Unser zurückliegendes Gemeindewochenende hatte den Weg der Israeliten aus Ägypten ins gelobte Land zum Thema. Vielleicht sollte man besser sagen: Die Geschichte diente als eine Metapher für Übergänge und Veränderungen, die in den letzten Monaten besonders präsent und spürbar waren. 

Der heikelste Teil dieser Geschichte ist die so genannte „Landnahme", die im Buch Josua einige der verstörendsten Texte des Alten Testaments hervorgebracht hat: Geschichten von heiligem Angriffskrieg, Völkermord und Vertreibung. Passend dazu verbrachten wir die Tage in einem Haus, das uns auf Schritt und Tritt an das Schicksal der Sudetendeutschen erinnerte. Deren Vertreibung freilich ist untrennbar mit dem Angriffskrieg des Dritten Reichs verbunden. Die Bilder dort an den Wänden lassen den Schmerz derer erahnen, die damals ihre Heimat verloren. 

Während wir also das „Land einnehmen“ ausdrücklich so definierten, dass es um Kooperation statt Konfrontation und Konkurrenz geht, um Gemeinwohl statt um Gruppeninteressen und um Dienst statt Dominanz, hat Slavoj Žižek in diesen Tagen anlässlich des Besuchs von Israels Premier Netanjahu in Washington und bevorstehender Wahlen in Israel auf die verheerende Wirkungsgeschichte der Landnahme-Tradition hingewiesen. Wenn der Nahost-Konflikt gelöst werden soll, wenn Israel einen Frieden möchte, der nicht in der Vernichtung und Vertreibung der Palästinenser besteht, dann darf die ferne Vergangenheit nicht als Legitimation von Zwang und Gewalt in der Gegenwart herhalten:

The lesson is simply that every form of legitimization of a claim to land by some mythic past should be rejected. In order to resolve (or contain, at least), the Israeli-Palestinian conflict, we should not dwell in ancient past—we should, on the contrary, forget the past (which is in any case basically constantly reinvented to legitimize present claims).

Analog zum Vergessen einer Vergangenheit, die ohnehin "ständig neu erfunden wird, um die Gegenwart zu rechtfertigen“, kann man vielleicht ja auch eine bewusst und explizit gewaltfreie Reinterpretation heiliger Texte versuchen. Diese wird die geschilderten Brutalitäten nicht leugnen, aber sehr wohl fragen, ob die triumphalen Siege und die anschließenden Massaker im Laufe der Überlieferungsgeschichte nicht auch stilisiert und aufgebauscht wurden, etwa um das Selbstwertgefühl eines immer wieder bedrohten Volkes zu heben und den Abschreckungsfaktor zu stärken.

Umgekehrt muss sie freilich den fundamentalistischen Fehler vermeiden, die Vorstellung religiös motivierter Gewalt als Gottesurteil und Akt des Gehorsams Gott gegenüber zu bekräftigen (und damit „neu zu erfinden“), der ganze Gruppen von Menschen willkürlich niedermachen lässt, um seinen Erwählten Platz zu schaffen. Wenigstens in diesem Sinn muss die Vergangenheit Vergangenheit bleiben, dass unter solch blutige Episoden ein klarer historischer, theologischer und praktischer Schlussstrich gezogen wird.

'Gaza Strip' or 'occupation,  endless war', Blu 2008, Národní třída, Prag

Neben der fernen spielt freilich auch die jüngere Vergangenheit eine legitimierende Rolle für die heutige Politik des Staates Israel, wie Žižek unter Verweis auf einen Satz von Simon Wiesenthal zeigt:

The problem at the moment is that the State of Israel, though “continually victorious,” still relies on the image of Jews as victims to legitimize its power politics, as well as to denounce its critics as hidden Holocaust-sympathizers. Arthur Koestler, the great anti-Communist convert, formulated a profound insight: “If power corrupts, the reverse is also true; persecution corrupts the victims, though perhaps in subtler and more tragic ways.”

Žižeks Sorge, dass Israel im Zuge dieses Konfliktes einen hohen Preis zahlt, ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Lösung des Konflikts scheint in weiter Ferne. Wie Rabbi Michael Lerner schreibt, setzt Israel – nicht erst seit Netanjahu – auf die aussichtslose Strategie der Unterdrückung, die vor allem Gegendruck erzeugt, zu immer groteskeren Feindbildern führt und die eigenen dunklen Seiten ausblendet. Er verweist (analog zu Koestler) darauf, dass Israelis wie Palästinenser in hohem Maß an posttraumatischem Stress leiden. Die Alternative wäre eine Strategie der Großzügigkeit: Sich dem anderen zuzuwenden und ihn mit seinen Bedürfnissen als gleichwertig anzuerkennen. Die Billiarde Dollar, die der Krieg in Afghanistan und dem Irak verschlungen hat, hätte man besser anlegen können, schreibt Lerner:

We could have used that trillion dollars to end global and domestic homelessness, hunger, poverty, inadequate health care, inadequate education, and to repair the destruction advanced indsutrial societies both capitalist and socialist have done to the global environment. Such a Global Marshall Plan might be dismissed as "unrealistic," just as the movements to end apartheid and segregation, provide equal rights for women, end legal discrimination against gays and lesbians, were also dismissed at first as unrealistic, naive, utopian or even "dangerous."

Das Geld ist verbrannt. Aber man muss denselben Fehler ja nicht zweimal machen. Dazu kann der Blick in die Geschichte durchaus hilfreich sein: die eigenen Fehler zu identifizieren und daraus zu lernen (statt auf den Fehlern anderer herumzureiten und dabei die eigenen zu wiederholen).

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Hin und wieder habe ich Auslegungen der Geschichte vom „reichen Jüngling“ (Markus 10,16-31) gelesen, die es irgendwie schafften, den Text völlig auf den Kopf zu stellen. Verständlich, denn wer möchte schon in einer Gesellschaft, die sich als wohlhabend und im globalen Vergleich durchaus auch als „reich" versteht, seinen Zuhörern oder Lesern ein hartes Urteil zumuten.

Überhaupt nicht mehr klar wird dabei meistens, warum Jesus den Reichen auffordert, sein Vermögen (sprich: Grundbesitz, anders konnte man größere Beträge damals kaum anlegen) zu verkaufen und das Geld "den Armen“ zu geben und ihm nachzufolgen, wenn doch der Reichtum kein prinzipielles Problem ist, sondern nur die Tatsache, das dieses Individuum (das eher zufällig reich war, auch Arme hängen ja an Hab und Gut) etwas zu sehr an seinem Besitz zu hängen schien.

Richard Horsley, den ich nun schon mehrfach zitiert habe, verweist in diesem Zusammenhang auf die Tradition des mosaischen Bundes, die das Horten von Besitz, das Nehmen von Zinsen, Enteignungen von ererbtem Land verbot und auf die Rückgabe verpfändeten Gutes und den Erlass von Schulden drängte. Jesus bezieht sich, während er durch das ländliche Galiläa zieht, auf diese Traditionen. Bergpredigt und Feldrede können sogar als Erneuerung und Aktualisierung des mosaischen Bundes und Gesetzes gelesen werden (die Regeln der Essener hatten einen ähnlichen Charakter).

Anstößig ist der Reichtum des jungen Mannes nämlich deswegen, weil er sich der Armut seiner Nachbarn verdankt. Reichtum ist insofern betrügerisch, als er auf der Ausbeutung anderer beruht, die als Tagelöhner arbeiten müssen oder von ihrem Land vertrieben werden. Und Jesus ersetzt das „begehren“ in seiner Aufzählung der Gebote durch „betrügen“. Alle Beteuerungen des Reichen, er habe das Gesetz doch gehalten, werden durch die Weigerung widerlegt, den (in Jesu Auslegung des Willens Gottes) unrechtmäßigen Reichtum aufzugeben.

Indem er sich als tadellosen Anhänger des Gesetzes darstellt, betrügt der Mann sich selbst und seine Umgebung. Und er steht mit dieser Behauptung im Gegensatz zu dem, was Jesus die Dorfgemeinschaften lehrt: den gegenseitigen Erlass von Schulden, die Fürsorge für die schwächeren Glieder der Gemeinschaft, Kooperation und Solidarität. Folglich handelt der nächste Abschnitt (10,32-45) von der politischen Macht, die ebenso wie die wirtschaftliche unter dem Vorzeichen der Herrschaft Gottes steht und – damit untrennbar verbunden – der radikalen Gleichheit aller in der erneuerten Bundesgemeinschaft verpflichtet ist. Heimliche Machtansprüche der Zebedaiden (als wäre der Messias ein Herrscher, der Privilegien an Günstlinge vergibt) werden an dieser Stelle ebenso abgewiesen wie naive Vorstellungen, eine solche soziale Revolution könne vom imperialen System geduldet oder unterstützt werden.

The Wealth of Nations, and a prayer...

Es ging also nicht um bloße „Almosen" für die Armen – ein mitleidiges Verteilen von Geld, das anderen für eine begrenzte Zeit am Konsum teilnehmen lässt und irgendwann aufgebraucht ist, ohne etwas verändert zu haben. Damit wäre freilich wenig gewonnen. Doch der Mann hätte sich der messianischen Wirtschaftsrevolution anschließen können. Er hätte mit den einfachen Leuten vom Land eine Art Kibbuz gründen können und damit die nachösterliche Gütergemeinschaft der Urgemeinde vorwegnehmen können, in der Menschen, die am Boden waren, zu einem Leben in Würde ermächtigt werden.

Kein Wunder, dass Jesus – über alle persönliche Sympathie hinaus – traurig ist darüber, dass sein Gegenüber diese Einladung ausschlägt, sein Leben und das vieler anderer zu ändern. Und uns muss zu denken geben, dass Jesus hier keinen Spielraum für Verhandlungen und Kompromisse sieht…

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Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen bis zum Ende der Welt: Man trägt es in sich, man nimmt es mit auf den Weg. Man stellt es nicht in eine Ecke, in einen Winkel der Gedächtnisses, um es da wie das Fach eines Schrankes einzuräumen. Man lässt es bis auf den Grund seiner selbst sinken, bis zu dem Dreh- und Angelpunkt, um den sich unser ganzes Selbst dreht. 

Madeleine Delbrêl

Suitcase

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Ich hatte mich mir Richard Horsleys These befasst, dass sich die Unterdrückung indigener Völker durch technisch und wirtschaftlich überlegene Großreiche oder Kolonialmächte in einer signifikanten Zunahme von Bessenheitsphänomenen äußert. Die eindringenden Dämonen tragen häufig Attribute der Besatzer, der Kampf gegen sie lenkt ab von der demütigenden Aussichtslosigkeit des politischen und militärischen Kampfes, ja sie rettet die betroffenen Gemeinschaften davor, Ihr Leid durch einen Aufstand zu potenzieren. 

Horsley zieht eine Parallele zum Neuen Testament. Während Geister und Engel in Israel vor der hellenistischen Zeit kaum eine Rolle spielten und vor allem nicht als eigenständigen Akteure erschienen, ändert sich das in den späten Schichten der hebräischen Bibel wie dem Danielbuch dahingehend, dass zwischen Gott (der damit in größere Ferne rückt) und Welt sich eine Sphäre von Zwischenwesen auftut, in der ein Kampf zwischen Gut und Böse tobt. Spätere jüdische Schriften wie das Henochbuch und die Texte aus Qumran malen das weiter aus. Zeitgeschichtlich fällt das mit der Besatzung durch die hellenistischen Seleukiden (davon berichten die Makkabäerbücher) und später dann durch die Eroberung und brutale Unterwerfung Palästinas durch die Römer zusammen. In Qumran wurde der "geistliche Krieg“ (meine Formulierung) rituell begangen. Deutliche Anspielungen auf Formationen der Besatzerheere trafen dabei auf Elemente der Josua-Tradition und Vorstellungen vom Gotteskrieg.

In den Evangelien finden wir zahlreiche Berichte über Dämonenaustreibungen. Solche Berichte fehlen fast völlig aus der Zeit der Selbständigkeit von Israel und Juda. Die knappen Schilderungen interessieren sich dabei im Vergleich zu vergleichbaren Texten der hellenistischen Literatur überhaupt nicht für die Techniken und Kunstgriffen des Wundertäters, dafür enthalten sie Anspielungen auf den mosaischen Exodus und die Erneuerung Israels. 

Unverkennbar ist die politische Dimension (und die Parallele zum kolonialen Afrika) in Markus 5,1-20, in der sich der Dämon als „Legion“ zu erkennen gibt. Der dämonisierte Mann hingegen steht als Symptomträger für die gesamte Bevölkerung. Militärische Sprache prägt auch den weiteren Gang der Erzählung. Die Geister treiben eine Schweineherde in einen wilden Ansturm auf das „Meer“ - der See Genezareth wird zum Symbol für das Mittelmeer, über das die Römer kamen, und das Schilfmeer, in dem die Ägypter untergingen.

 Sea of Galilee Viewed Over Gadara's Nymphaeum

Dass es die Leute mit der Angst zu tun bekamen und Jesus baten, die Gegend zu verlassen, hat, so Horsley, weniger mit den tumultartigen Umständen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass die Maskierung der wahren Unterdrückung, einschließlich der Ursachen und Folgen, nun zusammengebrochen war und ein anderer Modus Vivendi gefunden werden musste als das gelegentliche Niederringen eines Besessenen mit vereinten Kräften. Deutlich wird in alldem: Das Kommen des Gottesreiches in den Exorzismen Jesu (mit dem "Finger Gottes“) signalisiert auch den Anfang vom Ende der römischen Gewaltherrschaft.

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Es gibt Gruppen und Kreise, in denen der Dank dafür, „dass wir uns hier in Freiheit versammeln dürfen“ zum eisernen Grundbestand der Liturgie gehört - ob nun in einem Gebet vor Beginn, am Beginn oder im Verlauf einer Veranstaltung und egal, ob man sich der Tatsache überhaupt bewusst ist, dass man eine Liturgie hat – zumal eine ausgesprochen konstante: mancherorts kommt sie öfter vor als das Vaterunser.

Ich bin davon immer wieder überrascht: Über Religionsfreiheit wird zwar eifrig diskutiert, aber sie scheint mir nicht akut in Gefahr, und das nun schon seit 70 Jahren. Hat sich diese Phrase in schlechteren Zeiten so tief eingeprägt, dass sie heute noch selbstverständlich ist?

Oder ist das eine Geste der Erinnerung an das Schicksal der vielen Gläubigen unterschiedlichster Herkunft, die heute weltweit Verfolgung und Benachteiligung erleben, auf die aktuell z.B. der Gebetsaufruf der EKD für den Sonntag Reminiscere hinweist?

religious freedom

Vielleicht ist der Sinn dieser Dankesfloskel ja auch der, die Frage aufzuwerfen, wie Christen hier und jetzt mit dem Geschenk der Freiheit umgehen. Ob sie es also wirklich mutig nutzen und es wagen, mit dem Evangelium positiv zu provozieren und denen eine Stimme zu geben, die sich in unserer Gesellschaft kein Gehör verschaffen können?

Schließlich habe ich mich auch schon ab und zu gefragt, ob sich darin auch ein Misstrauen gegenüber dem säkularen Staat und der multireligiösen Gesellschaft verbergen kann, dessen höchste Repräsentanten bewusst plakativ sagen können, dass auch der Islam zu Deutschland gehört und der Gesetze zur Gleichstellung von unterschiedlichsten Minderheiten erlässt. Wenn dieser Staat, so das Unbehagen, mit seiner Macht gesellschaftliche Gruppen schützt, die man selbst als Konkurrenz oder Gefahr empfindet und deren Freiheit man lieber eingeschränkt sähe, dann ist tatsächlich jeden Moment damit zu rechnen, dass der labile Frieden kippt und Repressionen wahrscheinlich werden. 

Welche der unterschiedlichen Motivationen nun jeweils den Hintergrund der Verfolgungsformel bildet, das muss sich jede(r) selbst bewusst machen und gegebenenfalls auch verdeutlichen, wie sie nicht zu verstehen ist. Man könnte sie freilich auch aus dem Standardrepertoire streichen und andere Schätze der reichen Liturgiegeschichte an ihre Stelle setzen.

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Wie sind die Exorzismen Jesu zu deuten, von denen die Evangelisten so häufig unter dem Stichwort der „Machttaten“ berichten? Richard Horsley befasst sich im 5. Kapitel von Jesus and the Powers mit dieser für heutige Bibelleser vielleicht fremdartigsten Kategorie von Erzählungen im Neuen Testament und bringt interessante Aspekte in eine weithin festgefahrene Debatte.

Heutige Deutungsversuche scheitern entweder daran, dass sie in typisch neuzeitlicher Manier die Geschichten entweder als bloße Legenden behandeln, oder sie durch die dualistische Brille von Natur und „Übernatürlichem“ als wundersame Beweise für die Gottheit Christi deuten, oder dass das man Phänomen der „Besessenheit“ psychologisiert, nach heutigen Vorstellungen von Subjektivität als rein innerlicher Konflikt behandelt.

Alle drei modernen Deutungen werden den Texten nicht gerecht: Die Menschen damals erlebten es so, dass eine Macht von außen ihnen zu schaffen machte, nicht als einen rein innerlichen Konflikt. Die „Besessenen“ werden durchweg isoliert von ihrem Kontext als neuzeitliche, in sich geschlossene Individuen mit einem Leiden oder, schlimmer noch, psychischen Defekt betrachtet. Politik und Spiritualität erscheinen als ganz verschiedene Sphären, die miteinander nichts zu tun haben.

exorcism
Horsley verweist auf Stimmen aus der neueren medizinischen Anthropologie, die gezeigt haben, dass nicht nur Krankheiten, sondern auch Heilung gesellschaftlich konstruiert sind. Im Fall der Schulmedizin deuten wir sie beispielsweise als Fehlfunktionen biologischer und psychologischer Prozesse. Wir wissen freilich längst, dass geschichtliche und soziale, strukturelle, politische und wirtschaftliche Faktoren auch eine gewichtige Rolle spielen, in der Regel blenden wir sie jedoch aus.

Phänomene von Besessenheit müssen daher umfassender aus dem kulturellen Kontext heraus verstanden werden, in dem sie auftreten. Horsley sucht zu diesem Zweck nach Analogien zum Palästina des ersten Jahrhunderts. Bei einer Reihe afríkanischer Völker gab es beim Eintreffen der ersten Europäer schon die Vorstellung, dass die Kranken und Niedergeschlagenen von den Geistern der Fremden heimgesucht werden, etwa der Araber, später dann auch der Europäer oder der christlichen Mission (in dem Fall hier der eindringende Geist dann „Kijesu“ oder im Sudan „nasarin“). Man besänftige diese fordernden und gierigen Mächte mit Getränken aus Flaschen, Weißbrot und Fleisch aus Konservendosen.

Die Invasion der Europäer sorgte dafür, dass sich die Fälle von Besessenheit massiv häuften und ständig neue Variationen entwickelten  – zum Beispiel konnten die Dämonen den Namen des viktorianischen Imperialisten Lord Cromer tragen. Bei den Zulus scheint diese Zunahme besonders intensiv gewesen zu sein, so dass die Exorzisten Menschen „impften“ durch „Soldaten“ – Geister, die ihre Träger nach Maschinenöl verlangen, sie in fremden Sprachen reden oder Lokomotivengeräusche imitieren ließen. Das sind alles vergleichsweise harmlose Aspekte der Kultur der Invasoren, mit denen man sich gegen die Gewaltherrschaft der neuen Herren schützen wollte. In den 1960er Jahren beschrieb der Psychiater Frantz Fanon Besessenheit und die Angst vor Dämonen als Konsequenz der französischen Besatzung, von der die Einheimischen als Primitive behandelt wurden, die nur die Sprache der Gewalt verstehen. Der Impuls zum Widerstand war da, ein Aufbegehren dagegen erschien lebensgefährlich. Horsley folgert:

Als Reaktion auf die Mächte, denen sie ausgeliefert waren, glaubten die Kolonialvölker allmählich, ihre Unterwerfung sei durch keine Aktion ihrerseits zu beheben. Über ihr Schicksal bestimmten höhere, übermenschliche Mächte. Kolonialer Gewalt war nur durch noch größere Gewalt beizukommen, die ihnen nicht zur Verfügung stand. Er war offensichtlich, dass die dominierende fremde Zivilisation ihre traditionelle Lebensweise bedrohte. Entsprechend der Sicht der Kolonialherren, die die Eingeborenen als die Personifizierung des Bösen ansahen, hielten die Eingeborenen die Kolonialherren für böse.

… die Angst der Menschen vor den Dämonen stärkte so ihre Hemmungen, die ein eventuelles aggressives Handeln verhinderte. Ihre Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die bedrohliche Welt böser Geister, nicht auf die Instrumente kolonialer Kontrolle. Die dämonischen Mächte, nicht die konkreten Mächte imperialer Herrschaft waren Ursache ihres Leidens. Dämonenglaube war insofern ein Selbstschutz, als er das unterworfene Volk befähigte, die direkte Konfrontation mit den Kolonialherren zu vermeiden, die zu ihrem Untergang geführt hätte. Aber so war es auch ein wirksames Mittel der sozialen Kontrolle in einer Kolonialsituation und eine mystifizierende Verschleierung dieser Kolonialsituation samt der Mächte, die sie geschaffen hatten. (S. 117)

Die Beschäftigung mit dämonischer Besessenheit, die der vorhandene Geisterglaube ihnen ermöglichte, retteten die Menschen so gesehen davor, die angestaute Aggression gewaltsam gegen die Invasoren und Unterdrücker zu wenden, was aufgrund der militärischen Unterlegenheit einem kollektiven Selbstmord gleichgekommen wäre. Den Unterdrückern freilich nutzte diese Verschiebung des Problems.

Was das mit dem Neuen Testament zu tun hat, werde ich im nächsten Post kurz betrachten.

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Wir haben uns bei ELIA für die Passionszeit vorgenommen (und schon etwas eher damit begonnen), einigen Streitereien nachzugehen, in die Jesus im Laufe seines Wirkens verwickelt wurde. Es sind erstaunlich viele, man könnte fast ein ganzes Jahr darüber predigen; aber so viel Streit hält ja keine Gemeinde aus.

In meinem Bekanntenkreis kursieren zwei unterschiedliche Klischees über Jesus. Das eine könnte man als „Empathie um fast jeden Preis“ bezeichnen, weil es einseitig den Versöhner herausstellt, was im Grunde sehr sympathisch ist, hin und wieder aber dazu führen kann, dass man selbst etwas konfliktscheu wird und sich lieber einmal zu oft selbst in Frage stellt, als anderen direkt zu widersprechen.

Das andere ist das Klischee des für seine „klare“ und „aufrechte“ Gerichtsbotschaft verfolgten Propheten, das nicht zur Flucht vor Konflikten Anlass gibt, aber meist zu kleinkariertem Dogmatismus und häufig zu Selbstgerechtigkeit. Motto: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns.“ Dann spaltet man lieber, als zu versöhnen. Zum Beispiel durch grobe und unfaire Attacken auf interreligiösen Dialog in jeglicher Form, weil die Anerkennung der Wahrheiten des anderen als Verrat an der eigenen Wahrheit interpretiert wird.

GRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR

In Wirklichkeit müssen gerade die Versöhner ein dickes Fell haben und viel einstecken können, während alle, die sich mit ihren Getreuen gegenüber "feindlichem Beschuss" verbarrikadiert haben, dort relativ sicher sitzen können, so lange der Druck von außen alle Konflikte im Inneren erstickt. Sie können aus jeder Opposition öffentlichkeitswirksam Kapital schlagen und sich als Opfer „der anderen" inszenieren. Der Versöhner hingegen kann es sich gar nicht leisten, jene anderen zu diffamieren und zu verurteilen, die er gewinnen möchte, während er zugleich befürchten muss, dass ihm die Eiferer im eigenen Lager (oft noch radikalisiert durch die "Spalter") in den Rücken fallen.

Lukas 11 ist ein wunderbares Kapitel, wenn man den streitbaren Jesus kennenlernen will. Der Ärger beginnt, als Jesus von seinen Gegnern verdächtigt wird, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und antwortet "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Hier also ist das Motto der heutigen Spalter im Munde dessen, der damals „sammelt“ zu finden.

Wenig später bombardiert Jesus die Pharisäer mit Vorwürfen wegen ihrer Habgier und Härte gegenüber den Armen, die sich hinter penibler Abgabenpraxis an den Tempel versteckt und von Riten verdeckt wird, die soziale Distanzierung forcieren. Als würde das Geben des Zehnten die Frage überflüssig machen, ob man seinen Reichtum auf Kosten anderer erzielt hat.

Daraufhin gibt ein Schriftgelehrter Jesus zu bedenken, "Meister, damit beleidigst du auch uns". Jesus hält einen Augenblick inne, denkt nach und entschuldigt sich dann zerknirscht für seinen harschen Tonfall…

Quatsch! – Jesus dreht erst richtig auf und stimmt eine Serie von Weherufen gegen die Schriftgelehrten an, die sich genauso gewaschen hat wie die, mit denen er die Pharisäer auf die Hörner genommen hatte. Tenor: Sie erfinden immer neue, komplizierte Lasten für die einfachen Leute, von denen nur sie selbst als „Fachleute" profitieren. Sie werden unentbehrlich, weil keiner mehr durchblickt bei den vielen Paragraphen und ihren Ausnahmen.

Jesus attackiert die Nutznießer von dogmatischem Stacheldraht und ideologischem Mauerbau, deren materielles und ideelles Interesse an harten Grenzziehungen offensichtlich ist, und die über all ihrem Eigennutz nicht mehr erkennen, dass Gott selbst ihnen gerade durch Jesu Handeln in die Quere gekommen ist. Jene, die zerstreuen, um herrschen zu können, und die darin nicht anders handeln als es die römische Staatsmacht auch tut.

Das Unrecht und die Ungleichheit darf nicht übertüncht, sondern es muss angesprochen und sichtbar gemacht werden, damit sich etwas ändern kann. Das stellt die Privilegierten in kein gutes Licht, ähnlich wie 2012 die Aktion des Zentrum für politische Schönheit gegen die Eigentümer der Rüstungsfirma Krauss, Maffei, Wegmann. Aber ohne diese Art von Konfrontation, wird sich wenig ändern.

"Don’t tiptoe through life just so you can arrive at death safely" (gestern bei Tony Campolo gelesen) – das war definitiv nicht die Maxime für Jesus.

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Gestern habe ich mit ein paar klugen Leuten über Zygmunt Baumans Buch „Collateral Damage“ diskutiert. Bauman erneuert und verschärft darin seine Kritik an der "flüchtigen Moderne“ des Konsumzeitalters, dessen Wesen darin besteht, immer neue Bedürfnisse zu erzeugen. Die Konsequenz ist nicht mehr (nur) die Ausbeutung von Arbeitskraft wie in der Frühphase der Industrialisierung, sondern die Ausbeutung der Konsumenten, die sich wiederum in deren „freiwilliger“ Selbstausbeutung äußert. Man muss sich möglichst gut anbieten und „verkaufen“. Der Rückzug des Sozialstaates (Seit Reagan und Thatcher im angelsächsischen Raum, seit den Neunzigern dann auch bei uns) hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst.

G20 Tension

Bauman beschreibt das als Aufgabe, ohne einen Lösungsweg vorzugeben. Und dann nahm die Diskussion jene Wendung, die ich schon hundertfach erlebt habe. Jemand sagte: Aber der Kommunismus sei ja gescheitert [stimmt, und Bauman erklärt auch einleuchtend warum], und „der Kapitalismus“ sei doch immer noch „das beste“ System, das wir haben. Wobei sich niemand Illusionen über die katastrophalen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen machte. Eine gewisse Betretenheit machte sich breit in der Runde.

Die Resignation und das Verstummen an genau diesem Punkt ist bezeichnend: Wenn wir uns schon gar nicht mehr vorstellen können, dass wir uns Alternativen vorstellen und entwickeln könnten (vom zähen Ringen um eine politische Durchsetzung ganz zu schweigen), wird sich natürlich nie etwas ändern, bis alles von allein zusammenbricht – und das hätte dann apokalyptische Ausmaße. Es geht also zuallererst um Einfälle, Ideen und Phantasie. Eben jede Dinge, zu denen Jesus Menschen mit seinen Gleichnissen anregte und die Propheten mit ihren Bildern. Die Frage nach der „Machbarkeit“ ist erst einmal zweitrangig. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn wir statt ein paar Wochen Jahrzehnte brauchen, um eine praktische Alternative zu entwickeln. Um so wichtiger, jetzt das Gespräch anzustoßen, die Fragen auf den Tisch zu packen und möglichst viele Leute zum Denken zu verführen. Es lohnt sich auch dann, wenn wir noch 20 Jahre brauchen. Bauman dagegen hat von Günther Anders gelernt:

Die moralische Katastrophe unserer Zeit ‚erwächst nicht aus unserer Sinnlichkeit oder Durchtriebenheit, Unehrlichkeit oder Lässigkeit, nicht einmal aus der Ausbeutung, sondern aus einem Mangel an Vorstellungsvermögen‘; wobei das Vorstellungsvermögen, wie Anders beharrlich behauptet, mehr wahrnimmt von der Wahrheit […] als, das, wozu unsere maschinengetriebene empirische Wahrnehmung in der Lage ist. Ich würde hinzufügen: Das Vorstellungsvermögen erfasst auch viel mehr von der moralischen Wahrheit, der gegenüber unsere empirische Betrachtung besonders blind ist.

Freilich ist es nicht möglich, am Schreibtisch oder Reißbrett ein neues System zu entwerfen. Aber immerhin ist es im 20. Jahrhundert schon einmal gelungen, eine menschlichere Form des Wirtschaftens zu etablieren und damit die Härten und Ungleichheiten des Systems Kapitalismus leidlich auszugleichen - bei uns hieß das „Soziale Marktwirtschaft“. Es muss also kein "großer Wurf“ sein, es dürfen auch viele kleine Schritte und Maßnahmen werden.

Was dagegen keine Alternative ist, wäre so resigniert weiterzuwursteln wie immer. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (der Name täuscht über die Absicht hinweg) und andere neoliberale Think Tanks würden uns die Arbeit nur zu gerne abnehmen.

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Steine, Staub, Sand und Dornen,
Flirrende Hitze und nagende Kälte,
Totenstille, dann hallen Geräusche –
Bröckeln, Flattern, Säuseln und Knirschen.

Ins Wasser und wieder heraus
und dann gehen, suchen, und warten, was sich zeigt.
Vierzig Tage, die sich wie Jahre anfühlen,
Und kein Busch, der brennt und spricht.

Um so mehr brennt das Herz,
der glühende Hauch hat es angefacht.
Hunger schwillt an und ebbt ab
– Leere in mir und umher.

Stille - darin eine Stimme
Berge von Stein werden Brot
und füllen die Leere im Bauch
– doch vollgestopft sein macht träge.

Stumm bliebe da das Wort
aus Busch und Berg und Himmel.
Ich suchte die Leere, um davon zu zehren,
denn sein Nachhall ist leise…

TipTop, schnarrt die andre,
das bist du dir schuldig
dein Einstieg ist oben
durch Boardroom und Penthouse

Da unten herrscht Druck
und für den musst du sorgen
Vergiss Empathie, Mann,
denn Schwäche ist teuer.

Aber unten am Wasser
am Tiefpunkt der Erde
da war ich wie alle… geliebt…
doch hör’ ich schon wieder:

Und droht dir ein Sturz
nimm den goldenen Fallschirm
spring mutig ins Leere
was soll schon passieren?

Du wirst zur Legende
sie fliegen auf Drama
die Schwachheit der vielen
braucht dich unzerstörbar.

Wer bin ich? Wer will ich sein?
Nun, das ganz bestimmt nicht:
"Nein, nein und nochmal nein"
platzt es aus mir heraus.
"Hörst du das?" –
Aber die Antwort bleibt aus.
Die Stille wird freundlich.
Als ginge lächelnd ein Engel vorüber.

Desert

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Der Philosoph Volker Gerhardt unternimmt in seinem kürzlich erschienenen Werk Der Sinn des Sinns: Versuch über das Göttliche den spannenden Versuch, eine philosophische Perspektive auf Denken und Glauben, Gott und die Welt zu entfalten. Ich habe mit dem Lesen erst begonnen und doch schon aus der Einleitung viele gute Denkanstöße mitgenommen. Zum Beispiel diesen Kommentar zum Horizont der Sinnfrage:

Der schwer erkrankte, inzwischen verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ließ sich mit einem Zettel fotografieren, auf dem zu lesen steht: "Weltformel nicht in Sicht. Vielleicht ist alles sinnlos?“ Das „Vielleicht“ hätte sich der tapfere Autor ebenso sparen können wie das Fragezeichen. Wenn „alles“ nur das ist, was es in aufzählbaren Sachverhalten gibt, ist nichts sinnloser, als nach dem Sinn der Welt zu fahnden.

Doch die Lage ändert sich augenblicklich, sobald wir, anstatt von einer „Weltformel“ objektive Auskunft zu erwarten, von uns selbst ausgehen und die „Selbstformel“ als das Paradigma ernst nehmen, an das alles Suchen nach Sinn gebunden ist. Für die „Selbstformel“ ist der Sinn bereits konstitutiv. … Die Sinndimension ist die Voraussetzung dafür, in der Welt überhaupt nach einem Sinn suchen zu können. Man müsste schon das Fragen verbieten, wenn man die Suche ausschließen will.

connected.
Bild: connected. by Heather via flickr/creative commons 2.0

Mit dem Verlust der Sinndimension (Nietzsche beschreibt das mit dem Schlagwort vom „Tod Gottes“) ginge, wie Gerhardt schreibt, jede Möglichkeit der Selbsterkenntnis verloren und damit auch die Selbstüberwindung des Menschen, die Nietzsche anstrebte. Ein paar Absätze später fasst Gerhardt sein Anliegen so zusammen:

Von diesem Sinn, in dem wir durchschnittlich leben, als sei er uns bekannt, und der uns verzweifeln lässt, sobald er fehlt, (und dennoch die Verzweiflung trägt), handelt das vorliegende Buch. Es sucht zu zeigen, dass alles, was wir mit einer über den Augenblick hinausgehenden Sinnerwartung tun, auf einen tragenden Sinn des Daseins vertraut, in dem wir mit dem Ganzen verbunden sind. Unter dem Eindruck dieses uns stützenden und fördernden Sinns gewinnen wir die rationale Zuversicht, der zu sein, der wir sind oder sein möchten, um dort, wo es uns wichtig erscheint, über uns selbst hinauszugehen.

Unabhängig davon, ob man Gerhardt in allen Dingen folgt, scheint mir sein Buch für alle Theolog_innen schon deshalb eine gewinnbringende Lektüre, weil es außerhalb vieler üblicher theologischer Sprachspiele und Zirkelschlüsse steht und die Begründung der bestehenden philosophisch-theologischen Grenzziehungen in Frage stellt. Anders gesagt: Wer sich fragt, wie man verständlich und „unfromm“ von Gott und Glauben reden kann, der wird hier ein weites Lernfeld entdecken.

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Um Missverständnissen dessen, was ich gleich schreibe, wenigstens halbwegs vorzubeugen: Ich habe in den letzten Jahren viel von anderen gelernt, viele gute Impulse und Ideen bekommen, viele gute Fragen, die mich zum Denken brachten und immer wieder guten Rat. Ich schätze das und bin dankbar dafür. Ohne das alles wäre ich heute nicht der, der ich bin.

Die Frage, die ich stelle, liegt auf einer etwas anderen Ebene, sie hat aber auch mit dem zu tun, der ich bin: Wenn ich zurückdenke über die letzten drei, fünf oder zehn Jahre, fallen mir dann mehr Situationen ein, in denen ich es bedauert habe, nicht auf eine der Stimmen von außen gehört zu haben, oder überwiegen die Momente, in denen ich nach heutigem Stand meiner Einschätzung besser auf die innere Stimme hätte hören sollen?

Ist das vielleicht eine Typfrage (der Unabhängige muss lernen auf andere zu hören, der Schüchterne sich selbst) oder eine Lernaufgabe, die man im Lauf seines Lebens zu bewältigen hat (vom Außen- zum Innengesteuerten)? Und vor allem: wie verhalte ich mich im Konfliktfall?

Die Quäker haben ein schönes Ritual gefunden, das beides zusammenbringt: Die tiefe Achtung vor dem „Inneren Licht“ in jedem einzelnen und die Einsicht, dass in unterschiedlichen Perspektiven große Weisheit steckt. Parker Palmer erzählt von einem Clearness Committee, das drei Stunden zusammensitzt und jemandem in einer Entscheidungssituation hilft, seine innere Wahrheit zu finden. Die Runde darf dabei nur Fragen stellen, die Betroffenen antworten darauf und es werden neue Fragen gestellt, aber es werden keine Ratschläge und Empfehlungen erteilt. So helfen die äußeren Stimmen unter den vielen inneren Stimmen die Wahrheit zu entdecken.

Safe Space from Center for Courage & Renewal on Vimeo.

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Vergleichspunkte zwischen der Welt der Evangelien und der heutigen Gesellschaft sind ein wichtiges Thema, wenn es um das Verstehen der Bibel geht und vor allem die Frage, was christlicher Glaube in der Gegenwart bedeutet und welche Konsequenzen das hat. Richard Horsley hat die Machtverhältnisse im römischen Reich, also den gesellschaftlichen Hintergrund der neutestamentlichen Texte, dazu genauer analysiert. Fangen wir also mit dem Damals an und kommen dann zum Heute.

Rom war ein expansives Imperium, das sich unter dem Vorwand, sich schützen zu müssen, aller Konkurrenz (Karthago, Korinth, etc.) entledigt hatte. Weil die Truppenstärke im Riesenreich begrenzt war, setzte man auf Einschüchterung durch kalkulierte Brutalität. Wie westliche Kolonialherren der Neuzeit war man der Auffassung, Barbaren verstünden nur die Sprache der Gewalt. Und man glaubte, von den Göttern bevorzugt und mit der Weltherrschaft belohnt worden zu sein - die religiöse Dimension war also immer präsent, wenn andere unterworfen und „zivilisiert" wurden.

Zu Religion und Militär gehörte auch die Ökonomie. Reichtum war in vorindustrieller Zeit praktisch nur über Grundbesitz zu erwirtschaften und zu sichern. Weil die Römer ursprünglich eine Volksarmee waren, und weil im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. durchgehend jeweils rund 10% der Männer beim Militär waren, verarmten viele Familien während der Monate und Jahre dauernden Eroberungskriege. Sie mussten sich bei den Patriziern verschulden (aus deren Reihen die Offiziere stammten!), schließlich wurde ihr Land gepfändet, sie wurden zu Tagelöhnern oder ganz aus der Heimat vertrieben. Sie zogen zu Hunderttausenden in die Städte, während die immer reicher werdenden Großgrundbesitzer Sklaven aus den eroberten Gebieten als Landarbeiter auf ihren Gütern einsetzten. Horsley nennt das den "militärisch-agrarischen Komplex“. Kriege machten die Reichen reicher und die Armen ärmer.

In den Städten entwickelte sich daraufhin ein Sozialsystem aus reichen Patriziern und armer Unterschicht. Die Terminologie war dabei familiär gewählt - der „Patron" sorgte für seine Leute wie ein Vater. Damit war nicht ein Verhältnis von Liebe und Nähe beschrieben, sondern eines der Abhängigkeit, des sozialen Gefälles und undurchlässiger Barrieren zwischen den Ständen, das die Spirale der Verarmung, Landflucht und prekären Existenz verstetigte. Die berühmte Formel „Brot und Spiele“ charakterisiert das Verhältnis beider Seiten insofern treffend, als sich etwa die Hälfte der römischen Plebs von den Patronen „durchfüttern“ ließ - dazu wurde tonnenweise Getreide in die Stadt geschafft. Für die Provinzen bedeutete das eine immense Abgabenlast. In Judäa etwa mussten die Bauern den Römern, ihrem Vasallenkönig Herodes und den geldgierigen Tempelpriestern in Jerusalem große Anteile ihrer Ernte abtreten. Die Spiele (rund 4 Monate im Jahr wurde gefeiert!) wiederum waren zugleich religiöse Feste, das Opferfleisch war für viele Armen die einzige Möglichkeit, Fleisch zu essen. Die Magnaten verteilten einen Teil ihrer Beute aus Feldzügen, Steuerpacht und Grundbesitz wieder im Volk.

pyramid fun

Augustus und seine Nachfolger setzten sich an die Spitze der Pyramide als "Patrone der Patrone". Hohe Ämter in Militär und Verwaltung der Provinzen wurden nach Loyalität und Nähe zur kaiserlichen Familie vergeben, und das System setze sich nach unten fort. Lokale Eliten konnten sich als Freunde der Freunde des (Gott-)Kaisers fühlen. Horsley erläutert:

Die Pyramiden persönlich-ökonomischer Machtverhältnisse hatten auch politisch eine einigende Wirkung, zumindest an der Spitze unter den Reichen und Mächtigen, die in ihren Städten, Provinzen und Möchtegern-Königreichen den Ton angaben. Viele jener Inschriften, die Prominente aus der Provinz ihrem imperialen Patron widmeten brachten die imperiale Ideologie zum Ausdruck: die Römer erwiesen ihre fides (griech.: pistis), Loyalität im Sinne von Schutz, währen die Freunde Roms ihre fides zeigten, das heißt, ihre Loyalität Rom gegenüber. Viele werden diese Sprache in den Paulusbriefen wiederfinden, wo pistis in der Regel als "Glaube" übersetzt wird, was nur auf die Dominanz des imperialen Kontext hindeutet, in dem Paulus arbeitete.

Paternalistische "Vaterschaft" als Ausdruck der sozialen Spaltung würde erklären, warum Jesus sich in der Pharisäerrede des Matthäusevangeliums so vehement gegen den Titel "Vater" wendet. Konservative Theologien jedoch neigen bis heute mehrheitlich dazu, ein autoritäres Machtverständnis in dem Sinne zu transportieren, dass sie Gott als himmlischen Souverän eine Etage über den jeweilgen Machtpyramiden platzieren, deren Struktur indes weithin unverändert bleibt.

Und "Glaube" in der unterwürfigen Form des Klienten, das ist etwas, was unter veränderten Bedingungen (aber, anders als im Mittelalter, ähnlich freiwillig) heute wieder entwickelt. Letzte Woche sagte der Berliner Philosoph Byung-Chul Han in der Zeit im Blick auf "Big Data" und die digitale Überwachungsgesellschaft:

… von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters. Wir befinden uns in einer Leibeigenschaft. Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, das die Freiheit ausbeutet.

Wohltäter und Abhängige in einem System, das den Wohlstand der Wohltäter und die Ohnmacht der Abhängigen fördert, Heilsversprechen (im Sinne einer Perfektionierung der Welt) und gesponsertes Entertainment, Freunde und "Amigos" – hier liegen die Parallelen. Das römische Imperium hat die junge Kirche als Bedrohung verstanden, und auch wenn an der Begründung vieles falsch war, war diese Ahnung goldrichtig. Heute ist es der Bundesinnenminister, der politische Exponent des Sicherheitsapparats, der in den Christen Gegner dieser Ordnung erkennt. Keine Staatsfeinde, die das Gemeinwesen zerstören, aber Menschen, die Gesellschaft, Regierung und Behörden daran erinnern, welche Verantwortung sie tragen – nämlich auch für die Menschen, die zu uns kommen.

Das ist doch wenigstens schon mal ein guter Anfang, dass wir den "Glauben" an Staat und Konzerne verlieren. Und zwar nicht im Sinne einer dümmlichen "Pseudoskepsis", die an allem zweifelt außer an sich selbst, wie Sascha Lobo schreibt, sondern weil uns die Jesustradition immer wieder aus unserer Trägheit herausreißt, indem sie uns auf den leidenden Nächsten verweist.

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In der aktuellen Debatte um den Islam gibt es viele Verkürzungen, Verzerrungen und Fehlschlüsse. Der Religionswissenschaftler Michael Blume (hier sein äußerst lesenswerter Blog) hat kürzlich einige davon in einem Vortrag sehr sachlich aufgegriffen und dabei mit manchen Mythen und Missverständnissen aufgeräumt. Nebenbei lernt man auch noch so interessante Dinge wie die Herkunft der Zauberworte Abrakadabra, Hokuspokus und Simsalabim und den neurologischen Zusammenhang zwischen Bilderverbot, rechtsläufiger Vokal- und linksläufiger Konsonantenschrift.

Viel wichtiger aber sind seine Hinweise am Ende über das Verhältnis von Islam und Demokratie, die Misere vieler arabischer Staaten, den Einfluss des Internets auf religiösen Fundamentalismus und die Furcht vor dem Islam in Deutschland bzw. deren Bewältigung. Die knapp 80 Minuten sind gut investiert.

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2 Kommentare

Das Verhältnis zwischen Evangelikalen und Pegida war in den letzen Wochen offenkundig recht komplex. Michael Diener als Vorsitzender der Evangelischen Allianz äußerte sich sehr deutlich, als er kürzlich sagte, Christen sollten sich bei Pegida nicht engagieren. Die (im evangelikalen Lager ja gelegentlich als lahm und schwammig kritisierte) EKD hatte noch etwas schneller eine klare Position bezogen. Letzte Woche dann distanzierte sich die Evangelische Allianz in Frankfurt öffentlich von einer christlichen Islamkritikerin und Pegida-Aktivistin.

Das war gut, denn eine Verbindung zwischen dem alles andere als homogenen Spektrum evangelikaler Christen und den ausländerfeindlichen Demonstranten wurde in den letzten Wochen wiederholt hergestellt. Und ein Blick auf die aktuelle Rückseite von „Idea", wo als "Wort der Woche" brachiale Sätze von Matthias Matussek nachgedruckt sind, der nicht zum ersten Mal eine islamfeindliche Breitseite abgefeuert hat, lässt erkennen, dass dieser innerevangelikale Klärungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Ohne jeden Kommentar der Idea-Redaktion, die das ja auf dem Heftumschlag platziert hat, steht da nämlich, das Christentum sei ja eine Religion der Liebe und der Würde des Menschen, „der Islam ist da einfacher: Er steinigt oder tötet die Feinde.“

Ein evangelikaler Pfarrer aus Bremen steht seit Sonntag in der Kritik für eine Predigt, die einen Rundumschlag gegen so ziemlich alles enthält, was von seiner Linie abweicht, einschließlich der eigenen Kirche, die sich im interreligiösen Dialog engagiert. Dass nun die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, hat ihm in den Kommentaren auf der Facebook-Seite von (Peg-)Idea anscheinend Märtyrerstatus verschafft, da werden Vergleiche zu Luther und Bonhoeffer gezogen (so funktioniert Heiligenkult da, wo er verpönt ist). Und ein führender Kopf der charismatischen Bewegung postet in dieser Woche auf Facebook die Polemik eines Autors der  "Jungen Freiheit" (Sprachrohr der neuen Rechten), der Pegida-Ideologie in Reinkultur enthält und bekommt dafür emphatische Zustimmung von einem anderen prominenten Vertreter seines Lagers. Wie entsteht so eine fragwürdige Verbindung von Theologie und Politik?

Ich frage mich derweil, ob denn all die unterschiedlichen Abendlandretter noch guten Gewissens Kaffee trinken können. Der Kaffee kam nämlich (gewiss doch als Vorhut der heutigen “Islamisierung“?), aus dem islamischen Kulturkreis zu uns. Auf Kaffee.org heißt es, so weit ich sehe, religiös und politisch neutral:

Wahrscheinlich gelangte der Kaffee bei äthiopischen Überfällen zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert in den Jemen, wo die Kaffeepflanzen an Hängen des Roten Meeres angebaut und Kaffeebohnen auf Steinplatten geröstet wurden. Mekkapilger sorgten dann innerhalb der islamischen Welt für die Kaffeeverbreitung. So könnte das Wort „Kaffee“ auch vom altarabischen „qahwah“ („Wein“) abstammen. Wein allerdings war den Muslimen verboten, so dass der Kaffee als „Wein des Islam“ den Rebensaft ersetzte.

Ich trinke heute einen Arabica auf Michael Diener, die Allianz in Frankfurt, auf Heinrich Bedford-Strohm und die vielen, vielen anderen, die sich an der Basis für ein friedliches und partnerschaftliches Miteinander einsetzen.

Smell the coffee..??

Bild: ruben alexander, Smell the coffee..?? via flickr/creative commons
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