Terry Eagleton macht sich in Culture and the Death of God Gedanken über die "Religion der Humanität“. Der Glaube an die Menschheit tritt an die Stelle des Gottesglaubens, bei Ludwig Feuerbach etwa. Und er beschreibt das Missverständnis oder die schräge Karikatur der monotheistischen Religionen, die damit einhergeht. Weil das in viele Schattierungen auch heute in den Debatten auftaucht, lohnt sich ein Blick auf Eagletons Gedanken:

Wo früher Gott der absolute Monarch war, trägt für die Feuerbachianer heute der Mensch stattdessen die Krone. Theologisch ausgedrückt handelt es sich hier um ein Missverständnis des Wesens göttlicher Autorität. Theologisch orthodox ist die Auffassung, dass Gottes Souveränität nicht die eines Despoten ist, wie wohlwollend auch immer er sein mag, sondern eine Macht, die der Welt erlaubt, sie selbst zu sein. Daher ist sie eine Kritik menschlicher Souveränität, nicht deren Urbild. Die Aussage, dass Gott der Welt gegenüber tranzendent ist, bedeutet, dass er sie nicht nötig hat, und daher auch keine neurotischen Besitzansprüche auf sie erhebt. Sie steht in dieser Hinsicht wie er auf eigenen Füßen, besteht in ihrer eigenen Autonomie fort. Das ist der Grund, warum Wissenschaft möglich ist. Schöpfung ist das Gegenteil von Besitz, und göttliche Macht das Gegenteil von Unterwerfung.

Nun ist es allerdings verständlich, dass solche Karikaturen entstehen konnten. Denn bis in die heutige Zeit hinein wird in so manchen christlichen Predigten ein Gottesbild verkündigt, dass genau dieses Missverständnis zementiert: Ein despotischer Gott, der menschliche Machtstrukturen sanktioniert und rechtfertigt, ein Gott, der neurotisch kontrolliert und beherrscht, der autoritär jeden Widerspruch erstickt, der menschliche Autonomie (Wissenschaft zum Beispiel) als potentiellen Aufruhr misstrauisch beäugt und mit Vorschriften (Bibel bzw. deren buchstäbliche Auslegung) gängelt.

Wir könnten also anfangen, diese seltsamen Vorstellungen von Gottes Souveränität (aktuell besonders beliebt im Neocalvinismus und bei Rechtskatholiken) auszumisten. Vielleicht macht das dann die Debatte, ob Monotheismus und Toleranz kompatibel sind, irgendwann wieder etwas einfacher. Vielleicht setzt sich die Erkenntnis dann durch: Gottes Souveränität ermöglicht es uns, wir selbst zu sein.

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Vor ein paar Wochen kam eine Mail von einer Marketingagentur aus München. Im September läuft eine Neuverfilmung von Ben Hur in den Kinos an. Und weil es da unter anderem auch um das Thema Vergebung gehen soll, schickte die Mitarbeiterin einen Link zum Trailer mit und schrieb dazu:

Aktuell sind wir auf der Suche nach passenden Blogs aus dem religiös/christlichen Umfeld, die Interesse und Lust haben, hier mit uns zusammen zu arbeiten und das Thema aufzugreifen. Vielleicht magst du dir einen ersten Eindruck von dem Film verschaffen?

Ich klickte den Trailer an and schrieb dann zurück:

… so richtig überzeugt hat mich der Trailer noch nicht. Die Bilder schauen recht konventionell aus und die Text/Musik-Kombinationen bieten m.E. auch keine Überraschungen. Aber vielleicht ist das im Film selbst ja ganz anders?

Es ist natürlich klar, dass Paramount ein geschäftliches Interesse am Erfolg des Filmes hat. Aber was wäre der Nutzen für die christlichen Kirchen und die Gesellschaft im Ganzen?

Und das war’s dann auch schon mit der Kommunikation. Es kam nichts mehr zurück. Vielleicht ist die Mitarbeiterin erkrankt, vielleicht hat sie aus Frust über die zähe Resonanz gekündigt, vielleicht ist meine Mail im Spamfilter verendet.
Vielleicht habe ich aber auch einfach zu kritisch gefragt und mich als „passender“ Blogger diskreditiert? Es kam jedenfalls zu keiner „Zusammenarbeit". Nicht weiter schlimm, aber bemerkenswert.

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Gleich zweimal, innen wir außen, sind am Bamberger Dom Ecclesia und Synagoge gegenübergestellt. Die Synagoge erscheint in mittelalterlicher Tradition mit verbundenen Augen und zerbrochenem Stab. Wertschätzung sieht anders aus.

Spannend fand ich, dass beiden „Kirchen“ die Hände fehlten. Es sieht so aus, als sei der Sandstein irgendwann gebrochen. Nun sind die Arme nur noch als Stummel zu sehen. Die Kirche kann nicht mehr zupacken.

Höhere Gerechtigkeit? Steckt Israels Gott dahinter? Und was möchte er uns damit sagen? Vielleicht ja dies: Eigentlich müssten die beiden zusammenarbeiten. Eine kann sehen, die andere kann greifen. Keine kann alles, jede braucht die andere.

So betrachtet hätte die befremdliche Darstellung wieder einen positiven Sinn.

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Ich hatte keine Lust, bis Dezember darauf zu warten, dass Ulrich Becks Metamorphose der Welt auf Deutsch erscheint, und mir das Englische Original besorgt. Mit dem kleinen Haken, dass ich nun Zitate wie dieses zurück ins Deutsche übersetzen muss, was Beck uns als Botschaft von großer Dringlichkeit hinterlassen hat:

Für diejenigen, deren metaphysische Gewissheit sich auf Nation, Ethnie oder Religion gründet, bricht die Welt zusammen. Ihre Verzweiflung bringt sie dazu, sich nationalem oder religiösem Fundamentalismus zuzuwenden. Folglich erzählen uns hunderte von soziologischen Studien, die fragten, was die Menschen denken, von einem Rückschlag hin zu renationalisierten Orientierungen. Das mag zutreffen im Blick auf das Denken der Leute, aber wie verhält es sich mit ihrem Handeln? Die Studien, die sich auf Orientierungen beschränken, gehen am Wesentlichen vorbei: Was auch immer Menschen denken oder glauben, sie entgehen dem Paradox der Metamorphose nicht, das es eine kosmospolitisierte Welt ist: Um ihren nationalen und religiösen Fundamentalismus zu verteidigen, müssen sie kosmopolitisch handeln – ja sogar denken und planen. Und damit treiben sie voran, was sie ursprünglich bekämpfen wollten: Die Metamorphose der Welt.

Beck hat seinen neuen Ansatz auch schon in diesem Vortrag skizziert, der dem Eingangskapitel des (erst nach seinem Tod erschienenen) Buches stark ähnelt. Die neuen, globalen Herausforderungen erfordern Antworten und Lösungen, die nicht mehr innerhalb der herkömmlichen nationalen, ethnischen und religiösen Lager entwickelt und gefunden werden können. Eine Zusammenarbeit ist nötig. Die anderen sind nicht einfach das Problem und das, was die eigene Seite zu bieten hat, ist nicht allein schon die Lösung. Die Welt wird nicht dadurch gerettet, dass alle werden wie wir.

Beck unterscheidet zwischen Glaubenssätzen und Aktivitätsfeldern. Glaubenssätze können weiterhin partikulär sein, die Aktivitätsfelder sind ausnahmslos kosmopolitisch. Sobald also jemand nicht nur denkt und doziert, sondern handelt, bekommt er es mit allen und allem zu tun. Seiner Zunft, den Sozialwissenschaften, wirft Beck nebenbei "methodologischen Nationalismus“ vor – sofern sie nämlich nur in den gewohnten Bahnen weiterdenken und dabei in allerlei Sackgassen enden. Angesichts der vielfach düsteren Prognosen von Experten fragt er:

Wie wir alle wissen, wird die Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Aber weiß das der Schmetterling? Das ist die Frage, die man Katastrophikern stellen muss. Sie gleichen Raupen, die, eingepuppt im Weltbild ihrer Raupen-Existenz (ich will nicht sagen: ethnischer Existenz), keine Idee von Metamorphose haben. Sie vermögen nicht zu unterscheiden zwischen Zerfall und Anders-Werden. Sie sehen die Welt und ihre Werte untergehen, wo nicht die Welt, sondern ihr Weltbild untergeht.

Beim Lesen musste ich an einen bekannten Abschnitt aus Frederick Buechners „Beyond Words“ denken:

The grace of God means something like: “Here is your life. You might never have been, but you are, because the party wouldn’t have been complete without you. Here is the world. Beautiful and terrible things will happen. Don’t be afraid. I am with you. Nothing can ever separate us. It’s for you I created the universe. I love you.

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Im Garten draußen blüht wieder der Sommerflieder. Als er jung war, war er immer voller Schmetterlinge. Heute verirrt sich nur noch gelegentlich ein Falter hierher auf der Suche nach Nektar. Alle Arten von Schmetterlinge sind in den letzten zehn Jahren immer seltener geworden.

Passend dazu diese Nachrichten: Deutschland liegt im Ländervergleich im Umweltschutz auf dem wenig schmeichelhaften Rang 30, zwischen Ungarn und Italien (die sind besser als wir) auf der einen und Russland und Aserbeidschan auf der anderen Seite.

Und Autofahrer müssen sich immer weniger Gedanken über Insekten auf der Windschutzscheibe machen. Sie verschwinden zusehends aus der Landschaft. Nicht nur aus den Gärten, sondern auch aus Wald und Flur, berichtet der WWF. 45% der wirbellosen Tierarten gelten als bestandsgefährdet oder sind schon ausgestorben.

Dagegen hilft zum Beispiel dieses Projekt, aber energischer Druck auf die schwarz-rote Regierung wäre sicher auch kein Fehler.

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Liebe Brüder und Schwestern, ich will euch dieses Geheimnis nicht vorenthalten, damit ihr nicht auf eigene Einsicht baut: Verstocktheit hat sich auf einen Teil Israels gelegt — bis sich die Völker in voller Zahl eingefunden haben. Und auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Kommen wird aus Zion der Retter, abwenden wird er von Jakob alle Gottlosigkeit. Und dies wird der Bund sein, den ich mit ihnen schliesse, wenn ich ihre Sünden hinweggenommen habe.

Im Sinne des Evangeliums sind sie Feinde, um euretwillen, im Sinne der Erwählung aber Geliebte, um der Väter willen. Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung. Wie ihr nämlich Gott einst ungehorsam wart, jetzt aber durch ihren Ungehorsam Barmherzigkeit erlangt habt, so sind sie jetzt ungehorsam geworden durch die Barmherzigkeit, die euch widerfuhr — damit auch sie jetzt Barmherzigkeit finden. Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um allen seine Barmherzigkeit zu erweisen. (Römer 11,25-32)

Paulus kündigt an, er werde ein Geheimnis lüften. Ich höre ihn fast flüstern, als beugte er sich herüber, um es mir ins Ohr zu sagen.  Ich werde neugierig und ein bisschen skeptisch: Ist Paulus ein Engel erschienen, hatte er einen Traum oder eine Vision? Und um was für ein Geheimnis hadelt es sich? Ein Kindergeheimnis – wie von einer Märchenwelt hinter den Wandschrank, von einem Schatz, der im Keller verbuddelt ist, oder davon, dass der klapprige alte Mann von Gegenüber in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer ist?

Erwachsenengeheimnisse sind ja meist alles andere als zauberhaft. Sie handeln allzu oft von Affären und Intrigen, von Steuerbetrug und Fahrerflucht, Doping, Wortbruch oder Waffenhandel. Es gibt unter Erwachsenen obendrein dubiose Pseudogeheimnisse, etwa die Behauptungen verschiedenster Verschwörungstheoretiker, dass hinter praktisch allen Problemen unserer Zeit in Wahrheit die Freimaurer, die CIA oder die Gülen-Bewegung stecken.

Schließlich gibt es noch offene Geheimnisse: Dinge, von denen jeder weiß, über die aber niemand redet. Heiße Kartoffeln, an denen man sich nur den Mund verbrennen kann. Israel ist eine solch „heiße Kartoffel“ für manche. Das liegt an der schwierigen Geschichte, die wir mit Israel haben, als Christen wie als Deutsche. Bis heute ist zudem der Nahostkonflikt ungelöst, die Spannungen zwischen Israelis und Arabern nehmen eher zu als ab. Da ist es einfacher, gar keine Position zu beziehen.

* * *

Aus der schwierigen Geschichte, die Gott mit seinem Israel verbindet, erzählt Paulus viel im Römerbrief. Und dabei dreht sich für ihn alles um das Thema „Gerechtigkeit“. Das ist nicht etwa juristisch gemeint, sondern er schildert die Treue Gottes zu seinen Verheißungen und seinem Bund mit Abraham und dessen Nachkommen. Indem er treu und unbeirrt seine Zusagen hält, indem er vergibt und barmherzig bleibt, erweist sich Gott als gerecht.

Der Jude Paulus kann, wie die großen Propheten vor ihm und wie Jesus selbst, die Geschichte Israels als eine Geschichte der Treue Gottes erzählen. Immer wieder steht sie in Kontrast zu Israels Untreue; dennoch lässt Gott die Beziehung zu seinem „widerspenstigen“ Volk (so steht es bei Jesaja) nie abreißen. Er hat sich Israel unter allen Völkern der Welt gerade deshalb ausgesucht, weil es weder besonders reich und schön, noch besonders mächtig und stark und auch nicht besonders moralisch oder klug ist. Sondern weil er eine Alternative schaffen will zu dem Großreichen der Antike, die allesamt auf Gier, Gewalt und Größenwahn gegründet sind.

Dem Stammvater Jakob, in jungen Jahren ein windiger Hochstapler, gibt Gott den Namen „Israel“, „Gottesstreiter“. Eine Eigenart Israels ist , dass es mit seinem Gott und dessen unbegreiflichen Wegen hadert, dass es beim Versuch, ihm gerecht zu werden, immer wieder scheitert, und dass es seinen göttlichen Liebhaber (der Bund ist wie eine Ehe) wie eine femme fatale behandelt, die alle Annehmlichkeiten der Beziehung mitnimmt und ihn im Gegenzug mit ihren ständigen Eskapaden verletzt.

Hätte Gott einen Beziehungs-Status auf facebook gehabt, er hätte die meiste Zeit auf „es ist gerade kompliziert“ gestanden. Und so entschließt Gott sich zu einer Trennung, um die Beziehung zu retten: Israel geht ins Exil, Jerusalem wird zerstört. Alles zurück auf Null, als wäre das Volk wieder in Ägypten, als zögen die Väter mit ihren Sippen wieder heimatlos durch die Steppe. Dazu sprechen die Propheten rätselhafte Worte über Tod und Auferstehung, über Untergang und Neuschöpfung.

* * *

Israels Geschichte verdichtet sich in Jesus: Wie Abraham ist er erwählt, aufzubrechen; wie Mose gesandt, um das Volk zu befreien; wo Josua durch den Jordan zog, wird er getauft; als Sohn Davids zieht er in Jerusalem ein, und dann fällt er – in einer dramatischen Wende – wie der letzte König von Juda in die Hände der Heiden, wird weggeführt in den Untergang. Alles zurück auf Null. Doch dann wird er von den Toten auferweckt. Für Paulus ein offenes Geheimnis, über das er in den Synagogen und auf den Straßen der antiken Städte spricht. Israels kommende Wiederherstellung, der erneuerte Bund, die Vergebung der Sünden, die Geburtswehen der neuen Welt - alles ist schon in der Auferweckung enthalten.

Doch noch ist Israel nicht so weit. Wie Jesus über Jerusalem weinte, das seine Botschaft vom Neuanfang nicht hören wollte und im Begriff war, sich zu radikalisieren – unaufhaltsam der nächsten Katastrophe entgegen –, so betrauert Paulus die „Verstocktheit“ seines Volkes. Israel ist – um ein anderes Wort zu gebrauchen – immunisiert gegen die gute Nachricht. Im wenig imposanten Auftreten Jesu von Nazareth erkennt es nicht den Messias, in seinem wehrlosen Leiden und seiner rätselhaften Auferweckung nicht den Schlüssel zum geheimnisvollen Plan Gottes, der sein Ziel – wieder einmal – auf verschlungenen Wegen erreicht.

* * *

Kein Wunder also, dass Paulus sich mit der Frage herumschlägt, ob denn Gottes Verheißung „hinfällig geworden“ sei. Auch nach Ostern hielten Israels Eliten und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den gekreuzigten Jesus für gescheitert hielten, für einen falschen Propheten. Sie ignorierten seine Botschaft von Gottes Option für die Armen, von Frieden durch Vergebung, Gewaltfreiheit und Liebe zu den Feinden. Die nächste Zerstörung der Stadt und des Tempels durch die Römer 70 n.Chr. lag damals noch mehr als zehn Jahre in der Zukunft. Man hätte aber auch so schon meinen können, Israel sei für Gott endgültig „verloren“. Verloren in dem Sinne, dass alles, was Gott mit dieser Welt noch vorhat, nun ohne Israel und an ihm vorbei passieren muss.

Ganz im Gegenteil, hält Paulus hier dagegen: Dass Israel so ablehnend auf das Evangelium reagiert, ist keine Panne. Es ist vielmehr der Grund dafür, dass Gottes Barmherzigkeit nun zu den Heidenvölkern kommt und dort um so mehr Anhänger findet. Dass es so ist, muss man den Römern nicht mehr beweisen, sie sehen es an sich selbst. Es ging Israels Gott ja schon immer auch um die Heiden. Früher oder später, davon ist Paulus überzeugt, wird es die verschüttete Sehnsucht Israels wecken, dass so viele Heiden dem Messias folgen.

Vielleicht stellt Paulus sich das so vor wie die neugierigen Reaktionen in unserer (gegenüber Kirche und Christentum weitgehend immunisierten) Medienlandschaft, wenn irgendwo in Deutschland Flüchtlinge aus dem Iran oder Irak getauft werden. Was um alles in der Welt geschieht denn da, möchten plötzlich viele wissen, wenn sie in fremdländischen Gesichtern echte Freude über den neuen Glauben sehen und das vermeintlich antiquierte Bekenntnis in gebrochenem Deutsch mit orientalischem Akzent hören. Steckt am Ende doch mehr dahinter, als man bislang immer dachte?

* * *

Bei Romanen oder Spielfilmen wäre es ein Fauxpas, zu verraten, wie die Geschichte ausgeht. Es würde die Spannung zerstören. Warum also ist es Paulus so wichtig, uns zu verraten, wie die Geschichte Gottes mit Israel und der Welt ausgeht? Vielleicht, weil es ein aufschlussreiches Geheimnis ist. Es erschließt uns Wege zu klugem Handeln in schwierigen Zeiten:

In den christlichen Kirchen wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder heftig darüber gestritten, ob Mission unter Juden erlaubt oder sogar geboten ist. Vielleicht gibt Paulus uns hier eine salomonische Antwort: Wer möchte, dass Israel zum Glauben an Jesus findet, der muss ihn unter den „Heiden“, den Nichtjuden, bekannt machen. Und darf dann geduldig und im Vertrauen darauf warten, dass die Sehnsucht erwacht und der Funke überspringt.

Gottes Treue zu Israel ist eine gute Nachricht für die Christenheit und die Welt. Für die Christenheit, weil auch wir Christen vernagelt und uneinsichtig sein können. Das Dritte Reich, das im Stadtbild von Nürnberg so tiefe Spuren hinterlassen hat, ist der beste Beweis dafür, aber nicht der einzige. Wie vom Judentum und Israel hieß es auch von uns Christen, unsere Zeit sei abgelaufen und der Glaube habe sich überlebt. Doch wer so redet, rechnet nicht mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

In unserer Gesellschaft erleben wir, dass viele überfordert sind von Krisenbotschaften aus aller Welt. Dabei geht es uns persönlich oft gar nicht einmal so schlecht. Aber der Blick auf die Großwetterlage von Terror, Diktatur und instabilen Verhältnissen führt derzeit zu einem tiefen Pessimismus. Die Vergangenheit erscheint im Gegensatz dazu als heile Welt und gelobtes Land. Aber die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen – auch wenn manche das behaupten und damit auf Stimmenfang gehen für einen zerstörerischen politischen Kurs.

Israels Geschichte und die Jesusgeschichte, die mit Israel zutiefst verwoben und verflochten ist, verwehren uns den bequemen, passiven und ganz oft selbstmitleidigen Schritt zum Schwarzseher und die Lust am Untergang.

Es ist also ein offenes, öffentliches Geheimnis, auf das Paulus uns hinweist. Die „Informationen“ sind bekannt. Und damit ist es das krasse Gegenteil zu einem Pseudogeheimnis, das Misstrauen schürt und andere anschwärzt. Es ist ein Geheimnis aus der Erwachsenenwelt, das ihre Abgründe nicht übergeht oder kaschiert. Und doch steckt auch eine Prise Kindergeheimnis darin: Denn die Abgründe sind endlich, Gottes barmherzige Treue, seine Gerechtigkeit, dagegen ist es nicht. Sie ist nicht „zu gut um wahr zu sein“, sondern einfach zu gut, um erfunden zu sein. Und so dürfen wir mit Oscar Wilde sagen, augenzwinkernd vielleicht, und doch voller Hoffnung:

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

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Der Satz „Ich will mein Leben zurück“ hat es vor vier Wochen bis in die Schlagzeilen der Tagespolitik geschafft. Die subjektive Empfindung, die er transportiert, ist die, dass ich eigentlich etwas anderes, Besseres verdient hätte. Aber irgendwie werde ich um das Glück betrogen, das mir zusteht.

Für Außenstehende kann das mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sein. Vielleicht ist es da ganz hilfreich, sich selbst im Spiegel einer Geschichte zu betrachten. Eine Geschichte, in der sich alles um Identität, Rivalität, Manipulation und die Verwicklungen dreht, die daraus erwachsen. Eine Geschichte, in der Menschen aus der Bahn geworfen werden. Aber zugleich eine Geschichte, die eine überraschende und versöhnliche Wendung nimmt.

Diese Geschichte ist eine der berühmtesten Erzählungen der Literaturgeschichte. Sie handelt von den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau. Jonathan Sacks hat sie in „Not in God’s Name glänzend analysiert. Meine Zusammenfassung seiner Einsichten in Form einer Predigt gibt es hier zum Anhören.

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Das Blut ist noch nicht getrocknet,
die Toten sind noch nicht geborgen,
Blaulicht noch auf den Straßen,
Hubschrauber noch in der Luft.

Menschen gehen in Deckung
sorgen sich um ihre Lieben.
Bittere Nachrichtenfetzen
jagen durch Netz und Äther.

Prompt rollt die zweite Welle:
Hass, der nicht wartet,
Anschlag der giftigen Worte
auf Gutmerkellinkshelferverbrecher.

Salven aus bösen Tiraden
aus Tastaturen gefeuert,
ohne Respekt für die Opfer
– ohne Interesse am Frieden.

 Wäre da nur eure Angst,
darüber ließe sich reden.
Doch diese blinde Rachsucht
birgt nur denselben Blutdurst.

DAS
macht mir
die größten
Sorgen.

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Letzte Woche saßen wir im Gott-im-Berg-Team beisammen. Wir ließen den letzten Kreuzweg noch einmal Revue passieren und sammelten schon mal ein paar Ideen für das zehnte Mal im kommenden Jahr. Es ist ein bisschen merkwürdig, wenn man im Hochsommer, wo alles so hell ist, intensiv über Kreuz und Passion nachdenkt, fand ich.

Ein Tag später kam es zu dem schweren Anschlag in Nizza und am Freitag dann zum Putschversuch in der Türkei. Und wir waren wieder mittendrin in der Frage, wo Gott in solchen Zeiten zu finden ist, und wohin wir gehen können mit unserer Trauer, Angst und Wut.

Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Passionszeit, dass wir immer wieder Worte und Bilder sammeln für solche Zeiten. So wie die Maus Frederick aus meinem Lieblingskinderbuch Farben für den Winter sammelt. Damit wir, wenn es wieder einmal ganz plötzlich finster wird um uns herum, nicht bei Null anfangen, nehmen wir uns sieben Wochen jedes Jahr und stellen uns dem Leid.

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Bei Gott im Berg, das fiel mir jetzt beim Nachdenken auf, geht es uns nicht so sehr darum, Antworten zu geben. Es geht mehr darum, Fragen offen zu halten, vorschnelle Antworten zu verhindern und einen Raum zu schaffen, in dem all die Gefühle Platz haben, die uns oft problematisch und unerwünscht erscheinen. Jedes Jahr fragen wir vierzehn Mal, wo Gott in dieser kaputten Welt denn steckt.

Antworten – wenn es sie gibt – brauchen Zeit, und Menschen müssen sie selbst finden. Sie sind nicht in einem stets passenden Allzweckformat vorgegeben. Wir ziehen sie nicht fertig aus der Tasche. Im besten Fall erleiden wir die Dinge, bis sich etwas in uns löst. Die Passion in (sicher etwas willkürlich gewählten) 14 Stationen abzuschreiten ist eben auch eine Lektion darin, dass es ein innerer und oft auch äußerer Weg ist, bis wir unseren Schmerz, Zorn, Verzweiflung und Angst so weit bearbeitet haben, dass das nicht mehr übermächtig ist.

Abgehakt und abgeschüttelt – auch das lehrt das Evangelium – ist das Leiden aber auch dann nicht. Es bleibt in Erinnerung, und diese Erinnerung ist entscheidend wichtig, damit wir die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf den einen Seite und die Verletzlichkeit des Lebens und der Mitmenschen auf der anderen Seite nicht aus dem Blick verlieren. Darum müssen wir sie auch bewusst pflegen. Nur so nämlich wird auch der Sieg der Gerechtigkeit, für den wir beten und auf den wir hoffen, nicht zum Anlass einer gnadenlosen Abrechnung, wie sie jetzt in der Türkei droht, oder zur Jagd auf die üblichen Sündenböcke. Nicht zur Umkehr von Leid, sondern zur heilsamen Verwandlung desselben.

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Gestern las ich bei Terry Eagleton einen bedenkenswerten Kommentar zur aktuellen Debatte um Kultur, namentlich die immens problematische Idee einer „Leitkultur“:

Es ist wahrscheinlicher, dass Kultur gesellschaftliche Spaltungen vertieft, statt zu versöhnen. Fangen Streitigkeiten erst einmal an, das Konzept von Kultur selbst zu infiltrieren – sind Wert, Sprache, Symbol, Verwandtschaft, Erbe, Identität und Gemeinschaft erst einmal politisch aufgeladen – hört die Kultur auf, Teil der Lösung zu sein und wird zum Teil des Problems. Sie bietet sich nicht mehr als gemeinschaftliche Alternative zu einseitigen Interessen an. Stattdessen macht sie aus einer Scheintranszendenz einen militanten Partikularismus. (Culture and the Death of God, S. 122)

Wer Leitkultur amtlich definieren und andere darauf verpflichten möchte, der nimmt sich als Konfliktpartei wie als verantwortliches Wesen aus dem Spiel und bürdet einseitig den anderen die Last auf, den sozialen Frieden zu sichern. Oder, noch wahrscheinlicher, er schiebt die Schuld für den schon längst gestörten Frieden einfach anderen in die Schuhe.

Wir haben ein Grundgesetz, wir haben die Charta der Menschenrechte. In dem Moment, wo wir anfangen, eine "Leitkultur" zu definieren (und ohne präzise Definition wäre sie nichts wert), kommen fast zwangsläufig solche Fragen auf den Tisch wie die, ob Schweinebraten dazugehört oder welche Kopfbedeckungen und Badekleidung den Frieden im Land stören. Interessanterweise scheinen sich die Leute (und Parteien), die sich über solche Fragen ereifern, an Menschenrechten und Grundgesetz eigenartig desinteressiert.

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Kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo über die Spannung zwischen Islam und westlicher Kultur (was auch immer man dann darunter versteht, liberales Weltbürgertum oder identitäre Isolation) gestritten wird. Und weil Kontrast besser in unserer zerschnipselten Kommunikation besser funktioniert und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als Komplexität und mühsame Perspektivwechsel, die einen anderen Blick erlauben würden.

Eine (alte) Geschichte, die gerade wieder hoch im Kurs steht, lautet: "Muslime waren schon immer unsere Feinde und das wird auch immer so bleiben. Man kann sie also nur bekämpfen oder bekehren. Ergo gehört der Islam auf keinen Fall zu Deutschland." Umgekehrt funktioniert das freilich auch, wenn Christen in Regionen, wo sie in der Minderheit sind, verdächtigt, verfolgt und vertrieben werden.

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Bild: Unsplash.com

Juden, Christen und Muslime berufen sich auf die Herkunft von Abraham. Jener Abraham wurde – darin sind sich alle einig – von Gott erwählt. Der immer wieder aufflammende Streit dreht sich um die Frage, wer seine legitimen Erben sind (und wer nicht). Er ist fast so alt wie Abraham selbst. Genauer: Er beginnt im Verständnis vieler mit Sara und Hagar, Isaak und Ismael, mit zankenden Müttern und getrennten Brüdern.

Doch just in dieser Geschichte findet Jonathan Sacks den Schlüssel für ein friedliches Verhältnis der abrahamitischen Religionen. Nicht, indem er einen alten, sperrigen Text einebnet und modernisierend umdeutet, sondern indem er ihn genau liest, gut hinhört und sich bei den jüdischen Auslegern in Altertum und Mittelalter umschaut. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Und deshalb habe ich das entsprechende Kapitel aus Not in God’s Name vor ein paar Wochen zur Grundlage einer Predigt gemacht, weil ich es so hilfreich und wichtig fand.

Vielleicht gilt das ja nicht nur für unsere Gemeinde: Wer mag und etwa 25 Minuten Zeit hat, kann sich hier in den Podcast klicken.

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Die schlichten und ausgrenzenden Antworten auf Fragen der Identität ist ein Markenzeichen der Rechtspopulisten. Michael Thumann schrieb am Tag nach dem Brexit in der Zeit:

Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: "Wer sind wir?" und "Was wird aus uns?" Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet. Sie beruht auf der Lüge, dass es eine idealenglische Gesellschaft gäbe, die von Europa und Zuwanderern bedroht wäre.

Als ich mich auf den Bodenseekirchentag am letzten Wochenende vorbereitete, fiel mir auf, dass wir dort ein Musterbeispiel für eine genuin christliche Antwort auf diese Debatten finden, und zwar in der Gestalt des Heiligen Patrick, Apostel der Iren.

Seine ethnisch-nationale Identität kann man nur als „gebrochen“ bezeichnen: Er wuchs auf als romanisierter Brite, im einer von Kelten besiedelten und von Römern militärisch und kulturell beherrschten Britannien. Dann wird er von Iren verschleppt, flieht und kehrt aufgrund eines Traumes wieder zurück, diesmal als Missionar (mit meiner Mischung aus ostkirchlicher und lateinischer Tradition im Gepäck). Am Ende ist er etwas von allem und nichts in Reinform.

Und just als solcher legt er den Grundstein für eine indigene Kirche, die ihrerseits in den nächsten drei Jahrhunderten überall in Europa Klöster und Gemeinden gründet und das, was wir heute „christliches Abendland“ nennen, überhaupt erst möglich gemacht hat. Leider haben das viele vergessen, die meinen, jenes christliche Abendland retten oder verteidigen zu müssen, weil sie daraus eine Identität gezimmert haben, die wieder nur in Abgrenzung funktioniert, in der alles Gute schon da ist und durch das, was von Außen kommt, nur noch Schaden nehmen kann. Eine Logik, die so sesshaft ist, dass sie sich am liebsten einmauern möchte.

Die Nachfolger des Patrick, die bis Bregenz und Bobbio, Würzburg und Wien zogen, verkörpern die wahre Geschichte der europäischen Kultur: Sie ist eine Kultur der Begegnung, die von der Freiheit lebt, sich zu bewegen, Grenzen abzubauen, immer neue Mischungen aus Vorhandenem und Neuem zu schaffen, eine Kultur der Gastfreundschaft und des Entdeckergeistes.

Natürlich müssen die Kirchen und die einzelnen Christen Identitäre und Rechte mit ihrer vergifteten Propaganda kritisieren und ihre falschen Versprechungen als Lügen entlarven. Noch wichtiger wäre es aber, sich ein Beispiel an den Pioniermissionaren unserer Länder zu nehmen und aus Unbeweglichkeit, Mut- und Erwartungslosigkeit aufzubrechen (es geht ja gerade nicht um "Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen“). Diese verwandten Denk- und Lebensmuster machen den Rattenfängern das Spiel viel zu leicht. Die Wahrheit ist, Kirche wird sich nicht nur ein bisschen verändern müssen, weil die Welt sich so dramatisch verändert. Wer den eigenen Leuten das nicht sagen will, traut entweder ihnen nichts zu, oder Gott, oder beiden.

Die Legende erzählt, Patrick habe die giftigen Schlangen aus Irland vertrieben. Ich denke nicht, dass das in erster Linie eine zoologische Aussage ist. Auf unserem Kontinent wäre eine Entgiftung derzeit jedenfalls hochwillkommen.

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[Predigt in St. Leonhard-Schweinau am 19. Juni 2016]

Die mit Abstand bekannteste Stiftung in Deutschland ist die Stiftung Warentest. Ihre Fachleute haben seit 1964 Kunden und Verbrauchern viele nützliche Hinweise geliefert, indem sie Händlern und Herstellern kritisch auf die Finger schauten und die Ergebnisse ihrer Tests öffentlich machten. Die Testberichte wurden zu einem neuen literarischen Genre. Andere Zeitschriften nahmen sie zum Vorbild und veröffentlichten ihrerseits Tests: Autos, Fernsehgeräte, Stromanbieter, Versicherungen und vieles mehr.

Seit einigen Jahren können nun Kunden im Internet Produkte bewerten. Viele schreiben im selben Jargon wie die professionellen und unabhängigen Warentester. Das klingt erst einmal seriös, ist aber noch lange keine Garantie dafür, dass man sich auf die Meinungen verlassen kann. Immer wieder stellte sich heraus, dass Angestellte einer Firma auf Anordnung von Oben die eigenen Produkte gut und die der Konkurrenz schlecht schreiben wollten. Andere Kundenbewertungen strotzen vor Rechtschreibfehlern. In den besseren Fällen wird nur „Rezension“ [Bewertung] mit „Rezession“ [Schrumpfen der Wirtschaftsleistung] verwechselt. Oft kann man schon beim ersten Lesen erkennen, dass hier Dilettanten am Werk sind. Und dann gibt es noch jene „Tester“, die ihrem allgemeinen Frust und Zorn bei solchen Gelegenheiten Luft machen, meist versteckt hinter einem Decknamen. Am Ende beschimpfen sich schlecht gelaunte Zeitgenossen gegenseitig und das bewertete Produkt gerät zur Nebensache. Dass man inzwischen die Bewertungen anderer auch bewerten kann, macht die Verwirrung komplett. Egal, was ich gerade kaufen möchte, irgendwer wird mich in den schrillsten Tönen davor warnen. Man muss schon Kommentarexperte sein, um aus dem Wirrwarr von Bewertungen noch irgendwie schlau zu werden. Um es mit den Worten des heutigen Evangeliums zu sagen: Blinde weisen Blinden den Weg. Die wenigsten sind qualifiziert, ein Urteil abzugeben. Aber die entsprechende Selbsterkenntnis fehlt vielfach.

Ein Glück, dass es in diesem Wahnsinn auch noch Spaßvögel gibt. Einer schrieb unter ein 85-Zoll-Fernsehgerät: „Twilight damit angeschaut. Immer noch grässlich.“

Längst sind wir zu einem Volk von Richtern und Bewertern geworden. Nicht nur bei der Fußball-EM, während der (tendenziell die männliche) Hälfte der Bevölkerung schlagartig zu Bundestrainern mutiert, die besser Bescheid wissen als Joachim Löw – freilich mit dem Unterschied, dass die Besserwisser in der Regel nach dem Spielende urteilen, während der Bundestrainer vor dem Spiel entscheidet. Überall werden Ranglisten (auf Neudeutsch: „Rankings“) aufgemacht, Auf- und Absteiger gefeiert oder gedemütigt, Menschen in die Kategorien „In“ und „Out“ eingeteilt – angesagt oder abgeschrieben, wertvoll oder unnütz. Inzwischen prägt das auch unseren Politikstil – das demokratische „Wir“ wird von widerstreitenden Gruppenegoismen aufgefressen. Der Berliner Philosoph Byung Chul Han zieht die ernüchternde Bilanz:

„Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft. Er […] reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen.“

Nörgeln und Sich-Beschweren, Kommunikation im Modus des Vorwurfs, das kann sich auch unter Christen in einer Gemeinde oder Kirche breit machen. Der Anlass, auf dem Paulus in Römer 14 antwortet, ist uns heute eher fremd: Es ging um den Verzehr von Fleisch, das bei der Schlachtung von Opfertieren für die heidnischen Götter übrig blieb. Für alle, die nicht zur wohlhabenden Oberschicht gehörten, waren die Feste der Staatsreligion eine seltene Gelegenheit, überhaupt einmal Fleisch zu essen, weil der Kaiser und die reichen Patrizierfamilien dafür aufkamen. Ein Teil der Christen tat das ohne schlechtes Gewissen. Für sie waren die Götter Roms substanzlose Fabelwesen, die dem Gott Jesu Christi nicht das Wasser reichen konnten. Die anderen hatten Skrupel: Sollte man nicht jede noch so weitläufige Verbindung zu falschen Göttern und deren abscheulicher Verehrung unbedingt meiden? Irgendetwas könnte vielleicht ja doch abfärben, hängen blieben, die Seele beschmutzen und die Gemeinde verderben? Vielleicht haben eher die Judenchristen so empfunden, vielleicht waren es aber auch Heidenchristen, denen die Erinnerung an früher unangenehm war oder die sich gar vor einem „Rückfall“ fürchteten.

Paulus teilt diese Sorgen nicht, aber er macht deutlich, dass nicht die unterschiedlichen Ansichten das Problem sind, sondern die Art und Weise, wie der Konflikt in der Gemeinde ausgetragen wird:

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. Römer 14,10-13)

Aus einer Sachfrage mit begrenzter Bedeutung wurde etwas Persönliches mit unbegrenzter Tragweite. Es ging nicht mehr um angemessenes oder unangemessenes Verhalten in einer bestimmten Situation, sondern um „richtige“ und „falsche“ Christen. Keine Debatte, in der man versucht, einander zu verstehen und die besten Argumente zu finden, sondern ein Tribunal, in dem sich einer über den anderen erhebt und zum Richter aufschwingt.

Mother Teresa If you judge people, you h by symphony of love, on Flickr
"Mother Teresa If you judge people, you h" (CC BY-SA 2.0) by  symphony of love 

Aber Paulus spricht den Römern die Qualifikation und das Recht ab, Urteile über einander zu fällen. Wer das versucht, mischt sich in Gottes Angelegenheiten ein. Er läuft Gefahr, selbstgerecht auf den vermeintlichen Fehlern der anderen herumzureiten. Und mit verächtlichen und polarisierenden Worten wird das Klima vergiftet. Welche Folgen so etwas haben kann, hat diese Woche der Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox gezeigt: Ohne die gehässige Begleitmusik der Brexit-Debatte wäre so eine Gewalttat kaum vorstellbar gewesen. Viel wichtiger ist es also, zu überlegen, wie Verständnis und Vertrauen gestärkt werden können. Dabei geht es manchmal um so schlichte Dinge wie Rücksicht und Taktgefühl. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

(1) Eine Lehrerin macht mit ihrer Schulklasse eine Fahrt nach Rom. Es ist Sommer, die Sonne brennt vom Himmel. Vor der Abfahrt weist sie die Schüler darauf hin, dass kurze Hosen, nackte Beine und Schultern in den Kirchen dort anstößig wirken. Hat Gott etwas gegen Mädchen in Shorts und Spaghetti-Tops? Muss man sich zum Beten umziehen, ja sogar „verkleiden“? Bestimmt nicht, aber konservative Katholiken sind diesen Stil nicht gewohnt. Höfliche Gäste nehmen darauf Rücksicht. Nicht aus Zwang, sondern aus Achtung vor dem Anderen. Ein paar Schüler stöhnen: Muss das sein? Ja, es muss sein; und es tut gut, das zu lernen.

(2) Immer mehr Menschen ernähren sich heute vegetarisch oder vegan. Sie verzichten auf Fleisch oder sogar alle tierischen Produkte wie Milch und Eier. Es wird immer komplizierter, Essen für mehrere Leute zu kochen. Das fängt in der Familie an und setzt sich in der Gastronomie fort. Also wird heftig diskutiert: Was ist gesünder? Was ist gerechter und verantwortungsbewusster? Und wie geht die Fleischindustrie mit Tieren um, die doch auch Geschöpfe Gottes sind? Solche Fragen zu stellen, kann unbequem sein. Eigene Vorlieben und Vorurteile überdenken zu müssen, ist lästig. Vielleicht kippt ja deshalb der Streit hin und wieder ins Grundsätzliche. Dann sind plötzlich die einen bessere Menschen und die anderen schlechtere. Oder ich unterstelle den anderen, sie halten sich für besser, und erkläre sie im Gegenzug für arrogant und fanatisch. So oder so bricht das Gespräch ab – und die Gemeinschaft auseinander.

Wie wollen wir als Christen leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen empören und beschweren wie nörgelnde Konsumenten? In der es oft nicht mehr darum geht, die eigene Position gut zu begründen, sondern den anderen möglichst schlecht zu machen und seinem Zorn freien Lauf zu lassen?

Immerhin sind wir ja allesamt Anhänger eines zu Unrecht Verurteilten. Das allein sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Und dann könnten wir noch beherzigen, was der französische Philosoph Giles Deleuze erkannte:

„Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. […] Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.“

Das also ist die Freiheit, die uns Paulus in der Nachfolge Jesu anbietet:

  • Nicht sofort und zu allem etwas sagen zu müssen,
  • kein Urteil zu fällen und uns auch nicht zu verteidigen.
  • Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten,
  • Andere zu würdigen und ihre Meinung stehen zu lassen
  • Gott nicht ins Handwerk zu pfuschen
  • mit seiner Hilfe das Verbindende zu erkennen und zu pflegen

Fröhlich und versöhnlich mit einander umgehen im Zeitalter der Nörgler – einen Versuch wäre das allemal wert.

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Ich komme ins Gespräch mit einem älteren Herrn. Er erzählt von seiner Kindheit im Krieg und vom Wirtschaftswunder. Die Nazis kamen nicht gut weg in seiner Erzählung, daher überrascht es mich, als er plötzlich sagt, Hitler habe ja auch manches richtig gemacht. Und dann geht es los: Früher habe es keine Arbeitslosen gegeben, die seien ja alle faul und gehörten in den Arbeitsdienst. Und dann würden sie auch noch kriminell. Überhaupt: Für Vergewaltiger und Terroristen müsse es die Todesstrafe geben. Aber unser Staat lasse diese Verbrecher ja nach ein paar Monaten alle wieder laufen. Ich werfe ein paar Argumente gegen die Todesstrafe und für unser Justizsystem ein und erkläre, dass ich Arbeitslose weder mehrheitlich noch grundsätzlich für faul halte. Keine Reaktion. Sachlich ist hier kein Land zu gewinnen.

Ich versuche, ihn zu verstehen. Ist es die Angst vor Alter, Gebrechlichkeit und Tod, die die Vergangenheit in einem rosigen Licht erscheinen lässt und den Blick auf die Gegenwart nun zunehmend düster einfärbt? Mag sein, dass das eine Rolle spielt. Vor allem aber frage ich mich: Woher stammt eigentlich dieses übermächtige Bedürfnis, andere zu bestrafen – Gruppen und Klassen von Menschen zu finden, die man als Abschaum abstempeln und an denen man seine Rachephantasien auslassen und den angestauten, aber nie richtig eingestandenen Frust abreagieren kann?

Rührt die schleichende Weltuntergangsstimmung, die ich wahrnehme, daher, dass seine Welt – die alte Bundesrepublik mit ihrer Stabilität, Berechen- und Überschaubarkeit, der intakte Sozialstaat – tatsächlich schon untergegangen ist? Aber es regiert eben nicht die Trauer, sondern der Zorn. Vielleicht hat er dies eine sogar gemein mit den Terroristen, die alle "erschossen gehören": Er fühlt sich in unserer Welt fremd und bedroht. Er kann sich nur gewaltsame Lösungen vorstellen. Und nachdem er nicht mehr viel Hoffnung für sich persönlich hat, ist es ihm eigentlich auch egal, wenn die Rückkehr zur alten Ordnung ein paar mehr Menschenleben kostet. Wenn man in diesen apokalyptischen Kategorien von Verfall und Überflutung denkt, dann ist man wohl nicht mehr so zimperlich. Wenn man selber gefühlt untergeht, warum sollten es andere dann besser haben?

Ja, und nun gibt es eine Partei, die seinen Zorn (und den vieler anderer) in Politik umsetzen möchte. Die nicht interessiert ist an komplexer und sauberer Ursachenforschung, sondern am schnellen Zuschlagen. Weil sich im Ausleben des Zorns wenigstens die Illusion von Macht erzeugen lässt. Für das unvermeidliche Scheitern und den daraus resultierenden Zusammenbruch wird man schon rechtzeitig einen neuen Sündenbock auftreiben.

Kyrie Eleison.

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"Ist das Universum fertig?", fragt Rob Bell in der zweiten Auflage seines „Everything is Spiritual“-Vortrags. Seit 13 Milliarden Jahren dehnt es sich aus, vertieft und entfaltet eine immer vielschichtigere Komplexität. Vom subatomaren Partikeln zur Galaxie, von der Materie zum Organismus, vom Einzelwesen zum Schwarm und vom Unbewussten zum Bewusstsein, das zur Sprache und Selbstreflexion fähig ist. Setzt sich diese Entwicklung fort - und wie würde das wohl aussehen? Mehr noch: was hätte das mit uns Menschen zu tun?

Warum beschäftigt uns die Zukunft überhaupt? Kann es Neues geben, ist die Zukunft offen, oder ist alles schon determiniert durch Vergangenheit und Gegenwart und die bekannten Kräfte und Mechanismen? Muss man also Neuschöpfung streng supranaturalistisch als völlige Diskontinuität zum Bestehenden denken, oder den Gedanken an eine echte Transformation der Welt als überholten Mythos verwerfen?

Ein paar Tage später begegnete mir das Thema in der Pfingstpredigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Und auch hier ging es um Zukunft und Hoffnung:

Die Spuren des Heiligen Geistes mit seiner Kraft zum Neuen, zum Überraschenden, sind bis in die Wissenschaften hinein zu finden. Ja, auch die moderne Wissenschaft kennt ein Phänomen, das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann. Die Wissenschaftler nennen es „Emergenz“. Emergenz kommt vom Lateinischen „emergere“ und heißt wörtlich übersetzt „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) Es bezeichnet „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ – so kann man es in Wikipedia finden. Das Spannende ist, dass sich diese neuen Eigenschaften nicht aus dem Prinzip Ursache-Wirkung erklären lassen. Wissenschaftler können normalerweise beschreiben, wie Dinge aus anderen Dingen entstehen. Es gibt aber eben auch Phänomene, bei denen diese Erklärung auch aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich unmöglich ist. Phänomene, die nachweisbar nicht aus irgendwelchen wissenschaftlich im Prinzip beschreibbaren Ursachen zu erklären sind.

Der Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ von einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft:

Sosehr mir die Vorstellung von Zeitaltern auch missfällt, so gut lässt sich meiner Ansicht nach vertreten, dass die Wissenschaft mittlerweile von einem Zeitalter des Reduktionismus in ein Zeitalter der Emergenz übergegangen ist, eine Ära, in der die Suche nach den letzten Ursachen der Dinge sich von Verhalten der Teile auf das Verhalten des Kollektivs verlagert.

Die Vorstellung des Reduktionismus war, man könne eine Weltformel finden, indem man die Welt in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt und deren Gesetzmäßigkeit ermittelt, und dass mittels dieser Formel exakte Vorhersagen und umfassende Kontrolle möglich würden. Laughlin betrachtet Emergenz – der Begriff stammt ja ursprünglich aus der Biologie – als ein Phänomen, mit dem es alle Wissenschaften zu tun haben:

Emergenz bedeutet Unvorhersagbarkeit in dem Sinn, dass kleine Ereignisse große und qualitative Veränderungen bei größeren Vorgängen verursachen. Emergenz steht für die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle. Emergenz ist ein Naturgesetz, dem die Menschen unterworfen sind.

Wenn Emergenz – und das bekräftigt Laughlin ohne Einschränkungen – auch für menschliches Verhalten und Bewusstsein gilt, dann ist sie auch Thema der Theologie (Michael Welker hat das auf die Pneumatologie bezogen, Berndt Hamm auf die Kirchengeschichte).

Und wenn wir es heute in der Kirche (angesichts emergenter Veränderungen unserer sozialen Strukturen und Ökosysteme) mit einem reaktionären, auf Kontrolle bedachten Traditionalismus zu tun haben, wenn in der Politik die nationale Rolle rückwärts als Schritt zur Wiedererlangung verlorener Herrschaft über komplexe, globale Umstände propagiert wird und monokausale Lösungsstrategien als Heilsbringer angepriesen werden, dann zeichnet sich auch darin ab, dass Emergenz ein Thema ist, das uns auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Und dass die Heilsversprechen der Traditionalisten mindestens Illusionen sind, oft aber Behauptungen wider besseres Wissen – Lügen also.

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