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Ich lese immer noch in Lehnerts "Korinthischen Brocken". Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der Frage, wie Paulus zu lesen und auszulegen ist, weil es sich jenseits gängiger dogmatischer Alternativen bewegt. Recht konkret wird das in der Betrachtung von 1.Korinther 7, wo es um Heirat und Ehelosigkeit geht. Man kann Lehnert sicher nicht vorwerfen, er setze sich leichtfertig über den Wortlaut hinweg oder erkläre irgendwelche Aussagen für heute nicht mehr zeitgemäß. Relativiert wird lediglich eine bestimmte, weit verbreitete und Jahrhunderte lang dominierende Auslegungstradition.

Paulus ist durch seine Christusbegegnung wie aus der Zeit gefallen. Weniger die Kontinuität die vom Vergangenen kommt und auf das Zukünftige hin läuft, bestimmt ihn, sondern deren Unterbrechung.

Paulus – ziellose Schritte, kein »Weiter«, kein »Zurück«, er läuft und läuft. Fort von Damaskus – und auf Damaskus zu, auf den Moment seiner Verwandlung. Paulus agiert nicht mehr auf einem Zeitstrahl. Deshalb kann er auch so schlecht erzählen, er verliert schon innerhalb von zwei, drei Sätzen den Faden, steigt aus und reflektiert, fällt ins Suchen nach Begriffen oder abrupt ins Poetische, in den dichten Ausdruck des Augenblicks. Er schaut auf: Wo bin ich? Was ist das?

Love and Marriage 298/366

Und so ergibt sich auch im Blick auf die Ehe eine andere Perspektive als die vieler rabbinischer Zeitgenossen, die Sexualität und Fruchtbarkeit als göttliches Geschenk feierten, wie auch der entstehenden Gnosis, die Leiblichkeit immer nur negativ in den Blick nahm:

In der Ehe eine »heilige Schöpfungsordnung« zu vermuten, ist für Paulus genauso abenteuerlich wie in der Askese einen Ausweg aus der eigenen Natur. Bleibt! Verharrt! Wenn eine Ehe zerbricht, dann möge sie zerbrechen. Und wenn eine Ehe geschlossen wird, so habe sie Bestand. Bleibt! Was die Gegebenheiten dieser Welt bedeuten, wird der Christus erweisen. Und in diesem Verharren pulst doch eine anarchische Unruhe, sie bestimmt die Lebensform des Glaubens, wie das Verlangen nach Luft die Lunge bewegt. (S. 162)

Lehnert betont auch den Kontrast zum romantischen Ideal der Moderne, die das Heil in der geschlechtlichen Liebe sucht. Auch sie kann sich nicht auf Paulus berufen. Vielleicht wäre das ja auch ein Ausweg aus den Kulturkämpfen rund um Ehe und Familie, das Thema wieder etwas zurückzunehmen. Da scheint mir auch ein Teil der Diskutanten (darunter die offizielle Linie der katholischen Kirche) an der Vorstellung von heiliger Schöpfungsordnung zu kleben und manche Kritik daran dürfte sich ihrerseits vor allem dem säkularen Motiv verdanken, in der geschlechtlichen Liebe etwas Unbedingtes zu sehen, dem ein Mensch um jeden Preis zu folgen hat, wenn er sein Glück nicht verspielen will. Ähnlich sind die Folgen für das Verhältnis der Christen zur antiken Gedächtniskultur, die so großen Wert legt auf Ahnen und Abstammung:

Die Ehe ist ja nichts als eine Interimslösung mit sehr begrenzter Gültigkeit. Ihr kommt keinerlei Heiligkeit zu, keine Metaphysik des Blutes. Es ist, folgt man Paulus, letztlich sinnlos, auf den Stammbaum der Generationen zu schauen, sich ein Weiterleben in einer Familie oder im Gedächtnis von Nachkommen zu erhoffen. Ja, es ist schon fahrlässig, eine Familie außerhalb der direkten Anwesenheit von Personen, der Liebe von Menschen zu denken […]

Die Familie löst sich bei Paulus auf bis auf die Personen, die man kennt und liebt. Genealogien, nichts haben sie mehr zu sagen auf die Frage, wer wir sind. (S. 163f.)

Der Schlüssel zu einer Entkrampfung der Debatten läge aber wohl darin, dieses Zeitempfinden nachzuvollziehen, die „anarchische Unruhe“ zurückzugewinnen. Christentum in unseren Breiten hat sich vielfach in der Zeit leidlich eingerichtet, lebt mehr im Verlauf als der Unterbrechung, hütet das Erbe der Väter oder fügt sich in den Lauf der Dinge. Dass Paulus hier, wie Lehnert schreibt, Lebenssituationen zu sich selbst in Spannung setzen kann, hat mit seinem Bild der Welt zu tun:

Paulus erlebt den Kosmos als flüchtige Erscheinung in stetem Selbstwiderspruch. Die alte Welt ist verwandelt in ihren Schatten, im Licht des messianischen kairos, und doch ist sie Ort der Bewährung, des Ausharrens bis zum Ende, und das heißt: Harren in der Verantwortung für die Welt als Hauch. (S. 169)

(Bild: Dennis Skley, Love and Marriage 298/366 via Flickr/Creative Commons)

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Mein Gedanken gehen immer noch zurück zum Predigttext vom vorletzten Sonntag. Paulus drängt seine Leser in Rom, auf Rache und Vergeltung in jeglicher Form zu verzichten.

Viele Konflikte folgen der Logik, dass erlittenes Unrecht Vergeltung rechtfertigt und dass gewaltsame Gegenwehr dann als moralisch zulässig oder sogar richtig und "gut" zu bewerten ist. In Römer 12 dagegen ist, ganz auf der Linie der Bergpredigt, davon die Rede, Böses grundsätzlich nicht mit Bösem zu vergelten.

Die Gewalttat ist und bleibt, selbst wenn sie den Schuldigen trifft (und noch viel mehr den Unschuldigen), böse. Das Opfer (oder sein Beschützer) wird zum Täter und der Täter, der sich nun als Opfer fühlen darf, plant schon die nächste Runde der Vergeltung.

Zu Beginn der Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas beschrieb Yuval Disken, früherer Chef des Shin Bet, die politischen Versäumnisse der Regierung Netanyahu. Ich poste hier kein Zitat, der Text ist es wert, in voller Länge gelesen zu werden. In der biblischen Sprache des Paulus und der jüdischen Weisheit könnte man sagen, hier wurde eine Gelegenheit ausgelassen, "glühende Kohlen zu sammeln“.

Es sind ja keineswegs die vermeintlichen Israelfeinde, die so reden, sondern Freunde. Der Schriftsteller David Grossmann schrieb jüngst im Feuilleton der FAZ:

Die Rechte, die an dieser Weltanschauung [alle Hoffnung auf Frieden sei illusionär] festhält, hat es geschafft, sie der Mehrheit der Israelis erfolgreich beizubringen. Man kann sagen, dass die Rechte nicht nur die Linke bezwungen hat. Sie hat Israel bezwungen. Nicht allein, weil diese pessimistische Weltanschauung den Staat Israel in einer Frage, die für seinen Fortbestand ausschlaggebend ist, lähmt, obwohl gerade hier Mut, Beweglichkeit und Kreativität gefragt sind; die Rechte hat Israel besiegt, indem sie unterworfen hat, was man ehedem den „israelischen Geist“ hätte nennen können: jenen springenden Funken, unser Vermögen zur Wiedergeburt, den Geist des Trotzdem und des Muts. Der Hoffnung.

Und bevor jemand fragt: Natürlich gilt die Mahnung auch für die Palästinenser und alle anderen Konfliktparteien auf der Welt.

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Im aktuellen Philosophie-Magazin schreibt Gunnar Olsson über die Bedeutung von Karten für die menschliche Vernunft. Karten werden möglich durch einen Träger (eine Fläche oder Kugel und damit etwas Unbegrenztes, das über die beabsichtigte Darstellung hinaus geht), durch einen Fixpunkt (Norden, Jerusalem, …) und einen Maßstab, der die Art der Abbildung und Repräsentation regelt. Vernunft und Denken beruht für ihn auf räumlicher Intuition. Auch die ethische und religiöse Orientierung (!) beruht auf solchen Karten:

Ich bin der Meinung, dass die Zehn Gebote eine Landkarte sind. Sie beginnen mit folgenden Worten: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten geführt habe". Jetzt […] wird man sogleich zwei wichtige Motive der kartografischen Vernunft erkennen, nämlich den Fixpunkt ("der Herr, dein Gott") und den Weg ("aus dem Land Ägypten führen“).

Dann kommt das zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern unter der Erde ist.“ Diesmal ist die Botschaft klar und betrifft den Maßstab: der Mensch hat nicht das Recht, die Schöpfung in irgendeine seiner eigenen Repräsentationen zu überführen, jede kartografische Phantasie ist ihm also untersagt – der einzige Code, um die Welt zu deuten, sind die Zehn Gebote selbst.

Im dritten Gebot taucht wenig überraschend die Frage des Plans auf: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht“, was bedeutet, dass es eine Trennung der Ordnungen zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen gibt, und dass man sich als Mensch tunlichst an den irdischen Plan zu halten hat.

Antique map 18

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In der Einleitung zu Ingolf U. Dahlferts Radikale Theologie findet sich dieser prägnant und ansprechend formulierte Absatz über einseitige Radikalismen:

Theologie ist Denkarbeit, und radikal denkt nicht, wer meint, dabei »RADIKAL« groß und »denken« klein schreiben zu müssen. Radikal sind Theologinnen und Theologen aber auch nicht, wenn sie ihre ganze Energie darauf richten, das Logos-Element in Theologie zu maximieren, indem sie das Theos-Moment minimieren. […] Man ist nicht dann ein besonders radikaler Theologe, wenn man alle Anstrengungen darauf richtet, zu zeigen, dass es nicht nötig, möglich, sinnvoll oder angebracht sei, von Gott zu reden, sondern dass stattdessen die Menschen, ihre Erfahrungen, Nöte, Probleme, religiösen Orientierungen, antireligiösen Vorbehalte oder areligiösen Lebensbereiche ins Zentrum theologischen Denkens und kirchliche Handelns gestellt werden müssten. Die Alternative ist eine Karikatur. Was hier gegeneinander gestellt wird, schließt sich nicht theologisch aus, sondern fordert sich gegenseitig.

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Vor einem Jahr habe ich die Kommentarregeln auf diesem Blog verändert – um zu kommentieren ist eine Anmeldung nötig, und die muss ich bestätigen. Seitdem ist es deutlich ruhiger, was zum Teil auch daran liegt, dass etliche Kommentare auf Facebook landen. Manchmal finde ich das schade, manchmal angenehm (wer anonym schreibt, lässt sich schneller zu trolligen Bemerkungen hinreißen).

Im letzten Jahr gab es nun über 6.000 Anmeldungen. Sehr viele aus Polen und Russland, den e-Mail-Adressen nach zu urteilen. Erstaunlich, wie populär mein Blog dort ist – das erinnert an den oben anklingenden Song von Alphaville. Nur leider mehr bei Spammern als bei Leuten, die meine Themen interessieren. Sie nennen sich phantasievoll (oder zufallsgeneriert) SyreetaCantor, MyrtisPadbury oder MercedeAlberts. Und wenn ihr Mailserver kein russischer ist, dann steht hotmail ganz hoch im Kurs.

Was ich an ernsthaften Namen erkennen konnte, habe ich freigeschaltet. Ich hoffe, ich habe niemanden übersehen.

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In Reiner Ruffings sehr gelungener Einführung in die Geschichte der Philosophie habe ich kürzlich das Kapitel über die Philosophie der Gegenwart gelesen. In den letzten 100 Jahren haben sich die Fragestellungen der Philosophen gegenüber Aufklärung und Idealismus noch einmal gewaltig verschoben.

Statt sich weitgehend auf das Individuum und/oder das Bewusstsein zu konzentrieren haben die Denker des 20. Jahrhunderts, vor allem seit dem vollständigen Verlust des Fortschrittsoptimismus im ersten Weltkrieg, zunehmend mehr Gedanken gemacht über die Auswirkung gesellschaftlicher Strukturen und Rahmenbedingungen auf unser Leben und über Sprache und Kultur als Voraussetzung unseres Denkens, Erkennens und Diskutierens.

Das ist keine neue Einsicht, aber als ich das so kurz und prägnant formuliert bei Ruffing las, frage ich mich, ob nicht Teile des christlichen Spektrums geistig noch im 19. Jahrhundert leben und noch die alten Fragen stellen. Freilich ist das erlaubt: Nicht alle dieser Fragen sind sinnlos. Die Frage ist allerdings, ob die Antworten auf diese Fragen in einer Welt, die sich ganz andere Gedanken macht, noch von Belang sind, und ob die Sprache und Denkmuster, aus denen heraus sie gestellt werden, verstanden werden.

«?», Robert Stadler’s question mark installation in Paris

Bild: «?», Robert Stadler’s question mark installation in Paris by Dominik via Flickr/Creative Commons 2.0

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Christian Lehnert meditiert in seinen hinreißenden Korinthischen Brocken unter anderem über den Begriff der "Ekklesia" bei Paulus. Er beginnt mit zwei Bildern: Dem Ort, wo das im Krieg zerstörte Haus seines Vaters stand, und dem Abdruck, den vermutlich ein Holzkreuz auf einer Stuckplatte im römischen Herculaneum hinterließ, als der Vesuv ausbrach im Jahr 79. „Ekklesia" als Spur eines Ereignisses und Ort der Erwartung. Abdruck und Gegenwart des bis zu seiner Wiederkehr abwesenden Christus.

Großartig finde ich, wie Lehnert die Eigenart und Einzigartigkeit dieses Phänomens festhält ohne dabei je exklusiv zu werden, es geht um eine neue Art des In-der-Welt-Seins, die sich ganz dem Christus verdankt:

Das entstehende Christentum suchte seine Gestalt nicht in der Schaffung neuer Kulträume oder besonderer Sphären des Heiligen. Seine ersten Spuren sind weder Sakralarchitekturen noch Riten der Abgrenzung. Das frühe Christentum holte seine Kraft aus der Alltäglichkeit, aus den einfachen Gebräuchen des Essens und Trinkens, des Waschens, der Geselligkeit. Es schuf keine Sonderwelten, sondern setzte das einfache Leben in einen neuen Zusammenhang. In kleinen körperlichen Gesten sprach sich der neuen Glauben aus, im Weinkelch an den Lippen und im Brot auf der Zunge. Diese Elemente waren wie Sternchen aus der antiken Lebenswelt gebrochen und neu zusammengesetzt zu einem Mosaik.

Es hätte naheliegendere Begriffe gegeben für das junge Christentum, schreibt Lehnert, etwa der jüdische Begriff der synagoge, der schon religiös konnotiert war. Stattdessen wählt Paulus ein profanes Wort: die griechische Volksversammlung, die eben keine abgrenzbare, partikulare Interessengemeinschaft innerhalb einer Gesellschaft meint:

ekklesia ist nichts unter anderem, sie ist etwas anderes – eine plötzliche Veränderung, nichts, was man kennt. Wenn Paulus eine einzelne Gemeinde als ekklesia anspricht, schwingt immer auch mit, dass eigentlich eine Gesamtheit gemeint ist – die ganze ekklesia. Es gibt sie nur so. Wo auch immer sie geschieht, ist sie ganz, egal, wie viele es sind, die in Christus sind, denn es sind immer alle, und auch die Toten und die Kommenden gehören dazu. Es handelt sich um keine teilbare Quantität.

Mit unseren Begriffen lässt sich das kaum angemessen abbilden.:

Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten »Gemeinde« oder »Kirche« verstellen beide eher das Verständnis – das erste Wort, weil es partiell gedacht ist, bürgerliche Vereinskultur steht vor Augen, das andere, weil es institutionell verfestigt. Ekklesia aber ist die Beschreibung einer Unterbrechung, etwas wie eine Bewusstseinsstörung. Sie ähnelt dem Nachbild eines grellen Lichtes, wenn man geblendet die Augen schließt und Ringe zerfließen, gelb und orange, nunmehr ohne Entsprechung in der äußeren Wirklichkeit. Etwas geschah, und was bleibt?

In vielen Gesprächen über Ekklesiologie ist mir diese sprachliche Verlegenheit zwischen kumpelhafter Cliquenwirtschaft und desinteressiertem Hebelwerk begegnet, in die uns unsere deutschen Termini unablässig stürzen, und die Lehnert so treffend beschreibt. Die ekklesia ist kein Ort, keine greifbare Struktur, eher ein unwillkürlicher Zustand. Einige Seiten später drückt er es dann so aus:

Die ekklesia ist nicht faßlich, sie kennt sich selbst nicht, sie ist die Strömungsfolge eines Ereignisses, das ihr nichts zu eigen gibt, sondern sie selbst als Eigenes erst bildet. Wer in ihr mitgetrieben wird, kann das Gefälle nicht verstehen – er hat kein Ufer. Im Glauben gibt es kein Ufer. […]

Das Ereignis des Christus schafft sich eine Strömungsform in der Wirklichkeit. Der Christus wird in ihr gesungen, gebetet und gedacht. Er wird in ihr geatmet und er wird in ihr geopfert. Er wird in ihr beklagt und gepriesen. Er wird in ihr gelebt, und dieses Leben der ekklesia ist der Wahrheitsausweis des Christus. Vom Ufer aus sieht man den Strom, vielleicht Strudel, Wellenkämme oder festen Schaum, der sich an Hindernissen staut. In der Strömung wirst du erfaßt von einer Kraft, die dich haltlos forttreibt.

The mighty Maelstrom

Bild: Nicolas Massé, The mighty Maelstrom, via flickr.com/creative commons 2.0
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Mal ganz abgesehen davon, dass etliche üble Fouls bei dieser WM in jedem anderen Zusammenhang eine ausgewachsene Körperverletzung wären und nur noch die Frage zu klären bliebe, ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit war, liest man in diesen Tagen auch immer wieder von Zauberern, die den Gegnern mittels schwarzer Magie Schaden zufügen wollen. Das ist in der Konsequenz ja auch eine Form von Gewalt.

Mag sein, dass das Motiv die blanke Verzweiflung ist. Sie wissen sich nicht anders zu helfen als mit solchem Blödsinn. Oder (das halte ich für plausibler), sie wollen mit dieser Nummer medial groß herauskommen, und hoffen, dass sie das Geschäft belebt.

Andererseits: Gehören die Voodoo-Heinis nicht wegen versuchter Körperverletzung und Spielmanipulation angezeigt, wenn sie schon selbst den Zusammenhang zwischen ihren Ritualen und Zaubersprüchen und den erwünschten üblen Folgen herstellen? Oder ließe sich das als eine Art Hassrede interpretieren?

Und wo wir schon dabei sind: Liebe Journalisten, warum muss man davon berichten und das Geschäftsmodell auch noch unterstützen?

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Der Viertelfinaljubel wurde gestern durch die Nachricht unterbrochen, dass die NSA allem Anschein nach den NSA-Untersuchungsausschuss ausspioniert hat, durch einen Doppelagenten des (ohnehin immer sehr kooperativen) BND. Vielleicht sollte man im Verhältnis zu den USA auf den Begriff „Freundschaft“ verzichten – oder ihn eben so verstehen, wie das Wort „Parteifreund“ in der CSU.

Während hier noch Aufklärung gefordert und – wie halbherzig oder konsequent auch immer – betrieben wird, lohnt sich ein Blick auf das, was diese Woche zum Thema Überwachung schon gesagt wurde. In eben jenem Ausschuss kamen am Donnerstag zwei ehemalige Angestellte der NSA zu Wort. William Binney, ehemals technischer Direktor bei der NSA, sprach wiederholt von einem totalitären Ansatz der NSA, der Rechtsstaat und Demokratie untergräbt.

Surveillance

Wohin die Massenüberwachung führt, zeigt der Beitrag von Prima Basil in der FAZ. In Großbritannien ist die Überwachung weiter fortgeschritten und stößt auf weniger Widerspruch als irgendwo sonst in Westeuropa. Ihr Fazit fällt vernichtend aus:

Der Preis für den britischen Überwachungswahn ist beispiellos: die psychische, emotionale und intellektuelle Verarmung der eigenen Gesellschaft.

Das ganze wirft auch noch ein düsteres Licht auf die Beziehungen zwischen EU und Großbritannien:

Wenn es nach der Regierung Cameron ginge, sollten der Human Rights Act und die Europäische Menschenrechtskonvention im Fach Staatsbürgerkunde künftig nicht mehr erwähnt werden. Auch den Begriff Menschenrechte würde man am liebsten durch das Wort „kostbare Freiheiten“ ersetzen – so, als würde man durch eine andere Benennung den Anspruch der Bürger auf ihre demokratischen Rechte schmälern können. Zum Glück ist es den Tories nicht gelungen, diese „Reform“ durchzuboxen, aber sie haben freundlicherweise „zugesagt“, den Human Rights Act abzuschaffen, wenn sie bei der nächsten Wahl gewinnen. Dann stünden die Bürger wieder schutzlos da, weil die Europäische Menschenrechtskonvention im Vereinigten Königreich nicht mehr direkt einklagbar wäre.

Während sich Briten und Amerikaner am D-Day als Hüter der Menschenrechte und Verteidiger der Freiheit feiern ließen, waren sie schon längst dabei, dieses Erbe gründlich zu verspielen. Wenn erst einmal ein mächtiges System der Kontrolle und Überwachung geschaffen wurde, wird es alles dafür tun, diese Macht zu behaupten. Der Doppelagent war bestimmt nicht die letzte hässliche Episode.

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Es ist kein Zufall, dass das Neue Testament zu einem wesentlichen Teil aus Briefen besteht. Diese Briefe führen vor Augen, was es heißt, ganz und bejahend in der Welt zu leben, ohne in ihr letztlich beheimatet zu sein. Sin sind die zentrale literarische Form für das christliche Selbstverständnis zwischen diesseitiger Zeitgenossenschaft und dem Wissen, nicht dieser Zeit und dieser Welt anzugehören. Der Brief im biblischen Kanon bringt das zur Abbildung: zeitlose Zeitlichkeit eines Dokuments.

Christian Lehnert, Korinthische Brocken, S. 13.

2008.11.12 - The letter

Bild: Adrian Clark, The Letter (via flickr - creaative commons 2.0)
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ich habe den fröhlichen Klang der Stimmen, die Abenddämmerung nach der großen Hitze, die Kerzen auf unserer Terrasse, den Geruch von Gras, Wein und Pasta noch ganz frisch im Gedächtnis. Spät am Abend seid Ihr von meiner Geburtstagsfeier aufgebrochen, und wie hätte man in der gelösten Stimmung auch nur im Entferntesten auf die Idee kommen können, dass wir uns gerade für immer verabschieden – diesseits der Ewigkeit?

In diesen letzten Wochen habe ich Dich gelöst erlebt, wie Du von der letzten Reise geschwärmt hast und Dich auf den bevorstehenden Urlaub in Rovinj gefreut hast, das für Dich ein paradiesischer Ort war. Diese Leichtigkeit mitzuerleben war angesichts all der schweren und düsteren Zeiten, die Du in den letzten Jahren wiederholt durchleiden musstest, etwas sehr Kostbares. Deine äußere Robustheit und Umtriebigkeit hat diese zerbrechliche Zartheit häufig verdeckt, und manchmal, so scheint mir, bist du selbst darüber erschrocken, wenn sie durchkam.

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Aber auch im finstern Tal warst Du Dir nie selbst genug, immer hast Du Dich erkundigt, identifiziert, Anteil genommen, Dich nach Kräften und darüber hinaus zuständig gefühlt und mitgedacht. Das ist auch eine dieser Erinnerungen, die bleibt und um die wir uns in diesen Tagen immer wieder versammeln. Es gibt, um eine Redewendung aus „Der Gott der kleinen Dinge“ zu borgen, ein Udo-förmiges Loch im Universum. Und unsere Seele taumelt hin und her zwischen Tränen, Taubheit oder Trotz, und findet zwischendurch Halt in irgendeiner mechanischen Tätigkeit, zu der wir uns überreden.

Als unser gemeinsamer Freund Horst vorletztes Jahr – auch in den Ferien, auch am Wasser – verunglückte, als jene Lücke im Universum sich jäh vor uns auftat, waren wir beide in so einem benommenen Zustand – und es war gut, dass wir einander hatten. Ich habe die Worte damals ein bisschen eher wiedergefunden als Du, aber jetzt kämpfe ich mächtig darum, und es fällt mir schwerer denn je. Als hätte jemand zähes Schweröl über meine Gedanken ausgegossen. Die Nachricht, dass ein achtloser Freizeitkapitän Dich arglosen Schwimmer tödlich verletzt hat, hätte unfassbarer nicht sein können – und sie fühlte sich doppelt bitter an. Bestimmt muss es doch ein Gesetz geben, das mehrere Schläge in die gleiche Kerbe untersagt! Die Ähnlichkeit hat für uns Hinterbliebene (seltsam, wie ein so hölzerner Begriff die Gefühlslage so treffend abbilden kann…) nicht nur etwas absurd Sinnloses, sondern auch fast etwas Zynisches an sich, weil sie das Einzigartige dieses Verlustes scheinbar relativiert.

Unbegreiflich ist Dein Weggang auch, weil wir alle Deine Beständigkeit und Treue kannten. Wenn Du in den Urlaub aufbrachst, hast Du Dich meist verabschiedet und danach wieder zurückgemeldet. Wen Du einmal in den Kreis Deiner Freunde aufgenommen hattest, der musste sich schon selbst daraus entfernen. Alle anderen Adressaten Deiner Anteilnahme und Fürsorge konnten Deines Wohlwollens gewiss sein – auf Lebenszeit. Die aber haben wir, wie sich zeigt, zu optimistisch eingeschätzt.

In den letzten vierzehn Tagen habe ich mit vielen geredet, die Dich gekannt und geschätzt haben. Es gab kaum ein anderes Thema. In ihren Worten war so viel Sympathie, Dank, Bewunderung und Hochachtung zu spüren. Und es waren immer wieder Erinnerungen dabei, wo wir trotz allem ins Schmunzeln kamen. Dieses „Höher, schneller, weiter“ etwa, das nicht nur in Deiner Leidenschaft für den Sport zu spüren war und allen, die mit Dir in den Bergen gewandert sind, in lebhafter Erinnerung bleibt. Du hast Dinge nie auf-, sondern unermüdlich angeschoben. Das hat es manchmal auch ein wenig anstrengend gemacht für uns, aber Du hast es Dir selbst mehr als jedem anderen zugemutet. Und während wir so redeten, fragte ich mich, ob hinter dieser Eile und dem Elan, mit dem Du Deine Tage so randvoll bepackt hattest, irgendwie schon immer die Ahnung steckte, dass Dir tatsächlich weniger Lebenszeit vergönnt war als vielen anderen.

Am Morgen nach Deinem Tod nahm ich an einer Andacht teil. Sie fand im Garten eines Exerzitienhauses statt und begann mit der Einladung, mich umzusehen und dann einige Minuten an einem Ort zu verbringen, zu dem ich mich hingezogen fühlte. Zwei Meter vor meinen Füßen stand eine Pusteblume, die der Rasenmäher offenbar verfehlt hatte – die einzige weit und breit. Ich blieb regungslos stehen vor diesem Symbol der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Und während ich noch dort stand und die Blume ansah, kam jemand vorbei und stieß mit dem Schuh dagegen. Silberne Schirmchen flogen mit dem Luftzug davon, der Stiel blieb fast kahl auf der Wiese zurück. Ich sah noch einen Moment hin, dann kamen die Tränen. Die stumme Trauer hatte in diesem Zeichen einen Ort gefunden, an dem sie zur Geltung kommen konnte – nicht nur in mir sondern vor Gott.

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Als ich über diese Szene nachdachte, fiel mir noch eine weitere Dimension auf, die auch gestern, bei Deiner Beerdigung, mit Händen zu greifen war: Solche "Schirmchen" Deines Wesens tauchen an so vielen Stellen auf, manch sind tausende Kilometer weit geflogen. Sie sind gelandet bei Menschen, mit denen Du über lange Zeit, große Entfernungen und so manch harte Zerreissproben den Kontakt gesucht, gehalten und oft auch wieder neu geknüpft hast. Ich habe das Nachmittagsprogramm an diesem Tag geschwänzt, meine Laufschuhe angezogen und bin in den Wald gelaufen. Es schien mir der richtige Ort, um an Dich zu denken. Schirmchen flogen durch meinen Kopf – die vielen Runden, die wir in den letzten Jahren durch die Mönau, den Buckenhofer und Tennenloher Forst gedreht haben, während wir über die Höhen und Tiefen unseres Lebens redeten, oder uns Gedanken über Zustand und Richtung unserer Gemeinde machten. Eingehüllt vom intensiven Geruch des Waldes, den Sonnenstrahlen zwischen den Buchenblättern, dem kühlen Wind auf der Hochfläche war die Einsamkeit ein willkommenes Geschenk. Der Takt der Schritte auf dem Schotterweg machte meine Sprachlosigkeit und Leere erträglich.

Ich habe mich in den letzten beiden Wochen mehrfach gefragt, an welchen Ort ich mich zurückziehen könnte, um mich an Dich zu erinnern, aber es fiel mir kein passender ein. Nicht die Ruhe, sondern die Bewegung fühlt sich „richtig“ an. Ich laufe zwar schon immer auch gern alleine, trotzdem werde ich Dich sehr vermissen. Über all die Jahre und Kilometer ist jeder auch ein Teil vom anderen geworden. Von nun an wird die Lücke, die Du hinterlässt, mich begleiten. Seltsamerweise spüre ich schon jetzt, wie mir auch die Seiten an Dir fehlen, an denen ich mich immer wieder gerieben habe. Sie gehörten eben immer auch zum Paket. Umgekehrt haben meine gelegentlichen Flirts mit dem Prinzip der kreativen Zerstörung mehr als einmal Schweiß und Sorgenfalten auf Deiner gewissenhaften Stirn verursacht. Aber wir sind immer weiter gelaufen, haben immer weiter geredet und, wenn nötig, auch mal geschwiegen.

Apropos Abschied und Bewegung: Der geniale Songpoet Rich Mullins (er starb 1997 bei einem Autounfall), hat sich in einem seiner Lieder Gedanken über den Tod gemacht.

When I leave I want to go out like Elijah

With a whirlwind to fuel my chariot of fire

And when I look back on the stars

Well, it'll be like a candlelight in Central Park

And it won't break my heart to say goodbye

Elia, der alte Haudegen, dämmerte nicht etwa auf sein Ende hin, sondern wurde nach biblischer Darstellung mitten aus seinem turbulenten Wirken zum Himmel entrückt. Eine andere Zeile aus dem Text lautet:

On the road to salvation

I stick out my thumb and He gives me a ride

And His music is already falling on my ears

Was für Musik auch immer Dich vor Istriens Küste davongetragen hat, sie wird irgendwann auch uns endgültig trösten, wenn sie an unser Ohr dringt. Bis dahin halte ich es auch mit dem guten Rich, wenn er schreibt:

I'm here to tell you I'll keep rocking, 'til I'm sure it's my time to roll.

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Die Szene sieht man im Profifußball öfter: Beim Foul geht Sekundenbruchteile nach dem Opfer auch der Täter mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden und hofft, dass die Unparteiischen so nicht mehr unterscheiden können, wer hier wem in die Knochen getreten hat. Aktuell zu besichtigen in den Videos von Luis Suarez’ Beißattacke. Kein neuer Trick, aber wirkungsvoll – sofern es keine Kameras mit Superzeitlupe gibt.

In der öffentlichen Debatte passiert gelegentlich etwas ganz Ähnliches. Da geht jemand mit einem dramatischen Aufschrei zu Boden, der verdeckt, dass eben diese Person gerade ein Foul begeht. Meistens wird dabei die bedrohte Meinungsfreiheit ins Feld geführt, im Rahmen derer manche meinen, diskriminierende Äußerungen über andere in die Welt setzen zu können. Gelegentlich auch die Religionsfreiheit, so als lasse einem der eigene Glaube gar keine andere Wahl, als andere in irgendeiner Form als defizitär oder gefährlich zu denunzieren und zu kategorisieren.

Zwei Musterbeispiele für diese Verkleidung des Wolfes im Schafspelz aus letzter Zeit sind die Klage von Henryk Broder, inzwischen würden weiße alte Männer diskriminiert, und die Reaktion des (inzwischen ehemaligen) CDU-Lokalpolitikers Sven Heibel, der sich den Paragraphen 175 StGB zurück wünscht (beziehungsweise dessen Streichung einfach ignoriert), und dafür empörte Kritik erntete. Sogar aus der eigenen Partei, aber ich nehme an, der Mann wird schon irgendeine Alternative finden.

Nun werden weder Broder noch Heibel demnächst Klage einreichen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ersterer ist nicht etwa das Opfer skrupelloser Nachwuchspolitikerinnen, sondern seines Seelenverwandten Thilo Sarrazin, der ihm das einträgliche Geschäftsmodell geklaut hat und noch effektiver gegen andere stänkert. Über Political Correctness wird dann geschimpft, über Ideologie und Denkverbote, der Geruch von Verschwörungen herbeigeredet. Andere Opfer vermeintlichen Gesinnungs- und Tugendterrors stimmen bereitwillig ein in den Chor, fertig ist der Protest. Homophobie etwa versteckt sich dann hinter der (freilich absurden) Behauptung, inzwischen "müsse man sich ja schon dafür entschuldigen, dass man heterosexuell sei".

Eine gute Orientierung darüber, wie die verschiedenen Menschenrechte (in diesem Fall: Religionsfreiheit und LSBTI-Rechte) miteinander verwoben sind, findet sich in diesem Vortrag von Prof. Heiner Bielefeldt, in dem er für eine Deeskalationsstrategie wirbt, etwa im Fall der britischen Standesbeamtin Lillian Ladele - aber auch klar macht, wo Grenzen gezogen werden müssen. Es ist tatsächlich beides nötig: Konfrontation und weise Zurückhaltung.

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"Sind wir denn im Leichten froh, sind wir nicht fast verlegen im Leichten? Unser Herz ist tief, aber wenn wir nicht hineingedrückt werden, gehen wir nie bis auf den Grund. Und doch, man muss auf dem Grund gewesen sein. Darum handelt sich's."

the untimely ascension of toshiro-san

Bild: The Untimely Ascension of Toshiro-San by Filtran (Flickr.com/creative Commons 2.0)

 

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Ein sehr lieber Freund ist letzte Woche tödlich verunglückt. Mehr als mein halbes Leben haben wir Höhen und Tiefen des einen wie des anderen geteilt. Unsere Kinder sind zusammen groß geworden, ich erinnere mich an Ausflüge, Urlaube und Feste, das letzte ist gerade zwei Wochen her.

Die Schockwellen laufen unvermindert durch diese Tage, durch die Gemeinde, den Freundes- und Bekanntenkreis. Ich staune, was für eine physische Wucht Trauer hat – auf einzelne und auf Gemeinschaften.

Unter den vielen Fragen und Gedanken, die sich melden, ist auch die Erinnerung an Taufen und Kindersegnungen, wo wir – erst vor wenigen Wochen wieder – Psalm 91,12 zitiert haben:

Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.

Natürlich ist das der Wunsch aller Eltern für ihre Kinder, aller Menschen für ihre Lieben, dass ihnen Schicksalsschläge erspart bleiben. Nur kann ich nicht erkennen, dass sie Christen oder religiöse Menschen seltener träfen. Willkürlich und unerklärlich widerfährt Leid, wie auch glückliche Rettung aus Gefahr, den einen ebenso wie den anderen. Oder wie Jesus es ausdrückte: Gott lässt die Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte.

Dandelion

(Bevor jetzt jemand eilig protestiert: Angenommen, es ließe sich statistisch nachweisen, dass Christen seltener von Unfällen und schweren Krankheiten betroffen wären, wäre das nicht ein recht zwiespältiger Anreiz, sich dem Glauben zuzuwenden?)

Gott als eine Art metaphysische Lebensversicherung zu betrachten, ist also problematisch. Er nimmt sich ganz offenbar die Freiheit, solche Erwartungen zu enttäuschen. Eher können wir darauf zählen, in solchen Momenten nicht einsam, sondern verstanden und geborgen zu sein.

Jesus wird in Lukas 3 übrigens auch mit eben diesem Bibelwort konfrontiert – er hört es aus dem Mund des Versuchers. Es geht für ihn vordergründig darum, sich mutwillig in Gefahr zu begeben, um ein Wunder zu provozieren. Es steht für Jesus in diesem Moment aber auch auf dem Spiel, wer Gott für ihn ist: der Garant eines spektakulär schmerzfreien Lebens oder der, der die Freiheit hat, ihm Leid zuzumuten – im Vertrauen darauf, dass er es schließlich und endgültig doch in Freude verwandelt, zu der es leider keine Abkürzung gibt.

In eben dieser Spannung beten wir das Vaterunser – dass Gottes Wille geschieht, dass wir vom Bösen erlöst werden und dass wir die Geduld geschenkt bekommen, in der Zwischenzeit die Hoffnung und den Glauben nicht zu verlieren. Das Gegenteil von Freude, sagte Klemens Schaupp letzte Woche, ist nicht Trauer, sondern Bitterkeit.

Die gute Nachricht lautet also, dass der Tröster unter uns wirkt. Die schlechte Nachricht ist, dass wir ihn oft bitter nötig haben. In diesen Tagen ist das für mich mit Händen zu greifen. Oder, um es mit einen Rilke-Zitat zu sagen:

Wenn etwas uns fortgenommen wird,
womit wir tief und wunderbar zusammenhängen,
so ist viel von uns selbst mit fortgenommen.
Gott aber will, dass wir uns wiederfinden -
reicher um alles Verlorene und vermehrt
um jenen unendlichen Schmerz.

(Bild: Dandelion by Seyed Mostafa Zemani, flickr.com/creative commons 2.0)

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Die Frage nach der mächtigen, aber oft unbewussten Wirkung verschiedener Metaphern hat mich schon verschiedentlich beschäftigt, zum Beispiel in der Diskussion um die Sühnetheologie und alternative Deutungen des Todes Jesu, oder zur gottesdienstlichen Sprache und dem Liedgut.

Walter Wink hat die Sühne in Verwandlung der Mächte für mein Empfinden etwas zu grob behandelt, aber an anderer Stelle dieses wichtigen Buches eine treffende Beobachtung zur Metaphorik der Evangelien gemacht:

Gleichnis für Gleichnis spricht Jesus von der "Königsherrschaft Gottes“. Er verwendet dabei Bilder aus der Landwirtschaft und der Arbeit der Frauen, nicht aus dem krieg und nicht aus königlichen Palästen. Diese Herrschaft wird nicht beschrieben, als würde sie vom Himmels auf die erde herabkommen; still und unbemerkt steigt sie aus dem Land empor. Sie wird nicht durch Armeen und militärische Macht etabliert, sondern durch einen unaufhaltsamen Wachstumsprozess von unten, aus dem einfachen Volk.

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