Legt man sich die Latte im geistlichen Leben zu hoch, dann ist damit gar nichts gewonnen. Madeleine Delbrêl plädiert für den entgegengesetzten Ansatz, und sie hat einen schönen Begriff dafür:

Manche setzen es sich in den Kopf, es genau wie die Ordensleute machen zu wollen; das führt aber dazu, überhaupt nichts zu tun, denn so etwas ist für uns Leute vom Volk praktisch unmöglich.

in das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.

aus Deine Augen in unseren Augen: Die Mystik der Leute von der Straße, 103.

Time

Foto: listentothemountains via flickr/creative commons
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Theologie studiert Gott und seine Wege. Nach allem, was wir wissen, könnten Mistkäfer uns und unsere Wege studieren und das Menschologie nennen. In diesem Fall würde uns das eher rühren und amüsieren als stören. Hoffen wir, dass es Gott genauso geht.

gefunden bei Frederick Buechner

Theology Gone Wild 035

Foto: Theology Gone Wild by Jonathan Assink via flickr/creative commons
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Das Sympathische an Madeleine Delbrêl ist, dass sie Glaube und Politik, Spiritualität und soziales Engagement einfach nicht trennen konnte. Lange bevor jemand das Wort Fairtrade kannte, schrieb sie die folgenden Zeilen:

Wer ein Dutzend neuer Putzlappen, eine Bluse, einen Kessel Kohle in die Hand nimmt, befleckt seine Hände immer mit Schweiß, oft mit Tränen, manchmal mit Blut. Werbung und Etiketten verhüllen die grässliche Nahrung, von der wir leben.

Das Gewissen sagt laut „Nein“ angesichts der internationalen Kriege.

Doch es schweigt angesichts des Krieges der menschlichen Arbeit. Die Gewalt dieses Krieges ist so allgemein, so gut gelenkt, dass sie fast unsichtbar geworden ist.

Madeleine Delbrel nel giardino di casa

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In einer Welt aufgeblasener Nichtigkeiten
erstaunt Deine Nicht:Ich:Keit.

Wo Ichlinge groß sein wollen,
wirst Du ganz klein.
Wo jeder der erste sein will,
liebäugelst Du mit den Letzten.

Wo die Ungeduld drängelt,
hast Du Zeit zum Spielen.
Wo jeder Gehör finden muss,
spendest Du Stille.

Wo wir uns beweisen,
lässt Du Dich in Zweifel ziehen.
Wo Säbel rasseln und Stiefel poltern,
kommst Du barfuss daher.

In dieser Nicht:Ich:Keit
bist Du unnachahmlich,
einzigartig Du selbst –
versöhnst mich mit meiner Nicht:Ich:Keit,
nimmt mir die Angst
vor dem Sturz ins Nichts.

Schwerelos macht mich das,
so entgleitet mir
in deiner Umarmung
meine Ungehaltenheit.

Ich in dir,
Du in mir.
Nicht:Ich mehr,
aber gehalten.

Amen.

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Der Stern berichtete kürzlich, dass Frauen in Saudi-Arabien nun Auto fahren dürfen. Freilich unter bestimmten Auflagen und nur mit Zustimmung des Ehemannes. Der Artikel spricht von einer „verqueren Logik“ in dem Zusammenhang.

Erinnert hat mich das an den engagierten Vortrag eines Theologen zu Epheser 5, in der er die Forderung nach der Unterordnung der Frau unter den Mann mit dem (schon ziemlich abgewetzten) Hinweis retten wollte, wenn nur die Männer ihre Frauen so liebten wie Christus seine Gemeinde, dann sei Unterordnung und "Haupt Sein" doch kein Problem mehr.

Würden nun die Saudis zu uns sagen, es sei doch alles eine Frage der Liebe – eine Frau, die ihren Mann wirklich liebt, wird ihn natürlich ganz freiwillig um Erlaubnis bitten und der Mann, der seine Frau liebt, wird ihr die Autofahrt gestatten, sofern das gut ist für sie, natürlich (und wer wüsste das besser als der liebende Ehemann?) – dann würde vielleicht auch jenem Kirchenmann klar, dass der Verweis auf die Liebe missbräuchlich ist, wenn man ihn faktisch zur Legitimierung von Herrschaft und Patriarchat verwendet.

Diese Logik ist wirklich verquer – auch in ihren christlichen Spielarten. Schon der große Columbanus wusste: Amor non tenet ordinem - die Liebe hält keine Ordnung.

Jill Jackson • Getaway Driver (Outtake)

Bild: Kris Kesiak via Flickr/Creative Commons
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Gott lässt sich um unseretwillen „in Mitleidenschaft ziehen“, so oder so ähnlich sagte es Andreas Ebert letzte Woche bei den Straßenexerzitien. Ich musste eine ganze Weile über diese Redewendung nachdenken. Manchmal hört man ja auch geläufige Phrasen urplötzlich ganz neu – und entdeckt, wie passend sie sein können:

Wenn etwas (ein Waldweg, der DAX, ein Kniegelenk) in Mitleidenschaft gezogen wird, dann hinterlässt das Spuren, erkennbare Wundmale, auch wenn das eigentliche Ziel der Gewalteinwirkung (des Fahrzeugs, der Gewinnwarnung, der Belastung) ein anderes war. Aktuell heißt das in der drögen Diktion des US-Militärs „Kollateralschaden“, wenn jemand unverschuldet „unter die Räder“ kommt, weil er einer nahenden Gefahr nicht rechtzeitig ausweicht.

Wenn es Gottes Wesen ist (und nicht nur ein dummer Zufall der Geschichte), dass er sich in Mitleidenschaft ziehen lässt, weil er sich in absehbare und vermeidbare Gefahr begibt, dann stellt sich die Frage, inwieweit auch wir uns dem Leid um uns her aussetzen, ob es also angeht, wenn wir jede Möglichkeit nutzen, ihm (dem Leid – Gott – Gott im Leidenden) aus dem Weg zu gehen. Es geht nicht darum, ins Leiden verliebt zu sein. Aber vielleicht ein bisschen in den, der nicht jedes Leid scheut auf seinem Weg zum Mitmenschen.

Bloßes „Mitleid" mit anderen kann auch einen herablassenden Charakter annehmen, zum faden Bedauern werden. Zum Glück steckt in „Mitleidenschaft“ aber auch noch die Leidenschaft. Leidenschaftlich Anteil zu nehmen ist kostspielig, es strapaziert uns ganz anders und es hinterlässt Spuren. Wir spüren in einer solchen Begegnung aber nicht nur die Defizite und den Schmerz anderer, sondern auch das, was sie antreibt und am Leben hält, ihre Leidenschaft eben.

Und dann kann es passieren, dass sich die Strapaze wandelt zum Geschenk. Dass, wie Christian Herwartz es vorletzte Woche sagte, aus der Dornenkrone ein brennender Dornbusch wird. Ein Ort der Gottesbegegnung und Verwandlung. Heiliger Boden, wo ihn niemand vermutet hätte.

Thorns

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… ich glaube, du hast von den Leuten genug,

Die ständig davon reden, dir zu dienen – mit der Miene von Feldwebeln,

Dich zu kennen – mit dem Gehabe von Professoren,

Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports

Und dich zu lieben, wie man sich in einem alten Haushalt liebt.

Eines Tages, als du ein wenig Lust auf etwas anderes hattest,

Hast du den Heiligen Franz erfunden

Und aus ihm einen Gaukler gemacht.

An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,

Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen.

Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 116.

Breakdancer

Bild: Gueorgui Tcherednitchenko via flickr/creative commons
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In einer der Parkanlagen, die sich entlang der Isar erstrecken, stand ich letzte Woche vor einem Baum, an dem mehrere Nistkästen angebracht waren. Das besondere war, dass sie alle aussahen, wie alpenländische Holzhäuser (oder waren sie in einem früheren Leben Kuckucksuhren?) - jedenfalls war bei allen Häuschen ein Gartenzaun aufgemalt.

Nun stellt ein Zaun für Vögel kein Hindernis dar, die Bemalung war im Blick auf die Bewohner dieser Häuser völlig sinnlos. Doch offenbar konnte sich der Mensch, der sie hergestellt hatte, eine Welt ohne Zäune nicht vorstellen. Man muss sein Territorium doch gegen Eindringlinge schützen, also verschließt man nicht nur die Haustür, sondern man errichtet schon an der Grundstücksgrenze eine Barriere.

Wir Menschen sind schon seltsame Wesen, dass wir dieses Bedürfnis, Zäune und Mauern zu errichten, auch noch auf Vögel projizieren, statt uns von ihnen den Wunsch nach einer Welt abzugucken, die ohne solche Barrieren auskommt. Sind nicht wir die wahren „Zaunkönige“?

In diesen Tagen erinnert sich Deutschland an den Mauerfall. Wladimir Kaminer schreibt dazu heute:

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, war es ein ständiges Suchen nach einem Loch im Zaun oder nach einem Türchen in einer Mauer. Das möchte ich meinen Kindern ersparen, sie sollen in einer Welt ohne Mauer und Zäune leben.

Die Mauer in Berlin ist weg, aber an so vielen anderen Orten wurden und werden seither neue Mauern gebaut. Jedes ernsthafte Gedenken des Mauerfalls muss sich die Frage stellen, ob wir das einfach so hinnehmen dürfen, und was ein Leben ohne Mauern uns an schmerzhafter Konfrontation mit uns selbst und anderen zumutet. Oder anders gefragt: Was können wir von den Vögeln am Himmel lernen, die uns Jesus ja schon in der Bergpredigt als geistliche Begleiter an die Seite gestellt hat?

Foto 27.10.14 14 13 47.jpg

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Immer wieder gab es Momente bei den Straßenexerzitien, in denen jemand aus der Gruppe das Gefühl hatte, einem Engel begegnet zu sein. Freilich ist so ein Satz erklärungsgbedürftig. Ich meine ihn nicht metaphysischen Sinn – Himmelswesen, Lichtgestalten, Erscheinungen – sondern in dem anderen, ebenso biblischen Sinn des eher unscheinbaren Boten, der eine wichtige Nachricht überbringt.

Angel

Bild: Niccolò Caranti via flickr/creative commons

Wie kann man sich das vorstellen? Ist es legitim, so menschlich von Engeln zu reden? Und nimmt man Menschen wirklich ernst, wenn man das tut?

Nehmen wir einmal an, wir sind Teil einer Filmcrew bei ihren Dreharbeiten. Und plötzlich stolpert irgendein ahnungsloser Passant in das Filmset, der irgendetwas sagt oder tut und dann ebenso plötzlich wieder verschwindet. Von der Handlung des Films hatte er keine Ahnung und was er tat, hatte im Kontext seiner eigenen Gedanken und Geschichte vermutlich einen ganz anderen Sinn, den wir vermutlich nie herausfinden werden.

Aber irgendwie gibt dieser ungeplante Auftritt der Szene einen überraschenden Kick. Vielleicht wirkt er sogar wie ein Verweis auf ein Motiv, das schon einmal da war oder auf ein Element der Handlung, das erst noch kommt. Statt sie also neu zu drehen, beschließt die Regie, sie einfach drin zu lassen.

Wenn jemand so in meine Lebensgeschichte hineinstolpert und etwas sagt oder anstößt, das für mich eine wichtige (wenngleich vermutlich andere) Bedeutung hat als vielleicht beabsichtigt, und wenn ich die Szene nicht herausschneide, sondern mich anregen, verunsichern oder ins Staunen und Fragen bringen lasse, dann war das so eine Engelsbegegnung.

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Auf meinen Wegen kreuz und quer durch München kam ich an vielen Kirchen vorbei - barocke, neoklassizistische, ein paar moderne und etliche undefinierbare. Nicht wenige Kirchenbauten in dieser Stadt kommen etwas monströs daher, als orientierten sie sich am monumentalen Stil ihrer Umgebung, etwa das markante Templer-Kloster in Giesing mit seinem 87 m hohen Zwiebelturm.

Templar Archiconvent
Foto: Pixelblume via flickr/creative commons

 

Vor allem aber wirken sie heute oft wie Kleider, die nicht mehr passen. Die Gemeinden sind geschrumpft, sie frösteln zwischen den kalten Wänden und füllen den üppigen Raum, der so viel von ihren Energien schluckt, nur noch selten. Diese musealen „Liegenschaften" stehen herum wie die abgestreifte Haut eines Lebewesens, das nach der Häutung aber nicht größer, sondern kleiner wurde. Wie ein Abdruck des Gewichts, das die Kirche einmal besaß – oder vielleicht auch bloß anstrebte.

Ich fragte mich, ob auch solche Kirch-Türme aus der Angst heraus gebaut wurden, die Gemeinden könnten sich verlaufen und zerstreuen (wie beim Turmbau zu Babel in Genesis 11, nur dass in diesem Fall nicht der Bau scheitert, sondern der Versuch, ihn weiterhin zu bewohnen). Ist am Ende so manche Theologie des sakralen Raumes eher der Ausdruck einer gewissen Unfähigkeit, Gott in dieser chaotischen, unruhigen, widersprüchlichen, oft problematischen, aber auch so lebendigen, vielstimmigen und ständig Neues hervorbringenden Welt anzutreffen?

Fungiert die Art, wie Gemeinden (klar: nicht alle, aber doch so manche) die Geschichte ihrer Bauten gern erzählen, nicht hin und wieder als Versuch eines Gottesbeweises, der doch ebenso unbefriedigend bleiben muss wie seine metaphysischen und formallogischen Vorläufer?

Ich saß, während ich über diese Dinge nachdachte, auf einer Bank, die zwischen zwei Reihen alter Buchen stand. Es nieselte, aber die Bäume hielten mich trocken und der Himmel über mir war etwas grau, aber offen und voller Leben.

Ich kenne auch schöne und zweckmäßige Kirchenräume. Aber ich fürchte, wir halten sie auch dann noch gern für schön und zweckmäßig, wenn sie es schon längst nicht mehr sind. Ich plädiere auch nicht für die Abschaffung von Kirchengebäuden. Wohl aber dafür, den Blick für Gottes verborgene Anwesenheit an all den gewöhnlichen Orten zu schärfen, und Gott vor allem nicht anhand von Immobilien, sondern unter den Menschen nachzuspüren, nicht im Damals, sondern im Heute.

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Manche haben es ja mitbekommen, dass ich die letzte Woche auf den Straßen von München zugebracht habe. Es war eine sehr bewegende Zeit und in den abendlichen Austauschrunden in der Gruppe, die Christian Herwartz und Andreas Ebert wunderbar einfühlsam und anregend anleiteten, gab es viel zu erzählen – Nachdenkliches, Trauriges und überraschend viel Staunen und dankbare Freude.

Der Franke geht eigentlich ja grundsätzlich mit gemischten Gefühlen durch München, und so verlief auch der Einstieg am ersten Tag. Christian hatte uns die Anregung mitgegeben, darauf zu achten, was uns stört oder traurig macht. Denn hinter der Trauer und dem Ärger liegt die Sehnsucht, wie es sein könnte oder sollte. Auf dem Umweg über die “negativen“ – oder besser: unangenehmen – Gefühle kommen wir der Sehnsucht auf die Spur, die verborgen in uns liegt und die wir uns nicht ausgesucht haben.

Die ersten Dinge, die mir auffielen, waren etliche Schilder, die Leute an den Häusern im Glockenbachviertel aufgehängt hatten: Wo man nicht parken oder seinen Hund pinkeln lassen soll; oder dass, so die Crew einer Kneipe, auf dem Gehweg vor dem Haus „so ziemlich alles verboten“ und mit Bußgeldern für den Wirt belegt sei. Auf dem alten Südfriedhof war neben den Namen auch stets der gesellschaftliche Stand der Toten in Stein gemeißelt, selbst wenn es sich um das wunderliche Prädikat „Privatiersgattin“ handelte.

Überlebensgroß wurden die Inschriften dann in der Fußgängerzone: Ein mit Pralinen gefülltes Schaufenster verkündete, jeder Widerstand sei zwecklos und dass man vor dieser Versuchung nur kapitulieren könne. So funktioniert der Kapitalismus, das war die Stimme der „Wölfe“ aus der biblischen Aussendungsrede, weshalb wir den weisen Rat bekommen hatten, die Wölfe nicht zu füttern, indem wir Geld mitnehmen und ausgeben. Statt der Verbote war hier in der City die Forderung allgegenwärtig, jedem Appetit doch gefälligst umgehend freien Lauf zu lassen.

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Ich fühlte mich bedrängt von Ansprüchen und Appellen, mein Widerwille gegen diese Bevormundung wuchs, und die Gruppen von Jehovas Zeugen, die in der Innenstadt ihre Schilder mit frommen Parolen hochhielten, linderte ihn auch nicht gerade, ebensowenig wie aggressive und ungeduldige Kraftfahrer.

Wo ist man in dieser Stadt eigentlich unbedrängt? Ich lief auf Umwegen bis zur Münchner Freiheit, nur um dort in einer Seitenstraße die Zentrale von Scientology zu finden. Und dann entdeckte ich sie doch noch: Bei den Surfern auf dem Eisbach und den Schachspielern am Isarufer, wo Menschen über das Spiel zusammenfanden und darüber – wenigstens für den Moment – zu Gleichen wurden. Wer wollte, konnte stehenbleiben und sich – absichtslos und zweckfrei – in den Bann des Spiels ziehen lassen, ein Gesprächsthema mit den anderen finden, und sich irgendwann wieder abwenden und gehen.

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Und darin begegnete ich der Sehnsucht in mir selbst: Nach dem Freiraum des absichtslosen Spiels; nach der Gleichheit unter Menschen, die nichts anderes von einander wollen , als gemeinsam etwas für diesen Augenblick zu schaffen und zu genießen. Mein Gottesname für diese Woche lautete: Du, der alle Schönheit geschaffen hat und mir im Spiel begegnet, der mir gleich wird und mich an einen Ort führt, an dem ich aufleben kann. Dieses Gebet hat sich Tag für Tag in unterschiedlichen Formen wiederholt.

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Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden.

Wir glauben, dass die Liebe keine glanzvolle, dafür aber eine aufzehrende Angelegenheit ist; wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.

Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.

Madeleine Delbrel, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 97.

synchronisation

Bild: synchronization by Nicolas Decoopman via flickr
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Heute Abend beginnen die Straßenexerzitien in München. Andreas Ebert ist unser Gastgeber und Hausherr für unsere Pilgergruppe im spirituellen Zentrum St. Martin, wir waren dieses Jahr schon zusammen auf Iona und nun gibt es ein Wiedersehen.

Und dann freue ich mich sehr, Christian Herwartz persönlich kennenzulernen, nachdem ich sein Buch „Auf nackten Sohlen“ schon immens spannend fand.

Die Großstadt als „Wüste“ – Ort der Einsamkeit und der Begegnung – der Erfahrung will ich in den nächsten 7 Tagen nachgehen. Vielleicht poste ich im November den einen oder anderen Bericht aus der Woche. Bis dahin wird es hier stiller als normal.

Munich River

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Kürzlich rief ich bei einer Hotline an. Die Systemstimme teilte mir mit, ich sei Anrufer Nr. 13, und etwa 20 Sekunden später war ich dann auch schon auf 12. Ich hatte etwa 20 Minuten Zeit und dachte, wenn es in dem Takt weitergeht, ist alles in 5 Minuten vorbei. Also blieb ich in der Leitung.

Es ging zunächst gut weiter, die erste Durststrecke kam auf Position acht, dann auf sechs, dann auf vier. Schließlich hatte ich noch 5 Minuten und befand mich auf 2. Na gut, es wird schon noch, dachte ich, und wartete.

Und wartete.

Und wartete.

Eine halbe Minute, bevor ich gehen musste, legte ich entnervt auf. Und als ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Termin machte, verstand ich, wie das System funktioniert. Je weiter vorn in der Reihe, desto länger die Wartezeit. Auf zwei sind die Anrufer besonders geduldig, schließlich sind sie kurz vor dem Ziel.

Dass es weiter hinten überhaupt vorangeht, liegt an Leuten wie mir, die auf Platz zwei die Geduld verlieren (oder denen die Zeit ausgeht) und die deshalb irgendwann auflegen.

Ich werde vermutlich nie erfahren, ob damals überhaupt jemand zu sprechen gewesen wäre.

A Challenging Sky

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Tomas Halik hat sich viele Gedanken gemacht über das Christentum in einer postoptimistischen Welt. Optimisten haben es derzeit schwer wie schon lange nicht mehr. Aber Halik ist auch kein Pessimist, obwohl die Apokalyptiker auf allen Seiten gerade wieder Hochkonjunktur haben. In diesen Sätzen bringt er recht deutlich auf den Punkt, warum er da nicht mitmacht:

Der Pessimist nimmt die Verderbnis der Welt wahr, kämpft jedoch nicht und verhandelt auch nicht mit Gott, wie beispielsweise Abraham über die Rettung der Einwohner des sündigen Sodom. Und wenn Sodom brennt, wenn die verdorbene Welt zu Grunde zu gehen droht, so wie es der Pessimist immer voraussagte und erwartete, erwehrt er sich nicht des Blicks der Genugtuung auf dieses Werk der Rache und des Untergangs. Für diesen Blick zurück wird er jedoch mit der Erstarrung bestraft, ähnlich wie die Frau Lots.

Die Pessimisten sind im Augenblick der Katastrophen nicht das „Salz der Erde“, sie sind eher erstarrte „Salzsäulen“, Menschen zu Nichts. Der Optimist ist ein „Falschmünzer“, der Pessimist jedoch ist ein Hochverräter des Lebens, ein Deserteur vor dem Kampf.

In die gleiche Kerbe schlägt diese Woche Georg Seeslen in Der Freitag, wenn er in einem eindringlichen Beitrag dort schreibt:

Menschen, die nicht wissen, wie sie leben sollen, wünschen der Welt den Tod. Das ist der Kern von Amoklauf, Terror, Kontrollwahn oder, wenn wir Glück haben, von nur ein bisschen Paranoia. Das magische Narrativ vom Weltuntergang ist immer eine zweischneidige Angelegenheit. Gebildet aus Panik und Wollust, erzählt von Menschen, die sich in ihr rechtfertigen und, nun ja, erlösen wollen.

… Apokalypse ist, wenn die Menschen nicht mehr können und die Götter nicht mehr wollen.

Riding towards the sun...

Bild: Giampaolo Macorig via flickr.com/creative commons

Und er fügt hinzu:

Wenn wir uns fragen, warum sich aus den westlichen Gesellschaften so viele junge Menschen eifrig als Kanonenfutter, Propagandainstrumente, Selbstmordkandidaten und lebende Bomben für einen Krieg zur Verfügung stellen wollen, an dem nichts Heiliges ist, dann liegt womöglich auch hier die Antwort: Äußeres Subjekt eines Weltuntergangs werden, den irgendetwas vorher im Inneren angerichtet hat.

Ob Lähmung oder Amoklauf - Nutznießer des apokalyptischen Narrativs mit seinem schroffen "Alles oder Nichts" sind die Kräfte, die kritisches Denken zum Zwecke der Machterhaltung oder des Profits ausschalten möchten, um freie Hand zu bekommen in einer Welt der Alternativlosigkeiten:

Das apokalyptische Gefühl ist selber zum Herrschaftsinstrument umfunktioniert. Als wäre nichts anderes mehr möglich als die Wahl zwischen „weiter so“ und „sowieso zu spät“, zwischen dem rasenden Stillstand des Turbokapitalismus und der mörderischen Regression der apokalyptischen Terrorkrieger. Die Bilder der Welt im Untergang lähmen den Wunsch, sie zu verändern. Und die Unfähigkeit, sie zu verändern, erzeugt den audiovisuellen Dauerrausch der Apokalypse. Aus dieser Falle muss sich das kritische Denken befreien.

Das ist in gewisser Hinsicht die Umkehrung des ursprünglichen Sinnes der jüdisch-christlichen Apokalyptik. Prof. Jörg Frey aus Zürich hat diesen kürzlich so beschrieben:

Apokalyptik entwickelt eine eine poetische ‚Gegenwelt’ zu der Welt, die Menschen tagtäglich erleben: Bilder von der Überwindung des Bösen und von der Heraufführung der Heilszeit, Bilder von der Auflösung der schmerzlich erfahrenen Dualitäten, die Vergewisserung und Identitätsstärkung in der jeweiligen Gegenwart bedeuten. Die Rezeption dieser apokalyptischen Traditionen lässt vermuten, dass diese Form der Wirklichkeitsdeutung und -bewältigung in verschiedenen Kreisen als orientierungsstiftend und tragkräftig erfahren wurde. […] Die apokalyptischen Texte sind somit auch ein Zeugnis der Durchhaltekraft eines Glaubens, der sich auch in Unrecht und Bedrückung, Fremdherrschaft und Martyrium erhalten hat.

Postoptimisten müssen keine Pessimisten werden. Und man kann die apokalyptischen Texte der Bibel auch gegen das lähmende und/oder todessehnsüchtige apokalyptische Gefühl der Gegenwart lesen und auslegen. Zum Ende des Kirchenjahres und im Advent bieten sich wieder gute Gelegenheiten. Nutzen wir sie doch und reden voll Hoffnung von einem Gott, der nicht zu denen gehört, die nicht mehr wollen oder können.

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