welt – die Gedanken zum Antisemitismus und zum Sündenbock-Mechanismus besonders ins Auge gestochen. In der Karwoche bekommt das ohnehin noch einmal einen ganz anderen Nachhall.

Antisemitismus ist in der arabisch-islamischen Welt ein vergleichsweise junges Phänomen, das sich derzeit aber viral ausbreitet. Sacks belegt das mit einer Reihe von Beispielen und erklärt, dass wachsender Antisemitismus historisch betrachtet ein Indiz dafür ist, dass die Welt- und Gesellschaftsordnung ins Wanken gerät. Heute gelten in Europa 24% und im Nahen Osten 74% der Menschen als antisemitisch eingestellt. Er verweist auf die Arbeiten von René Girard: Wenn in einer Gesellschaft Konflikte entstehen, die zerstörerisch und gewalttätig werden könnten, dann lässt sich das dadurch abwenden, dass man die Aggression auf einen Sündenbock ablenkt. Der muss einerseits so mächtig gedacht werden, dass man ihm die Schuld an den Missständen geben kann, andererseits so schwach, dass man ihm gefahrlos Gewalt antun kann.

Dieses gleichzeitige Auftreten solch widersprüchlicher Aussagen ist ein klares Indiz dafür, dass der Sündenbock-Reflex aktiv ist. Eine Gruppe unbewaffneter Migranten kann man relativ gefahrlos töten. Erst wenn man sie mit dem Terror in Verneinung bringt und ihnen unterstellt, die abendländische Kultur zerstören zu wollen, geht die Sündenbock-Strategie auf. Die Gewalt findet ein Ventil und die mühsamen, schmerzhaften und riskanten Auseinandersetzungen, die zur Lösung des eigentlichen Problems (die Unzufriedenheit und Verunsicherung derer, die sich als Verlierer der Modernisierung- oder Veränderungsprozesse sehen) nötig wären, können entfallen.

Das erklärt, warum viele Deutsche, die sich benachteiligt fühlen, AfD wählen, obwohl die Partei keinerlei Lösungen für die soziale Spaltung Deutschlands anbietet. Ganz ähnlich wie heute den ethnozentrischen Alternativpatrioten gelang es nach dem verlorenen ersten Weltkrieg den Nationalsozialisten, die angestauten Aggressionen auf das Judentum zu lenken. Sacks folgert:

Wenn Leute andere beschuldigen, die Welt beherrschen zu wollen, kann es sein, dass sie unbewusst das projizieren, was sie selbst gern tun, sich aber ungern vorwerfen lassen möchten. Wenn man wissen möchte, worum es einer Gruppe wirklich geht, muss man sich die vorwürfe ansehen, die sie gegen ihre Feinde erhebt.

Der innere Zusammenhalt nimmt in dem Maße zu, wie man die Bedrohung von außen beschwört. Wenn Tyrannen und Populisten für solche Gruppenreflexe auch noch religiöse Gefühle instrumentalisieren, die zu eine hohe Opferbereitschaft fördern, dann leiden zuerst die jeweiligen Sündenböcke, aber eben auch die Mehrheitsgesellschaft unter den Exzessen. Es lässt sich zwar der Schuldvorwurf umlenken, die eigentlichen Ursachen der Probleme bleiben aber bestehen. Neue Gewalt macht sich früher oder später breit.

Auch das lehrt ein Blick auf die lange Geschichte des Antisemitismus. Sie wirft neben der Sündenbock-Thematik aber auch noch eine andere Frage auf, nämlich die nach der Rivalität unter Geschwistern. Und zu beiden Komplexen finden sich in den biblischen Texten nicht nur Problemanzeigen in Sachen Gewalt, sondern auch Lösungen. Dazu demnächst mehr.

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Der größte Spaß an Ostern ist für viele Kinder das Eiersuchen. Jemand hat sie versteckt und man muss genau hinsehen, um sie zu finden. Ostern ist das Fest für Entdecker. Etwas ist der oberflächlichen Betrachtung verborgen, und wer es findet (egal, ob er danach gesucht hat oder zufällig darüber stolpert), der freut sich darüber. An Ostern geht es um eine große Überraschung. Aber wie kann man von etwas freudig überrascht werden, das sich jedes Jahr wiederholt? Wann wird aus Begeisterung Routine?

Heiko Schotte alias „Schotty“, der Tatortreiniger, ist längst eine Kultfigur im deutschen Fernsehen. Für die Firma Lausen Gebäudereinigung entfernt er die Spuren von Verbrechen, nachdem die Polizei ihre Arbeit getan hat. Wenn er den letzten Dreck wegmacht, begegnen ihm die merkwürdigsten Menschen und Situationen. Wie sähe die Szenerie, die das Osterevangelium (Matthäus 28,1-8) beschreibt, wohl durch seine Augen betrachtet aus? Es könnte sich ungefähr so abspielen:

Schotty kommt mit seinen Kisten und Utensilien bepackt am Grab an. Dort steht ein Wachmann von Zion Security. Schotty stellt sich vor und fragt, wo er saubermachen soll. Der Wachmann deutet auf den Eingang zu einem Felsengrab. Eine Leiche sei verschwunden. Vermutlich geklaut. Der Wachmann sagt, er würde dann gehen, er stehe jetzt schon ein paar Tage hier rum und müsse endlich mal seine Überstunden abfeiern.

Schotty wundert sich, warum dieses Grab bewacht wurde. Normal klauen Grabräuber die Beigaben und lassen die Leiche liegen. Haben die Behörden jetzt etwa schon Angst vor den Toten? Oder waren sie nicht sicher, ob der Tote wirklich tot war? Doch, schon, sagt der Wachmann. Die Hinrichtung haben römische Profis gemacht, sowas hat bisher noch niemand überlebt. Die stellen sicher, dass solche Troublemaker keine Chance haben, nochmal zurückzuschlagen.

Hinrichtung –, fragt Schotty, gehe es um einen Verbrecher? Ja, sowas in der Art, sagt der Wachmann. Ein selbsternannter Prophet aus Galiläa, der auf der Straße und im Tempel die Behörden provoziert hatte. Früher oder später arte sowas immer in Gewalt aus, da habe man eben mal präventiv durchgegriffen, weil auch noch so viele Festbesucher in der Stadt seien, da kippt die Stimmung schnell. Man wollte keine Versammlungen am Grab, daher sei das Grundstück abgeriegelt worden.

Am Eingang zum Grab entdeckt Schotty einen kleinen Blutfleck. Der Wachmann sagt, das sei Blut von einem Kollegen, der gestürzt sei, weil ihn ein Licht blendete. Nur eine Platzwunde. Schotty fragt, ob es denn keinen Kampf gegeben habe, wenn das ein Überfall war. Der Wachmann meint, nun sichtbar verlegen, dass außer dem einem grellen Blitz und einem heftigen Donnergrollen nichts zu sehen war. Niemand ging zum Grab hinein, Rauskommen sei ohnehin nicht möglich. Schotty könne das gern mal probieren - er solle einfach mal reingehen und der Wachmann würde dann das Grab schließen…?

Schotty lehnt dankend ab. Er überlegt kurz, dann zwinkert er dem Wachmann zu: Mir kannst du es ja ruhig sagen. Ihr habt zu tief ins Glas geschaut und der Kollege hat sich im Suff verletzt, oder? Der Wachmann zuckt resigniert mit den Schultern. Er fürchte, auch seine Vorgesetzten könnten glauben, das sei alles eine Ausrede und die Wachmannschaft sei breit gewesen oder im Tiefschlaf versunken. Dabei schreckt bei einem solchen Gewitter auch der schlimmste Säufer auf. Womöglich gebe es jetzt eine Gehaltskürzung, dabei habe keiner der Kollegen sich etwas zu schulden kommen lassen. Und der Sold sei eh schon so bescheiden, dass man im teuren Jerusalem damit kaum überleben könne.

Schotty kratzt sich nachdenklich am Kopf: Es sei ja schon vorgekommen, dass sich Feinde eines Toten bemächtigen, um die Leiche schänden und die Gegner zu schockieren. Aber die Anhänger von irgendwelchen Führern seien doch eher froh, wenn sie ein Grab haben, zu dem sie hinpilgern können, um zu trauern und sich zu erinnern. So wie das Grab des Königs David auf dem Zion oder das von Abraham und Isaak in Hebron vielleicht.

Ja, sagt der Wachmann, sowas hätten die dunkel gekleideten Frauen auch im Sinn gehabt, die gleich nach Blitz und Donner kamen und ins Grab wollten. Die jedenfalls wollten den Toten einbalsamieren, nicht mitnehmen. Eine habe vor Schreck über das Verschwinden des Toten ihr Salbengefäß fallen lassen, so perplex sei sie gewesen, als sie das Grab leer fand. Er zeigt auf einen Ölfleck auf dem Boden im Grab. Die drei Ladies seien ganz verstört gewesen, und nach einer Weile des kopflosen Herumlaufens, lauten Diskutierens und erschöpften Schweigens hätten sie den Garten eilig verlassen. Anscheinend wollten sie plötzlich zurück nach Galiläa, da kamen sie dem Dialekt nach auch her. Sie wirkten merkwürdig aufgeregt, nicht mehr so deprimiert wie am Anfang.

Schotty überlegt, wie er das Öl am besten wegbekommt. Wenigstens riecht es gut. Aber man sieht im Halbdunkel nicht genau, ob man auch alle Spritzer erwischt hat. Nicht, dass es hinterher Reklamationen gibt, wenn eh schon politische Verwicklungen drohen.

Immerhin habe sich die Sache in der Stadt noch nicht herumgesprochen, tröstet sich der Wachmann, und die drei Frauen hätten die Wachleute bisher nicht angeschwärzt. Glück für ihn, dass keine Männer dabei waren, den Frauen glaubt sowieso niemand bei Gericht. Weiß ja jeder, was die so alles reden, wenn der Tag lang ist…

Sagt’s und packt seine Sachen.

Schotty ist allein im Grab. Er kehrt den Staub vom Fußboden zusammen und als sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, sucht er wieder nach dem Fleck. Dabei fallen ihm ein paar Tücher auf, die in einer Nische liegen. Trockene Blutreste kleben daran, man kann die Wundränder noch ahnen, die sich bedeckt haben müssen.

Die Sonne scheint zum Eingang herein, es wird allmählich wärmer, und von draußen hört man Vogelgezwitscher. Ein warmer Windhauch streift sein Gesicht. Er bringt den Duft von frischem Gras mit. Als Schotty sich bückt, sieht er, wie sich ein Schatten rasch durch den Lichtfleck am Eingang bewegt. Nicht, dass mich hier jetzt irgendein Witzbold einsperrt, denkt er sich. Oder jemand, der wieder eine Leiche im Grab haben möchte, um seinen Allerwertesten zu retten? Er geht hinaus, aber da ist niemand zu sehen.

Erst mal Frühstückspause machen. Vielleicht sind draußen an den Bäumen schon ein paar Feigen reif? Er hat Pech, sie sind noch grün, aber ein Schmetterling sitzt auf einem Zweig. Offenbar ist er gerade aus seinem Kokon geschlüpft, und jetzt faltet er seine Flügel auf. Schotty beschließt, da zu bleiben, bis er fliegen kann, damit ihn kein Vogel entdeckt und frisst.

Und weil sich das ein bisschen hinzieht, kommt Schotty nicht schell genug auf die Beine, als eine Frau und zwei Männer tuschelnd näher kommen und im Grab verschwinden. Doch dann schwingt sich der Falter noch etwas taumelnd die die Luft und verschwindet hinter den Sträuchern und Schotty geht zum Grab, um sicherzustellen, dass nicht neue Unordnung angerichtet wird.

Beim Hereinkommen hört er eine Frauenstimme sagen: Doch, genau hier hatten sie in hingelegt. Und als gestern die Marias kamen, war er weg und der Eingang war offen. Die Securityleute wussten anscheinend von nichts über den Verbleib des Leichnams.

Bestimmt haben sie das bloß behauptet, unterbricht sie ein Mann, die wollten euch doch nur reinlegen, und weder Pilatus noch die Hohenpriester wollen ein Jesusgrab in der Stadt. Propheten und Messiasse aus dem Volk seien bei der Oberschicht unerwünscht.

Aha, denkt Schotty, jetzt läuft die Verschwörungsdiskussion also genau umgekehrt. Er räuspert sich und das Gespräch verstummt schlagartig. Die drei packen die Tücher zusammen und wollen das Grab verlassen.

Ihr könnt die Sachen da lassen, sagt Schotty , – ich bring sie weg. Die Männer machen eine ablehnende Handbewegung; die Frau fragt: Hast du ihn auch gekannt? Schotty erklärt, er sei eigentlich nicht von hier und verstehe gar nicht, warum alle einen Toten suchen und was die ganze Aufregung um das leere Grab soll. Im Übrigen müsse er hier saubermachen und da könne er es nicht brauchen, dass Leute an ihren Schuhen Dreck herein tragen. Dann sieht er, dass sie die Schuhe alle ausgezogen haben. Er fragt, ob das so eine religiöse Sache sei bei den Juden?

Aber da saß noch dieser Typ auf dem Stein, sagt die Frau, die so in Gedanken war, dass sie seine Frage überhört hat. Sie hält immer noch die blutigen Tücher fest an sich gedrückt. Der habe den Marias gesagt, dass Jesus auferstanden…

Das glaubt dir doch sowieso niemand, sagt der andere Mann. Komm, wir gehen.

Schotty dreht sich um und sieht ihnen nach. Er hört, wie die Frau im Weggehen zu ihren Begleitern sagt: Wir hätten doch mitgehen sollen nach Galiläa. Wenn die anderen nun Jesus dort sehen und wir nicht? Wollt Ihr das wirklich verpassen? Wir könnten sie vielleicht noch einholen. Was gibt es hier für uns denn noch zu tun?

Dann ist es wieder ruhig im Grab. Während der wenigen Minuten, die er noch braucht, kommt es Schotty so vor, als zwitscherten die Vögel draußen noch ausgelassener. Der Duft, der aus dem Garten in die kühle Kellerluft hereinzieht wirkt auch intensiver. Auferstanden, hatte sie gesagt. Wie soll man sich das vorstellen? Man wünscht sich ja wirklich nicht jeden zurück. Aber auf Jesus wäre er jetzt echt mal neugierig.

Schotty betrachtet das geputzte Grab. War da eben wirklich kein Schatten am Eingang vorbeigezogen? Das Grab drückt aus: Wir begraben die Toten, und mit ihnen die gemeinsame Geschichte, die gemeinsamen Träume und Hoffnungen, die der Tod gekappt hat und die wie totes Holz vertrocknen und vermodern. Es bliebt nur die Erinnerung, und selbst die lässt sich nicht festhalten. Der Tod besiegt das Leben. Die Bausteine der Materie werden recycelt, aber die unteilbare Person löst sich auf.

Als jemand, der an Tatorten herumkommt, weiß Schotty aber auch: Manchmal sterben Hoffnungen und Beziehungen schon zu Lebzeiten aller Beteiligten. Beziehungen zwischen Menschen, die einander nur als Feinde erkennen können oder wollen. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit oder Versöhnung. Träume von einem glücklichen und friedlichen Zusammenleben. Der Tod – ob natürlich oder gewaltsam – schreibt diesen Verlust nur noch endgültig fest.

Auferstehung… und wenn tatsächlich Gott dahinter stecken sollte…

… wenn Jesus auferstanden wäre, dann hieße das, die Mächtigen können sich nicht alles herausnehmen, jede Kritik unterdrücken und kommen damit durch. Weder die Angst noch der Tod bringen die Erinnerung an die vielen Menschen zum Verstummen, die wie der letzte Dreck behandelt wurden.

… das würde auch heißen, dass kaputte Beziehungen wiederhergestellt werden können, verletzte Menschenwürde geheilt, dass Hoffnung wieder lebendig wird und man sich waghalsige Träume wieder leisten kann, dass Freude über das Gute und Schöne die tiefere Wahrheit ist gegenüber der Trauer und der Abscheu gegenüber dem Bösen, Brutalen und Hässlichen. Diktatoren und Terroristen sind am Ende nur eine Fußnote der Geschichte, ihre Helden hingegen sind all jene, die es in ihrer verletzlichen Schönheit dem Schmetterling gleichtun.

Schotty packt seine Sachen in die Box und trägt sie zurück durch den Garten. Anfangs fällt ihm gar nicht auf, dass er eine fröhliche Melodie vor sich hin pfeift. Sein Blick streift noch einmal den Kokon, aus dem eben der Schmetterling geschlüpft ist. Er war Zeuge einer Verwandlung. Könnte das ein Symbol sein für unsere Welt: Dass nicht alles beim Alten bleibt, dass nicht alles den Bach hinuntergeht, sondern dass alles verwandelt wird? Und manches davon schon jetzt, anderes erst am Ende?

Sein Puls beschleunigt sich und sein Gang fühlt sich an, als hätte er Sprungfedern unter den Sohlen. Sein Kopf unterlegt die Melodie auf seinen Lippen mit einer vielstimmigen Begleitung. Sie nimmt Anlauf zu einem großen, ausgelassenen und verspielten Crescendo.

Eigentlich ist die Vorstellung ja zu gut, um nicht wahr zu sein, denkt er: Auferstehung … das würde dann ja bedeuten, dass das Schlimmste nicht das Letzte ist.

Dass das Leben letztlich kein Tatort ist, sondern ein Tanzort.

Ist es eigentlich weit nach Galiläa?

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Bombenterror in Brüssel, Unschuldige sterben oder werden verwundet, und alle warten nun darauf, dass sich irgendwer zu den Anschlägen bekennt – und dabei Gott ins Spiel bringt. Der nächste Akt in diesem absehbaren Drama wird dann wohl sein, dass Rechtspopulisten Religion an sich oder lieber noch die Religion der anderen pauschal als Ursache von Gewalt verdächtigen und harte Maßnahmen gegen Menschen anderen Glaubens fordern.

Aber es geht auch anders: Seit Kurzem lese ich „Not in God’s Name. Confronting Religious Violence“ von Jonathan Sacks. Der ehemalige Oberrabiner Großbritanniens geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die monotheistischen, abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – zur Gewalt stehen und welchen Beitrag sie zur Bekämpfung und Überwindung von Gewalt leisten könnten. Und dafür hat er letzte Woche den renommierten Templeton Prize bekommen. Ein Post von Michael Blume hat mich auf Sacks’ Werk aufmerksam gemacht.

Seine Grundthese ist einleuchtend: Menschen sind soziale Wesen. Sie bilden überschaubare Gruppen, in denen sie einander unterstützen (Familien, Clans, Dorfgemeinschaften). Zwischen den einzelnen Gruppen herrscht jedoch ein Konkurrenzverhältnis, das in Feindschaft und Gewalt ausarten kann. Religionen können einerseits wie kaum ein anderer Faktor menschlicher Kultur den sozialen Zusammenhalt großer Gruppen fördern, zugleich können sie aber auch die Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen verschärfen, zum Entstehen von „selbstloser Bosheit“ (Englisch: altruistic evil) beitragen und dies moralisch rechtfertigen. Beides sind indirekte und sekundäre Wirkungen. Die primäre Wirkung von Religion bleibt der Gruppenzusammenhalt: Glauben verbindet (Wer Miroslav Volfs „Öffentlich Glauben“ kennt, findet hier viele verwandte und an manchen Punkten auch weiterführende Gedanken).

Sacks’ Grundüberzeugung könnte Muslime, Juden und Christen verbinden, denn sie lautet: Gott weint, wenn Menschen in seinem Namen Gewalt üben.

Heute ist wieder so ein Tag.

 

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in diesen Tagen ist es 20 Jahre her, dass wir mit Nicky Lee bei uns zuhause in der Schuhstraße 47 eine Flasche Wein zu Brot und Käse geleert haben. Ihr beide seid dann wieder ins nahe Hotel zurück und am nächsten Tag ging die Alpha-Konferenz weiter, aus der in den Folgejahren viele hundert Glaubenskurse entstanden sind – landauf, landab und quer über das ökumenische Spektrum.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, und wir haben uns auch schon fast sechs Jahre nicht mehr gesehen. Aber ich wurde diese Woche wieder an zwei Impulse erinnert, die durch Dich und Alpha bei mir angekommen und hängengeblieben sind, und für die ich dankbarer denn je bin.

Das erste ist die Kultur der Gastfreundschaft: Das Essen, zu dem nicht gebetet werden muss und bei dem religiöse Gesprächsthemen nicht erwünscht sind, zum Beispiel. Diese Art der offenen Begegnung ist nicht nur eine nette Nebensache oder ein pädagogischer Kniff, sondern das Herzstück eines menschen- und weltzugewandten Gemeindelebens. Als diese Woche jemand über die Emmaus-Geschichte sprach, habe ich mich wieder einmal gefragt, ob nicht Tischgemeinschaft an sich (also auch ohne jede explizite Liturgie) schon eine Art Sakrament ist. Henri Nouwen hat das in „Reaching Out" wunderschön weiter gedacht und ein ganzes Ethos daraus entwickelt. Die vielen Fotos in meiner Facebook Timeline mit deutsch-syrischen (oder deutsch-irakischen/afghanischen/eritreischen) Tischgemeinschaften überall im Land sprechen dafür.

Das zweite ist die Achtung vor dem Gegenüber und das geduldige Zuhören. Irgendwie gehört das natürlich zur Gastfreundschaft dazu, aber es wurde öfter noch als ein pädagogisches Prinzip bei Alpha thematisiert. In vielen „missionarischen“ Gemeinden mussten Mitarbeitende nun mühsam lernen, ihren (realen oder gefühlten) Wissensvorsprung und ihre unschlagbaren Argumente zurückzustellen. Manche bis dahin ebenso beliebten wie unnötigen Auseinandersetzungen (z.B. Evolution contra Schöpfungsglaube) hast Du ihnen ausgeredet. Die waren noch nie mein Fall gewesen, aber das hat mich darin bestärkt, auf manch traditionelle „Apologetik“ zu verzichten. Wie sensibel ich auf Situationen reagiere, die ich als emotional und sozial übergriffig empfinde, das fiel mir diese Woche während der Besprechung eines anonymisierten Seelsorgeprotokolls auf. Und das verdanke ich – nicht nur, aber auch – Deinen Impulsen.

Theologisch bin ich nicht jeder Spur gefolgt, die Du bei Alpha gelegt hast. Die Vorträge zu den einzelnen Abenden würde ich inzwischen ziemlich anders halten (meine Anfragen dazu habe ich schon vor ein paar Jahren auf diesem Blog gepostet). Eigentlich ja auch ganz natürlich angesichts des langen Zeitraums. Nicht nur ich habe mich verändert, auch unsere Gesellschaft und ihre Fragen. Du bestimmt auch? Das Gespräch darüber würde mich interessieren.

Zwei Dinge möchte ich heute sagen: Erstens, vielen Dank für diese bereichernden Denkanstöße! Und zweitens, weil Ihr bei Alpha ja auch fragt „is this it?“: Ich glaube, in den zwei genannten Impulsen steckt noch mehr Potenzial drin. So viel kann ich nach 20 Jahren sagen – aus Erfahrung.

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Vor ein paar Wochen habe ich mich hier schon einmal mit dem Thema Autoritarismus beschäftigt. Nun hat mich Björn Wagner auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der das Thema im Zusammenhang mit Donald Trump und dem US-Wahlkampf beleuchtet. Autoritäre Denkmuster sind der Hintergrund für den Überraschungserfolg von Donald Trump und den Aufstieg des Rechtspopulismus.

Wenn Menschen mit autoritären Denk- und Reaktionsmustern verunsichert werden, schreibt Jonathan Haidt, reagieren sie folgendermaßen: "In case of moral threat, lock down the borders, kick out those who are different, and punish those who are morally deviant.“

Nachdem es schwierig ist, von Menschen ehrliche Antworten über ihre politischen Ansichten zu bekommen, Autoritarismus aber eher ein stabiler Charakterzug zu sein scheint als eine flüchtige und nur aus Politische bezogene Präferenz, befragte Stanley Feldman seine Probanden einfach zu ihren Vorstellungen von Erziehung und Elternschaft – und erhielt aussagekräftige Ergebnisse. Die Fragen lauteten:

  • Was ist wichtiger für ein Kind: Unabhängigkeit oder Respekt gegenüber Älteren?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Gehorsam oder Selbstvertrauen?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Rücksichtsvoll zu sein oder folgsam?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Neugier oder gute Manieren?

Bisher, sagen die Autoren, spielte der Autoritarismus nur eine Nebenrolle in der Politik, doch der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch hier aus. Waren autoritär denkende Wähler zuvor unter den Sympathisanten allen Parteien zu finden, sammeln sie sich nun bei den Rechtspopulisten. Eine eher apolitische Mentalität wird zu einer aktiven politischen Kraft. Aktiviert wird diese Bewegung durch Verunsicherung und die Furcht vor Bedrohungen von außen. Und furchterregender als die Kandidaten ist dabei der Fanatismus ihrer empörten Unterstützer.

Wenn man die vier Fragen oben betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung, wie groß das rechte Wählerpotenzial auf allen Seiten des großen Teichs sein könnte. Noch nicht so ganz klar ist mir indes, ob der Autoritarismus in der Bevölkerung durch diese Aktivierung gerade zunimmt, wie er abgebaut werden kann oder ob man erst einmal damit leben muss und hoffen, dass nur mittelmäßige Demagogen davon profitieren.

Der Zulauf der Autoritären kommt aus allen politischen Lagern, die Zerreißprobe spielt sich im konservativen Spektrum ab. Der Artikel rechnet damit, dass sich die republikanische Partei in einen autoritären und einen moderaten Flügel spalten könnte, bei uns etabliert sich die AfD rechts der Unionsparteien und im kirchlichen Spektrum stehen moderat Konservative vor der Frage, wie sie sich zwischen eher liberalen Christen zur Linken und den zunehmend kompromisslosen Fundamentalisten zur Rechten positionieren sollen. Auf welcher Seite wer am Ende steht, das könnte an der Antwort auf die vier Fragen oben ablesbar sein.

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Parker Palmer zitiert in "Let Your Life Speak" aus einer Rede von Václav Havel vor dem US-Kongress. Dort setzt sich Havel mit dem marxistischen Credo auseinander, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Palmer merkt an, dass der Kapitalismus genauso materialistisch denkt: Es gilt nur das, was man zählen oder messen kann. Der Mensch wird primär als Kostenfaktor wahrgenommen, die Welt von ökonomischen Zwängen beherrscht. Parker hält dem entgegen:

 …die große Einsicht unserer spirituellen Traditionen ist, dass wir – vor allem jene von uns, die politische Freiheit und relativen Wohlstand genießen – keine Opfer der Gesellschaft sind; wir haben sie mit erschaffen. Wir leben in und durch eine komplexe Wechselwirkung von Geist und Materie, der Kräfte in unserem Inneren und der Dinge „da draußen“ in der Welt. Die äußere Wirklichkeit wirkt nicht wie eine letztgültige Beschränkung auf uns; wenn wir, die wir privilegiert sind, Beschränkung erleben, dann deshalb, weil wir an unserer eigenen Gefangenschaft mitwirken.

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Für meine Predigt gestern über die Weisheit Gottes habe ich bei David Bentley Hart nachgelesen. In The Experience of God rehablilitiert er das antike und mittelalterliche Weltbild gegen moderne Polemik und Arroganz. Vor allem aber erklärt er dessen Reichtum.

Seit Aristoteles und Ptolemäus stellte man sich die Welt so vor, dass die Erde den Mittelpunkt bildete, um den herum sich die Sphären des Himmels drehten. Jeder der sieben Planeten – der beweglichen Himmelskörper (Mond, Merkur, Venus, Sonne, Jupiter und Saturn) – saß auf einer dieser Sphären, jenseits davon war die Masse der Fixsterne am Firmament. Und alles war umschlossen von Gott, der im letzten, unvergänglichen Lichthimmel, dem Empyrium, wohnte.

Gott in seiner grenzenlosen Schönheit und seinem Glanz übte eine solche Anziehungskraft auf seine Schöpfung aus, dass sie in ständiger Bewegung auf ihn hin war:

Dieser Kosmos war eine gleichermaßen wissenschaftliche wie metaphysische Annahme, aber auch ein Gegenstand phantasievoller Schönheit, voller Höhen und Tiefen und Feinheiten, Glanz und Erhabenheit und Zartheit; sein Bild des immerwährenden Tanzes der Gestirne, bewegt von einer Urkraft der Liebe, die alles zum Göttlichen hin zieht, hätte in ihrer Poesie kaum anmutiger sein können. Sie war voller Licht – tatsächlich, in diesem Schema gab es keine natürliche Dunkelheit in den Himmeln, weil das Leuchten des Empyriums alle Sphären durchdrang; (S. 52)

Das heliozentrische Weltbild war für viele nicht etwa deshalb so schwer anzunehmen, weil die Erde und der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt standen, schreibt Hart. Im alten Weltbild standen die Menschen auf der niedrigsten Stufe der Vollkommenheit und Unveränderlichkeit – alles war im Wandel, nichts hatte Bestand. Viel irritierender war jedoch die Vorstellung, dass der Wandel, die Unordnung und die Instabilität auch in den höheren Sphären herrschte und die kosmische Harmonie störte, und dass hier wie dort nur noch mechanische Ursachen eine materialistische Wirklichkeit beherrschten, während zuvor Transzendenz und Immanenz, materielle und spirituelle Kräfte sich gegenseitig durchdrangen und miteinander verwoben waren. Die alte Welt war eine organische, integrale Welt, die neue Welt eine Maschine, eine Apparatur, ein Mechanismus. Und sie brachte im Laufe der Zeit ihre eigene Metaphysik hervor und schuf ihre eigenen Probleme, etwa durch die vollständige Entkopplung von Kausalität und Sinn.

Heute sind wir dabei, vieles wieder zurückzugewinnen, wenn wir Leben als ein komplexes Geflecht von Beziehungen verstehen, die Welt mit ihren Gleichgewichten und Wechselwirkungen als ein organisches System, Geist und Materie nicht als völlig getrennte Sphären, Gott als das innere Geheimnis der Welt, seine Transzendenz als ihre Tiefendimension, die von innen heraus wirkt und nicht von „oben" herunter. Dann rückt vielleicht auch das wieder in greifbare Nähe, was Hart als die Konsequenz des alten Weltbildes für menschliches Denken und Erkennen beschreibt:

„Irgendetwas zu kennen heißt schon, wie blass und unvollkommen auch immer, das Wirken Gottes zu kennen, in jedem Gegenstand und in uns selbst: ein einziges Geschehen, im Zusammenklang und der Einheit zweier Pole, der eine „objektiv“ und der andere „subjektiv“, aber letztlich nicht zu trennen.“

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Letzte Woche diskutierte ich mit einer Gruppe über einen Gedanken aus Parker Palmers ebenso kleinen wie klugen Buch Let Your Life Speak. Es ging um Gottesbilder und die Frage, wie diese sich auf unsere Lebenseinstellung auswirken. Palmer kontrastiert das Bild des Schulmeisters, der uns anhand seines moralischen Maßstabs bewertet und uns immer mit dem konfrontiert, was sein sollte (und oft nicht oder noch nicht ist), mit dem „Ich bin der ich bin“, dem Gott, der im Herzen und Grund aller Wirklichkeit wohnt und uns für das öffnet, was ist. Und dafür, wer wir sind.

Ich hatte mich etwas schwammig ausgedrückt, und dann brachte es jemand aus der Gruppe schön auf den Punkt: Dieser Gott bewertet mich überhaupt nicht. Und mir fiel sofort das Verbot des Richtens in der Bergpredigt ein und Paulus, der in 1Kor 4,3 seinen Kritikern schreibt, dass er sich nicht einmal selbst beurteilt.

Natürlich kam die Rückfrage, wie dann die vielen Aussagen über ein göttliches Gericht und Urteil in der Bibel zu verstehen seien. So weit ich das sehe, geht es in den biblischen Aussagen über das Gericht darum, wie wir unserer Verantwortung für andere Menschen gerecht werden. Wir werden das nicht immer und wir müssen an diese Verantwortung erinnert werden.

Aber das ist etwas anderes als jenes Bewerten der Person, das für die meisten in dem Bild des Schulmeisters mitschwingt. Es geht um konkrete Menschen und praktische Situationen, nicht um abstrakte und absolute moralische Prinzipien. Ich werde meiner Verantwortung nur gerecht als der, der ich bin – innerhalb jener Grenzen, die die Kehrseite meiner Stärken und Fähigkeiten sind, Und es geht aus biblischer Sicht darum, anderen Barmherzigkeit zu erweisen. Das ist leichter, wenn mir nicht dieser unbarmherzige, fordernde und perfektionistische Schulmeister im Hinterkopf herumspukt.

Der Gott, der mich mit meinen Begrenzungen liebt, lässt mich barmherzig sein mit mir selbst – und auf diesem (Um-)Weg auch mit anderen. Es ist gerade der Verzicht auf Bewertungen, der zur Liebe befreit. Denn überall, wo wir lieben und geliebt werden, spielen Bewertungen nach Leistung, Erfolg und anderen Maßstäben, die außerhalb der geliebten Person und dem Liebesverhältnis liegen, keine Rolle mehr.

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Der Gnadauer Gemeinschaftsverband hat kürzlich eine Erklärung zum konfliktbeladenen Thema des Umgangs mit Homosexualität veröffentlicht. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Kompromisstext herausgekommen, der allen Seiten (außer vielleicht den Unentschlossenen) einiges zumutet.

Die einen dürften enttäuscht sein von der halbherzigen Ankündigung, man wolle mit Homosexuellen in den Gemeinschaften liebevoller umgehen, ihnen aber keine Leitungsaufgaben anvertrauen, weil dies der Schriftauslegung der Mehrheit nicht entspreche. Kann ich gut verstehen, denn der Vorbehalt trifft dann ja doch wieder alle, ob sie nun ein Amt anstreben oder nicht.

Die anderen dürften besorgt sein, dass von Verbandsseite (erstmals, wenn ich das richtig sehe) offen und öffentlich gesagt wird, dass es eine abweichende Minderheitsmeinung gibt und dass diese Minderheit nicht sofort als geistlich und theologisch defizitär qualifiziert wird, wie es das Netzwerk Bibel und Bekenntnis fordert. Vielmehr räumt die Mehrheit ein, auch sie könnte sich womöglich irren.

Es ist der typische Kompromiss, der die Einheit und damit den Fortbestand der Organisation ermöglicht, indem er eine Spannung ungelöst stehen lässt. Es ist sicher mehr Kirchenpolitik als Theologie. Theologisch kann keines der beiden Lager das andere von seiner Auffassung überzeugen, und die Gründe dafür dürften im Glaubens- und Schriftverständnis liegen. Die einen hängen stärker am biblizistischen (und gelegentlich auch antiliberalen) Erbe des Neupietismus, die anderen wünschen sich mehr Offenheit für eine Welt, die sich verändert hat und immer weiter verändert, und die sich wundert, worüber die Frommen da streiten.

Der entscheidende Punkt dieser Erklärung ist für mich der: Sie öffnet die Tür, um über ein Tabuthema offen und öffentlich zu reden. Und zwar kontrovers. Man darf jetzt sagen, dass man anderer Meinung ist, ohne dass einem die Treue zum christlichen Glauben insgesamt und zur konkreten Gemeinschaft im Besonderen deswegen abgesprochen wird. Diese Möglichkeit sollten möglichst viele Gemeinschaften nutzen. Vielleicht kann der Verband sogar Hilfestellungen dazu erarbeiten oder Moderator*innen bereitstellen. Dann wird sich vielleicht herausstellen, dass die Psychologie eine ebenso große Rolle spielt wie die Theologie, dass neben der Hermeneutik auch Ängste und Aversionen ein Thema sind, über das geredet werden muss.

Und wer weiß, vielleicht könnten sich ja gerade im ehrlichen Gespräch über diese unscharfen und subjektiven Aspekte so viel Verständnis und verbindende Gemeinsamkeiten offenbaren, dass man die einheitliche theologische Position als verbindende Klammer, die den Zusammenhalt sichert (denn das ist ja vielfach die Funktion), gar nicht mehr braucht?

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Es war ein grauer, kalter Nachmittag an der Hackerbrücke. Auf dem Bussteig Nr. 18 standen sie, klein und eng zusammen, neben den vier schweren Koffern und ein paar Taschen Handgepäck, die ihre sämtlichen Habseligkeiten enthielten. Bis der Bus nach Skopje fuhr, hatten sie noch sechs Stunden auszuharren, um dann 22 Stunden im Bus zu sitzen. „Müssen immer Gott vertrauen“, diesen Satz wiederholten sie oft und neben der Hoffnung schwang auch ein gewisser Fatalismus mit. Sie lächelten und bedankten sich zum Abschied, trugen mir Grüße auf an Familien und Freunde, aber die Verzweiflung stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Sie hatte sich über Wochen hinweg eingegraben. Familie M. war im Herbst aus Mazedonien gekommen. Vor ein paar Wochen dann machte die Nachricht die Runde, dass Bekannte mitten in der Nacht und ohne jegliche Vorwarnung von Polizisten aus dem Schlaf gerissen und abgeschoben wurden, ohne sich von irgendjemandem verabschieden zu können. Florian Neumann vom ZDF bezeichnete das jüngst als Rückführung-Roulette. Verängstigt und eingeschüchtert haben sie dann auch sofort unterschrieben, dass sie unverzüglich und freiwillig ausreisen, als klar wurde, dass ihr Asylantrag abgelehnt wird. Ich glaube, das hat sogar die Sachbearbeiterin beim Ausländeramt überrascht. Und selbst dann schliefen die beiden Söhne lieber bei Freunden und Bekannten, um nicht doch noch plötzlich verhaftet zu werden.

Und viele von uns, die von ihren Sorgen und Ängsten wussten, schliefen auch schlecht.

In der Familie M. sprechen inzwischen alle genug Deutsch, um in Alltagsdingen zurecht zu kommen, ihre Muttersprache ist Türkisch, der Vater kann auch Albanisch und Serbokroatisch (sagt man das heute noch?). Einer der beiden Söhne ist kleinwüchsig und die mazedonische Gesellschaft ist im Umgang mit Handicaps aller Art im Vergleich zu uns noch ein paar Generationen zurück, dort ist er ein Außenseiter ohne Perspektive. Hier hatte er einen Ausbildungsvertrag in Aussicht, der ihm eine menschenwürdige Existenz ermöglicht hätte, und seine Mutter hätte die psychotherapeutische Behandlung fortsetzen können, die sie eigentlich dringend braucht, um emotional wieder richtig auf die Beine zu kommen.

In Mazedonien stehen sie erst einmal vor dem Nichts. Das Haus der Familie ist unbewohnbar, es gibt in der Region, aus der sie stammen, kaum Arbeit – die Arbeitslosenquote für das gesamte Land lag 2014 bei 34%, bei Jugendlichen ist sie deutlich höher, und nachdem Griechenland als der größte Investor geführt wird, dürfte sich daran in den letzten anderthalb Jahren wenig verbessert haben.

Auf Zeit Online habe ich diese Woche „Aleks ist weg“ gelesen. Es geht um eine Roma-Familie die in Ostfriesland als Vorzeige-Beispiel für Integration galt und dennoch abgeschoben wurde. Die Autorin schreibt:

Politiker reden dieser Tage viel von Abschiebungen: Menschen ohne Bleibeperspektive sollen Platz machen für Kriegsflüchtlinge. Über die, die das betrifft, reden alle immer weniger. Denn der Druck von rechts, die Flüchtlingszahlen zu begrenzen, steigt. Und eine Diskussion über eine Obergrenze lässt keinen Platz für Einzelschicksale.

Und ein Helfer aus Ditzum sagt: "Menschlich ist das nicht in Ordnung“. Zu derselben frustrierenden Schlussfolgerung kommt eine Frau aus dem hiesigen Helferkreis: Auch wenn das alles legal ist, ist es kein Ruhmesblatt für unsere Gesellschaft. Und ich denke mir: Wenn wir die einzelnen Schicksale und Potenziale von Menschen nicht mehr sehen (egal ob In- oder Ausländer!), dann verspielen wir etwas Wesentliches unserer Kultur, nämlich die Wertschätzung des Individuums.

Während ich das schreibe, dürfte sich der Bus schon irgendwo in Serbien befinden. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie vielen der Mitreisenden in diesem Bus genauso elend zu Mute ist.

Nachtrag: Wer möchte, kann diese Petition zur Aufhebung der "Balkanlager" in Bayern unterzeichnen, die dasselbe Anliegen verfolgt, nämlich die Einzelschicksale ernsthaft zu prüfen.

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Es kommt wohl eher selten vor, dass ein Schüler mehr graue Haare hat als sein Mentor. In meinem Fall wird das so sein. Viele wissen es schon, dass ich ab dem ersten März bayerischer Vikar werde. Ich freue mich auf die Kirchengemeinde St. Leonhard-Schweinau im Westen von Nürnberg und auf Pfr. Dr. Gunnar Sinn, den ich vor einigen Wochen schon kurz kennengelernt habe. Zwischendurch werde ich immer wieder mal ein oder zwei Wochen im Predigerseminar in Nürnberg zubringen und vermutlich sind manche der Vikarskolleg*innen dort nicht wesentlich älter als meine Tochter. Aber es ist ja auch ein seltener Luxus, in dieser Lebensphase noch einmal alle wichtigen Fragen zu durchdenken, alte Kenntnisse aufzufrischen und professionelles Feedback zu bekommen. Schweinau ist ein Stadtteil, der mit seiner Sozialstruktur in vieler Hinsicht ein Kontrastprogramm zu Erlangen darstellt, da gibt es für mich eine Menge zu lernen und zu entdecken. Und während viele erst das Pflichtprogramm und dann die „Sonderformen" von Gemeinde und Gottesdienst entdecken, läuft es bei mir nun eben umgekehrt. Mit vier Kindern in Studium und Berufsausbildung ist das kein ganz kleines Abenteuer.

Im Freundes- und Bekanntenkreis hat die Nachricht viel Zustimmung und positive Resonanz ausgelöst, aber auch ein paar nachdenkliche Fragen dazu, warum ich das mache und wie der Schritt zu deuten ist. Fangen wir doch beim Offensichtlichen an: Bei ELIA laufen die Dinge gut, das die Pionierphase liegt im 24. Jahr schon eine Weile hinter uns, und es hängt weniger an meiner Person, als manche(r) vielleicht vermutet. Dass es uns allen über 20 Jahre gelungen ist, ohne Zank oder Entfremdung gemeinsam älter zu werden, empfinde ich als ein echtes Wunder. Es gibt auch im Augenblick keine Konflikte, die über jene produktive Grundspannung hinausgehen, die bei so vielen Charakterköpfen und einer derart bunten Mischung an Prägungen und Frömmigkeitsstilen normal sind. Ein guter Zeitpunkt, um mich etwas zurückzunehmen, ohne ganz auszusteigen. Wir wohnen weiter in Erlangen, ich werde auch während des Vikariats regelmäßig bei ELIA predigen und andere Aufgaben übernehmen.

Vor 25 Jahren war ich schon einmal an diesem Punkt: Ich hatte eine Vikariatsstelle in Hof zugewiesen bekommen und die dann abgesagt, um mein Promotionsstudium anzupacken. Während dieser Zeit entstand dann ELIA, ohne dass ich das so geplant hatte, und ich stellte fest, dass mir die flexiblen Strukturen und die Spielräume zum Experimentieren sehr liegen. In einer solchen Gründungsphase kann man aber nicht nach zwei oder drei Jahren aussteigen, also lag die weitere kirchliche Laufbahn für unbestimmte Zeit auf Eis (der Computer im Landeskirchenamt führte mich als „Abbrecher“, aber so fühlte sich das von meiner Seite aus nicht an). Die Entscheidung für die Promotion und die Gemeingründung war nie eine Entscheidung gegen die Landeskirche (ebensowenig ist diese Entscheidung jetzt für das späte Vikariat eine Entscheidung gegen dies oder jenes – oder eben nur in dem Sinn, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann, was gut und sinnvoll ist).

In den letzten Jahren entwickelte sich dieses Verhältnis sehr konstruktiv. Ich bekam eine Prädikantenbeauftragung, arbeitete in verschiedenen kirchlichen Arbeitsgruppen mit, nahm an Tagungen und Konferenzen teil, der Landesbischof besuchte die Gemeinde. Meine theologische Sprache und die Themen, mit denen ich mich beschäftige, haben sich in den letzten zehn Jahren noch einmal so kräftig wie konsequent weiterentwickelt. Ebenso die Spiritualität: Ich habe einen sehr positiven Zugang zu Liturgie gefunden. Insofern ist das Vikariat nun ein weiterer, logischer Schritt auf einem Weg der Konvergenz. Und wie die nächste Etappe dann in zweieinhalb Jahren aussieht, ist noch völlig offen. Aber bei allen Verantwortlichen, mit denen ich in den letzten Monaten über diese Entscheidung gesprochen habe, war der Wunsch spürbar, nach dem Vikariat auch einen Platz zu finden, an dem die Erfahrungen, die ich schon mitbringe, sinnvoll zur Geltung kommen können.

In den letzten Monaten habe ich, nicht immer ganz leichten Herzens, so viele Einladungen zu Kursen, Tagungen und Kongressen abgesagt wie noch nie, und mich aus verschiedenen Kreisen und Gremien ausgeklinkt, um Platz für das Neue zu schaffen. Wie viel Zeit mir zum Bloggen bleibt beim Pendeln ich die große Nachbarstadt und wie sich meine Themen und Perspektiven verschieben bei allem, was da neu auf mich zukommt und meine Aufmerksamkeit beansprucht, kann ich noch nicht abschätzen.

Erst einmal wird es bestimmt etwas ruhiger hier.

Es hat eben alles seine Zeit.

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Unsere Welt wird gerade an vielen Stellen immer unbarmherziger, wie diese Nachricht von Übergriffen gegen Muslime in Frankreich oder diese Nachricht vom immer weiter fortschreitenden Rechtsruck der Atommacht Israel zeigen, um nur zwei Themen zu nennen, die im Lärm dieser Tage praktisch untergegangen sind. Carolin Ecke hat es in der SZ so formuliert:

An manchen Tagen schnürt einem der Kummer und die Not (ob in der Ferne oder ganz nah) die Kehle zu. Man merkt es daran, dass man abends spät, vorm Ins-Bett- gehen, zögert, Nachrichten zu hören oder in die Post zu schauen, als ob sich so wenigstens die Nacht schützen ließe vor dem Zuviel. Als könnte man sich so wappnen gegen die Bilder aus Aleppo oder die Meldungen von neuen Anschlägen auf Flüchtlingsheime oder einem weiteren tiefen Unglück, das zu betrauern wäre.

Ich musste beim Lesen an diesen TED-Talk von Matthieu Ricard denken. Meditation ist für ihn keineswegs eine Flucht vor der Herausforderung, diese Welt durch mehr Mitmenschlichkeit umzugestalten, sondern der beste Weg dorthin – und der beste Weg hinaus aus einer Überflutung, die in Panik, in Apathie oder blinder Aggression endet. Und seinen Schlussfolgerungen über eine altruistische Revolution würden die meisten christlichen Theologen, die ich kenne, vermutlich zustimmen.

 

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Falls sich mal jemand fragt, ob und warum es sich lohnen könnte, einen guten Konfirmandenunterricht zu machen und dabei auch jene theologischen Komplexitäten nicht auszusparen, die einem selbst etwas abverlangen, dann könnte dieses Zitat von C.G. Jung über den Unterricht bei seinem Vater ein Ansporn sein, es besser zu machen - man weiß ja nie, was aus einem gelanweilten Teenager noch wird:

Der Katechismus langweilte mich unaussprechlich. Ich blätterte einmal in dem kleinen Büchlein, um irgend etwas Interessantes zu finden und mein Blick fiel auf den Paragrafen über die Dreieinigkeit. Das interessierte mich und ich erwartete mit Ungeduld, bis der Unterricht zu jenem Abschnitt vorrückte. Als nun die ersehnte Stunde kam, sagte mein Vater: "Diesen Abschnitt wollen wir überschlagen, ich begreife selber nichts davon". Damit war meine letzte Hoffnung begraben. Ich bewunderte zwar die Ehrlichkeit meines Vaters, was mir aber über die Tatsache nicht hinweg half, dass von da an alles religiöse Gerede mich tödlich langweilte.

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