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Ich greife ja hin und wieder Dinge auf und freue mich, wenn andere Ähnliches tun. Aber im Gegensatz zum Aufgreifen – eines Gedankens, eines Vorschlags, eines Trends oder einer Idee – hat die Vokabel "Abgreifen" in letzter Zeit eine ausgesprochen widerliche Bedeutung angenommen.

Sie hat sich im Vokabular der Schnäppchenjäger, Vorteilsnehmer und Geiz-ist-geil-Schreihälse etabliert und kennt dabei keinerlei geistige Dimension, sondern nur die monetär-materielle Ebene; sie kennt auch kein Verantwortungsgefühl (etwa die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns für andere), das Abgreifen ist ein dumpfer Reflex des kalkulierenden Ego (so gesehen sagt das hässliche Wort leider immens viel über die Zeit aus, in der wir leben), so wie ein Huhn nach einem Korn pickt, das auf seinem Weg liegt oder eine Zecke sich an ihrem Wirt festsaugt. Es ist ein parasitäres Verhalten.

Insofern freue ich mich über alle, die diesen Trend nicht aufgreifen – weder sprachlich noch im eigenen Handeln – und hoffe, dass der Begriff bald so abgegriffen ist, dass er wieder aus dem allgemeinen Spachgebrauch verschwindet. Noch schöner wäre ja, er verschwände, weil man ihn gar nicht mehr braucht, um menschliches Verhalten damit zu bezeichnen.

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Meine Ferienlektüre hat mich von dem orthodoxen Theologen David Bentley Hart zum serbischen Polit-Aktivisten Srdja Popovic geführt. Vielleicht erklärt das, warum ich über einen Absatz bei Popovic noch mehr gestolpert als sonst vielleicht (gut, man kann nur stolpern oder nicht – aber es hat mich eben um so länger beschäftigt).

Popovic steht wie alle Aktivisten immer wieder vor dem Problem, dass man gegen die erdrückende Übermacht eines Systems steht und darüber zu resignieren droht. Da er kein religiöser Mensch ist, behilft er sich mit Tolkiens "Herr der Ringe", der wie eine Art "heilige Schrift" für ihn ist:

Ich hatte immer einen kleinen Tolkien-Schrein in meinem Zimmer, und selbst in den dunkelsten Stunden unserer Proteste, in denen Milosevic und der Irrsinn der "ethnischen Säuberungen" alles zu beherrschen schien, griff ich zu meinem zerlesenen Exemplar von Tolkiens Buch und fand Zuversicht in dessen Seiten. In meiner Lieblingsszene sagt die Elbenfürstin Galadriel zum Hobbit Frodo: "Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern." (Protest! S. 26f.)

Popovic macht sich Mut, indem er einen populären Mythos bemüht. Später im Buch verweist er darauf und nennt Tolkiens Fiktion ganz naiv den "größten gewaltlosen Kampf der Geschichte". Vielleicht ist das ja ein Übersetzungsfehler. Wenn nicht, dann ist es eine erstaunliche Aussage: Popovic tut buchstäblich so, als wäre Tolkiens Epos historische Wirklichkeit – und zwar eine maßgebliche, an der man sich orientieren und ausrichten kann und soll, weil sie eine moralische Wahrheit über diese Welt enthält: Den Sieg des Guten über das Böse, die erstaunliche Macht der Schwachen, die Bedeutung des Glaubens gegen allen Augenschein, und gerade in den düstersten Momenten diese Aura des Übernatürlichen, dem dieser Glaube gilt (wenn mal wieder die Adler heranfliegen – die Symbolik spricht ja Bände).

 

Denn die "natürliche" Welt – und jetzt bin ich wieder bei Hart –, insofern sie aus materiellen  Prozessen und kontingenten Entitäten besteht, die ohne Bezug auf irgendeine Transzendenz existieren, gibt eine solche Hoffnung einfach nicht her. Sie erlaubt keine Vorstellung von Geschichte als einem irgendwie zielgerichteten Geschehen – bei Tolkien deutet sich das Moment einer Vorsehung an vielen Stellen an. Ein materialistisches Weltbild gibt schließlich auch keine Begründung von Wahrheit, Schönheit und Güte her, die über soziale Konstruktion oder subjektive Intuition hinausreicht.

Freilich ist es völlig legitim, sich mit Tolkien zu motivieren. Popovic ist Aktivist, kein Philosoph (er erläutert seine Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit auch nicht näher), und so lange er für seinen Einsatz irgendeinen Grund findet, ist das zu begrüßen. Ich kann auch verstehen, dass die Geschichte der europäischen Christenheit nicht immer den  Eindruck erweckt hat, dass hier jemand an gewaltlosen Veränderungen zum Nutzen aller interessiert ist.

Ich glaube nur, mir wäre es wichtig, dass die Sache, für die ich mein Leben einsetze (und das tut Popovic, vorbildlicher, engagierter und gläubiger als viele religiöse Menschen) einen tieferen Grund hat. Im Übrigen wäre Jesus – rein historisch betrachtet, Gandhi fand das ja auch – gar kein schlechtes Vorbild für gewaltfreien, kreativen und mutigen Protest. Und wenn man dann noch fragt, was Jesus angetrieben und zu diesem verblüffenden Paradigmenwechsel zur Feindesliebe hin motiviert hat, dann käme am Ende beides doch noch zusammen.

Wenn man schon an Gandalf und Galadriel glauben kann (in dem Sinne, dass ihre Geschichte die Wahrheit über mein Leben und diese Welt aussagt), dann kann man genauso gut, wenn nicht besser, an das Evangelium glauben. Die erstgenannte Geschichte ist nachweislich und unzweifelhaft erfunden. Und sie ist bekanntlich inspiriert von letzterer, die nicht irgendwo in Mittelerde, sondern im realen Krisenherd Nahen Osten stattgefunden hat. Tolkien selbst hat im Gespräch mit C.S. Lewis die Position vertreten, das Evangelium sei Mythos und historische Wahrheit zugleich.

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass es noch viel einfacher wäre, das zu glauben, wenn nicht viele Christen aus dem Evangelium eine Geschichte über private Erlösung und/oder eskapistische Jenseitsphantasien gemacht hätten und sie zur persönlichen Bereicherung oder zur Legitimierung von Macht, Gewalt und Unterdrückung missbraucht hätten.

Popovic schließt sein Buch übrigens mit dem berühmten Satz von Martin Luther King, dass der Bogen der Geschichte sich zur Gerechtigkeit hin neigt, und hofft, King möge Recht behalten. Da ist er wieder, der Glaube.

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Der spätmodernen Gesellschaft geht es im Prinzip darum, Dinge zu kaufen, in immer größerer Vielfalt und Überfluss, und so muss sie danach streben, immer mehr Bedürfnisse zu fabrizieren, die sie befriedigen kann, und möglichst viele Beschränkungen und Verbote des Begehrens abzuschaffen. Eine solche Gesellschaft ist implizit atheistisch und muss langsam, aber sicher, die Auflösung transzendenter Werte betreiben. Sie kann nicht zulassen, dass uns letztgültige Güter von den nächstliegenden Gütern ablenken. Unsere heilige Schrift ist die Werbung, unser höchstes Ideal die persönliche Wahl. Gott und die Seele behindern zu oft das Verlangen, etwas zu erwerben, auf dem der Markt beruht, und konfrontieren uns mit Werten, die in schroffer Rivalität zu dem einen wahrhaft substanziellen Wert im Zentrum unseres sozialen Universums stehen: dem Preisschild.

David Bentley Hart, The Experience of God, S. 313.

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Liebe Leidensgenossen, die öfter emissionsfrei auf zwei als abgasend auf vier Rädern unterwegs sind,

die Verkehrspolitik (vor allem da, wo sie Politik ist und von der schwerreichen KFZ-Lobby "mitgestaltet" wird) betrachtet uns immer noch als Stiefkinder. Die KFZ-Nutzer sehen uns als lästige Konkurrenz, die ihren ungebremsten Vorwärtsdrang hemmt. Also werden wir, wenn wir die Straße nutzen, mit 30 cm (statt 1,50 m) Abstand überholt und, wenn auf dem Radweg fahren, beim Rechtsabbiegen gefährlich geschnitten. Verkehrsminister wollen uns gern mal pauschal als Rüpel darstellen – Autofahrer halten sich ja, wie wir alle wissen, sämtlich tadellos an die StVO. Schließlich gibt es noch meine besonderen Freunde: Hundehalter und ihre Vierbeiner, die uns mit Teleskopleinen (ein klares Indiz für (a) schlecht erzogene Tiere und (b) faule, unaufmerksame Halter) auflauern, die sich blitzschnell quer über jeden Radweg spannen lassen. Dass uns oft der Wind ins Gesicht bläst — gut, das gehört eben dazu.

Wir haben also einen schweren Stand. Und daher brauchen wir einander.

Ich rede jetzt nicht davon, einen neuen Verband zu gründen oder Online-Petitionen anzuklicken. Einiges könnte durch ein paar Kleinigkeiten verbessert werden, die wir selbst in der Hand haben. Zwei davon fallen mir täglich auf – man kann keine Viertelstunde durch die Stadt radeln, ohne dass man sie antrifft:

  • LICHT: Die Zeit quietschender und bei Nässe streikender Reifendynamos nebst gelblich funzelnder Birnchen, die ständig kaputt gehen, ist längst vorbei. LED-Lampen, ob mit Batterie oder Nabendynamo gespeist, sind erschwinglich und hell, es gibt heute keine Ausrede mehr dafür, unbeleuchtet herumzufahren. Es doch zu tun, ist verdammt gefährlich, und zwar nicht nur für Euch selbst, sondern auch für alle anderen.
  • GEISTERRADLER: Auch der deppertste Autofahrer schafft es noch, rechts zu fahren oder die Fahrtrichtung einzuhalten. Warum können das so wenige von uns? Egal ob auf dem Radweg oder auf einem dieser markierten Fahrradstreifen am Fahrbahnrand, oder in Einbahnstraßen, die nicht ausdrücklich für Räder in beiden Richtungen freigegeben sind, gegen die Fahrtrichtung ist man verdammt gefährlich unterwegs. Neulich habe ich gelesen, dass es das Unfallrisiko verfünffacht. Frontalzusammenstöße unter Radfahrern sind enorm verletzungsträchtig.
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Neulich kam ich auf dem Radweg um eine Rechtskurve und da schoss mir – gegen die Fahrtrichtung – eines dieser schnellen e-Bikes eines örtlichen Pizzalieferdienstes entgegen. Die Dinger sind fast 40 km/h schnell und schwer, die Reaktionszeit war also minimal. Wir haben einander nur deshalb knapp verfehlt, weil ich eine Vollbremsung hingelegt habe. Ich habe ihm dann freundlich, aber unmissverständlich die Meinung gesagt. Es wäre allen geholfen, wenn wir das öfter täten.

Und dann machen wir alle zusammen dasselbe (Meinung sagen) mit den Autofahrern, auch wenn die sich gern hinter getöntem Glas und lauter Musik verschanzen.

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Die Redaktion des Duden postete – aus aktuellem Anlass – am Freitag auf Facebook die Definition einer christlichen Kardinaltugend:

In Anbetracht der aktuellen Nachrichtenlage möchten wir heute ein Wort erklären, das wir für sehr wichtig halten:
Nächstenliebe, die: innere Einstellung, aus der heraus jmd. bereit ist, seinen Mitmenschen zu helfen, Opfer für sie zu bringen.
Synonyme: Anteilnahme, Erbarmen, Mitgefühl, Teilnahme.

Die Frage, über die in endlosen Variationen gestritten wird, ist derzeit freilich die, ob Nächstenliebe eine romantische und/oder religiöse, in jedem Fall aber sentimentale Illusion ist, der nachzugeben unklug und teuer wäre. In diesem Fall würde Nächstenliebe als Kriterium für "Realpolitik" (wie es dann so gern heißt) ausscheiden. Die plakativen und zum Teil bewusst anstößigen Aktionen des Zentrum für Politische Schönheit etwa klagen die bedingungslose Pflicht zur Hilfe gegenüber Flüchtlingen ein, und das in einer Weise, die an die Kompromisslosigkeit der biblischen Propheten erinnert: Wo es um Menschenleben geht, ist alles Rechnen, was wir uns denn leisten können, fehl am Platz.

Just diese Diskussion behandelt David Bentley Hart in Experience of God. Er beschreibt, wie Nächstenliebe in einem materialistisch-mechanistischen Weltbild als verwirrender "Altruismus" erscheint. Denn eigentlich lässt diese Vorstellung von der Welt kaum eine Vorstellung von Moral zu, außer in der Form von Verhaltensweisen, die sich im Zuge der natürlichen Selektion als vorteilhaft erwiesen haben. Man kann vom Nützlichen reden, aber das ist nicht dasselbe wie das Gute.

Simone Martini [Public domain], via Wikimedia Commons
Die Frage ist für Hart nicht, ob Altruismus sich hin und wieder auch als nützlich erweisen könnte (das tut er zweifellos), sondern wie er mit rein materialistischen Prämissen zu erklären und zu beschreiben ist. Für Richard Dawkins gehört nur der Egoismus zur Grundstruktur der Evolution, und auch für den Wissenschaftsjournalisten Robert Wright liegt aller Nächstenliebe die Erwartung zugrunde, selbst von den Folgen des eigenen Tuns zu profitieren. Hart nimmt sich ein paar Seiten Zeit, Wrights Argumentation zu zerpflücken und ihre logischen Brüche darzulegen. Freilich könne man immer postulieren, dass jedes Verhalten sich entweder als Eigeninteresse erklären lässt oder als eine zufällige Begleiterscheinung desselben. Wie aber lässt sich dann das menschliche Bedürfnis erklären, nicht selbstsüchtig zu wirken?

Das hieße auf aktuelle Diskussionen wie etwa Flüchtlinge und Schuldenerlass angewandt: Tyrannisieren idealistische "Gutmenschen" sich und andere mit einem illusionären moralischen Anspruch , der weder nützlich noch einlösbar ist? Ist ihre scheinbare Selbstlosigkeit, wie oft unterstellt wird, nicht nur eine besonders raffiniert verbrämte Selbstsucht (und wäre diese Selbstsucht daher verwerflich)? Hart geht dem Gedanken nach, Altruismus beruhe auf eines Selbsttäuschung:

… wenn wir überzeugt sein müssen, dass wir aus uneigennützigem Antrieb handeln, dann muss es in uns eine echte Veranlagung zum Altruismus geben, der wir um unseres inneren Gleichgewichts willen nachkommen müssen. Wir können uns nur dann vortäuschen müssen, dass unser Handeln selbstlos ist, wenn wir in unseren moralischen Intentionen tatsächlich selbstlos sind; die Illusion der Selbstlosigkeit würde daher die Wirklichkeit der Selbstlosigkeit beweisen, zumindest als ein Ideal, das uns leitet. (S. 269)

Wenn es um Nächstenliebe und Menschenrechte geht, geht es nicht mehr nur um das Nützliche und Pragmatische, sondern es geht um Ideale und etwas Absolutes. Nun muss man gewiss kein religiöser Mensch sein, um sich dafür einzusetzen. Aber Hart erinnert daran, dass man über die Ökonomie der Nützlichkeit hinausgeht und und -denkt, wenn man die Wirklichkeit des Guten und Unbedingten voraussetzt:

Jede wahrhaft ethische Handlung ist ein Akt hin zum Transzendenten, ein Willensentschluss, zu dem man sub specie aeternitatis gelangt, und eine Aufgabe, die man um einer Sache willen übernimmt, die jenseits dessen liegt, was wir als Natur kennen. Ethik hat, wie das Wissen auch, notwendigerweise eine transzendentale Logik. Jede Tat, die um ihrer moralischen Güte willen getan wird, ist ein Glaubensakt.

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schlossgarten

Jesus spricht in der Bergpredigt über die Sorge und das Vertrauen, und wie ein Blick auf die Blumen und Vögel letzterem auf die Sprünge hilft. Ich habe mir letzte Woche ein paar Gedanken dazu gemacht, was das für uns heute bedeuten kann. Vielleicht ist jetzt die ideale jahrezeit, um dieser Spur einmal gründlich nachzugehen.

Leider lässt sich die tolle Kulisse des Erlanger Schlossgartens hier nicht simulieren, die wir vorgestern beim OpenER-Gottesdienst genießen konnten. Aber wer möchte, kann hier meine Gedanken vom Sonntag nachhören  (nebenbei: es ist die vermutlich kürzeste Predigt, die ich in diesem Kalenderjahr gehalten habe).

Wer mag, kann sich den Podcast ja irgendwo an einem schattigen Plätzchen in der Natur anhören und gleich praktisch werden.

 

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Für alle, die sich auf die Ferien freuen, ein Zitat von Gilles Deleuze, das ich bei Byung-Chul Han am Ende von Psychopolitik gefunden habe. Es geht um Ruhe, Freiheit und das Schweigen:

Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.

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Vor einer ganzen Weile schrieb ich hier über Joanna Macys ökologischem Narrativ der großen Wende, das sie in Active Hope: How to Face the Mess We're in Without Going Crazy von zwei anderen populären Erzählungen unterscheidet, nämlich dem Business as Usual und der apokalyptischen Geschichte vom großen Crash, zwischen denen unsere Politik in der Regel oszilliert, im Merkelland mit starker Tendenz zum ersten.

Die Sache beschäftigte mich noch einmal beschäftigt, als ich diese Woche Frederick Buechners Telling The Truth. The Gospel as Tragedy, Comedy and Fairy Tale las. Für Buechner hat die Tragik, mit der es die Wahrheit über die Menschen und die Welt immer zu tun hat, mit dem Unvermeidlichen zu tun, während er die Komik mit dem Unerwarteten assoziiert. Das Märchen schließlich ist die wundersame Wandlung. Eine tiefere Dimension der Wirklichkeit kommt zum Vorschein, das wahre Wesen der Dinge enthüllt sich: Die Königin ist in Wirklichkeit eine Hexe, der Frosch in Wirklichkeit ein Prinz. Es wird keineswegs immer alles gut, schon gar nicht alles auf einmal, aber immer bricht die Hoffnung durch Finsternis und Resignation.

Die Parallele zwischen  Märchen und dem Narrativ der Wende liegt auf der Hand. Man kann das Evangelium freilich kaum als "alles gut - weiter so"-Geschichte lesen. Man muss nur bis zum Magnificat blättern, um zu sehen, das der Status Quo (obwohl beliebt bei der kirchlichen Bürokratie) keine Option ist. Die apokalyptischen Elemente mit ihren Bildern von Krise, Untergang und schmerzhaften Geburtswehen hingegen  sind, wie im Grunde die Tragik bei Buechner auch, nicht das letzte Wort, sondern das vorletzte. Allerdings eines, das ernst genommen werden will.

Der Dreiklang bei Buechner könnte Macys Narrativ noch mehr Tiefe geben: Unser aller Tragik ist ja nicht zu leugnen. Ebensowenig lässt sich das Lachen unterdrücken, wenn jemand beim Versuch, besonders würdevoll zu erscheinen, richtig albern aussieht, oder wenn der Underdog die Nase am Ende vorn hat.

Die Dimension des Märchens ist aber noch nicht im glücklichen Zufall erfüllt, sondern sie birgt in sich die Ahnung, dass solche Wendungen (so flüchtig und episodisch sie auch sein mögen) Zeichen sein könnten , in denen sich Größeres ankündigt: eine tiefere Magie. Die Tatsache, dass Märchen bis heute in praktisch allen Kulturen ungemein lebendig sind, könnte ihrerseits ein Zeichen dafür sein, dass sich darin mehr als bloß weltfremdes Wunschdenken oder Zweckoptimismus ausspricht.

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Ein befreundeter Pfarrer sagte mir gestern, er sei von einem Kollegen gefragt worden, warum es in der Landeskirche (bzw. den Landeskirchen) eigentlich nicht mehr Initiativen wie ELIA gibt. Im Hintergrund steht natürlich die Frage, ob wir ein merkwürdiger Zufall sind oder ob etwas Zukunftsweisendes dran sein könnte.

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Nach über 20 Jahren Gemeindeaufbau und vielen Gesprächen mit den unterschiedlichen Leitungsebenen und -gremien kann ich das ziemlich klar beantworten. Ich denke, es gibt immer wieder Leute, die bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen. Dieses Neue hat keineswegs immer selbstbezogenen oder sektiererischen Charakter (obwohl es das freilich auch gibt).

Abgesehen von wenigen Glücksfällen, die mit ganz bestimmten persönlichen Konstellationen zusammenhängen, ist die Mehrheit dieser Initiativen in den Landeskirchen entweder eingegangen oder irgendwann ausgewandert.

Der Grund dafür ist, dass einem das System auf tausend unterschiedliche Arten kommuniziert, dass solche Dinge nicht vorgesehen sind und daher den Betrieb gefühlt eher stören als bereichern:

  • Das Kirchenrecht hat keine passende Kategorie für nichtparochiale Gemeindeformen anzubieten, es gibt nur wackelige Hilfskonstruktionen.
  • Dazu gesellt sich eine unterentwickelte Kultur des Experimentierens, die Kräfte und Mittel werden fast ausschließlich zur Erhaltung und Reproduktion des Vorhandenen eingesetzt.
  • Querdenker und Pioniertypen werden strukturell eher eingebremst als ermutigt, ihre "Pfunde" einzusetzen.
  • Es fehlen geeignete und von allen Seiten akzeptierte Kriterien für Scheitern und Gelingen neuer Unternehmungen und ein Katalog geeigneter und angemessener Fördermaßnahmen.

Es ist schon absurd: Jeder weiß, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter differenziert. Dass diese Differenzierung auch das Verhältnis evangelischer Christen zu ihrer Kirche betrifft, ist ebenfalls eine Binsenweisheit. An differenzierten Formaten im kirchlichen Angebot wird gearbeitet. Aber wenn es um Amt und noch mehr wenn es um Gemeinde geht, dann ist Differenzierung plötzlich ein Unwort. Wieso eigentlich?

Auch im Blick auf die Form und Gestalt von Gemeinde gilt gemeinhin: Wenn man tut, was man immer schon getan hat, wird man auch die Ergebnisse bekommen, die man immer schon bekommen hat – qualitativ. Quantitativ freilich mit meist rückläufiger Tendenz. Der Verdacht liegt nahe, dass viele auch genau das wollen, was sie schon immer hatten, einfach weil es so schön vertraut ist.

PS: Mein Gesprächspartner gestern nannte das "morphologischen Fundamentalismus". Solche bissigen Termini liegen mir natürlich völlig fern, daher zitiere ich das hier auch nur anonym.

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Unter der treffenden Überschrift "Selbstzufriedene Unmündigkeit" betrachtet Felix Stephan für Zeit Online zwei Autorinnen aus China und fragt, warum dort eigentlich kaum jemand gegen die autoritäre Regierung aufbegehrt. Wirklich bemerkenswert daran sind nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten mit dem Westen:

Von Chinesen höre man oft, dass ein Einzelner nichts ändern könne und dass das hier eben das Leben sei, mit dem man irgendwie zurechtkommen müsse. Dem Einzelnen bleibe nur, das Beste aus der eigenen Hilflosigkeit zu machen, also zu reisen und in der Galerie Lafayette Haussmann einkaufen zu gehen. Die persönlichen Freiheiten überwiegen die politischen.

Stephan zitiert Guo Xiaolu, die in Zürich lebt, mit den Worten

Früher hatten Kunst und Literatur einen sehr viel größeren Einfluss auf die Politik, aber heute leben wir in einer globalen Konsumkultur, in der kommerzielle Werte die Richtung der Politik vorgeben."

Die Fragestellung des Artikels ähnelt der von Walter Wink in seiner Powers-Trilogie:

Wie ist es möglich, dass buchstäblich Milliarden von Menschen es zulassen, hereingelegt und abgezockt zu werden von kleinen elitären Zirkeln, die sich auf Armeen stützen, die bei weitem nicht ausreichen um die Weltbevölkerung zu unterdrücken? Das ist wohl das größte politische Mysterium aller Zeiten: das regelmäßige Versagen der Massen, ihre zahlenmäßige Überlegenheit auszunutzen, um ihre Unterdrücker abzuschütteln.

Wink hat in seiner theologischen Deutung der paulinischen Rede von "Mächten und Gewalten" herausgearbeitet, wie wirtschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Institutionen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken in den Dienst derselben zu stellen, und warum den Betroffenen Widerstand oder ein Bemühen um Veränderung aussichts- und sinnlos erscheint.

Diese Beobachtungen decken sich an entscheidenden Stellen mit dem, was Byung-Chul Han in Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken schreibt. Es ist immer weniger äußerer Zwang nötig, um Menschen zur Konformität zu bewegen. Im Unterschied zu Deleuze und Foucault, die nach den Funktionsweisen der Disziplinargesellschaft fragten, sieht er in der Leistungs- und Konsumgesellschaft neoliberaler Prägung viel subtilere Formen der Macht und Ausbeutung am Werk.

Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, dass das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, dass es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit interpretiert. Selbstoptimierung und Unterwerfung, Freiheit und Ausbeutung fallen hier in eins.

Das neue globale Machtgefüge beeinflusst auch die Einstellung zu politischen Fragen. Wahlbeteiligungen sinken stetig. Die Mentalität wandelt sich in eben jene Richtung auf die selbstgefällige Unmündigkeit:

Die Freiheit des Bürgers weicht der Passivität des Konsumenten. Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft.  Er ist weder gewillt noch fähig zum gemeinsamen, politischen Handeln. Er reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen.

Es ist in dieser Situation schon gar nicht mehr klar, gegen wen man in dieser Situation eigentlich aufbegehren sollte. Big Data weiß vermutlich mehr über uns als staatliche Geheimdienste, und diese informationen haben die Unternehmen von uns allen freiwillig ausgehändigt (bzw. ausgehandygt) bekommen. Damit ist auch die theologische Aufgabe für eine Art "Befreiungstheologie des Konsumzeitalters" formuliert: Die klassischen Strategien der großen Bürgerrechtsbegewegungen des 20. Jahrhunderts setzen voraus, dass Unterdrücker klar benannt werden können und man mit dem Finger auf die Zwänge zeigen kann. Das wird immer schwieriger.

Wink hat ganz zu Recht stets betont, dass diese Mächte eine sichtbare und eine unsichtbare Seite haben. Er hat herausgearbeitet, dass uns Paulus keine metaphysische Theorie an die Hand gibt, sondern eine Sprache schenkt, in der bestimmte Erfahrungen überhaupt thematisiert und gedeutet werden können. In der fluiden Moderne aber tritt das Sichtbare und Materielle zunehmend zurück (wir konsumieren Emotionen, die nur noch locker an bestimmte Produkte geknüpft sind, von denen viele digital und damit weitgehend immateriell sind). Wenn uns für diese neuen unsichtbaren Unfreiheiten der Blick und die Worte fehlen, droht eben jene Unmündigkeit, von der Stephan schreibt.

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Der großartige Frederick Buechner schreibt in Telling the Truth über die Poesie der hebräischen Propheten:

Sie fassten die Dinge in Worte, bis ihnen die Zähne klapperten, aber unter ihren Worten, oder tief in ihren Worten klingt etwas hindurch, das neu ist, weil es zeitlos ist, die Stille klingt durch, die Wahrheit, die nicht in Worte zu fassen ist, die Mysterium ist, die ist, wie die Dinge nun einmal sind, und der Grund, warum man sie heraushört, scheint der zu sein, dass die Sprache die die Propheten verwenden, im Wesentlichen die Sprache der Poesie ist, die, mehr als Polemik oder Philosophie, Logik oder Theologie, die Sprache der Wahrheit ist.

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Spiegel Online erinnert gerade an den berühmten Scopes-Prozess von 1925. Damals wurde der Biologielehrer Thomas Scopes zu einer Geldstrafe von 100$ verurteilt, weil er Darwins Evolutionstheorie unterrichtete. Das öffentliche Echo allerdings fiel genau gegenteilig aus. Scopes’ fundamentalistische Ankläger hatten sich öffentlich unglaubwürdig gemacht, die wissenschaftliche Perspektive gewann die Oberhand, die (freilich sehr enge) religiöse verlor an Boden. Das Fazit des gerichtlichen Schaukampfs lautet jedoch:

Genutzt hatte der Prozess vor allem den Geschäftsleuten von Dayton, die, so kam später heraus, den jungen Biologielehrer überredet hatten, den Jahrhundertprozess zu verursachen. Schlau hatten sie kalkuliert, dass ihre Gemeinde mit einer derartigen Verhandlung schlagartig berühmt werden würde. Bis heute ist Dayton tatsächlich als Affenstadt bekannt, ein Museum versucht die juristische Evolutionsposse in Geld umzumünzen.

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David Bentley Hart hat sich im ersten Kapitel von The Experience of God mit den Gottesbildern beschäftigt, die auf beiden Seiten dieser Auseinandersetzung dominieren, und die mit dem Atheismus Dawkins’scher Prägung oder unter dem Stichwort Intelligent Design immer wieder (oder immer noch) in der Diskussion auftauchen.

Und er stellt zwei Dinge fest: Die Vorstellungen von Gott, dessen Existenz die einen widerlegen und die anderen beweisen wollen, liegen einerseits erstaunlich nah beieinander, andererseits unterscheiden sie sich gravierend von dem, was nicht nur die christliche Theologie seit ihren Anfängen unter „Gott“ verstanden hat und bis heute versteht: Der transzendente, unendliche Gott, der dem Universum weder hinzugefügt wird, noch mit ihm identisch ist, der selbst aber „jenseits allen Seins“ ist – also kein Objekt, das neben anderen Dingen existiert. Eben weil Gott der transzendente Grund allen Seins ist, ist er allen Dingen auch immanent. Sie bestehen in ihm und aus ihm, anders eben als ein Stuhl, der – einmal fertiggestellt – unabhängig von dem Schreiner existiert, der ihn gemacht hat.

Der „Gott", um den gezankt wurde und wird, gleicht hingegen eher dem Demiurgen der platonischen Philosophie: Der „Handwerker", der als die mechanische Letztursache und Erklärung aller kontingenten Dinge gilt, auf den sich alle natürlichen Kausalketten zurückführen lassen.

Die Feststellung erübrigt sich, dass der Demiurg ein Macher ist, aber kein Schöpfer im theologischen Sinn: er stellt eine Ordnung her, ist aber nicht der unendliche Ozean des Seins, der aller Wirklichkeit ex nihilo ihre Existenz gibt. Und er ist ein Gott, der das Universum „damals“ gemacht hat, zu einem bestimmten Zeitpunkt, als ein konkretes Ereignis im Gang der kosmischen Ereignisse (S. 36)

Die Wurzeln dieses Gottesbildes reichen bis in den Deismus des 17. Jahrhunderts zurück. Zu Darwins Zeiten war es eigentlich schon überholt. Selbst ein eher orthodoxer Theologe wie John Henry Newman hatte im 19 Jahrhundert keine Mühe mit der wissenschaftlichen Leistung Darwins: Evolution und Schöpfung standen für ihn in keinem grundsätzlichen Konkurrenzverhältnis.

Der Fundamentalismus hingegen, der sich im Scopes-Prozess mit Denk- und Lehrverboten durchsetzen wollte, stellt aus Harts Perspektive keineswegs eine Rückkehr zu einer früheren, ursprünglicheren Gestalt von Theologie und Glauben dar:

Der Aufstieg der fundamentalistischen Bewegung war gewiss keine Wiederentdeckung des Christentums früherer Jahrhunderte oder der apostolischen Kirche. Er war ein durch und durch modernes Phänomen, ein seltsamer und irgendwie ergreifend pathetischer Versuch seitens kulturell entwurzelter Christen, die ohne die intellektuellen und imaginativen Mittel einer lebendigen religiösen Zivilisation aufgewachsen waren, die Evidenzmethodik moderner empirischer Wissenschaft zu imitieren, indem sie die Bibel als eine Form objektiver und untrüglich folgerichtige Auswahl historischer Daten heranzogen.

Erst in der Spätmoderne nämlich, so Hart weiter, gelangte

… eine nennenswerte Minderheit der Christen zu der Auffassung, die Wahrheit ihres Glaubens hänge von der absolut wörtlichen – einer absolut „faktischen" – Interpretation der Bibel ab, und fühlte sich gedrängt, alles auf diese alberne Wette zu setzen. Nun sah man in der Bibel das, was sie offensichtlich nicht ist: eine Sammlung „irrtumsloser“ Orakel und historischer Berichte, von denen jeder auf genau die gleiche Weise wahr ist wie jeder andere, jeder nur auf ein und derselben Ebene auszulegen und alle in vollkommener Übereinstimmung mit einander.

Materialistische Religionskritik und fundamentalistische Apologetik sind also quasi seelenverwandt (auch wenn erstere so etwas wie eine „Seele“ bestenfalls als Epiphänomen denken kann). Im weiteren Verlauf seines geistreichen Buches setzt Hart sich hauptsächlich mit dieser materialistisch-mechanistischen Weltsicht auseinander, greift dazu aber auf ältere und reichere theologische Traditionen zurück, wenn er den naturalism kritisiert (im Deutschen entspräche dem vermutlich der Begriff des Szientismus), also die Auffassung, die gesamte Wirklichkeit sei umfassend und ausschließlich durch Naturgesetze erklärbar und bestimmt.

Wer Rob Bells Mit dir. Für Dich. Vor Dir gelesen und Lust auf mehr bekommen hat, der kommt bei Hart auf seine Kosten. Die Absätze sind allerdings deutlich länger und man sollte ein bisschen Lust auf klassische Philosophie mitbringen.

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Den folgenden Text habe ich für den Lorenzer Kommentargottesdienst gestern geschrieben. Das Thema hat mich ja verschiedentlich hier schon beschäftigt, dies ist die momentane Quintessenz meiner Überlegungen. Die Diskussion verlief erwartungsgemäß kontrovers. 

„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Dieser Satz könnte sich in diesen Tagen wieder einmal bewahrheiten – nicht überall auf der Welt, aber in den meisten westlichen Ländern. Familie, das wissen wir alle schon länger (auch wenn die Bewertungen dieses Sachverhalts unterschiedlich ausfallen), ist im 21. Jahrhundert nicht mehr nur das klassische Vater-Mutter-1,2 Kinder-Arrangement. Ein ähnlicher Wandel bahnt sich nun im Verständnis der Ehe an:

Am 22. Mai dieses Jahres sprachen sich fast zwei Drittel der überwiegend katholischen Iren per Volksentscheid für die Einführung der „Ehe für Alle“ aus. Am 26. Juni entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass gleichgeschlechtlichen Paaren nirgendwo im Land die Eheschließung verwehrt werden darf. Richter Anthony Kennedy – ein Konservativer aus einer irisch-katholischen Familie – begründete das Urteil so:

Kein Bund ist tiefgründiger als die Ehe. Er vereint in sich die höchsten Ideale der Liebe, Treue, Hingabe, Aufopferung und Familie. Indem sie die Ehe eingehen, werden zwei Menschen zu etwas Größerem als zuvor. Wie manche Kläger uns zeigen, verkörpert die Ehe eine Liebe, die so groß ist, dass sie sogar den Tod überdauert. Anzunehmen, dass diese Männer und Frauen die Idee der Ehe nicht respektieren, würde ihnen nicht gerecht. Sie respektieren sie, sie respektieren sie so sehr, dass sie diese Erfüllung für sich selbst wünschen. Ihre Hoffnung ist, dass sie nicht dazu verdammt sind, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation. Sie erbitten sich die gleiche Würde vor dem Gesetz. Die Verfassung garantiert ihnen dieses Recht.

In Deutschland scheitert eine vergleichbare Regelung bekanntlich noch am Bauchgefühl von Kanzlerin Angela Merkel. Aber die große Resonanz auf die Entscheidungen in Irland und den USA lässt ahnen, dass sich die „Ehe für alle“ auch bei uns bald durchsetzt. Hier wie dort gibt es freilich beachtliche Minderheiten, bei denen diese Neudefinition schwere Bauchschmerzen verursacht. Unter ihnen sind auch viele sehr religiöse Menschen. Zugleich fällt auf, dass die Differenzen nicht nur durch unterschiedliche soziale Milieus bedingt sind, sondern auch mit dem Alter zu tun haben. Viele meiner konservativen Bekannten räumen im persönlichen Gespräch ein, dass ihre Kinder völlig anders denken als sie selbst.

Aber es wäre zu einfach, diese Diskussion auf simple Gegensätze wir konservativ und progressiv, evangelikal und liberal, bibeltreu und zeitgeistaffin oder jung und alt zu reduzieren. Viele von uns sind groß geworden mit einem mal mehr, mal weniger modernisierten Bild der christlichen Familie, in der die „Ehe von Mann und Frau als gute Gabe Gottes“ gilt (so sagt es die lutherische Trauagende) und Kinder als der sichtbare Segen des Ehestandes (so haben wir es gesungen). Solche Texte sind die kulturelle Brille, durch die wir die Schrift lesen und auslegen.

Seit die Aufklärung den – wie sie fand: potenziell intoleranten – Glauben sanft in die Privatsphäre abgedrängt hatte, seit jeder preußische Untertan nach seiner Façon selig zu werden hatte (aber bitte ohne sich in die Politik einzumischen), entdeckte die Kirche die Förderung und Besserung der Familie als Aufgabenfeld. Gefallene Mädchen, unverheiratete Töchter, Witwen und Waisen sowieso, trinkende Väter oder Mütter, deren Genesung Not tut. In Ermangelung anderer Gottesbeweise füllte die glückliche – oder zumindest anständige und um Besserung bemühte – Familie diese Lücke. Die Kirchen waren bei Trauung, Geburt und Taufe präsent und betrachteten diese Art der Familienpflege als Kernkompetenz. Singles und Geschiedene hielt die kerngemeindliche Familienseligkeit mancherorts auf Distanz. Und im evangelischen Pfarrhaus als Mittelpunkt der Gemeinde wurde das christlich-bürgerliche Familienideal modellhaft vorgelebt.

Eher vereinzelt und leise erinnerten evangelische Theologen daran, dass Jesus und Paulus unverheiratet waren und die höchste Bestimmung des Menschen nicht in der Rolle als Eltern und Ehepartner sahen, sondern im Trachten nach dem Reich Gottes. Immer wieder wurde hingegen das Gegenüber von Mann und Frau aus der Schöpfungsgeschichte auf Gott projiziert. Das eigentliche Ebenbild Gottes ist aus dieser Perspektive nicht der einzelne Mensch oder die Menschheit insgesamt, sondern Mann und Frau, das heterosexuelle Ehepaar, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit annehmen, lieben und ergänzen. Diese Konstruktion des Geschlechterverhältnisses war insofern sympathisch, als sie die traditionelle Unterordnung der Frau unter den Mann aufweichte. Der Preis war eine theologische Überhöhung dieser geschlechtlichen Polarität zu einer absoluten, Gott- und naturgegebenen „Schöpfungsordnung“, die als das Fundament von Kirche und Gesellschaft unbedingt zu verteidigen ist.

In fast jedem öffentlichen Gebäude erinnern uns die Toiletten daran, dass Menschen – zumindest für Architekten und Bürokraten – entweder als Frauen oder als Männer existieren. Was – und vor allem wer – sich nicht in dieses binäre Entweder/Oder fügt, gilt unwillkürlich als schräg, stur oder neurotisch. Legt man aber diese kulturbedingte „heteronormative“ Brille ab, ergibt sich ein komplexeres Bild: „Männlich“ und „weiblich“ sind keine transzendentalen Kategorien und keineswegs immer exklusiv auf einander bezogen: Ein „Mann“ ist nicht dadurch definiert, dass ihm alles vermeintlich Weibliche fehlt (und umgekehrt), und das Begehren richtet sich ebenfalls nicht ausschließlich auf das „ganz andere“. Versuche, geschlechtliche Uneindeutigkeiten zu ignorieren oder sie durch medizinische Eingriffe verschwinden zu lassen, haben immenses Leid verursacht. Wenn also „normal“ nicht nur einen statistischen Durchschnitt, sondern einen anzustrebenden Zustand bezeichnet, dann muss die Norm hier neu definiert werden. Das ist anstrengend und schmerzhaft.

Normen und Bauchgefühle - der gesellschaftliche Kontext dieser Diskussion ist der Bedeutungsverlust der oft sehr kirchlich gesinnten "bürgerlichen Mitte“ in Deutschland. Der Jesuit Eckhart Bieger schreibt dazu treffend:

„Die Bürgerliche Mitte entwickelt eine eigene Mentalität, einfach deshalb, weil alle anderen Lebenswelten in einem Abstand zur Mitte leben. Deshalb fühlen sich die Bewohner der Mitte als die Normalbürger. Sie müssen nicht darüber nachdenken, sondern sie erleben alle an anderen Milieus als abweichend von der Mitte […] Sie erwarten, dass andere sich ihnen anpassen.“

Nun könnte man die Bemühungen um die Ehe für alle ja durchaus so verstehen, dass hier Ideale der bürgerlichen Mitte in andere Milieus ausstrahlen. Aber diesem droht der Verlust eines identitätsstiftenden Alleinstellungsmerkmals, wenn das Andere „normal“ sein darf. Dieser „Werteverfall“ wird als Kränkung und Herabsetzung erlebt: Die „Ehe für alle“ relativiert das bisherige Eheideal, und diese Relativierung ist eine gefühlte Beschädigung - auch der eigenen Person und Lebensgeschichte.

Im Gegensatz zum bürgerlich-neuzeitlichen Eheideal sind die biblischen Aussagen zur Ehe erstaunlich vielschichtig und unsystematisch. Die Vielehe etwa tritt stillschweigend zurück, wird aber nirgends ausdrücklich für abgeschafft erklärt. Eine Definition im engeren Sinn fehlt.

Dass der Versuch, die unterschiedlichen Positionen zur Ehe für alle auf den Konflikt zwischen Bibeltreuen und Bibelverächtern zu reduzieren, nicht aufgeht, lässt sich an eben jenen Texten aus der biblischen Urgeschichte zeigen, die immer wieder zur Begründung einer nicht verhandelbaren „Schöpfungsordnung“ herangezogen wurden.

Wir haben in Genesis 1 und 2 zwei unterschiedliche Erzählungen. Dass sie hintereinander stehen, hat zu dem Fehlschluss Anlass gegeben, die zweite Geschichte baue auf die erste auf und erzähle sie weiter, und in Folge dessen hat man (ähnlich wie das klassische Krippenspiel es mit den Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas macht) die einzelnen Aussagen munter vermischt.

In Genesis 1 lesen wir von der Gattung Mensch und nicht von einzelnen Exemplaren:

Gott sprach: Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis! Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich, weiblich schuf er sie.
Gott segnete sie, Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer! Schaltet über das Fischvolk des Meers, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!

Es ist hier mit keinem Wort gesagt, dass es im Anfang nur zwei Menschen gab, so wie es auch von den Tieren nicht vorausgesetzt ist, dass im Urzustand (ähnlich wie auf der Arche Noah) nur je ein Paar vorhanden war. Hätten wir die zweite Geschichte nicht immer schon im Ohr und im Hinterkopf, wären wir aufgrund dieses Textes vermutlich nie auf eine solche Idee gekommen. Die Menschen sollen sich vermehren, ebenso wie die Erde ihrerseits Tiere und Pflanzen hervorbringt. Über das, was wir unter Ehe verstehen, ist damit noch gar nichts ausgesagt, sogar die Substantive „Mann" und „Frau“ fehlen.

Umgekehrt fehlt der Gedanke der Fortpflanzung nun in der zweiten Schöpfungserzählung. Hier deuten sich leise Elemente eines biblischen Eheverständnisses an, wenn am Ende einer langen Reihe inkompatibler Lebewesen die „Männin" – so übersetzte Martin Luther – erscheint. Zunächst aber ist der Mann ganz allein im Garten:

ER, Gott, sprach: Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart.
ER, Gott, bildete aus dem Acker alles Lebendige des Feldes und allen Vogel des Himmels und brachte sie zum Menschen […] Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe, ihm Gegenpart.
ER senkte auf den Menschen Betäubung, dass er entschlief, und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle. ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, zu einem Weibe und brachte es zum Menschen.
Der Mensch sprach: Diesmal ist sie’s! Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch! Die sei gerufen Ischa, Weib, denn von Isch, vom Mann, ist die genommen. Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und haftet seinem Weibe an, und sie werden zu Einem Fleisch. (2,18-24)

Nun kann man den Hinweis auf die Intimität zwischen Mann und Frau zwar so lesen, dass Kinder die natürliche Folge davon sind. Dennoch zeigt sich deutlich, dass die Fortpflanzung nicht der Stiftungsgrund für das Verhältnis von Mann und Frau ist, sondern das beherrschende Thema dieser Zeilen ist die Partnerschaft und das Gegenüber beider, den Kontrast bildet die Einsamkeit. Der Geschlechterunterschied tritt hier auffällig zurück hinter die Betonung der Ebenbürtigkeit und Ähnlichkeit von Mann und Frau. Kinder können dazugehören, müssen aber nicht.

Ehe lässt sich also ohne Bruch mit der biblischen Überlieferung, wenn auch nicht ohne die Brillen manch kirchlicher Tradition abzusetzen, inklusiv verstehen. Nicht die korrekte Geschlechterverteilung macht sie aus, sondern Ebenbürtigkeit, Zuneigung, Treue und Fürsorge. Wer sich danach sehnt und darauf einlässt, sollte auch in den Kirchen nicht am zeremoniellen Katzentisch abgespeist werden.

Dann können wir auch in Ruhe die politischen Entscheidungen abwarten. Letzte Woche schrieb die 13-jährige Lily an die Kanzlerin, sie solle der „Ehe für alle“ zustimmen. Heiraten zu dürfen gehöre zu den Grundbedürfnissen wie Nahrung und Wasser. „Jeder“, so schreibt sie, „verdient eine Chance auf ein gleichermaßen glückliches Leben. Finden Sie nicht auch?“

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Die neoliberale Ideologie der Selbstoptimierung entwickelt religiöse, ja fanatische Züge. Sie stellt eine neue Form der Subjektivierung dar. Die endlose Arbeit am Ich ähnelt der protestantischen Selbstbeobachtung und Selbstprüfung, die ihrerseits eine Subjektivierungs- und Herrschaftstechnik darstellt. Statt nach Sünden wird nun nach negativen Gedanken gefahndet. Das Ich ringt erneut mit sich selbst als einem Feind. Die evangelikalen Prediger agieren heute wie Manager und Motivationstrainer und predigen das neue Evangelium der grenzenlosen Leistung und Optimierung.

gefunden in: Byung-Chul Han, Psychopolitik

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