Einige haben heute darüber gepredigt, andere haben zugehört. Falls Ihr (und alle anderen) noch mögt, hier meine Predigt aus St. Leonhard heute morgen - vielleicht ist ein inspirierender Gedanke dabei.

Liebe – Liebe hat so gut wie immer Konjunktur. Zumindest wird pausenlos von ihr geredet. Ganz besonders gern tut es die Werbung:

  • „Wir lieben Bayern, wir lieben die Hits“, flötet die Radiomoderatorin eines Privatsenders.
  • „Wir lieben Lebensmittel“, beteuert eine Supermarktkette (noch lieber verkauft man sie aber)
  • „Echte Liebe“ tönt die Marketingabteilung eines börsennotierten Fußballvereins
  • Und unsere Stars „lieben“ natürlich ihre Fans, denen sie ihren Ruhm und Reichtum verdanken.

Wenn von Liebe die Rede ist, dann meistens deshalb, weil uns jemand etwas verkaufen will. Irgendwann hören wir uns dann selber Sätze sagen wie „Ich liebe Himbeereis“. Spätestens da stellt sich die Frage: „Ist die Liebe noch zu retten?“

Man müsste ein neues Wort erfinden können, um Liebe von diesen Missverständlichkeiten zu befreien: Als ob es da nur um ein unwiderstehliches Produkt ginge oder eine besonders attraktive Person, einen besonderen Reiz, der meinen Appetit weckt und mich dazu bringt, einen Gegenstand oder ein Erlebnis unbedingt haben zu wollen.

Genau das haben die ersten Christen getan: Sie fanden ein neues Wort für die Liebe. Liebe, die nicht darin besteht, im Anderen mein eigenes Spiegelbild zu erkennen und nicht darin, dass sinnliche Reize meinen Pulsschlag beschleunigen und den Hormonhaushalt in Schwung bringen. Diese „Ich brauch dich“-Liebe ist flüchtig, oberflächlich und passiv: Etwas triggert mich von außen und ich reagiere darauf aus einem inneren Mangel. Entfällt der Reiz, ist auch die „Liebe“ am Ende.

***

Johannes war der Meinung: Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh 4,16b-21)

Vierzehn Mal kommt das Wort Liebe/lieben in diesen neun Sätzen vor. Und alles gipfelt in der Feststellung: Gott ist die Liebe. Der Satz ist so einfach wie verblüffend. Denn die Götter der antiken Volksfrömmigkeit hatten ihre Günstlinge und ihre Affären, aber sie behandelten Menschen wie Spielfiguren. Der Gott der Philosophen hingegen war zwar ein faszinierendes Wesen, aber er selbst stand der Welt recht leidenschaftslos gegenüber.

Ganz anders der Gott der Christen: Er erschafft eine Welt und Menschen darin, die ihm von Anfang an Ärger machen. Aber Gott ist offenbar der Meinung „Ich bereue diese Liebe nicht“. Er sucht sich aus allen Völkern das unattraktivste aus – Israel. Er kommt in einer Krippe zu Welt, lebt im ärmeren Teil des Landes, teilt die Nöte und Sorgen einfacher Leute. Er lässt sich beschimpfen, schlagen und umbringen. Und statt die Menschen, die ihm all das antun, zu vernichten, vergibt er ihnen.

Martin Luther hat daraus den Schluss gezogen: Gottes Liebe findet das Liebenswerte nicht vor, sondern sie bringt es hervor ("Amor dei non invenit sed creat suum diligibile"). Auch wenn es oft eine schmerzhafte Geburt ist. Anders gesagt: Dass er mich liebt, liegt an ihm, nicht an mir. Und weil das so ist, wird es sich auch nicht ändern - egal, wie gut oder schlecht, dumm oder schlau, fair oder unfair ich mich verhalte. Paulus schreibt „sind wir untreu, so ist er doch treu, denn er kann sich nicht verleugnen“. In Jesus ist diese Liebe verbürgt, garantiert – mit Brief und Siegel. Wir haben keinen Anspruch darauf, haben sie uns nicht verdient, dafür können wir sie auch nicht verspielen.

Und genau deswegen müssen wir bei Gott anfangen, wenn wir die Liebe verstehen wollen: Gott ist unkaputtbare Liebe. Liebe ist nicht etwas, das Gott (wie manche Menschen) heute tut und morgen wieder lässt. Würde Gott aufhören zu lieben, dann würde er auch aufhören, Gott zu sein. Nach allem, was geschehen ist, als Gott in die Welt kam, ist ein liebloser Gott nicht mehr vorstellbar – das schreibt uns Johannes hinter die Ohren.

***

Wenn ich anfange, Gott so zu sehen, dann befreit mich das von meiner Furcht. Nicht unbedingt von der Furcht vor großen Höhen, vor Spinnen, vor Terror oder Katastrophen; aber von der Furcht, dass der eine, von dessen Wohlwollen mein Leben und Glück abhängt, mir gegenüber launisch oder gleichgültig sein könnte; dass er sich von mir abwendet, wenn ich ihn vor den Kopf stoße; dass er mich bestraft, wenn ich seinen Erwartungen nicht entspreche.

Der Dirigent Ben Zander vom Boston Philharmonic Orchestra sollte am Konservatorium unterrichten. Statt mit schlechten Noten zu drohen, verkündete er in der ersten Stunde, jeder Studierende werde eine Eins bekommen. Die einzige Bedingung dafür war, dass ihm jeder zu Kursbeginn schreiben sollte, was für ein Mensch er am Ende des Kurses sein möchte. Von da ab waren alle angstfrei bei der Sache und Zander stellte fest, dass er mit den Menschen arbeitete, die in den Briefen beschrieben waren. Er stellte keine Erwartung auf, der sie zu entsprechen hatten. Stattdessen gab er ihnen den Raum zu entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen steckten.

Die Liebe Gottes schafft ein Klima, in dem sich das Liebenswerte in uns Menschen hervorwagt und gedeihen kann. Ein Klima, in dem niemand fürchten muss, dass er bedroht, bloßgestellt oder beurteilt wird. Wir alle wissen, dass wir unter Angst und Druck mehr Fehler machen. Und dass wir, wenn Strafe droht, diese Fehler auch noch verleugnen und vertuschen, und damit immer noch mehr Unheil anrichten.

Freilich, Gott rettet uns nicht immer vor den Folgen unseres eigenen Tuns. Aber indem er auf Drohungen und Forderungen verzichtet, schenkt er uns genau diesen angstfreien Raum, in dem wir radikal ehrlich sein können vor uns selbst und anderen. Und mit dieser Ehrlichkeit vor mir selbst beginnt jede positive Veränderung. Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen. Wen sie erfasst, der verliert seine Furcht. Und mit der Furcht vor Gottes Strafe und Zorn schwinden allmählich auch die anderen Ängste: Angst vor der Ablehnung anderer Menschen, Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor den vielen Gefahren und Risiken, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind. Denn selbst wenn uns schlimme Dinge zustoßen – sie trennen uns nicht von der Liebe Gottes in Christus.

„Furcht ist nicht in der Liebe“ – Eine Braut war vor ihrer Hochzeit schrecklich nervös und unsicher. Ihre Freundinnen wollten sie mit diesem Bibelwort trösten. Doch statt (wie es richtig gewesen wäre) 1. Johannes 4,18 auf die Karte zu schreiben, schrieben Sie nur Johannes 4,18. Die Adressatin schlug ihre Bibel auf und las zu ihrer Verblüffung: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

***

Nicht vom Mann, aber vom „Bruder“ schreibt Johannes gegen Ende: Unsere Aufgabe ist es, „in der Liebe zu bleiben“. Sie ist uns geschenkt, aber dieses Geschenk muss man kultivieren. Behalten wir sie für uns, geht sie kaputt. Die Frage, ob ich noch in der Liebe bin oder nicht, lässt sich ganz einfach beantworten. Jesus hat im Gleichnis vom armen Lazarus dieselbe Schlussfolgerung gezogen: Das Verhältnis zu meinen Mitmenschen ist das entscheidende Kriterium dafür, wie es um mein Verhältnis zu Gott bestellt ist. Wer gegenüber dem Armen dicht macht, macht auch Gott gegenüber dicht. Er sperrt die Liebe selbst aus.

Brüder – Geschwister – kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Dafür bleiben sie – anders als manche Freunde – auch ein Leben lang Geschwister. Familien sind Schicksalsgemeinschaften. Die ersten Christen waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, aus allen möglichen Ecken des römischen Weltreichs, das ähnlich groß und vielfältig wie die heutige EU war. Auch die Kirche war eine Schicksalsgemeinschaft. Einheit und Harmonie mussten immer wieder ausgehandelt und erkämpft werden. Und in letzter Zeit hat Papst Franziskus wiederholt davon gesprochen, dass auch Muslime und Christen "Brüder" sind. Bruderliebe ist also keine "Nächstenliebe light", die nur für Gleichgesinnte gilt.

In der Liebe zu bleiben heißt, sie zu verschenken. So etwas geht nur, wenn ich lerne, mich freiwillig zurückzunehmen. Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb diese Haltung so:

Liebe bedeutet, sich so sehen zu lernen
wie man Dinge aus der Ferne sieht.
Denn du bist nur ein Ding unter anderen
und wer so sieht, heilt sein Herz
ohne es zu wissen, von allerlei Krankheiten.
Ein Vogel und ein Baum nennen ihn „Freund“

Ich bin geliebt, so wie ich bin. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle anderen Geschöpfe. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Diese heilsame Erkenntnis, dass Gottes Liebe genauso auch allen anderen gilt, verändert den Blick. Der reiche Mann hielt seinen Reichtum für eine Errungenschaft, die er verteidigen musste. Und sich selbst für etwas besseres. Heute würde er die Tür versperren, Elektrozäune bauen, Videokameras installieren und Sicherheitspersonal patrouillieren lassen, um Lazarus nicht zu Gesicht zu bekommen. Denn dass Gott diesen kranken Typen liebt – ihn wegen seines harten Lebens erst recht liebt – kam ihm gar nicht in den Sinn. Gott aber schenkt dem Unansehnlichen Ansehen, sagt Jesus.

Wenn Gott mir trotz meiner Unansehnlichkeit sein Ansehen schenkt, dann kann ich offen, frei und mutig aus der Wäsche schauen.

Gottes Liebe, die das Liebenswerte nicht schon vorfindet, sondern es hervorbringt, beteiligt mich an dieser Heilung und Verwandlung der Welt. Der unansehnliche Lazarus hat heute viele Gesichter: Arme, chronisch Kranke, Einsame, Verlierer, Chancenlose, Entwurzelte. Aus jedem von ihnen blickt mich Christus an und fragt: Siehst Du mich?

Und wenn ich diesem Blick nicht ausweiche, sehe ich in dem anderen auch mich selbst: Unsicher, bedürftig, verletzlich und zugleich voller Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind.

Die Liebe muss nicht gerettet werden. In solchen Begegnungen rettet sie uns.

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Der Rechtsruck in Europa beschäftigt die Kommentatoren. Und tatsächlich muss es jeden vernünftig denkenden und geschichtsbewussten Bürger unruhig werden lassen, wenn im Westen Farrage und Le Pen behaupten, alles Unheil komme aus Brüssel, wenn im Osten Orban und die PiS-Partei repressive Mittel gegen Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen und wenn jenseits der Grenzen der EU in Russland und der Türkei das politische System immer autoritärer wird. Ganz zu schweigen von der FPÖ, der AfD, Pegida und dem Hass derer, die bei uns (ähnlich wie Trump-Anhänger in den USA) den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Absturz fürchten und einen Prügelknaben brauchen – manchmal "nur“ verbal, immer öfter aber ganz handgreiflich. Fortschritt, Liberalisierung und Menschenrechte sind weder Automatismen, noch sind sie unumkehrbar.

Stop Hatin! by Francis Storr, on Flickr
"Stop Hatin!" (CC BY-SA 2.0) by Francis Storr

Die Ursache für diese rasante Eintrübung des gesellschaftlichen Klimas kann man bei den etablierten Parteien suchen, beim globalen Finanzkapitalismus, in vernachlässigten Bildungsystemen, der Empörungsdynamik sozialer Medien, der Entsolidarisierung des Konsumzeitalters. Und man wird vermutlich überall fündig. Ob die Entdeckungen – einzeln oder im Aggregat – das Phänomen hinreichend ausleuchten und Wege zur Bekämpfung der Problematik von Hetze und Angst liefern werden, ist noch die Frage. Historische Parallelen zu rassistischen Denkmustern und Weltbildern, zu Begriffen wie „Lügenpresse“, zur Dämonisierung ethnischer und religiöser Minderheiten und zur Psychologie der NS-Propaganda können vielleicht jene Teile der Gesellschaft sensibilisieren, die in größeren Zusammenhängen denken und Komplexität nicht als Zumutung oder Verschwörung begreifen.

Es waren die rechten Dikaturen in Lateinamerika und die Apartheid in Südafrika, in deren Kontext Walter Wink das Thema der Mächte und Gewalten aufgriff und daraus nicht nur eine Praxis des gewaltfreien Widerstands ableitete, sondern auch eine klare Verhältnisbestimmung von Kirche und politischer Macht (oder besser: Ohnmacht). Mit dem (wie Ludwig Greven in der Zeit schreibt) globalen "Trash-Faschismus“ und seiner "Lizenz zum Hassen“, mit dem rasanten Anstieg rechter Gewalt rücken vergleichbare Verhältnisse auch bei uns deutlich näher.

Winks Theologie der Mächte kann beim Kampf für Frieden, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eine wichtige Seh- und Lebenshilfe sein. Sie sensibilisiert uns für die spirituelle Dimension dieser Ereignisse. Konkret könnte das Folgendes bedeuten:

  • Nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch bei sozialen Systemen (Staat, Gesellschaft, Institutionen, Konzernen) besteht immer die Gefahr einer Regression in einen parasitären Modus der Existenz (das Eigene auf Kosten des Ganzen) und eine sich ins wahnhafte steigernde Identität, die mythische Verklärung der eigenen Wurzeln, ethnisch-kulturelle Überlegenheits- und Reinheitsphantasien, das Opfern von Sündenböcken – alles, was einen Götzenkult eben so ausmacht. Jedes soziale System kann auf dieses destruktive Verhaltensmuster umschalten (Wink: „The Powers have fallen.“). Diese Muster sind nicht systemfremd, sondern latent vorhanden.
  • Dieses Umschalten ist keine zwangsläufige Sache, es liegt ihm kein sturer Automatismus zugrunde, es kann sich aber sehr wohl so weit verfestigen, dass es kurz- und mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Das deutet sich in den biblischen Passagen an, wo von „Verstocktheit“ die Rede ist. Auf den anderen Seite gibt es aber auch keinen gesellschaftlichen Reifezustand, der endgültig immun wäre gegen die autoritäre Verführung.
  • In der Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen besteht nicht nur die Gefahr der Resignation und des Ausweichens vor der Konfrontation, sondern auch die spiegelbildliche Erwiderung von Hass, Aggression und Verachtung. Davon profitieren die Rechten in aller Regel, weil sie sich am liebsten als Opfer inszenieren, um dann den Mythos der erlösenden Gewalt zu beschwören, die groteskerweise als „Notwehr“ ausgegeben wird. Und Autokraten nutzen sie als Vorwand für Repressionen aller Art, indem sie die Terror-Karte spielen und das Recht aushebeln.
  • Ein Kampf ist sehr wohl nötig, aber anders zu führen. Es geht darum, das geistige Klima zu verändern. Für den einzelnen bedeutet das, immun zu werden gegen die Einschüchterungen und Versuchungen destruktiver Macht – paulinisch ausgedrückt hieße das, "den Mächten zu sterben“: Dem Hass, der Angst, den Vorurteilen, der Suche nach Sündenböcken, der Sehnsucht nach „starken“ Führern. Dieses „Sterben" schließt auch die Bereitschaft zum Leiden ein. Gewaltfreiheit erfordert mehr, nicht weniger Mut als der bewaffnete Kampf
  • Dazu brauchen wir Basisgemeinschaften, die einen Freiraum zur Entgiftung bieten, in denen Identität anders verstanden und gelebt werden kann, in denen Ohnmachtsgefühle nicht durch Härte kompensiert werden und Energie nicht aus Hass gewonnen wird, sondern aus der lebendigen Gegenwirklichkeit von Gottes herrschaftsfreier Ordnung.
  • Für Täter und Mitläufer stellen solche Gemeinschaften (und nichts anderes sollte die Kirche sein…) sowohl ein Angebot zur Versöhnung und der Hoffnung dar (denn man kann aus dem System aussteigen, ohne ins Bodenlose zu fallen), als auch eine Erinnerung an das Gericht, denn niemand wird dann noch sagen können, es habe keine Alternative gegeben. Eine ähnlich katalytische Wirkung hatte Paulus wohl im Sinn, als er den Korinthern schrieb: "Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt.
  • Schließlich gehört hier noch das prophetische Element hinein: Die Klage über das Leid der Opfer von Hass, Hetze und Gewalt, die Kritik an den skrupellosen Führern und ihren wehleidigen Mitläufern, die Ankündigung des Zerfalls einer auf Unmenschlichkeit gegründeten „Ordnung“ (beziehungsweise einer Gesellschaft im Selbstzerstörungmodus), und die Hoffnung auf eine Erneuerung lebensfreundlicher Verhältnisse für alle.

Wink blieb immer Realist, und wir tun gut daran, uns ihm anzuschließen:

Wir haben nicht den Auftrag, einen neue Gesellschaft zu schaffen; wir sind ja kaum kompetent dazu. Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

… Wir "bauen das Reich Gottes" nicht, wie eine frühere Generation so gern sagte. Uns fehlt schlicht die Kraft, den Mächten eine Veränderung aufzuzwingen. Wir tun treu, was wir können, ohne Illusionen über unsere Aussichten auf direkte Einwirkung. Wir bereiten nur den Boden und säen; die Saat wächst von selbst, Tag und Nacht, bis zur Ernte (Mk 4,26-29). Und Gott – das ist unsere tiefste Überzeugung – wird die Ernte bringen.

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Ich habe mich heute an einen Brief von D.H. Lawrence aus dem Jahr 1924 (!!) erinnert, den Walter Wink vor über 20 Jahren in seiner Powers-Trilogie zitierte. Beim Nachlesen fand ich ihn bemerkenswert prophetisch. Lawrence reiste (wie ich diese Woche) vom Elsass über den Rhein in den Schwarzwald und bemerkt eine ganz andere, bedrückende Atmosphäre im Land:

Deutschland, dieses Stück Deutschland, ist ganz anders als vor zweieinhalb Jahren, als ich hier war. Damals war es noch offen für Europa. Damals schaute es noch nach Westen, nach einer Einigung, einer Art Versöhnung. Das ist nun vorbei. Die unvermeidliche, mysteriöse Barriere ist wieder gefallen, und der germanische Geist neigt sich wieder nach Osten, nach Russland, […] Die Positivität unserer Zivilisation ist gebrochen.

… Aber nachts spürt man, wie sich seltsame Dinge regen in der Dunkelheit, seltsame Gefühle regen sich aus diesem immer noch nicht eroberten Schwarzwald. Du spannst den Rücken an und lauschst der Nacht. Man spürt die Gefahr. Es sind nicht die Leute. Sie wirken nicht gefährlich. Ein Gefühl der Gefahr liegt in der Luft, ein eigenartiges, scheuerndes Gefühl unheimlicher Gefahr. Etwas ist geschehen. Etwas ist geschehen, was noch nicht eingetreten ist. Der alte Zauber der alten Welt ist gebrochen und der alte, widerborstige, rohe Geist macht sich bemerkbar. […] Das, scheint mir, ist schon geschehen. Und es ist ein Geschehen mit einer weit tiefgreifenderen Wirkung als jedes konkrete Ereignis. Es ist der Vater der nächsten Phase von Ereignissen.
… Nicht, dass die Menschen tatsächlich etwas planen oder sich verschwören und auf etwas vorbereiten würden. Ich glaube das nicht eine Minute lang. Aber der menschlichen Seele ist etwas zugestoßen, gegen das es keine Hilfe gibt.
… Und es sieht aus, als würden sich die Jahre rasch zurückdrehen, nicht mehr weiter. Wie eine gebrochene Feder, die rasch zurückschnappt, so scheint sich die Zeit mit rätselhafter Geschwindigkeit auf eine Art Tod hin zu wirbeln.
… Es ist ein Schicksal; niemand vermag es mehr zu ändern. Es ist Schicksal. Selbst das Blut ändert sich. Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich die Zusammensetzung des Blutes in den Venen Europas geändert. […] Gleichzeitig haben wir es über uns selbst gebracht – durch die Ruhrbesetzung, durch eine englische Untätigkeit und einen falschen deutschen Willen. Wir haben es selbst verursacht. Aber offenbar ließ es sich nicht abwenden.

Vielleicht waren Lawrences Zeitgenossen ja der Meinung, er höre das Gras wachsen. Man kann sich sicher auch viele kritische Gedanken zu seinem Geschichtsbild und den Klischees und Stereotypen darin machen (die betreffenden Passagen habe ich hier zum größten Teil ausgelassen). Auf jeden Fall muss man fragen, ob alles so unabwendbar war, wie Lawrence das empfand. Andererseits wissen wir, dass es solche Punkte gibt, an denen Bewegungen ins Unkontrollierbare kippen.

So oder so – die Tatsache, die schon Thomas Mann bewundert hatte, bleibt: Neun Jahre vor Hitlers Machtergreifung (1924 saß der noch in Landsberg ein) spürt Lawrence das Zerbrechen Europas und die Entfesselung einer gigantischen „Barbarei“ und kann es – poetisch, gewiss – in verständliche Worte fassen.

Heute, über 90 Jahre später, regen sich ähnliche Dinge. Der größte Unterschied zu damals ist vielleicht der, dass derzeit die Rechten in Ungarn und Frankreich, England und Österreich, Polen und den Niederlanden mindestens so stark sind wie die AfD. Ein Trost ist das freilich ganz und gar nicht. Lawrence hat das als eine „Rückkehr“ beschrieben, und so erleben wir das momentan ja auch. In letzter Zeit war Brechts berühmtes „der Schoß ist fruchtbar noch“ immer wieder zu lesen. Nur ist der Backlash heute eben nicht mehr auf Deutschland begrenzt. Die neue Barbarei droht überall. Kein Fortschritt ist unumkehrbar.

Welche Hoffnung haben wir dem entgegenzusetzen? Sind unsere westeuropäischen Demokratien (anders vielleicht als die eine oder andere osteuropäische) gefestigt genug, um sich in dieser zunehmend vergifteten Atmosphäre zu behaupten? Sein Brief enthält keine Anleitung, was zu tun wäre. Aber eine wichtige Einsicht über die Kultur Europas: Sie entstand aus der Mischung und Vermengung („fusion“) von germanischer und romanischer Bevölkerung, und es ist gerade die Vielfalt, die den Reichtum und die Größe ausmacht. Heute müssten wir auch das weiter fassen und die orientalischen Kulturen einbeziehen. Der Umkehrschluss lautet: Wer sich von diesem Zusammenfluss abwendet, wer das Andersartige fürchtet, dämonisiert und verachtet, der gerät in den Sog des Strudels roher, destruktiver Macht.

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Sehr wahrscheinlich war ich nicht der einzige, der sich in den letzten Tagen Gedanken über das zweite Kapitel der Apostelgeschichte gemacht hat. Wie geht man mit einem solchen Text um? Mir sind vier mäßig gute Wege dazu eingefallen:

Das verklärte Andenken: So war das mal. Die gute alte Zeit. Hach…

Der hohe Anspruch: Die begeisterte Urgemeinde als Ideal, an dem wir uns messen lassen müssen.

Die technische Anleitung: Wenn wir es genauso machen wie die Jünger damals (z.B. täglich zusammen beten und ein Herz und eine Seele sind), bekommen wir dieselben Ergebnisse (exponentielles Gemeindewachstum wie in Korea, Nigeria, oder anderen Boomregionen des Glaubens).

Die Schrift als Beweisstück der Anklage: Die Leute damals hatten viel mehr von dem, was wir uns wünschen/haben sollten/brauchen. Was zur nächsten Frage führt, nämlich: Wer ist daran schuld, dass es bei uns so mau aussieht? Wir alle? Das Lager unserer theologischen Gegner? Die Gemeinde- oder Kirchenleitung? Die Kirchenmusik?

Ein (nicht sonderlich origineller) Spezialfall der letzten Variante ist die schroffe Antithese von Heiligem Geist und Zeitgeist. In der Regel reklamierten Konservative gern ersteren für sich und warfen all jenen, die sich auf die komplexen Fragen unserer Gesellschaft einlassen, vor, sie ließen sich vom Zeitgeist verführen. So weit, so langweilig.

Inzwischen allerdings kehrt sich diese Geschichte um: Der Zeitgeist hat längst ausgesprochen reaktionäre Züge angenommen. Er neigt zur Abschottung, zum Autoritarismus und zur Angstmacherei vor allem Fremden. Der Zeitgeist 2016 liebt starke Männer und einfache Antworten, er hegt Ressentiments gegen Intellektuelle und Journalisten ("Gutmenschen“ eben, oder alles, was als „links“ und „liberal" wahrgenommen wird). Er traut nur denen, die denselben Dialekt sprechen, und definiert Identität im Ausschlussverfahren.

Diese Bewegungen haben gerade weltweit mächtig Aufwind. Aber mit Gottes Geist hat das herzlich wenig zu tun, auch wenn das Brausen derzeit mächtig ist und es an vielen Stellen zu brennen beginnt. Wenn ich allerdings lese, was Papst Franziskus oder der Rat der EKD dazu schreiben, dann ist mir um die Kirche nicht bange. Es ist noch genug guter Geist da, um Widerstand zu üben.

In diesem Sinne - frohe Pfingsten!

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Vor gut zehn Jahren erschien der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Er erzählt die Geschichte zweier bedeutender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. Während Humboldt unter großen Strapazen den Urwald Südamerikas durchquert und dabei Pflanzen und Tiere katalogisiert, arbeitet der menschenscheue Mathematiker Gauß zeitlebens im Königreich Hannover, in einer Sternwarte und als Landvermesser. Alle seine Entdeckungen spielen sich im Kopf ab. Gegensätzlicher können Lebenseinstellungen und -entwürfe kaum ausfallen. Es gibt für Kehlmann keinen Gewinner: Am Ende ziehen beide eine recht ernüchternde Bilanz ihres Lebens.

I.

In Epheser 3,14-21 ist, so könnte man sagen, von der „Vermessung der Liebe“ die Rede. Von Länge und Breite, Höhe und Tiefe lesen wir, die es zu ermessen gilt. Es geht um eine gewaltige Ausdehnung – eine Weite, in der ganz viel Platz ist. Das Ergebnis dieser Vermessung wird auch gleich verraten: Unfassbar groß. Alle unsere Versuche, an die Grenzen und das Ende der Liebe Christi zu gelangen, sind zum Scheitern verurteilt.

Nun ist Liebe ja ohnehin kein Gegenstand im herkömmlichen Sinn, sondern ein Verhältnis zwischen Personen. Der zupackende Humboldt würde also entdecken: Liebe lässt sich nicht abmessen, kartographieren oder wiegen. Kleine Kinder spreizen manchmal die kurzen Arme, so weit sie können (wohl wissend, dass es nicht weit genug ist), und sagen dazu „ich hab dich soooo lieb.“ Als Erwachsene kommen wir über solche Gesten und Andeutungen kaum hinaus - es sei denn, wir werden zu Dichtern.

Obwohl menschliche Zuneigung ja oft bedrückend endlich sein kann, glauben selbst totale Beziehungschaoten noch an die „große Liebe“ und hören nicht auf, sie zu suchen. Denn irgendwie fühlt jeder, der sich verliebt, dass Liebe ihrem Wesen nach etwas Grenzenloses ist. Sie stellt keine Bedingungen und keine Forderungen, sie ist kein Tauschgeschäft, keine Dienstleistung, sie kennt kein Verfallsdatum. Sie fragt nicht nach Obergrenzen – „Wie viel muss ich geben?“, „wie oft muss ich verzeihen?“ – sondern sie verschenkt sich und bleibt gerade darin sie selbst.

„Die Liebe hört niemals auf“, schreibt Paulus an die Korinther. Sie lässt sich auch nicht berechnen, würde der grüblerische Gauß frustriert anmerken. Es gibt für sie keine Formel: Weder die jüdischen Schriftgelehrten noch die großen Denker der Griechen hatten vor 2.000 Jahren einen Gott auf dem Zettel, der die Welt mit sich versöhnt, indem er Mensch wird, sich brutal umbringen lässt und von den Toten aufersteht.

II.

Nun ist es eine Sache, den Versuch, die Liebe Gottes zu ermessen, von vornherein als sinnlos anzusehen – und sich deshalb weder Gedanken zu machen noch die riskanten und anstrengende Erkundung zu wagen –, und eine ganz andere, wenn man ihr mit wachem Verstand und offenem Herzen nachspürt. Da lässt sich die Begegnung mit Gott in der Stille nicht ausspielen gegen die Begegnung mit dem Nächsten. Gerade die Armen und die Fremden sind, wie Mutter Teresa oft sagte, Jesus, der sich verkleidet hat. Die Weite der Welt und der Trubel der Stadt sind ebenso heilige Orte wie das stille Kämmerlein oder dieser Kirchenraum.

Am Himmelfahrtstag standen Jesu Jünger noch etwas unschlüssig auf dem Ölberg herum, als ein Engel im weißen Gewand zu ihnen sprach: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Also gingen sie wieder zurück – in die Stadt, aber eben auch ins gemeinsame Gebet und das Warten auf die Kraft aus der Höhe. Vom Kommen der Kraft haben wir ja auch gelesen. Der Apostel betet:

„er [Gott] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.“

Damit deutet er schon Richtung Pfingsten – nicht nur das Kirchenfest einmal im Jahr, sondern als Zustand lebendigen Glaubens. Wie eine Quelle, die stetig sprudelt und aus der erfrischendes, klares Wasser an die Oberfläche kommt:

„So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“

Wo und wie aber findet diese Erfüllung statt? Gottes Liebe kann uns im Gottesdienst begegnen, zugleich aber ist sie so viel mehr als heilige Worte und sakrale Räume. Gott gibt dem Intellekt etwas zum Staunen und Nachsinnen, aber er ist so viel mehr als eine gelungene Theorie der Welt. Gott ist uns in den Gänsehautmomenten nahe: dem ersten Kuss, dem Gipfelerlebnis in der Natur, dem magischen Augenblick in einem Konzert, wenn gefühlt die Zeit stillsteht und ich mit tausend anderen den Atem anhalte. Aber er ist mehr als die besondere Erfahrung, die große Idee, das gelungene Projekt. Es bleibt immer ein Überschuss. Es gibt immer noch mehr zu entdecken. Und so wie der Ungebildete keine Ahnung hat, was er alles nicht weiß, so käme auch mir jedes Gespür für die Weite und Größe von Gottes Liebe abhanden, wenn ich gleichgültig oder resigniert darauf verzichtete, etwas zu erwarten, mich überraschen zu lassen, mich Gott zuzuwenden – „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“, wie es das erste Gebot sagt.

Das rückt auch die Momente in ein anderes Licht, wo wir Gott schmerzlich vermissen, wo uns seine Nähe fehlt, wir uns leer fühlen und ganz und gar nicht erfüllt: So wie Wissen uns zunehmend sensibel macht für unser Nichtwissen, so ist schon unsere unerfüllte Sehnsucht nach Gott ein Zeichen für unsere Verbundenheit und Vertrautheit mit ihm.

Dass wir mit dieser Erkundung niemals fertig werden, das gilt nicht nur für Gott, sondern auch für jeden geliebten Menschen. Nur der oberflächliche Blick auf den anderen ist blind für das das Geheimnis. Abraham Heschel schrieb dazu:

„Für den Philosophen ist Gott ein Objekt, für betende Menschen ist er das Subjekt. Ihr Ziel ist nicht, […] über ihn informiert zu sein, als wäre er eine Tatsache neben anderen. Sie sehnen sich danach, von ihm ganz in Besitz genommen zu werden, Gegenstand seines Erkennens zu sein, und das zu spüren. Die Aufgabe ist nicht, das Unbekannte zu kennen, sondern von ihm durchdrungen zu sein; nicht zu kennen, sondern von ihm erkannt zu werden“.

III.

Mit der Liebe und dem Erkennen setzt der Apostel hier auch ein: Er verbeugt sich im Gebet vor Gott als dem kosmischen „Vater“, von dem alle Menschen abstammen. „Jedes Geschlecht“ – das könnte auch eine Anspielung sein auf die Verheißung an Abraham im ersten Buch Mose, dass durch ihn alle Völker, Sippen und Geschlechter auf Erden den Segen Gottes erfahren sollen. Schon da deutet sich die unermessliche Weite der Liebe Gottes an. Er ist

„der Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird.“

Die Segensgeschichte, die mit einer einzelnen Familie beginnt, breitet sich aus in die ganze Welt. Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Messias, hat ein neues Kapitel dieser Story aufgeschlagen und uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, zu Mitwirkenden gemacht.

Diese Weite hat konkrete Folgen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war ein Problem unter den Christen in Kleinasien. Damals waren sich Juden- und Heidenchristen nicht grün – der Epheserbrief spricht sogar von einer „Mauer der Feindschaft“. Hier und heute wachsen Angst und Misstrauen zwischen Einheimischen und Einwanderern (und manchmal sind die Einwanderer von gestern die größten Kritiker der Einwanderer von heute). Stacheldrähte werden quer durch Europa ausgerollt. Von einer bedrohlichen „Flut“ ist die Rede. Religiöse, kulturelle und ethnische Vorurteile werden gehätschelt, Ängste und Ressentiments geschürt: „Alle Muslime sind Terroristen“ oder „alle Nordafrikaner sind potenzielle Vergewaltiger“ oder umgekehrt „alle Christen sind Agenten des Westens und der CIA.“ Irgendwann brennt eine Asylunterkunft, erhalten humanitäre Helfer Todesdrohungen, explodieren Sprengsätze.  Aber Gott ist Vater – und im Blick auf Gott ist das Muttersein in die Vaterschaft nicht etwa aus-, sondern eingeschlossen – aller Sippen und Geschlechter. Also auch der Türken und Araber, Sunniten und Aleviten, Ost- und Westeuropäer, Hell- und Dunkelhäutigen, Homo- und Heterosexuellen (und wem noch ein Reizwort fehlt in meiner Aufzählung, der kann es hier gedanklich einsetzen).

Der Apostel betet also zu diesem Gott, der allen Geschöpfen das Leben geschenkt hat, ihnen Raum gibt zum Wachsen, der sich zurücknimmt und kümmert, der mitfiebert, mitleidet, sich mitfreut. Er betet, dass der Strom dieser unermüdlichen und unerschöpflich nachwachsenden, alle Grenzen überwindenden Liebe uns erfasst – bis alle Angst, alles Misstrauen, alle Gleichgültigkeit und alle Feinschaft darin versinken. Wir sagen ja manchmal über andere, dass ihnen die Freude (oder der Ärger) „zu jedem Knopfloch herauskommen“. So können wir uns das auch mit der Liebe Gottes vorstellen: Die tiefsten Erfahrungen im Leben – Liebe, Verbundenheit, Zusammenhalt, Schönheit, Kreativität – beginnen mit dieser Bewegung des Geistes in unserem Inneren. Und dann trägt sie uns über unser kleines Selbst hinaus in die Weite.

Soooo weit.

Das wäre dann eine Entdeckung, die auch Gauß und Humboldt beeindruckt hätte.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt,
unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können,
er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus
in allen Generationen, für ewige Zeiten.

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Heute wurde Papst Franziskus mit dem Karlspreis ausgezeichnet. In seiner Ansprache redete er den Europäern eindrücklich ins Gewissen. Er fragte dabei nicht nur "Was ist los mit dir, Europa?", er erinnerte auch an die Geschichte: "Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität." Und das bedeutet, dass eine "Kultur des Dialogs" ganz oben steht auf der Prioritätenliste, ein "neuer europäischer Humanismus". Und er gab heute auch gleich ein Beispiel für die Dialogkultur, indem er zu einer muslimischen Delegation sagte: "Wir alle haben einen gemeinsamen Vater – wir sind Geschwister!“

 

Nicht jeder Protestant würde dem zustimmen, aber neu ist das nicht: Wenn übermorgen am Sonntag Exaudi in vielen Gottesdiensten über Epheser 3,14-21 gepredigt wird, dann begegnet uns dort eine Spitzenaussage des Neuen Testaments: Gott ist "der Vater, von dem alle Geschlechter [oder Clans, Sippen, Stämme, Milieus] ihren Namen haben". Da wird kein qualitativer Unterschied mehr zwischen den Ethnien und Nationalitäten diagnostiziert, kein Gegensatz zwischen Erwählten und Verschmähten konstruiert, keine Ausschlusskriterien formuliert.

Das ist ein genuin christlicher Humanismus. Universaler – und inklusiver – geht es eigentlich nicht mehr. Erst in dieser Weite zeigt sich dann, welches gewaltige Ausmaß die Liebe Gottes tatsächlich hat. Für Mauern, Zäune und Wachposten hingegen ist da kein Platz.

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In den letzten Wochen bin ich wenig zum Schreiben gekommen. Aber vielleicht hat ja der eine oder die andere Lust, sich ein paar Gedanken vom gestrigen Sonntag anzuhören. Was hat Boxen mit friedlicher Revolution zu tun, was das Kreuz Christi mit dem Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts, was bedeuten Taufe und Abendmahl für die Überwindung von Angst und Zwängen und ein unbekümmertes Leben in einer konfliktgeladenen Welt?

Hier gehts zum Podcast.

 

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Im Laufe der Religionsgeschichte tauchen an verschiedenen Punkten Menschenopfer auf. In den abrahamitischen Religionen sind sie verboten, in anderen Kulturen kamen sie aber wohl tatsächlich vor.

Die SZ zitierte diese Woche eine Studie aus Neuseeland, die herausstellt, dass es dabei neben der religiösen Dimension (den drohenden Zorn der Götter abzuwenden) auch eine politische Dimension gab: Menschenopfer traten besonders häufig in hierarchischen Gesellschaften mit einem hohen sozialen Gefälle auf, etwa wenn sich aus einer einfachen Sippen- und Stammesordnung ein imperiales Großreich entwickelt.

Indem die Oberen ihre Macht über Leben und Tod öffentlich demonstrieren, untermauern sie damit auch die eigene Herrschaft. Insofern ist Opferkritik auch Sozialkritik. Ein Grund mehr übrigens, sich sehr genau zu überlegen, ob und inwiefern man vom Tod Jesu am Kreuz als einem „Opfer“ im kultisch-rituellen Sinn reden sollte.

Wollte man hier weiterdenken, so legt sich die Frage nahe, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen autoritär-hierarchischen Kirchenstrukturen und den verschiedenen Formen von Opfertheologie. Falls jemand eine Bachelor- oder Masterarbeit schreiben möchte… :)

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Gleich zweimal begegnete mir gestern die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft. Dann schrieb mir heute jemand zum Post vom Dienstag, religiöser Glaube sei mit wissenschaftlicher Unwissenheit gleichzusetzen. Ein Satz, den man nur mit viel kulturhistorischer Ignoranz so formulieren kann – und der Beweis dafür, dass man keineswegs religiös sein muss, um Sündenböcke zu brauchen.

Nun habe ich versucht, noch einmal in ein paar Sätzen zu formulieren, warum es zwar gelegentliche Spannungen, aber keinen grundsätzlichen Gegensatz beider Perspektiven gibt. Vielleicht hilft’s ja dem einen oder der anderen:

Glaube und Naturwissenschaft sind zwei verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselbe Wirklichkeit. Naturwissenschaft befasst sich mit Objekten, die man beobachten und messen (oder quantifizieren) kann und sie erforscht und beschreibt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge . Dabei hat sie viele nützliche Entdeckungen gemacht, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Diese Perspektive hat aber auch ihre Grenzen: Sie kann weder die Frage nach dem Sinn (also dem „wozu“ oder „wofür“) beantworten, noch die Frage nach dem, was gut oder schön ist (das versuchen zum Beispiel die Philosophie, oder die Religionen). Und nachdem Gott transzendent, also nicht einfach ein Gegenstand neben anderen in dieser Welt ist, kann die Naturwissenschaft auch keine Aussagen über ihn machen. Auch die lebenswichtige Frage, ob ich geliebt und gewollt bin, kann sie mir nicht schlüssig beantworten. Oder was Gerechtigkeit ist und wie man sie fördert.

Der Glaube hingegen befasst sich mit solchen Beziehungswahrheiten, und neben unserer eigenen Lebensgeschichte und den persönlichen Erfahrungen fragt er danach, ob und wie Gott sich in der Geschichte der Menschheit und der Welt offenbart hat. Statt in einem „Ich-Es“-Verhältnis wie die Naturwissenschaft gründet der Glaube in einem „Ich-Du“ Verhältnis. Ein lebendiges Gegenüber kennenzulernen, bedeutet eine Beziehung zu ihm einzugehen, und damit auch das Risiko, durch das Gegenüber in Frage gestellt oder durch die Beziehung zu ihm verändert zu werden. Egal wie gut ich eine andere Person kenne, sie bliebt doch immer auch ein Geheimnis. Und von genau solchen Erfahrungen und Begegnungen erzählt zum Beispiel die Bibel. Indem Menschen sich von diesen Erzählungen ansprechen lassen, machen sie ihre eigenen, oft lebensverändernden Erfahrungen und Entdeckungen.

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Das Töten im Namen Gottes ist weiterhin Tagesgespräch. Das zeigt der gleichnamige Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ, die ebenso pauschale wie polemische Religionskritik von Georg Diez (jeder Monotheist ist für Diez ein potenzieller Terrorist, Jesus eingeschlossen) oder der Hinweis von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, dass Terror Gotteslästerung ist.

Ich hatte letzte Woche schon auf den hilfreichen Beitrag von Jonathan Sacks zur Problematik von Religion und Gewalt hingewiesen. Religion, auch und gerade in ihrer monotheistischen Gestalt, ist keineswegs grundsätzlich gewalttätig, wie Diez unterstellt. Aber sie kann gruppenbezogene Gewalt unter bestimmten Umständen fördern. Neuzeitliche Ideologien (Nationalismus, Rassismus) tun das freilich auch zur Genüge.

Seither habe ich mit großem Gewinn weiter gelesen: Aus seinen vielen interessanten und wichtigen Beobachtungen sind mir aufgrund der politischen Großwetterlage – dem Erstarken des Rechtspopulismus und Autoritarismus in der westlichen Welt – die Gedanken zum Antisemitismus und zum Sündenbock-Mechanismus besonders ins Auge gestochen. In der Karwoche bekommt das ohnehin noch einmal einen ganz anderen Nachhall.

Antisemitismus ist in der arabisch-islamischen Welt ein vergleichsweise junges Phänomen, das sich derzeit aber viral ausbreitet. Sacks belegt das mit einer Reihe von Beispielen und erklärt, dass wachsender Antisemitismus historisch betrachtet ein Indiz dafür ist, dass die Welt- und Gesellschaftsordnung ins Wanken gerät. Heute gelten in Europa 24% und im Nahen Osten 74% der Menschen als antisemitisch eingestellt. Er verweist auf die Arbeiten von René Girard: Wenn in einer Gesellschaft Konflikte entstehen, die zerstörerisch und gewalttätig werden könnten, dann lässt sich das dadurch abwenden, dass man die Aggression auf einen Sündenbock ablenkt. Der muss einerseits so mächtig gedacht werden, dass man ihm die Schuld an den Missständen geben kann, andererseits so schwach, dass man ihm gefahrlos Gewalt antun kann.

Dieses gleichzeitige Auftreten solch widersprüchlicher Aussagen ist ein klares Indiz dafür, dass der Sündenbock-Reflex aktiv ist. Eine Gruppe unbewaffneter Migranten kann man relativ gefahrlos töten. Erst wenn man sie mit dem Terror in Verneinung bringt und ihnen unterstellt, die abendländische Kultur zerstören zu wollen, geht die Sündenbock-Strategie auf. Die Gewalt findet ein Ventil und die mühsamen, schmerzhaften und riskanten Auseinandersetzungen, die zur Lösung des eigentlichen Problems (die Unzufriedenheit und Verunsicherung derer, die sich als Verlierer der Modernisierung- oder Veränderungsprozesse sehen) nötig wären, können entfallen.

Das erklärt, warum viele Deutsche, die sich benachteiligt fühlen, AfD wählen, obwohl die Partei keinerlei Lösungen für die soziale Spaltung Deutschlands anbietet. Ganz ähnlich wie heute den ethnozentrischen Alternativpatrioten gelang es nach dem verlorenen ersten Weltkrieg den Nationalsozialisten, die angestauten Aggressionen auf das Judentum zu lenken. Sacks folgert:

Wenn Leute andere beschuldigen, die Welt beherrschen zu wollen, kann es sein, dass sie unbewusst das projizieren, was sie selbst gern tun, sich aber ungern vorwerfen lassen möchten. Wenn man wissen möchte, worum es einer Gruppe wirklich geht, muss man sich die vorwürfe ansehen, die sie gegen ihre Feinde erhebt.

Der innere Zusammenhalt nimmt in dem Maße zu, wie man die Bedrohung von außen beschwört. Wenn Tyrannen und Populisten für solche Gruppenreflexe auch noch religiöse Gefühle instrumentalisieren, die zu eine hohe Opferbereitschaft fördern, dann leiden zuerst die jeweiligen Sündenböcke, aber eben auch die Mehrheitsgesellschaft unter den Exzessen. Es lässt sich zwar der Schuldvorwurf umlenken, die eigentlichen Ursachen der Probleme bleiben aber bestehen. Neue Gewalt macht sich früher oder später breit.

Auch das lehrt ein Blick auf die lange Geschichte des Antisemitismus. Sie wirft neben der Sündenbock-Thematik aber auch noch eine andere Frage auf, nämlich die nach der Rivalität unter Geschwistern. Und zu beiden Komplexen finden sich in den biblischen Texten nicht nur Problemanzeigen in Sachen Gewalt, sondern auch Lösungen. Dazu demnächst mehr.

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Der größte Spaß an Ostern ist für viele Kinder das Eiersuchen. Jemand hat sie versteckt und man muss genau hinsehen, um sie zu finden. Ostern ist das Fest für Entdecker. Etwas ist der oberflächlichen Betrachtung verborgen, und wer es findet (egal, ob er danach gesucht hat oder zufällig darüber stolpert), der freut sich darüber. An Ostern geht es um eine große Überraschung. Aber wie kann man von etwas freudig überrascht werden, das sich jedes Jahr wiederholt? Wann wird aus Begeisterung Routine?

Heiko Schotte alias „Schotty“, der Tatortreiniger, ist längst eine Kultfigur im deutschen Fernsehen. Für die Firma Lausen Gebäudereinigung entfernt er die Spuren von Verbrechen, nachdem die Polizei ihre Arbeit getan hat. Wenn er den letzten Dreck wegmacht, begegnen ihm die merkwürdigsten Menschen und Situationen. Wie sähe die Szenerie, die das Osterevangelium (Matthäus 28,1-8) beschreibt, wohl durch seine Augen betrachtet aus? Es könnte sich ungefähr so abspielen:

Schotty kommt mit seinen Kisten und Utensilien bepackt am Grab an. Dort steht ein Wachmann von Zion Security. Schotty stellt sich vor und fragt, wo er saubermachen soll. Der Wachmann deutet auf den Eingang zu einem Felsengrab. Eine Leiche sei verschwunden. Vermutlich geklaut. Der Wachmann sagt, er würde dann gehen, er stehe jetzt schon ein paar Tage hier rum und müsse endlich mal seine Überstunden abfeiern.

Schotty wundert sich, warum dieses Grab bewacht wurde. Normal klauen Grabräuber die Beigaben und lassen die Leiche liegen. Haben die Behörden jetzt etwa schon Angst vor den Toten? Oder waren sie nicht sicher, ob der Tote wirklich tot war? Doch, schon, sagt der Wachmann. Die Hinrichtung haben römische Profis gemacht, sowas hat bisher noch niemand überlebt. Die stellen sicher, dass solche Troublemaker keine Chance haben, nochmal zurückzuschlagen.

Hinrichtung –, fragt Schotty, gehe es um einen Verbrecher? Ja, sowas in der Art, sagt der Wachmann. Ein selbsternannter Prophet aus Galiläa, der auf der Straße und im Tempel die Behörden provoziert hatte. Früher oder später arte sowas immer in Gewalt aus, da habe man eben mal präventiv durchgegriffen, weil auch noch so viele Festbesucher in der Stadt seien, da kippt die Stimmung schnell. Man wollte keine Versammlungen am Grab, daher sei das Grundstück abgeriegelt worden.

Am Eingang zum Grab entdeckt Schotty einen kleinen Blutfleck. Der Wachmann sagt, das sei Blut von einem Kollegen, der gestürzt sei, weil ihn ein Licht blendete. Nur eine Platzwunde. Schotty fragt, ob es denn keinen Kampf gegeben habe, wenn das ein Überfall war. Der Wachmann meint, nun sichtbar verlegen, dass außer dem einem grellen Blitz und einem heftigen Donnergrollen nichts zu sehen war. Niemand ging zum Grab hinein, Rauskommen sei ohnehin nicht möglich. Schotty könne das gern mal probieren - er solle einfach mal reingehen und der Wachmann würde dann das Grab schließen…?

Schotty lehnt dankend ab. Er überlegt kurz, dann zwinkert er dem Wachmann zu: Mir kannst du es ja ruhig sagen. Ihr habt zu tief ins Glas geschaut und der Kollege hat sich im Suff verletzt, oder? Der Wachmann zuckt resigniert mit den Schultern. Er fürchte, auch seine Vorgesetzten könnten glauben, das sei alles eine Ausrede und die Wachmannschaft sei breit gewesen oder im Tiefschlaf versunken. Dabei schreckt bei einem solchen Gewitter auch der schlimmste Säufer auf. Womöglich gebe es jetzt eine Gehaltskürzung, dabei habe keiner der Kollegen sich etwas zu schulden kommen lassen. Und der Sold sei eh schon so bescheiden, dass man im teuren Jerusalem damit kaum überleben könne.

Schotty kratzt sich nachdenklich am Kopf: Es sei ja schon vorgekommen, dass sich Feinde eines Toten bemächtigen, um die Leiche schänden und die Gegner zu schockieren. Aber die Anhänger von irgendwelchen Führern seien doch eher froh, wenn sie ein Grab haben, zu dem sie hinpilgern können, um zu trauern und sich zu erinnern. So wie das Grab des Königs David auf dem Zion oder das von Abraham und Isaak in Hebron vielleicht.

Ja, sagt der Wachmann, sowas hätten die dunkel gekleideten Frauen auch im Sinn gehabt, die gleich nach Blitz und Donner kamen und ins Grab wollten. Die jedenfalls wollten den Toten einbalsamieren, nicht mitnehmen. Eine habe vor Schreck über das Verschwinden des Toten ihr Salbengefäß fallen lassen, so perplex sei sie gewesen, als sie das Grab leer fand. Er zeigt auf einen Ölfleck auf dem Boden im Grab. Die drei Ladies seien ganz verstört gewesen, und nach einer Weile des kopflosen Herumlaufens, lauten Diskutierens und erschöpften Schweigens hätten sie den Garten eilig verlassen. Anscheinend wollten sie plötzlich zurück nach Galiläa, da kamen sie dem Dialekt nach auch her. Sie wirkten merkwürdig aufgeregt, nicht mehr so deprimiert wie am Anfang.

Schotty überlegt, wie er das Öl am besten wegbekommt. Wenigstens riecht es gut. Aber man sieht im Halbdunkel nicht genau, ob man auch alle Spritzer erwischt hat. Nicht, dass es hinterher Reklamationen gibt, wenn eh schon politische Verwicklungen drohen.

Immerhin habe sich die Sache in der Stadt noch nicht herumgesprochen, tröstet sich der Wachmann, und die drei Frauen hätten die Wachleute bisher nicht angeschwärzt. Glück für ihn, dass keine Männer dabei waren, den Frauen glaubt sowieso niemand bei Gericht. Weiß ja jeder, was die so alles reden, wenn der Tag lang ist…

Sagt’s und packt seine Sachen.

Schotty ist allein im Grab. Er kehrt den Staub vom Fußboden zusammen und als sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, sucht er wieder nach dem Fleck. Dabei fallen ihm ein paar Tücher auf, die in einer Nische liegen. Trockene Blutreste kleben daran, man kann die Wundränder noch ahnen, die sich bedeckt haben müssen.

Die Sonne scheint zum Eingang herein, es wird allmählich wärmer, und von draußen hört man Vogelgezwitscher. Ein warmer Windhauch streift sein Gesicht. Er bringt den Duft von frischem Gras mit. Als Schotty sich bückt, sieht er, wie sich ein Schatten rasch durch den Lichtfleck am Eingang bewegt. Nicht, dass mich hier jetzt irgendein Witzbold einsperrt, denkt er sich. Oder jemand, der wieder eine Leiche im Grab haben möchte, um seinen Allerwertesten zu retten? Er geht hinaus, aber da ist niemand zu sehen.

Erst mal Frühstückspause machen. Vielleicht sind draußen an den Bäumen schon ein paar Feigen reif? Er hat Pech, sie sind noch grün, aber ein Schmetterling sitzt auf einem Zweig. Offenbar ist er gerade aus seinem Kokon geschlüpft, und jetzt faltet er seine Flügel auf. Schotty beschließt, da zu bleiben, bis er fliegen kann, damit ihn kein Vogel entdeckt und frisst.

Und weil sich das ein bisschen hinzieht, kommt Schotty nicht schell genug auf die Beine, als eine Frau und zwei Männer tuschelnd näher kommen und im Grab verschwinden. Doch dann schwingt sich der Falter noch etwas taumelnd die die Luft und verschwindet hinter den Sträuchern und Schotty geht zum Grab, um sicherzustellen, dass nicht neue Unordnung angerichtet wird.

Beim Hereinkommen hört er eine Frauenstimme sagen: Doch, genau hier hatten sie in hingelegt. Und als gestern die Marias kamen, war er weg und der Eingang war offen. Die Securityleute wussten anscheinend von nichts über den Verbleib des Leichnams.

Bestimmt haben sie das bloß behauptet, unterbricht sie ein Mann, die wollten euch doch nur reinlegen, und weder Pilatus noch die Hohenpriester wollen ein Jesusgrab in der Stadt. Propheten und Messiasse aus dem Volk seien bei der Oberschicht unerwünscht.

Aha, denkt Schotty, jetzt läuft die Verschwörungsdiskussion also genau umgekehrt. Er räuspert sich und das Gespräch verstummt schlagartig. Die drei packen die Tücher zusammen und wollen das Grab verlassen.

Ihr könnt die Sachen da lassen, sagt Schotty , – ich bring sie weg. Die Männer machen eine ablehnende Handbewegung; die Frau fragt: Hast du ihn auch gekannt? Schotty erklärt, er sei eigentlich nicht von hier und verstehe gar nicht, warum alle einen Toten suchen und was die ganze Aufregung um das leere Grab soll. Im Übrigen müsse er hier saubermachen und da könne er es nicht brauchen, dass Leute an ihren Schuhen Dreck herein tragen. Dann sieht er, dass sie die Schuhe alle ausgezogen haben. Er fragt, ob das so eine religiöse Sache sei bei den Juden?

Aber da saß noch dieser Typ auf dem Stein, sagt die Frau, die so in Gedanken war, dass sie seine Frage überhört hat. Sie hält immer noch die blutigen Tücher fest an sich gedrückt. Der habe den Marias gesagt, dass Jesus auferstanden…

Das glaubt dir doch sowieso niemand, sagt der andere Mann. Komm, wir gehen.

Schotty dreht sich um und sieht ihnen nach. Er hört, wie die Frau im Weggehen zu ihren Begleitern sagt: Wir hätten doch mitgehen sollen nach Galiläa. Wenn die anderen nun Jesus dort sehen und wir nicht? Wollt Ihr das wirklich verpassen? Wir könnten sie vielleicht noch einholen. Was gibt es hier für uns denn noch zu tun?

Dann ist es wieder ruhig im Grab. Während der wenigen Minuten, die er noch braucht, kommt es Schotty so vor, als zwitscherten die Vögel draußen noch ausgelassener. Der Duft, der aus dem Garten in die kühle Kellerluft hereinzieht wirkt auch intensiver. Auferstanden, hatte sie gesagt. Wie soll man sich das vorstellen? Man wünscht sich ja wirklich nicht jeden zurück. Aber auf Jesus wäre er jetzt echt mal neugierig.

Schotty betrachtet das geputzte Grab. War da eben wirklich kein Schatten am Eingang vorbeigezogen? Das Grab drückt aus: Wir begraben die Toten, und mit ihnen die gemeinsame Geschichte, die gemeinsamen Träume und Hoffnungen, die der Tod gekappt hat und die wie totes Holz vertrocknen und vermodern. Es bliebt nur die Erinnerung, und selbst die lässt sich nicht festhalten. Der Tod besiegt das Leben. Die Bausteine der Materie werden recycelt, aber die unteilbare Person löst sich auf.

Als jemand, der an Tatorten herumkommt, weiß Schotty aber auch: Manchmal sterben Hoffnungen und Beziehungen schon zu Lebzeiten aller Beteiligten. Beziehungen zwischen Menschen, die einander nur als Feinde erkennen können oder wollen. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit oder Versöhnung. Träume von einem glücklichen und friedlichen Zusammenleben. Der Tod – ob natürlich oder gewaltsam – schreibt diesen Verlust nur noch endgültig fest.

Auferstehung… und wenn tatsächlich Gott dahinter stecken sollte…

… wenn Jesus auferstanden wäre, dann hieße das, die Mächtigen können sich nicht alles herausnehmen, jede Kritik unterdrücken und kommen damit durch. Weder die Angst noch der Tod bringen die Erinnerung an die vielen Menschen zum Verstummen, die wie der letzte Dreck behandelt wurden.

… das würde auch heißen, dass kaputte Beziehungen wiederhergestellt werden können, verletzte Menschenwürde geheilt, dass Hoffnung wieder lebendig wird und man sich waghalsige Träume wieder leisten kann, dass Freude über das Gute und Schöne die tiefere Wahrheit ist gegenüber der Trauer und der Abscheu gegenüber dem Bösen, Brutalen und Hässlichen. Diktatoren und Terroristen sind am Ende nur eine Fußnote der Geschichte, ihre Helden hingegen sind all jene, die es in ihrer verletzlichen Schönheit dem Schmetterling gleichtun.

Schotty packt seine Sachen in die Box und trägt sie zurück durch den Garten. Anfangs fällt ihm gar nicht auf, dass er eine fröhliche Melodie vor sich hin pfeift. Sein Blick streift noch einmal den Kokon, aus dem eben der Schmetterling geschlüpft ist. Er war Zeuge einer Verwandlung. Könnte das ein Symbol sein für unsere Welt: Dass nicht alles beim Alten bleibt, dass nicht alles den Bach hinuntergeht, sondern dass alles verwandelt wird? Und manches davon schon jetzt, anderes erst am Ende?

Sein Puls beschleunigt sich und sein Gang fühlt sich an, als hätte er Sprungfedern unter den Sohlen. Sein Kopf unterlegt die Melodie auf seinen Lippen mit einer vielstimmigen Begleitung. Sie nimmt Anlauf zu einem großen, ausgelassenen und verspielten Crescendo.

Eigentlich ist die Vorstellung ja zu gut, um nicht wahr zu sein, denkt er: Auferstehung … das würde dann ja bedeuten, dass das Schlimmste nicht das Letzte ist.

Dass das Leben letztlich kein Tatort ist, sondern ein Tanzort.

Ist es eigentlich weit nach Galiläa?

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Bombenterror in Brüssel, Unschuldige sterben oder werden verwundet, und alle warten nun darauf, dass sich irgendwer zu den Anschlägen bekennt – und dabei Gott ins Spiel bringt. Der nächste Akt in diesem absehbaren Drama wird dann wohl sein, dass Rechtspopulisten Religion an sich oder lieber noch die Religion der anderen pauschal als Ursache von Gewalt verdächtigen und harte Maßnahmen gegen Menschen anderen Glaubens fordern.

Aber es geht auch anders: Seit Kurzem lese ich „Not in God’s Name. Confronting Religious Violence“ von Jonathan Sacks. Der ehemalige Oberrabiner Großbritanniens geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die monotheistischen, abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – zur Gewalt stehen und welchen Beitrag sie zur Bekämpfung und Überwindung von Gewalt leisten könnten. Und dafür hat er letzte Woche den renommierten Templeton Prize bekommen. Ein Post von Michael Blume hat mich auf Sacks’ Werk aufmerksam gemacht.

Seine Grundthese ist einleuchtend: Menschen sind soziale Wesen. Sie bilden überschaubare Gruppen, in denen sie einander unterstützen (Familien, Clans, Dorfgemeinschaften). Zwischen den einzelnen Gruppen herrscht jedoch ein Konkurrenzverhältnis, das in Feindschaft und Gewalt ausarten kann. Religionen können einerseits wie kaum ein anderer Faktor menschlicher Kultur den sozialen Zusammenhalt großer Gruppen fördern, zugleich können sie aber auch die Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen verschärfen, zum Entstehen von „selbstloser Bosheit“ (Englisch: altruistic evil) beitragen und dies moralisch rechtfertigen. Beides sind indirekte und sekundäre Wirkungen. Die primäre Wirkung von Religion bleibt der Gruppenzusammenhalt: Glauben verbindet (Wer Miroslav Volfs „Öffentlich Glauben“ kennt, findet hier viele verwandte und an manchen Punkten auch weiterführende Gedanken).

Sacks’ Grundüberzeugung könnte Muslime, Juden und Christen verbinden, denn sie lautet: Gott weint, wenn Menschen in seinem Namen Gewalt üben.

Heute ist wieder so ein Tag.

 

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in diesen Tagen ist es 20 Jahre her, dass wir mit Nicky Lee bei uns zuhause in der Schuhstraße 47 eine Flasche Wein zu Brot und Käse geleert haben. Ihr beide seid dann wieder ins nahe Hotel zurück und am nächsten Tag ging die Alpha-Konferenz weiter, aus der in den Folgejahren viele hundert Glaubenskurse entstanden sind – landauf, landab und quer über das ökumenische Spektrum.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, und wir haben uns auch schon fast sechs Jahre nicht mehr gesehen. Aber ich wurde diese Woche wieder an zwei Impulse erinnert, die durch Dich und Alpha bei mir angekommen und hängengeblieben sind, und für die ich dankbarer denn je bin.

Das erste ist die Kultur der Gastfreundschaft: Das Essen, zu dem nicht gebetet werden muss und bei dem religiöse Gesprächsthemen nicht erwünscht sind, zum Beispiel. Diese Art der offenen Begegnung ist nicht nur eine nette Nebensache oder ein pädagogischer Kniff, sondern das Herzstück eines menschen- und weltzugewandten Gemeindelebens. Als diese Woche jemand über die Emmaus-Geschichte sprach, habe ich mich wieder einmal gefragt, ob nicht Tischgemeinschaft an sich (also auch ohne jede explizite Liturgie) schon eine Art Sakrament ist. Henri Nouwen hat das in „Reaching Out" wunderschön weiter gedacht und ein ganzes Ethos daraus entwickelt. Die vielen Fotos in meiner Facebook Timeline mit deutsch-syrischen (oder deutsch-irakischen/afghanischen/eritreischen) Tischgemeinschaften überall im Land sprechen dafür.

Das zweite ist die Achtung vor dem Gegenüber und das geduldige Zuhören. Irgendwie gehört das natürlich zur Gastfreundschaft dazu, aber es wurde öfter noch als ein pädagogisches Prinzip bei Alpha thematisiert. In vielen „missionarischen“ Gemeinden mussten Mitarbeitende nun mühsam lernen, ihren (realen oder gefühlten) Wissensvorsprung und ihre unschlagbaren Argumente zurückzustellen. Manche bis dahin ebenso beliebten wie unnötigen Auseinandersetzungen (z.B. Evolution contra Schöpfungsglaube) hast Du ihnen ausgeredet. Die waren noch nie mein Fall gewesen, aber das hat mich darin bestärkt, auf manch traditionelle „Apologetik“ zu verzichten. Wie sensibel ich auf Situationen reagiere, die ich als emotional und sozial übergriffig empfinde, das fiel mir diese Woche während der Besprechung eines anonymisierten Seelsorgeprotokolls auf. Und das verdanke ich – nicht nur, aber auch – Deinen Impulsen.

Theologisch bin ich nicht jeder Spur gefolgt, die Du bei Alpha gelegt hast. Die Vorträge zu den einzelnen Abenden würde ich inzwischen ziemlich anders halten (meine Anfragen dazu habe ich schon vor ein paar Jahren auf diesem Blog gepostet). Eigentlich ja auch ganz natürlich angesichts des langen Zeitraums. Nicht nur ich habe mich verändert, auch unsere Gesellschaft und ihre Fragen. Du bestimmt auch? Das Gespräch darüber würde mich interessieren.

Zwei Dinge möchte ich heute sagen: Erstens, vielen Dank für diese bereichernden Denkanstöße! Und zweitens, weil Ihr bei Alpha ja auch fragt „is this it?“: Ich glaube, in den zwei genannten Impulsen steckt noch mehr Potenzial drin. So viel kann ich nach 20 Jahren sagen – aus Erfahrung.

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Vor ein paar Wochen habe ich mich hier schon einmal mit dem Thema Autoritarismus beschäftigt. Nun hat mich Björn Wagner auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der das Thema im Zusammenhang mit Donald Trump und dem US-Wahlkampf beleuchtet. Autoritäre Denkmuster sind der Hintergrund für den Überraschungserfolg von Donald Trump und den Aufstieg des Rechtspopulismus.

Wenn Menschen mit autoritären Denk- und Reaktionsmustern verunsichert werden, schreibt Jonathan Haidt, reagieren sie folgendermaßen: "In case of moral threat, lock down the borders, kick out those who are different, and punish those who are morally deviant.“

Nachdem es schwierig ist, von Menschen ehrliche Antworten über ihre politischen Ansichten zu bekommen, Autoritarismus aber eher ein stabiler Charakterzug zu sein scheint als eine flüchtige und nur aus Politische bezogene Präferenz, befragte Stanley Feldman seine Probanden einfach zu ihren Vorstellungen von Erziehung und Elternschaft – und erhielt aussagekräftige Ergebnisse. Die Fragen lauteten:

  • Was ist wichtiger für ein Kind: Unabhängigkeit oder Respekt gegenüber Älteren?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Gehorsam oder Selbstvertrauen?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Rücksichtsvoll zu sein oder folgsam?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Neugier oder gute Manieren?

Bisher, sagen die Autoren, spielte der Autoritarismus nur eine Nebenrolle in der Politik, doch der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch hier aus. Waren autoritär denkende Wähler zuvor unter den Sympathisanten allen Parteien zu finden, sammeln sie sich nun bei den Rechtspopulisten. Eine eher apolitische Mentalität wird zu einer aktiven politischen Kraft. Aktiviert wird diese Bewegung durch Verunsicherung und die Furcht vor Bedrohungen von außen. Und furchterregender als die Kandidaten ist dabei der Fanatismus ihrer empörten Unterstützer.

Wenn man die vier Fragen oben betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung, wie groß das rechte Wählerpotenzial auf allen Seiten des großen Teichs sein könnte. Noch nicht so ganz klar ist mir indes, ob der Autoritarismus in der Bevölkerung durch diese Aktivierung gerade zunimmt, wie er abgebaut werden kann oder ob man erst einmal damit leben muss und hoffen, dass nur mittelmäßige Demagogen davon profitieren.

Der Zulauf der Autoritären kommt aus allen politischen Lagern, die Zerreißprobe spielt sich im konservativen Spektrum ab. Der Artikel rechnet damit, dass sich die republikanische Partei in einen autoritären und einen moderaten Flügel spalten könnte, bei uns etabliert sich die AfD rechts der Unionsparteien und im kirchlichen Spektrum stehen moderat Konservative vor der Frage, wie sie sich zwischen eher liberalen Christen zur Linken und den zunehmend kompromisslosen Fundamentalisten zur Rechten positionieren sollen. Auf welcher Seite wer am Ende steht, das könnte an der Antwort auf die vier Fragen oben ablesbar sein.

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Parker Palmer zitiert in "Let Your Life Speak" aus einer Rede von Václav Havel vor dem US-Kongress. Dort setzt sich Havel mit dem marxistischen Credo auseinander, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Palmer merkt an, dass der Kapitalismus genauso materialistisch denkt: Es gilt nur das, was man zählen oder messen kann. Der Mensch wird primär als Kostenfaktor wahrgenommen, die Welt von ökonomischen Zwängen beherrscht. Parker hält dem entgegen:

 …die große Einsicht unserer spirituellen Traditionen ist, dass wir – vor allem jene von uns, die politische Freiheit und relativen Wohlstand genießen – keine Opfer der Gesellschaft sind; wir haben sie mit erschaffen. Wir leben in und durch eine komplexe Wechselwirkung von Geist und Materie, der Kräfte in unserem Inneren und der Dinge „da draußen“ in der Welt. Die äußere Wirklichkeit wirkt nicht wie eine letztgültige Beschränkung auf uns; wenn wir, die wir privilegiert sind, Beschränkung erleben, dann deshalb, weil wir an unserer eigenen Gefangenschaft mitwirken.

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