Das Katastrophenjahr 2016 geht zu Ende. John Oliver hat ihm schon vorab einen sarkastischen Rückblick gewidmet. Viele fragen sich derzeit, wo es hingeht mit unserer Welt. Die Epistel des Ewigkeitssonntags hatte darauf eine Antwort parat, in der eine ganze Reihe von Hinweisen enthalten sind, die entdeckt und entschlüsselt werden wollen.

Was also verbirgt sich hinter den poetischen Sätzen über einen neuen Himmel und eine neue Erde? Warum muss das Meer verschwinden, wo wir doch so gerne am Strand spazieren gehen oder uns in die Wellen stürzen? Und wie ist das zu verstehen, dass Gott am Ende unter den Menschen zeltet? Was hat das für Folgen für den Umgang mit Macht und die Beziehungen zwischen Menschen, Völkern und Kulturen?

Und wenn das die Vorstellung des End-Gültigen ist, die uns geschenkt ist, was bedeutet das auch in dunklen Tagen für unser Gottesbild, für unser Verhältnis zu Welt und zu uns selber, und für unsere Erwartung an die Zukunft, in deren Horizont wir schon jetzt leben?

Hier habe ich meine Gedanken dazu formuliert (bis ca Minute 18).

Wer möchte, kann dazu Heaven for Everyone hören. Vor 10 Tagen – auch das passte zum Ewigkeitssonntag – war Freddy Mercurys 25. Todestag. Und wenn man sich vorstellt, mit dem „du“ im Text des Liedes ist Gott gemeint, dann wird daraus sogar ein ganz passables Gebet…

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Wie konnten wir uns eigentlich alle verständlich machen, als es das Kompositum „zeitnah“ noch nicht gab? Wie kamen wir nur klar mit solch kurzen, schlichten und eleganten Wörter wie „bald“, „schnell“, „eilig“ (oder sogar "unverzüglich", „sofort"), die der Zeit ihr eigenes Reich lassen?

Die Zeit ist ja das gerade nicht, was „nah“ gewöhnlich ausdrückt, nämlich eine weitere Funktion des Raumes, ein Abschnitt auf einem Maßband, einem Lineal, einer Landkarte; lieber Immanuel Kant, wir brauchen nur heute noch eine transzendentale Kategorie.

„Zeitnah“ ist die Sprache der Projektplaner und Businessgrafiker, die ihre Wirklichkeit in Charts einsperren und mit ominösen Deadlines drohen. Es ist die Sprache der an Zeit chronisch Armen, der Ungeduldigen, der Beschleuniger, der Hektiker.

Wenn wir also das nächste Mal „Seht die gute Zeit ist nah“ singen, freue ich mich darüber, dass es noch nicht heißt, "das Gute kommt zeitnah“. Denn da geht es nicht um Termindruck, sondern um Verheißung und Erwartung. Keine Deadline, kein terminus, sondern ein neuer Anfang.

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In den Diskussionen um den Rechtspopulismus gibt es immer wieder einmal Augenblicke, wo die Vertreter der offenen, demokratischen und …

… und hier entsteht schon die erste Schwierigkeit: Schreibe ich „liberal“? Das klingt entweder nach FDP oder nach einer Mischung aus Überlegenheitsgefühl und Gleichgültigkeit, die ich auch nicht meine. Schreibe ich „freiheitlich“? Dann könnte man an die FPÖ denken, die die Freiheit der Autochthonen gegen die Freiheit der Geflüchteten ausspielt. Wie rede ich von Freiheit, ohne die falschen Befreier zu begünstigen?

Weiter im Text: Also, in diesen Diskussionen gibt es immer wieder Momente, wo Entrüstung und Empörung, nicht nur und vielleicht auch nicht in erster Linie, darüber geäußert wird, dass jemand gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schürt, sondern dass er Dinge sagt, von denen es doch ganz klar ist, dass man so nicht denkt und redet. Als ob der schlichte Hinweis genügen würde, damit das Gegenüber aufhört.

Die Rechten nutzen diese Einladung zum inszenierten Tabubruch, der ihnen nicht nur Aufmerksamkeit verschafft, sondern auch das Image des Rebellen. Zum Rebellen-Image gehört auch die Wahrnehmung, es handele sich um eine vitale, irgendwie jugendliche und dynamische Bewegung. Zugleich erinnert die verächtliche oder verzweifelte Empörung der Linken und der (Noch-)Mitte an die Eltern der 68-Generation, der es nicht gelang, ihre traditionellen und autoritären Werte gegen die Protestbewegung zu verteidigen. Sie wirken allein schon durch diesen Kontrast alt und verbraucht.

Nun stellt sich heraus, dieser Wandel war weder gründlich noch nachhaltig genug, um zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Jan C. Behrends schrieb kürzlich in der Zeit einen Nachruf auf den Liberalismus. Dort heißt es: "Die hegelianische Illusion von der Unumkehrbarkeit der Liberalisierung versperrte uns den Blick.“ An der Umkehrung wird seit langem hart gearbeitet, und inzwischen zeigt das Wirkung. Oft funktioniert das so, wie Sylvia Sasse es bei Geschichte der Gegenwart (danke für den Lesetipp, Walter Faerber!) beschreibt: "Mit der Geste von Aufdeckung und Bloßlegung werden Forschungsergebnisse tendenziös gelesen, um selbst wieder etwas zu verdecken und zu verhüllen."

Anders gesagt, in der heutigen Welt mit ihren zerfaserten, multiplen und inkongruenten Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten ist schlicht gar nichts mehr selbstverständlich. Es hilft also nicht, bloß an einen nicht mehr vorhandenen Konsens zu appellieren. Es genügt nicht, defensive Reaktionen zu zeigen, die oft paternalistisch wirken und vor allem die Notwendigkeit verkennen, die eigene Position nicht einfach nur durch die Wiederholung derselben Bilder, Begriffe und Narrative zu vertreten. Denn deren Wirkung hat sich vielfach schon abgenützt.

Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass der liberale Rekurs auf die Aufklärung allein genügt. Die einen kennen „ihren“ Kant längst nicht mehr, die anderen haben ihn längst gegen Nietzsches Willen zur Macht eingetauscht. Der muss sich vor keinem kategorischen Imperativ mehr rechtfertigen. Diese Leute sind sehr wohl gefährlich, aber weder sind sie alle ungebildet, noch geistig oder kulturell zurückgeblieben.

Ich glaube, wir kommen auch nicht umhin, eine genuin christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit zu geben. Die Gelegenheit dafür ist günstig, der ökumenische Schulterschluss zwischen Katholiken und Protestanten funktioniert. Mit einigen Einschränkungen: Die evangelikale Welt ist über Trump gespalten, der Rechtskatholizismus in Ungarn und Polen (und seine Inseln in Deutschland) verweigert Papst Franziskus die Gefolgschaft. Aber wir haben im Evangelium von Gottes herrschaftsfreier Ordnung ein quicklebendiges Narrativ, das den synthetischen Legenden von Nation und Leitkultur unter anderem das voraus hat, dass es Gegensätze überbrücken kann. Und dass es die Vision einer versöhnten Welt schon immer in sich getragen hat.

Wirken wird das aber erst dann, wenn Christen – vor allem in den großen Konfessionen – sich unverblümt der Wirklichkeit stellen, dass wir eine Minderheit sind, die weder auf Selbstverständlichkeiten pochen kann, noch ungefragt davon ausgehen, dass andere ihre Prämissen teilen oder ihren Schlussfolgerungen zustimmen. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, sich wieder auf Lesslie Newbigins wichtige Einsicht zu besinnen, dass die herrschende Plausibilitätsstruktur im globalen 21. Jahrhundert uns nicht mehr begünstigt, sondern vor die Aufgabe stellt, unerschrocken (und ohne uns dafür zu entschuldigen) Position zu beziehen und dem durch unser praktisches Verhalten die nötige Verständlichkeit zu verleihen:

Wenn das Evangelium verstanden werden soll, wenn es angenommen werden soll als etwas, das Wahrheit über die wirkliche Situation des Menschen vermittelt, wenn es, wie wir sagen, einen Sinn ergeben soll, dann muss es in der Sprache derer kommuniziert werden, an die es sich richtet und in Symbole gefasst werden, die für sie eine Bedeutung haben. Und da das Evangelium nicht als körperlose Botschaft daherkommt, sondern als Botschaft einer Gemeinschaft, die den Anspruch erhebt, danach zu leben und andere einlädt, sich dem anzuschließen, muss das Leben dieser Gemeinschaft so eingerichtet sein, dass es “einen Sinn ergibt” für jene, die man einlädt.

Oder, um es mit Walter Wink zu sagen:

Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System [„Ideologie“ wäre hier vielleicht noch passender] die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

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Wieder einmal scheint es schlimmer zu kommen, als viele lange dachten. Nach dem Brexit steht nun Donald Trump vor dem Wahlsieg in den USA. Und die schockierte Welt rätselt, wie das möglich war.

Eine Antwort auf diese Frage hat Zygmunt Bauman schon im Jahr 2000 gegeben, als er Flüchtige Moderne veröffentlichte. Dort beschreibt er die Veränderungen, deren Folgen wir jetzt so deutlich vor Augen geführt bekommen. er spricht von einer „grundlegenden Veränderung des öffentlichen Raums“, und der liegt „in der Art und Weise, wie die moderne Gesellschaft sich selbst bearbeitet und sich auf sich selbst bezieht“. (S. 35)

In der zweiten, reflexiven oder „flüchtigen“ Moderne ist erstens der Glaube daran, dass der Fortschritt und Wandel irgendwann einmal ein Ziel erreicht, verloren gegangen. Zweitens sind die „Modernisierungsaufgaben“ dereguliert und privatisiert worden. Das zeigt sich gut in Margaret Thatchers berühmten Ausspruch „there is no such thing as society“: Kein fürsorglicher Staat schaltet und waltet mehr, sondern jeder muss selbst sehen, wo er bleibt. Individualisierung ist das Schicksal, wählen zu müssen. Identität ist nicht vorgegeben, sondern sie wird zur Aufgabe, mit der man nie fertig wird. Niemand, sagt Bauman forderte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton,

als dieser die Zuständigkeit der Bundesregierung für den Bereich der Sozialpolitik abschaffte und damit das kollektive Versprechen individueller Vorsorge gegen Schicksalsschläge brach, die hinterhältigerweise immer auf einzelne hereinbrechen. (S. 87)

Also hat das Individuum tragischerweise auch mit Clintons Hilfe die politische Bühne erobert. Mit Tocqueville sagt Bauman:

Das Individuum […] ist der größte Feind des Bürgers. Der Bürger ist eine Person, die ihr Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft – wohingegen das Individuum nur lauwarme Gefühle und Skepsis angesichts öffentlicher Angelegenheiten von allgemeinem Interesse entwickelt. Was soll »Allgemeininteresse« mehr bedeuten, außer dass jeder nach seiner Facon glücklich wird? (S. 47f.)

Von Rechts wegen sind wir selbstbestimmt. Aber es fehlen uns die Mittel, aus dieser Freiheit etwas Lohnendes zu machen. Vom Staat erwartet man, dass er die öffentliche Sicherheit gewährleistet und „Räuber, Perverse, Bettler und anderes Gesindel“ wegsperrt. Das Allgemeininteresse wird, und hier zitiert Bauman Joel Roman „zu einem Kartell der Egoismen […], das sich auf kollektive Emotionen und die Angst vor dem Nachbarn stützt.“ Und das erzeugt vielfältige Probleme für Politik und Gemeinwesen,

weil die Anliegen und Bedenken der Individuen den öffentlichen Raum bis zum Überlaufen anfüllen, weil sie mit dem Anspruch auftreten, als Individuen die einzig legitimen Akteure in diesem Raum zu sein und mit harten Ellenbogen alles andere aus der öffentlichen Sphäre verdrängen. Die »Öffentlichkeit« wird durch die »Privatsphäre« kolonisiert; das öffentliche Interesse reduziert sich auf die Neugier des Publikums, auf das Interesse am Privatleben von Figuren des öffentlichen Lebens, und die Kultur schurrt zusammen auf die öffentliche Darstellung privater Affären und das öffentliche Eingeständnis privater Gefühle (je intimer, desto besser). »Öffentliche Angelegenheiten«, die sich dieser Reduktion auf das Private widersetzen, bleiben schlicht unverständlich. (S. 49)

Trump hat mit seinem öffentlichen Eingeständnis privater Gefühle (Angst, Ressentiment, Zorn und Stolz) die Mehrheit der Wähler hinter sich gebracht, Hillary Clinton hat sich viel Mühe mit Politik gegeben, die sich nicht aufs Private reduzieren ließ und damit, wie Bauman sagt, unverständlich blieb. Und die Tatsache, dass sie ihre Gefühle zurückhält, statt sie vor sich her zu tragen, macht sie vielen Wählern suspekt. Die individualisierten Akteure auf der öffentlichen Bühne suchen nicht nach gemeinsamen Anliegen, sondern sie knüpfen kurzlebige Kontakte, die ihren privaten Interessen dienen.

Populism by Dr Case, on Flickr
"Populism" (CC BY-NC 2.0) by Dr Case

Und der Rechtspopulismus profitiert von dieser Form der Vergemeinschaftung:

Es sind Gemeinschaften geteilter Sorgen, Ängste oder gemeinsamen Hasses – in jedem Fall aber sind diese Gemeinschaften nichts anderes als der Nagel, an dem eine Reihe vereinzelter Individuen vorübergehend ihre vereinzelten Ängste aufhängen. (S. 49)

Wir sind immer auf der Suche nach Sündenböcken – seien es Politiker, die ihr Privatleben nicht in Ordnung halten können, Kriminelle, die aus den Vierteln der Armen hervorkriechen, oder »Fremde mitten unter uns« (S. 51)

Für das Individuum ist der öffentliche Raum im Wesentlichen ein riesiger Bildschirm, auf den private Sorgen projiziert werden, ohne dass sie den Status des Privaten dabei verlieren oder durch ihre Vergrößerung zu etwas Kollektivem würden (S. 52)

Die Ursachen für Donald Trumps Wahlsieg beim Individuum Trump suchen zu wollen, wäre nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Kategorie des Individuellen alles andere verdrängt hat. Trump ist ein Symptom unserer Welt, wenn er sich aufbläst und seine Vorurteile schamlos herausposaunt und Diskrimierung wieder salonfähig macht, wenn er eine Mauer gegen die Angst und die Armut errichten will (endlich einmal etwas, das man sieht…).

Es ist kein Zufall, dass mit Trump eine Figur des Reality TV ins weiße Haus einzieht, denn es waren unter anderem die Talkshows, die das öffentliche Reden über private Angelegenheiten legitimierten.

Sie machen das Unaussprechliche aussprechbar, überführen das Schamhafte ins Anständige, und scheußliche geheimnisse werden zu Quellen des Stolzes [!]. […] Hier reden Menschen vor einem Millionenpublikum frei von der Leber weg. Ihre privaten Probleme, und damit auch meine ähnlich gelagerten privaten Probleme, sind öffentlichkeitstauglich. (S. 85)

Sein hemdsärmeliger Aufruf, er werde das im Alleingang alles richten, ist der Sieg des Privaten im öffentlichen Raum. Nun haben die Amerikaner auch das Präsidentenamt privatisiert (dasselbe haben die Türken und Russen auf ihre Art auch schon getan, als sie die Macht autoritären Männern antrugen). Und die ganze Welt wird nun miterleben und -erleiden, was das praktisch bedeutet.

Baumans Credo hingegen lautet:

Jede wahre Befreiung muss heute nicht auf weniger, sondern auf ein mehr an „öffentlicher Sphäre“ und öffentlich gefasster Macht setzen.

Das ist jetzt unser aller Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte.

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Der Apfelbaum vor meinem Fenster hat über die letzte Woche die meisten seiner Blätter verloren. Der farbenfrohe Herbst geht erkennbar seinem Ende entgegen. Es wird täglich etwas dunkler, und irgendwie konfrontiert mich das mit meiner eigenen Endlichkeit. Wer bin ich, was kann ich ausrichten, und was hat bleibenden Wert im Leben? Paulus schrieb dazu vor fast 2.000 Jahren:

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14,7-9)

In der Süddeutschen Zeitung schrieb Heribert Prantl dieser Tage:

Früher wurden die Uhren angehalten, wenn einer starb Und heute? Werden die Toten oft anonym und billig beigesetzt. Und die Lebenden beschweren sich, wenn sie sich für eine Beerdigung freinehmen müssen.

Keiner stirbt sich selber - lässt sich das heute noch uneingeschränkt sagen? Und müsste man vielleicht gleich hinzufügen: Weil eben viele sich selber leben, ändert auch der Tod nichts mehr daran? Großfamilien und Dorfgemeinschaften sind selten geworden, Nachbarschaften vielfach anonym und kaum einer arbeitet noch so lange im gleichen Unternehmen, dass die Kollegen 20 Jahre nach der Pensionierung noch Kontakt haben und zur Trauerfeier erscheinen.

Viele trifft dabei gar keine Schuld, sie sind weder beziehungsgestört noch anderweitig schwierig. Eher handelt es sich um eine beständige Erosion von Beziehungen, ein Verdunsten von Zugehörigkeit, ein Ausdünnen von Zusammenhalt. Vielleicht wird ja auch deswegen der letzte Rest gefühlter Zugehörigkeit zur Nation so überhöht, zur so künstlichen wie kümmerlichen „Leitkultur“ aus Christkind mit Goldlocken (als Zugpferd für den dazugehörigen Markt), aus "O du Fröhliche", ein bisschen Goethe und Helene Fischer.

Das ist, wie ein Freund kürzlich sagte, eine „schwache Identität“. Um so erbitterter und verzweifelter wird sie behauptet. Eine schwache Identität liegt auch dort vor, wo die Alten Jüngere um ihre Jugend beneiden und die Jungen die Alten verachten, weil sie beide – Junge wie Alte – das Alter nur als einen großen Defekt wahrnehmen.

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Im Gegensatz dazu können wir das, wovon Paulus hier schreibt, als „starke Identität“ verstehen. Das Maß aller Dinge ist nicht die Nation, die Kultur, Jugend und Fitness, oder dass alles so bleibt, wie es war. Das Maß aller Dinge ist Jesus Christus und seine Gegenwart in unserem Leben. Ein Leben, das nur ein Gestern, ein Morgen und dazwischen ein dünnes Jetzt kennt, ist trostlos, sagte Romano Guardini einmal. Der Strom der Zeit schiebt mich voran wie ein Gletscher das Geröll mitschleift. Denn wenn Jesus mir nahe kommt, verändert das auch meine Gegenwart. Angesichts seiner Nähe sehe ich mich selbst in einem größeren Zusammenhang. Der Horizont wird weiter, das Leben gewinnt an Tiefe. Es gibt mehr als nur vorn und hinten. Manches Unbedeutende wird aus dieser neuen Perspektive bedeutend, und manches, was einmal wichtig erschien, verliert an Bedeutung.

Indem Paulus vom Leben und vom Sterben spricht, macht er schon deutlich, dass er weiß, nichts wird so bleiben, wie es ist. Das Sterben gehört zum Leben dazu und es kündigt sich im Laufe eines Menschenlebens immer wieder einmal an: Manchmal mit einem Paukenschlag, in einer niederschmetternden Diagnose, oder wenn ich um Haaresbreite einer tödlichen Gefahr entgehe. Manchmal ganz zart und leise, in einem Abschied, im Vergessen, im Nachlassen der Kräfte, in Momenten der Einsamkeit, in der Begegnung mit meinen zerbrechlichen Seiten oder der Zerbrechlichkeit anderer.

Wir brauchen uns also gar nicht künstlich daran erinnern, dass nichts bleibt wie es ist und dass wir sterblich sind. Es reicht völlig, dass wir die gelegentlichen Hinweise darauf zur Kenntnis – und uns zu Herzen nehmen. Denn der Blick auf unsere Endlichkeit kann uns auch daran erinnern: Wenn wir das Leben bewusst leben, kann sich darin auch etwas vollenden und zu etwas Bleibendem werden. Noch einmal Guardini:

Alter … bedeutet nicht nur das Ausrinnen einer Quelle, der nichts mehr nachströmt; oder das Erschlaffen einer Form, die vorher stark und gespannt war; sondern es ist selbst Leben, von eigener Art und eigenem Wert. […] »Voll-Enden« heißt wohl, zu Ende bringen, aber so, dass darin das sich erfüllt, worum es geht. So ist der Tod nicht das Nullwerden, sondern der Endwert des Lebens - etwas, das unsere Zeit vergessen hat.

Das prägt eine andere Identität: Meine Persönlichkeit, was mich ausmacht, wer ich bin, kann ich mir vorstellen wie ein Portrait. Auf diesem Bild ist mein Charakter ablesbar. Das, was gleich bleibt an mir: Lebensgewohnheiten, Verhaltensmuster, Denkweisen, Temperament, mein Mittelpunkt und mein stabiler Kern. Und hoffentlich auch, wie Gott mich gedacht hat.

Aber so ein Bild ist immer eine eingefrorene Momentaufnahme. Deswegen, fährt Guardini fort, können wir uns uns selbst, unsere Persönlichkeit, unser Leben auch wie eine Melodie vorstellen. Ein Ton folgt auf den nächsten, ein Takt auf den anderen. Die Harmonien wechseln, etwa von Dur nach Moll und zurück, und erst am Ende wird klar, ob der Schlussakkord fröhlich ist oder düster, beschwingt oder ruhig.

Vielleicht lässt sich das so weiterdenken: Wenn ich „des Herrn“ bin, wenn ich Christus gehöre, wenn ich aus dieser Beziehung heraus mein Leben führe und gestalte, dann bekommt diese Melodie eine Begleitung. Paulus beschreibt sie mit ein paar kurzen Hinweisen: Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden. Und er kehrt damit die Reihenfolge um, in der er unser Leben beschreibt: Statt erst vom Leben und dann vom Sterben zu sprechen, redet er nun erst vom Tod und dann von der Auferstehung. Denn es ist kraft seiner Auferstehung, dass Jesus „eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht“ - so heißt es ganz am Anfang des Römerbriefs. Er ist das Maß aller Dinge – der wahre Herr dieser Welt und meines Lebens.

Während also mein Leben auf ein Ende zuläuft, das hoffentlich Vollendung und Erfüllung bedeutet und nicht nur Zerfall oder Leerwerden, kommt mir in Christus das Leben der neuen Welt entgegen. Es erreicht mich wie eine Symphonie, die leise und tief mit einem einzelnen pulsierenden Herzschlag beginnt, dann aber immer bewegter und vielstimmiger wird, bis auch ich nicht mehr ungerührt zuhören kann, sondern im Takt wippe und klopfe, bis ich Luft hole und die Stimmbänder anspanne, den Mund öffne und mit meiner ganz eigenen Melodie einstimme.

Dieses zu-Christus-Gehören macht eine "starke Identität“ möglich, nämlich einen anderen, versöhnten Umgang mit meiner Endlichkeit: Wer endlich sein kann, der kann auch endlich sein. Vor ein paar Wochen bekam ich die Aufgabe gestellt, auf einen nahen Friedhof zu gehen und mir dort zu überlegen, wie mein Grabstein einmal aussehen sollte. Ich saß dort eine Weile in der Sonne, dann fielen mir ein paar Zeilen des großen kanadischen Liedermachers Leonard Cohen ein. Cohen ist im September 82 Jahre alt geworden. Ein Lied aus dem Jahr 1984 hat er wiederholt als sein bestes bezeichnet. Er war ungefähr so alt wie ich jetzt, als er die ebenso schlichten wie wunderschönen Worte schrieb:

If it be your will
That I speak no more
And my voice be still
As it was before
I will speak no more
I shall abide until
I am spoken for
If it be your will
[…]

If it be your will
If there is a choice
Let the rivers fill
Let the hills rejoice
Let your mercy spill
On all these burning hearts in hell
If it be your will
To make us well

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In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Jonathan Sacks, viel über die Josephsgeschichte nachgedacht (einiges davon hat sich hier niedergeschlagen). Die Versöhnung am Ende ist ja recht spannend inszeniert von Josephs Seite und die Frage ist, warum er es den Brüdern erst so schwer macht.

Die beste Antwort darauf ist: Die Brüder brauchen einen Perspektivwechsel – einen Rollentausch, um sich selbst und Joseph zeigen zu können, dass sie nicht mehr die sind, die ihn damals fast umgebracht hätten und dann in die Sklaverei verkauften. Hätten sie geahnt, was für ein Lohn sie am Ende erwartet, hätte Joseph nie wissen können, ob ihren freundlichen Worten zu trauen ist. Vielleicht hätten sie selbst es nie mit letzter Gewissheit sagen können.

Mit den Vätergeschichten (die eigentlich mehr Geschichten von Konflikten zwischen Brüdern sind) beginnt die Geschichte Israels, der ein Perspektivwechsel schon dadurch eingeschrieben ist, als das Volk sich durch den Auszug aus der Sklaverei erst richtig konstituiert. Vor allem die Propheten werden daran immer wieder erinnern.

Kein Wunder also, wenn Jesus von seinen Zuhörern immer wieder einen Perspektivwechsel verlangt. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigt, dass die Frage, wer mein Nächster ist, den ich lieben soll wie mich selbst, ohne Perspektivwechsel gar nicht zu beantworten ist.

Vor ein paar Wochen stieß ich bei Zeit Online auf einen wunderschönen Bericht von einem radikalen Perspektivwechsel. Dudi Mizrahi, Hooligan aus dem ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtteil Givat Schaul, freundet sich mit Arabern an und kämpft gegen Rassismus, seit er bei einer palästinensischen Familie in Nablus übernachtete. Eigentlich eine klassische Bekehrungsgeschichte - der Vergleich mit einer „Erweckung“ wird denn auch explizit gezogen.

Wenn man Bekehrung so versteht (und damit auch nicht in Konkurrenz zur Taufe oder einem allmählichen Hineinwachsen in den Glauben), dann wäre sie der ultimative Perspektivwechsel: Ich übernehme dauerhaft die Perspektive des Gekreuzigten, der Spott, Verachtung, Hass und Gewalt erleidet, weil er sich mit den Ausgeschlossenen, Ausgebeuteten und Abgemeldeten, den Verschmähten, Verleumdeten und Verworfenen identifiziert, weil er ihnen eine Stimme und Ansehen gibt und die Erinnerung an sie wach hält – vor Gott und der Welt. Der Gekreuzigte ist, um es mit Hannah Arendt zu sagen, einer derer, die nichts haben als die „abstrakte Nacktheit ihres Nichts-als-Menschseins“. Es bedeutet aber auch, Gott in den Gesichtern und Lebensgeschichten dieser Menschen sehen zu lernen.

Zu solchen Bekehrungen einzuladen wäre dann eine zutiefst christliche – und am heutigen Tag muss ich natürlich noch hinzufügen: zutiefst reformatorische – Angelegenheit. Immer und immer wieder. Dann wird irgendwann auch ein fröhlicher Wechsel draus.

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Als ich heute früh die Abendmahlsliturgie sprach, war plötzlich ein Geräusch im Raum zu hören. Ich konnte die Ursache nicht erkennen (ein Pfingstbrausen war es eher nicht), also ließ ich mich nicht beirren. Irgendwer wird den Knopf schon finden, um das abzustellen. Und so kam es: Das Geräusch hörte wieder auf.

Nach einer Weile jedoch spürte ich, wie mich frische, klare Oktoberluft von oben her streifte. Ich sah mich um und stellte fest, dass sich über mir die Oberlichter in der Decke geöffnet hatten. Man konnte durchschauen und den weiß-blauen Himmel sehen, etwas Sonnenlicht fiel herein und das Kunstlicht hatte sich abgeschaltet.

Hinterher dachte ich mir, das muss doch der Traum eines jeden Liturgen sein: Wir beten und über uns geht der Himmel auf. Alles wird frisch und klar. Wir sehen in einem anderen Licht.

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Bild: Paul Csogi / unsplash.com

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Vor zwei Jahren erhielten die Aktivistinnen von Pussy Riot den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, vergeben vom Senat der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich Böll Stiftung. In der Begründung dazu hieß es:

Bei ihrem Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale riefen sie in ihrem "Punkgebet" Mutter Maria als feministischen Beistand an, um das Bündnis zwischen der orthodoxen Kirche und dem Kreml zu bekämpfen. In dem Prozess, der gegen die Aktionsgruppe geführt wurde, verteidigten sie sich mutig. Aus der Lagerhaft heraus setzten Nadeshda Tolokonnikowa und Marija Aljochina ihren Widerstand fort. Nach ihrer Entlassung stellten sie sich als Aufgabe, über das System der russischen Straflager aufzuklären und Solidarität für die Gefangenen zu organisieren.

Interessant ist, wie sich Spiritualität und Politik hier verbinden. Ich wurde erst jetzt durch ein Kapitel aus Spiritual Activism von Alastair McIntosh darauf aufmerksam (danke an Thomas Zeitler für den Hinweis!). McIntosh zitiert aus den Erklärungen, die die Musikerinnen während ihres Gerichtsverfahrens abgaben. Auf den Seiten der FAZ ist das auszugsweise in Übersetzung nachzulesen. Und da zeigt sich, wie ernst und durchdacht die Aktion war, die in vielen Berichten nur als schriller Tabubruch und trotzige Provokation dargestellt wurde.

Pussy Riot Putin by AK Rockefeller, on Flickr
"Pussy Riot Putin" (CC BY 2.0) by AK Rockefeller

Marija Aljochina erklärte, dass Putin persönlich gar nicht gemeint war mit der Aktion, sondern ein System, dem der Machtmensch womöglich selbst verfallen ist:

„Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System - die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie.“

McIntosh spricht hier vom „politischen Unbewussten“, das sich nur schwer explizit, dafür aber bildlich, symbolisch und intuitiv erfassen lässt, und greift den Begriff des autonomen Komplexes aus der Psychologie C.G. Jungs auf (Komplexe können bei Jung auch überindividuell auftreten, dann sind sie keine abgespaltenen, verleugneten Persönlichkeitsanteile, die es zu integrieren gilt, sondern ein gefährliches Phänomen). „Putin“ ist "ein mit Gefühlen aufgeladenes libidinöses Feld“, schreibt McInstosh. Der Politiker Wladimir Putin steht möglicherweise selbst unter dem Eindruck des Systems, das er installiert hat.

Und die Wirkung dieses Komplexes ist, dass Menschen resignieren und sich ohnmächtig fühlen. Erst gestern rätselte ich mit einem Freund darüber, warum der Widerstand gegen die Willkür der Regierung in Russland so unglaublich schwach ausgeprägt ist. Passend dazu sagte damals Aljochina:

Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph - das ist sehr traurig.

Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist.

Die Macht des Systems ist (noch) ungebrochen, aber der Prozess gegen Pussy Riot hat es demaskiert, und sei es auch noch so punktuell und vorübergehend. Der Druck, sich durch ständige Propaganda selbst zu legitimieren, nimmt zu, und damit auch die Anfälligkeit für Fehler. Denn auch wenn die Nachfrage nach Augenöffnern derzeit nicht hoch ist – wer will, kann eben doch sehen, wie brüchig die Legitimation der Macht ist. Darauf weist Nadjeschda Tolokonnikowa hin:

Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen.

[…] Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen.

Das Gebet in der Kathedrale war aber auch ein prophetischer Weckruf an die orthodoxe Kirche, die korrupte Politik verklärt und von der Nähe zur Macht profitiert, dafür steht Patriarch Kyrill, dessen Vermögen 2012 auf 4 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Der Patriarch war entsprechend empört über die Respektlosigkeit dieser Ruhestörung und sprach von Blasphemie. Die Punk-Prophetinnen hingegen wiesen darauf hin, dass ihr Gebet – ganz im Gegenteil – höchst aufrichtig und ernst gemeint war.

Eine zeitgemäße Form der Tempelreinigung ragt also unter den wenigen Protesten gegen das „Putin-System“ oder den „Putin-Komplex“ heraus. Das spricht für McIntoshs Vermutung, dass Glaube und Spiritualität eine wichtige Dimension im politischen Ringen um Gerechtigkeit darstellen. Bei Gene Sharp vermisst er diese Hinweise. Srdja Popovic greift lieber auf Kunstmythen zurück (das hat, wie Terry Eagleton zeigt, der deutsche Idealismus nach der Aufklärung auch versucht). Und in Philipp Ruchs „Wer, wenn nicht wir“ ist diese spirituelle Leerstelle überall mit Händen zu greifen und durch kein anderweitig generiertes Pathos so recht zu ersetzen.

Davon lässt sich doch sicher lernen. In den letzten Monaten haben sich genügend autonome Komplexe bemerkbar gemacht, die den inneren und äußeren Frieden gefährden. Können wir Protestanten neben den bürgerlichen Protestformen (die wir auf der Ebene moralischer Appelle ja vielfach unterstützen) auch prophetische, und lässt sich das ökumenisch ausweiten?

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Eine der neuen Erfahrungen meines Vikariats ist das strikte Predigen nach der Perikopenordnung. Die Frage ist für mich nicht, welchen Text ich predige, sondern nur noch wie. Über Vor und Nachteile dieser Regelung ließe sich so Manches sagen, aber als Übung ist es eine feine Sache. Zumal die aktuelle Epistelreihe etliche Stücke enthält, die ich selbst nie ausgewählt hätte, weil sie oft recht spröde und unanschaulich ausfallen. Aber selbst dann stellen sich unerwartete Entdeckungen ein, wie ich inzwischen mehrfach erlebt habe.

Case in Point: 1.Thess 4,1-8 vom 20. Sonntag nach Trinitatis. Der Autor einer Predigthilfe kam zu folgender Überzeugung:

Der Text erreicht mich sowohl als Prediger wie als Christ weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.

Und etwas weiter unten heißt es:

Spätestens an dieser Stelle war mir klar, dass man diesen Text nicht predigen kann.

Was der Autor nicht vorhersehen konnte: Manchmal liefert einem ja die Tagespresse den Resonanzboden frei Haus. Diesmal in Form von Donald Trumps Skandalinterview aus dem Jahr 2005, das am nämlichen Wochenende die Schlagzeilen beherrschte. Damit, dass er seine Geschäftspartner über den Tisch zieht, prahlt er ja schon, seit er "The Art of the Deal“ hat schreiben lassen. Eigentlich könnte man die Predigt nun so nennen:

Was würde Paulus zu Donald Trump sagen?

Freilich wäre Trump selber relativ uninteressant. Er sitzt ja nicht vor mir. Wahrscheinlich habe ich auch nicht viele seiner Sympathisanten in den Kirchenbänken sitzen. Aber wir haben eine gesellschaftliche Debatte über Sexismus, auf die sich Bezug nehmen ließe, wir können über gerechte und ungerechte Geschäftspraktiken und Handelsbeziehungen reden und wir können fragen, was ein achtsamer und empathischer (oder in biblischer Sprache: ein barmherziger) Umgang miteinander in einer Partnerschaft und im Wirtschaftsleben für einen Gewinn und Fortschritt bedeuten würde. In jedem Fall wäre klar, wie aktuell und brisant die Themen sind, die Paulus hier anreißt.

Wer es noch etwas zeitloser und philosophischer möchte, kann über Martin Bubers Unterscheidung von Ich/Du und Ich/Es als Grundmodus des Umgangs mit anderen sprechen. In welche Richtung Paulus uns weist, liegt auf der Hand.

Aktuelles und Grundsätzliches, in ein paar Zeilen verdichtet, an ein paar kurzen Beispielen verdeutlicht – kann man sich als Prediger eigentlich mehr wünschen?

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Ich hätte mir das Thema nicht ausgesucht, aber jemand aus der Runde interessierte sich für den „Zehnten“. Also lasen wir beim Propheten Maleachi (3,10) und dann Deuteronomium 14,22-29. Welch ein Kontrast! Während der Prophetentext eher plump für eine Art Tempelabgabe mit Payback-Punkten oder Dividende wirbt und sich dabei nicht scheut, an das berechnende Wesen der Spender zu appellieren, klingen im Pentateuch ganz andere Töne an. Vielleicht ist das der Grund, warum so selten darüber gepredigt wird und auf den Kanzeln und an den Rednerpulten meistens die Konkurrenz aus der Zeit des zweiten Tempels das Rennen macht.

Aber bevor jemand hier aufhört zu lesen, weil er Kirchenfinanzierung für ein dröges Thema hält: Es geht im Folgenden um nichts weniger als zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, von menschlichen Beziehungen und dem Umgang mit mir selbst.

Bei Maleachi braucht Gott, kurz gesagt, Geld für den Tempel und verspricht den potenziellen Spendern im Gegenzug vermehrten Segen. Ein gefundenes Fressen für die Verkünder des Wohlstandsevangeliums, die ihn genau so verstehen: Do ut des. Wohlwollender wäre die Interpretation, dass es sich um einen Appell gegen Mangelmentalität und Knauserigkeit handelt und eine Art sportlichen Wettbewerb in Sachen Großzügigkeit, den Gottes Fundraiser hier vorschlägt.

Die Anweisungen aus der Zeit des ersten Tempels zeichnen ein anderes Bild. Die Israeliten sollen ein Zehntel ihrer Ernteerträge beiseite legen, und wenn der Weg zum Heiligtum zu weit ist oder die Gaben zu schwer, dann soll das Ganze zu Geld gemacht werden. Und dann lautet die Anweisung in Dtn 14,26 (zitiert nach Buber/Rosenzweig):

… gib das Geld aus für alles, wonach deine Seele lüstet, für Pflugtier, für Kleinvieh, für Wein, für Rauschsaft, für alles, was deine Seele von dir verlangt, iß dort vor SEINEM deines Gottes Antlitz, freue dich, du und dein Haus, und der Lewit, der in deinen Toren ist, ihn verlasse nicht

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Foto: Jay Wennington, unsplash.com

Ein ausgelassenes Festessen findet statt, bei dem der Alkohol reichlich fließt und zu dem neben der Familie auch die Leviten eingeladen sind, die keinen Grundbesitz haben – Lust und Sinnlichkeit stehen im Vordergrund. Jedes dritte Jahr entfällt der Weg zum Heiligtum, das Fest findet am Wohnort statt, dafür sind nun neben den Leviten auch Witwen, Waisen und Fremdlinge mit am Tisch. Allmählich beginne ich zu ahnen, was Paulus mit seinem „fröhlichen Geber“ im zweiten Korintherbrief wohl gemeint haben könnte: Einen Wohltätigkeitsrausch, eine Sozialparty, einen Umverteilungsschmaus.

Teilen ist mehr als mir selbst einen Genuss zu versagen um einem anderen zu helfen. Freilich wird auch hier etwas nicht konsumiert, sondern auf die Seite gelegt, aber dann verschwindet das Ersparte nicht sang- und klanglos. Sondern es wird mit viel Sang und Klang geteilt, und zwar nicht anonym, sondern ganz konkret mit Menschen, deren Gesicht ich beim gemeinsamen Mahl sehen kann, und denen ich auf den Straßen meiner Stadt begegne. Diese sinnliche Praxis des Teilens setzt Beziehungen voraus und begründet neue. Hier liegt der Unterschied zu heutigen Benefizgalas, bei den die Betuchten unter sich und die Armen außen vor bleiben.

Die Mentalität des Mangels und das Denken in Defiziten wird also anders angepackt als mit dem Verweis auf zukünftigen Segen (oder eine Belohnung im „Himmel“). Durch das Sammeln und Sparen wird eine Situation des momentanen Überflusses erfahrbar, in der das Teilen leicht fällt und sich mit intensiven, guten Erinnerungen verbindet. Und wenn es gut läuft, dann spüren alle Beteiligten, dass der Gewinn den Verzicht oder Verlust mehr als aufwiegt. Vielleicht muss man dann auch die Gier weniger beklagen und die Not weniger dramatisieren (beides ist zweifellos vorhanden, der Appell nützt sich jedoch ab).

Ein genussfeindlicher Gott hingegen inspiriert mich nur schwer zur Großzügigkeit. Und ein unpersönliches, abstraktes und zahlenbasiertes Finanzierungssystem für eine Institution (zumal eine, die sich auf den Gott Israels und Jesu Christi beruft!) ist womöglich nicht das ideale Mittel, um bei Wohlstandsbürgern die Taschen der Spendierhosen zu öffnen. Es löst bei vielen erst einmal einen unschönen Steuervermeidungsreflex aus und es produziert nach innen häufig auch eine Mentalität des Mangels, weil die Zuteilungen und Umlagen mühsam verhandelt werden müssen und weil jede Form der Großzügigkeit im System den empörenden Verdacht der ungerechten Bevorzugung auslöst. Egal, wie die Haushaltslage tatsächlich aussieht – gefühlt schrumpft dieser Kuchen immer.

Ich habe nach der Lektüre von Dtn. 14 beschlossen, mir diesen sinnenfreundlichen Gott ausgiebig zu Herzen zu nehmen. Wenn es noch ein paar von euch machen, dann kann man irgendwann vielleicht auch mal über einen Systemwechsel reden. Und wenn jemand bei diesem Stichwort die Panik befällt, dann wäre auch das ein guter Grund, das Gottesbild in den Blick zu nehmen.

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Irgendwann in diesem Sommer, der noch nicht so recht enden will, hatte ich ein Gespräch über eine bekannte Persönlichkeit des kirchlichen Lebens. Jemand berichtete von einer Begebenheit aus früheren Jahren, in der es um die Tatkraft und den Mut zu neuen Wegen ging.

Ich sagte, das klingt ganz anders als das, was man so allgemein hört über die Person. Hat er/sie sich so verändert? Keineswegs, meinte mein Gesprächspartner. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung und (mehr noch) in der kirchlichen Gerüchteküche verselbständigen sich solche Klischees, und dann kann auch ein zugänglicher, bescheidener und humorvoller Mensch plötzlich steif und verbissen wirken: Jemand stellt eine Behauptung auf, andere erzählen sie weiter, am Ende kann niemand mehr sagen, woher das kam, aber alle meinen zu wissen, dass es selbstverständlich so ist. Der/die Betroffene hat eigentlich keine Chance, das jemals zu widerlegen. Auch deshalb, weil viele schon voreingenommen in die Begegnung gehen und nur noch das bestätigt sehen, was sie schon „wussten“.

Hier und da habe ich das selbst schon erlebt. Das ist gut so, weil ich die Ohnmacht gegen das Gerede nachempfinden kann. Und weil es mich dankbarer dafür macht, wo mir Menschen offen und unvoreingenommen begegnet sind, oder wo es gelungen ist, solche Klischees und Schablonen zu überwinden.

Das Gespräch im Sommer hat mich wacher und neugieriger gemacht im Blick auf solche Begegnungen. Und noch etwas vorsichtiger dabei, in den Chor der ungeprüften, dafür aber stark empfundenen Projektionen, Verzerrungen und Halbwahrheiten einzustimmen. Denn eben dieser Trend nimmt ja kräftig zu und droht, die Politik und damit unser ganzes Gemeinwesen ins Chaos zu stürzen. Vor kurzem hat Eduard Käser in der NZZ unser postfaktisches Zeitalter als „Nichtwissenwollengesellschaft“ bezeichnet, in der es um die „Bewirtschaftung von Launen“ geht und wo "Dogmatiker, Demagogen und Dummschwätzer“ die Meinungsbildung dominieren, weil es einfach zu anstrengend und unsicher ist, weil ein langwieriger Erkenntnisprozess vielen einfach zu anstrengend ist.

Im Kleinen können wir das alle tun: Uns die Mühe machen und anderen die Ehre erweisen, genau hinzusehen, mit Augenmaß zu urteilen und offen zu bleiben für ein besseres Verstehen.

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Es ist deutlich seltener geworden über das letzte Jahr, aber ab und zu begegnet mir das Thema „Evangelikale und idea“. Vor ein paar Wochen analysierte Philipp Greifenstein die Inhalte des Spektrum auf theologiestudierende.de und konstatierte ein Übergewicht politischer Themen, wenig Bibel und Theologie, eine inhaltliche Nähe zur AfD und eine anti-muslimische Grundhaltung. Manchmal denke ich, die Abonnenten könnten das Geld auch gleich an die AfD spenden.

Viele moderate Evangelikale klagen seit Jahren über diesen Kurs, sie schimpfen, schämen und distanzieren sich, wenn sie darauf angesprochen werden. Im Stillen ganz oft, manchmal sogar öffentlich. Aber dann kommt im Nachsatz: „Wir haben doch nichts anderes“. So auch diesmal.

Mich erinnert das an das Bilderbuchklischee einer zerrütteten Ehe, in der die Ehefrau von ihrem Mann immer wieder abgekanzelt und ausgenutzt wird. Ab und zu entschuldigt er sich, macht der Gedemütigten kleine Geschenke. Aber wenn es darauf ankommt, fällt er wieder in die alten autoritären, groben und dominanten Verhaltensmuster zurück.

Und sie bleibt an seiner Seite. Aus Angst vor dem Alleinsein. Weil das Geld eh schon knapp ist. Um der Kinder willen, die sie doch immer noch brauchen und die man ja nicht im Stich lassen darf. Weil die Kinder darunter leiden, wenn sich Papa und Mama streiten (diese Stimmung war in den sozialen Netzwerken sehr präsent, als letztes Jahr Ulrich Parzany auf Michael Diener losging). Aber so geht das ja schon seit vielen Jahren - mal mehr, mal weniger. Es ist ein sehr stabiles Verhaltensmuster.

Und genau da, in der Stabilität der zyklischen Konfliktverläufe, liegt das Problem: Ist es tatsächlich klüger (oder glaubensstärker), immer wieder nachzugeben und zurückzustecken? Was lernen die Kinder aus diesen eingespielten Verhaltensmustern? Und wie lebenstüchtig sind sie, wenn sie das Haus verlassen? Könnte das der Grund sein, dass viele auf gar keinen Fall mehr zurück wollen? Und dafür, dass sich unter denen, die sich wohlfühlen zuhause, dieselben blinden Flecken ausbilden wie bei ihrem Vormund? Was wird dann aus der nächsten Generation?

Liebe moderate/progressive/offene Evangelikale: Was würdet Ihr einer Freundin oder Bekannten in einer solchen Lage raten? Hilft Euch unser Mitgefühl, oder hindert es Euch daran, die Misere tapfer zu beenden (jetzt, wo sich sogar Brangelina getrennt haben…)? Was braucht Ihr, um Euch zu entscheiden? Oder ist es eigentlich gar nicht so schlimm, wie wir denken?

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Immer wieder mal habe ich mich gefragt, warum eine steigende Zahl von Stadtbewohnern, die augenscheinlich keine großen Outdoor-Fanatiker sind, in übergewichtigen und klobigen Geländefahrzeugen zum Shoppen, zur Kita oder zum Friseur fahren müssen.

Haben die sich auf mobile.de beim Kauf verklickt? Sind sie mit der Maus abgerutscht, wie wir das von rechtspopulistischen Politiker*innen kennen? Oder ist das einfach irrational, sich mit einer X-, Q- oder G-Kutsche als City-Cowboy zu inszenieren, nach dem Motto „Ich bin wesentlich wilder, als ich aussehe“? Ist es das Bedürfnis nach Sicherheit, das Leute zu diesen Zweitonnern greifen lässt?

All diese Fragen in meinem Kopf klärten sich, als ich neulich durchs Knoblauchsland radelte. Von Kleinreuth nach Lohe gibt es zwischen Gemüsefeldern ein Sträßchen, das den Weg zum Nürnberger Flughafen abkürzt. Man kann stark befahrene Routen vermeiden und Zeit sparen. Allerdings hat die Stadt Schilder aufgestellt, die ausschließlich Taxis und „landwirtschaftlichen Fahrzeugen“ die Durchfahrt gestatten.

Und jetzt ratet mal, was für „landwirtschaftliche" Fahrzeuge da zwischen Taxis und Traktoren noch ganz eifrig unterwegs waren.

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Mache ich es richtig? Bin ich richtig? Neulich habe ich das ja im Blick auf Männer gestreift, aber die Frage begegnet uns in vielen Formen. In jeder meiner Rollen werde ich mit Erwartungen – eigenen und fremden – konfrontiert:

Bin ich ein guter Vater, Ehemann, Angestellter, Vorgesetzter…? Oder auch gern: Bin ich ein guter Christ? Und wenn alle es richtig machen, tun sie dann auch alle das Gleiche?

Ich habe die Antwort darauf in einer bekannten biblischen Geschichte entdeckt. Zwei Frauen knacken die Klischees, jede auf ihre Weise, weil Jesus ins Haus kommt. Wer Lust hat, sich mit hinein- und wieder herauszudenken, kann hier auf den Podcast vom letzten Sonntag klicken:

Maria spielt mit den Jungs (Lukas 10,38-42)

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Ich hatte heute über den Teufel zu predigen, der (so der erste Petrusbrief) als brüllender Löwe sein Unwesen treibt. Nun gibt es ja Menschen, die sich den Teufel sehr „real“ vorstellen, als Individuum, als bösartige Persönlichkeit, als überdimensionalen Schurken, der quasi-transzendent, weil bekanntlich „immer und überall“ ist. Aber selbst aus dieser Gruppe erzählt eigentlich niemand von einer unmittelbaren Begegnung, sondern von eher indirekten Erfahrungen. Da liegt dann auch die Brücke zu allen, die sich den Teufel nicht so handfest und überdimensional vorstellen oder auf jede Art von Teufelsvorstellung verzichten. Denn auch sie machen Erfahrungen, die manchmal so verstörend sind, dass unwillkürlich Worte wie „teuflisch“ bemüht werden.

Also habe ich mich gefragt, wie sich der gemeinsame Nenner dieser Erfahrungen wohl beschreiben lässt, die irgendwie über den üblichen, banalen Allerweltsegoismus hinausreichen. Wahrscheinlich lässt sich das, was da als „teuflisch“ erlebt wird, schwer auf eine stimmige Formel bringen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass grundloser Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit für viele ebenso dazugehören wie epidemisches, hochgradig infektiöses Misstrauen und die Dämonisierung anderer, und natürlich exzessive Brutalität samt deren spitzfindigen oder kruden Rechtfertigungen. Allerdings liegt darin womöglich auch ein Problem, wenn wir bestimmte Formen von Bosheit in menschlichem Verhalten als irgendwie unmenschlich und unverständlich oder unerklärbar einstufen. Das wäre dann quasi die Umkehrung mancher Gottesbeweise, die zur Erklärung der Welt etwas übernatürliches Gutes und Mächtiges heranziehen (beziehungsweise voraussetzen).

Vielleicht ist es aber gar nicht das Übermächtige und Exzessive, sondern die Art und Weise, wie uns manche Dinge unter die Haut gehen, das Klima unter Menschen vergiften und zu einer gefühlten (und damit irgendwann auch tatsächlichen) Ausweglosigkeit, Resignation und Ohnmacht führen, die alle Hoffnung dämpft und guten Antriebe lähmt, die wir als teuflisch erfahren. Dann ließen sich hier auch die ideologischen Verblendungen einbeziehen, die der Gewalt im Namen „guter“ Dinge (Nation, Ordnung, Sicherheit, rechter Glaube) legitimierend den Weg ebnen. Menschen, die die ersten Christen schikanierten und drangsalierten, durften sich damals ebenso als gute Römer und Patrioten fühlen wie alle, die heute Menschen aus anderen Kulturen und Religionen als Feinde betrachten, sich demonstrativ als Deutsche oder Abendländer oder sogar Christen gebärden.

Zum Glück ist der Teufel kein Glaubensgegenstand. In den altkirchlichen Bekenntnissen ist von ihm nicht die Rede, im Neuen Testament erscheint er nur sporadisch und eben indirekt – verhüllt in beklemmenden Erfahrungen und bedrohlichen Geräuschen, die einen vor allem dann zermürben können, wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wolf by arne.list, on Flickr
"Wolf" (CC BY-SA 2.0) by arne.list

Wir haben hier keine Löwen, aber derzeit siedeln sich erfreulicherweise wieder Wölfe in Deutschland an. Damit das Zusammenleben mit Menschen gelingt, müssen sie „vergrämt“ werden. So lernen sie, Abstand zu Menschen und deren Siedlungen zu halten und jede Konfrontationen zu vermeiden. Auf keinen Fall, so die Tierschützer, darf man sie füttern.

Manchmal frage ich mich, ob wir im übertragenen Sinne nicht genau das tun – Wölfe füttern. Durch Sensationslust und Skandalisierungen, – die dunkle Seite der medialen „Hypes“ unserer Tage – und durch Verächtlichmachung von Personen statt Kritik an deren Positionen (etwa wenn Höcke die Kanzlerin als „Trulla aus der Uckermark“ beschimpft), durch die Verrohung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses in sozialen Medien, die sich eigentlich kaum noch satirisch parodieren lässt, weil sich immer der schrillste Ton durchsetzt in der Stimmenvielfalt. Angst- und Zerrbilder rangieren ganz oben in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie. Kein Wunder, dass der Pessimismus durch die reflexartige Fixierung auf das Negative stetig zunimmt.

Meine Tochter lebt in Würzburg, meine Schwiegereltern in Ansbach. Beides friedliche Orte, die vor ein paar Wochen unversehens zum Schauplatz des Terrors wurden. In den tagen danach fragten sich viele, ob man nun noch mit der Bahnfahren oder auf ein Fest gehen kann. Gegenkultur bedeutet in dieser Situation, die Wölfe (oder den Löwen) nicht zu füttern. Weder die Wölfe im eigenen Kopf, noch die in der öffentlichen Debatte. Daher heißt es im 1.Petrusbrief auch, wir sollen nüchtern und wachsam sein.

Nüchtern, damit nicht Furcht zu Panik wird, Ärger zu Hass oder Trauer zu Verzweiflung, weil wir den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, die oft weit weniger schlimm ist als ihre Dramatisierungen in konfusen ARD-Brennpunkten und der Sensationspresse. Vorbildlich nüchtern war beispielsweise der Pressesprecher der Münchner Polizei nach dem Amoklauf im Juli.

Und Wachsamkeit ist nötig, weil wir den Balken im eigenen Auge so gern übersehen. Man muss nicht an der Teufel glauben, um das zu verstehen.

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